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Sonja Dörfler, Sabine Buchebner-Ferstl u.a.: "Ich bin jung, ich muss noch viel machen“

Rezensiert von Mag.a Dr.in Marianne Forstner, Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer, 07.08.2013

Cover Sonja Dörfler, Sabine Buchebner-Ferstl u.a.: "Ich bin jung, ich muss noch viel machen“ ISBN 978-3-86388-013-2

Sonja Dörfler, Sabine Buchebner-Ferstl, Mariam Irene Tazi-Preve: "Ich bin jung, ich muss noch viel machen“. Lebenskonzepte und -verläufe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 283 Seiten. ISBN 978-3-86388-013-2. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 45,50 sFr.
Reihe: Familienforschung - Band 24.

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Thema

Die vorliegende Publikation ist im Rahmen einer Studie entstanden und behandelt Lebensentwürfe von türkischen, chinesischen, südostasiatischen, aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden und österreichischen Jugendlichen. Diese Entwürfe, Konzepte und Visionen bezüglich Familiengründung, Partnerschaft, Elternschaft aber auch (Aus-)Bildung und Erwerbstätigkeit werden miteinander verglichen. „Dabei sollen Pläne, Ideale sowie konkrete Umsetzungen beleuchtet werden und etwaige Gemeinsamkeiten bzw. Diskrepanzen zu den Konzepten der Elterngeneration analysiert werden“ (Dörfler 2012, S. 11).

Autorinnen

Es handelt sich um eine Veröffentlichung einer Studie aus dem Jahr 2011 des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF). Als Projektleiterin dieser Studie fungierte die Soziologin Sonja Dörfler. Sie ist ebenso wie die beiden anderen Autorinnen, die Psychologin Sabine Buchebner-Ferstl und die Politikwissenschaftlerin Irene Mariam Tazi-Preve, Mitarbeiterin am ÖIF an der Universität Wien.

Aufbau

Die vorliegende Publikation, die in der Reihe Familienforschung publiziert wurde, besteht aus zwei Hauptteilen.

  1. Der erste Hauptteil stellt den Forschungsstand und die dazugehörenden Sekundärdatenanalysen und Literaturanalysen zum vorliegenden Forschungsthema „Lebenskonzepte und -verläufe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund“ dar. Dieser Abschnitt gliedert sich in sieben Kapitel.
  2. Der zweite Hauptteil besteht aus dem empirischen Teil und der Conclusio seitens der Autorinnen.

Zum ersten Hauptteil

Kapitel 1 – 4. Es werden zunächst durch Sonja Dörfler (2012) nach einer Einleitung Begriffsdefinitionen aus der Migrationsforschung erläutert. Daran anschließend wird ein Überblick über die jüngere österreichische Einwanderungsgeschichte gegeben und schließlich wird eine Sekundärdatenanalyse der demografischen Struktur der österreichischen Bevölkerung im Fokusalter der Stichprobe (15 – 26 Jahre) angeführt.

Kapitel 5 – 7. Im Kapitel Familie und Partnerschaft verfasst von Sonja Dörfer und Irene Mariam Tazi-Preve (2012, S. 29 – 48) sind Sekundärdatenanalysen zu Eheschließungen, Fertilität, Kinderzahlen und Geburten verschiedener Herkunftsgruppen angeführt. Daran anschließend befasst sich die Literaturanalyse unter anderen mit dem Familienbericht des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Situation von Familien ausländischer Herkunft aus dem Jahr 2000. Hier wird seitens Dörfler und Tazi-Preve (2012, S. 35) darauf bezugnehmend (BMFSFJ 2000, S. 75) verdeutlicht, dass sich ein vollziehender Wandel im Zyklus von Familien mit und ohne Migrationshintergrund auf mehreren Ebenen gleichzeitig vollziehe und Daten daher nicht plakativ verkürzt interpretiert werden dürften. Die Analyse erfolgt unterteilt in Aspekte elterlicher Erziehungsstil, Partnerschaft und Geschlechterordnung, Familiengründung und Familienwerte, Zusammenleben und Wohnen.

Im Kapitel Bildung und Ausbildung erfolgen wiederum zunächst eine Sekundärdaten- und daran anschließend eine Literaturanalyse. Hier werden die Aspekte Identität und Zugehörigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Sprachkompetenz und Sprachförderung, Schulbesuch, Hochschulstudium und muttersprachliche Schulen, berufliche Bildung, (Aus-)Bildungswahl und der Einfluss der elterlichen Unterstützung und des sozialen Status auf die Bildung anhand ausgewählter Publikationen beleuchtet.

Im Kapitel Erwerbsarbeitswelt erfolgt eine Sekundärdatenanalyse zur allgemeinen Erwerbssituation unterteilt nach Staatsangehörigkeit und zur Erwerbssituation und dem Berufseinstieg junger Menschen in Österreich.

Daran anschließend erfolgt wiederum eine Literaturanalyse unterteilt in die Aspekte Berufssparten und segmentierter Arbeitsmarkt, Erwerbskonstellation nach Familientypen, Erwerbsbeteiligung von Frauen aller Nationalitäten, Einstellung zur Erwerbstätigkeit, Erfahrungen , Barrieren und in Österreich verbreiteter Dequalifizierung von Menschen mit Migrationshintergrund in der Arbeitswelt.

Zum 2. Hauptteil

Im empirischen Teil wird die methodische Ausrichtung in Anlehnung an die Grounded Theory von Glaser und Strauss (1967) samt den wichtigsten Orientierungspunkten kurz dargelegt. Auch werden die dieser Studie vorangehenden Fragestellungen explizit verdeutlicht, die sich verkürzt dargelegt in folgende Aspekte zusammenfassen lassen:

  • Vorstellungen der befragten Jugendlichen zu ihrem derzeitigen und zukünftigen Leben in Österreich (inklusive leitende Normen und Werte)?
  • Vorstellungen bezüglich weiterer Ausbildungen? Was wurde bereits verwirklicht, was ist geplant, was wird als förderlich/hinderlich erlebt?
  • Vorstellungen bezüglich einer weiteren Erwerbstätigkeit? Was wurde bereits verwirklicht, was ist geplant, was wird als förderlich/hinderlich erlebt? Stellenwert von Erwerbsarbeit, Vermittlung des Stellenwertes durch Elternhaus?
  • Vorstellungen bezüglich Familienleben bzw. Familiengründung (inkl. Rollenaufteilungen)? Was wurde bereits verwirklicht, was ist geplant, was wird als förderlich/hinderlich erlebt? Stellenwert und durch Elternhaus vermittelter Stellenwert?)
  • Stellenwert der einzelnen Lebensbereiche im gesamten Lebenskonzept?
    Einstellung der Herkunftsfamilie zu den Plänen beziehungsweise Lebenskonzepten (Gemeinsamkeiten bzw. Differenzen)?

Methodisch wurden seitens der Studienleiterinnen in Summe 32 leitfadengestützte problemzentrierte Interviews mit je acht Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen aus den vier nach Herkunft unterschiedenen Gruppen geführt.
Die Auswertung des Datenmaterials erfolgte laut Angeben der Autorinnen nach Lamnek (2005), Hopf und Schmid (1993)und Glaser und Strauß (1967). Bezugnehmend auf Lamnek (2005, S. 402f.) gliedert sie sich in eine Transkription, Einzelfallanalyse, generalisierende Analyse und eine Kontrollphase. Das Material wurde im Programm MAxData eingelesen thematisch codiert (vgl. Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 102).

Die Ergebnisse werden schließlich entlang der acht Fragenkomplexe dargelegt und verdeutlicht.

In der Conclusio verfasst von Sonja Dörfler und Sabine Buchebener-Ferstl (2012) halten die Autorinnen neben zentralen Ergebnissen Interpretationen und Ableitungen fest und fassen zusammen, dass „die aktuelle Situation von jungen ÖsterreicherInnen mit und ohne Migrationshintergrund im Alter zwischen circa 15 und 25 Jahren (.) sich dadurch aus[zeichnet], dass das Thema Aus-und Weiterbildung für sie stark im Zentrum ihres Lebens steht […].“ (S. 259).

Die beiden Autorinnen ergänzen, dass sich „die Redewendung von der unbeschwerten Jugend“ eines Mythos bediene, da Jugendliche bereits während ihres Aufwachsens „starke Belastungen“ erleben würden (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 259). Sie verweisen darauf, dass familiäre Umstände „somit einen großen Belastungsfaktor bei den Bildungschancen darstellen“ aber eben auch „ein hilfreicher Faktor“ sein können (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 259

Die Bildungsbiografien der befragten Gruppen gestalten sich je nach Bildungsmotivation der Jugendlichen, dem Bildungsstand der Eltern und deren Unterstützungsmöglichkeiten aber auch betreffend das schulische Umfeld unterschiedlich. Dabei verdeutlichen die Autorinnen: „Insgesamt wird der Bildungsaufstieg der ChinesInnen [der Stichprobe] am stärksten forciert, türkische Eltern wiederum wollen, dass es ihren Kindern einmal besser geht als ihnen selbst“ (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 262).

Das Erwerbsleben wiederum spiele gegenüber der Ausbildung für die befragte Stichprobe dieser Altersgruppe „noch eine untergeordnete Rolle, da für die meisten der Ausbildungswege noch nicht abgeschlossen ist oder auf der Suche nach Ausbildungsplätzen sind“ (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 263

Offenbar ist laut Forschungsergebnissen bei den befragten Gruppen „der Wunsch nach einer Partnerschaft bzw. Ehe sowie nach Kindern [.] Bei den meisten Jugendlichen unabhängig von vorhanden. Die Vorstellung von ein bis zwei Kindern überwiegt deutlich und gilt für alle Herkunftsgruppen“ (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 264). Kinderbetreuung hingegen scheint bei der untersuchten Stichprobe unabhängig vom Geschlecht und Migration Hintergrund vordergründig als Sache der Frau angesehen zu werden. „Insgesamt spiegelt sich in den Aussagen der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Arbeitsteilung in der Partnerschaft unabhängig von der Herkunft einer moderat-konservative Modellvorstellung wieder […]“ (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 266).

Zusammenfassende Aussagen zu Rollen- und Beziehungsmustern werden in ihren erhobenen Ergebnissen dargelegt. So wird bei der untersuchten Stichprobe die Erwerbstätigkeit der Frau unabhängig vom Geschlecht und Herkunft „als selbstverständliches und dauerhaftes Lebenskonzept angesehen“, auch im Hinblick auf Hausarbeit „geben Männer wie Frauen häufiger an, dass eine gleichberechtigte Aufteilung anstreben“, welche jedoch unterschiedlich interpretiert wird (Dörfler & Buchebner-Ferstl 2012, S. 265).

Grundsätzlich resümieren Dörfler und Buchebner-Ferstl (2012), dass sich deutlich zeige, „dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchaus bereit sind, Verantwortung für Leben zu übernehmen […]. [Allen sei] „das Wissen gemeinsam: ‚… letztendlich werde ich es selbst entscheiden‘“ (S. 267).

Diskussion

Die hier veröffentlichte Publikation bietet einen interessanten Einblick in Lebensentwürfe aber auch zu Aussagen betreffend der Lebenswelten und Lebenslagen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und ohne Migrationshintergrund. Das Forschungsvorhaben und die damit einhergehende Publikation bedienen sich sowohl Sekundärdaten- als auch Literaturanalysen aus dem Bereich der Sozialforschung und vor allem der Migrationsforschung. Problemzentrierte leitfadengestützte Interviews helfen, das zuvor erhobene Datenmaterial mit qualitativen Aussagen in Verbindung zu setzen. Insgesamt können damit aus diesem Forschungsvorhaben, das Einblicke in Lebensentwürfe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterschiedlicher Herkunft gibt, diese miteinander vergleicht auch in Bezug zu den Konzepten der Elterngeneration analysiert, wertvolle Schlüsse für die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen abgeleitet werden. Besonders hilfreich erscheint auch der Aufbau des Buches, der nach jedem Kapitel eine Zusammenfassung der wesentlichen Aussagen anbietet.

Festzuhalten bleibt jedoch, dass empirische Studien und vor hier allem qualitative Befragungen von einer Stichprobe von 32 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwar Tendenzen abbilden können, daneben aber immer auch in ihrer biografischen und individuellen Einbettung zu betrachten sind. Dabei erscheint es den Autorinnen besonders gelungen zu sein, sensibel mit Datenmaterial umzugehen und plakative Verkürzungen sowohl der Daten und als auch deren Interpretationen zu vermeiden.

Fazit

Da die vorliegende Publikation das Ergebnis eines Forschungsvorhabens darstellt, beinhaltet sie auch einschlägige Fachsprache und eignet sich daher vor allem für interessiertes Fachpublikum aus den Bereichen der Soziologie, Psychologie, aber vor allem der Bildungswissenschaften und der Sozialen Arbeit.

Das gesammelte Datenmaterial, die Sekundärdaten- und Literaturanalysen, aber vor allem die qualitativen Aussagen zu Lebensentwürfen seitens Jugendlicher und jungen Erwachsenen mit und ohne Migration Hintergrund und die Interpretationen seitens der Autorinnen liefern wertvolle Erkenntnisse für die Bildungs-, Beratungs- und Förderarbeit im breiten Handlungsfeld der Sozialen Arbeit und deren angrenzenden Disziplinen.


Literatur

  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (BMSFJ) (Hrsg.) (2000): Familien ausländischer Herkunft in Deutschland. Leistungen, Belastungen, Herausforderungen. Sechster Familienbericht. Berlin
  • Glaser; Barney G., Strauss, Anslem L. (1967): The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. Aldine Publishing Company: Chicago
  • Hopf, Christel; Schmidt, Christiane (Hrsg.) (1993): zum Verhältnis von innerfamilialen sozialen Erfahrungen , Persönlichkeitsentwicklung und politischen Orientierungen. Dokumentation und Erörterung des methodischen Vorgehens in einer Studie zu diesem Thema. Vielfältiges Manuskript, Universität Hildesheim, Institut für Sozialwissenschaften.
    URL: http: //w2.wa.uni-hannover.de/mes/berichte/rex93.htm
  • Lamnek, Siegfried (2005): Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. 4., vollst. überarb. Aufl. Weinheim/Basel: Beltz

Rezension von
Mag.a Dr.in Marianne Forstner
Lehrende und Lehrgangseiterin FHOÖ, Lehrgang Sozialpädagogik und Erlebnispädagogik, Supervisorin und Mal- und Gestaltungstherapeutin
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Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer
Diplomierter Sozialarbeiter und Sozialwirt, nebenberuflich Lehrender am Lehrgang Sozialpädagogische/r FachbetreuerIn in der Jugendwohlfahrt, Fachhochschule Linz, Österreich
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Zitiervorschlag
Marianne Forstner, Christoph Wimmer. Rezension vom 07.08.2013 zu: Sonja Dörfler, Sabine Buchebner-Ferstl, Mariam Irene Tazi-Preve: "Ich bin jung, ich muss noch viel machen“. Lebenskonzepte und -verläufe von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund in Österreich. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86388-013-2. Reihe: Familienforschung - Band 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14084.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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