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Sylka Scholz: Männlichkeitssoziologie

Cover Sylka Scholz: Männlichkeitssoziologie. Studien aus den sozialen Feldern Arbeit, Politik und Militär im vereinten Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. 290 Seiten. ISBN 978-3-89691-907-6. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.
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Thema

Für die Verfasserin Sylka Scholz ist es erklärtermaßen ein Anliegen, ein „soziologisches Männlichkeitskonzept im Anschluss an vorliegende Arbeiten zu formulieren und seine empirische Tragfähigkeit zu untersuchen“ (S. 12). Der wissenschaftliche Blick von Frau Scholz richtet sich dabei auf „zentrale gesellschaftliche Machtfelder: Erwerbsarbeit, Politik und Militär“ (ebd.).

Autorin

Sylka Scholz, PD Dr., ist promovierte und habilitierte Soziologin. Sie hat zwischen 1991 und 1996 an der Humboldt-Universität zu Berlin Kulturwissenschaft, Soziologie und Interkulturelle Arbeit studiert, war von 1997 bis 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Frauen- und Geschlechterforschung an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, wurde an ebendieser Universität im Jahre 2003 zum Thema „Die Konstruktion von Identität und Geschlecht in lebensgeschichtlichen Erzählungen ostdeutscher Männer“ promoviert und hat sich im Jahre 2009 an der TU Dresden mit dem Thema „Diversifizierung und Delegitimierung männlicher Herrschaft. Studien aus den Feldern Arbeit, Politik und Militär im vereinten Deutschland“ habilitiert. Seit August 2009 lehrt und forscht Frau Scholz am Sonderforschungsbereich 804 „Transzendenz und Gemeinsinn“ der TU Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechtersoziologie, insbes. Geschlechterverhältnisse in Ostdeutschland und Osteuropa, sowie Männlichkeitsforschung, Familiensoziologie und Methoden der qualitativen Sozialforschung, Biografieforschung, Diskursanalyse, Bildanalyse und Spielfilmanalyse.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um Frau Scholz´ kumulative Habilitation. Einzelne Aufsätze, die in unterschiedlichen Forschungszusammenhängen entstanden sind, wurden für diese Veröffentlichung grundlegend überarbeitet und in einen kohärenten Zusammenhang gesetzt (vgl. S. 18): „Ein solches Buch zu schreiben, bedeutet, die wissenschaftliche Arbeit der vergangenen Jahre zu reflektieren und bietet die Chance, übergreifende Verknüpfungen hinsichtlich der theoretischen Fundierung, der methodologisch-methodischen Zugänge und inhaltlicher Ergebnisse herauszuarbeiten, die über die einzelnen Aufsätze hinausgehen“ (ebd.).

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung, in der Frau Scholz auf aktuelle soziologische Debatten über Männer und Männlichkeit eingeht („Männer auf verlorenem Posten“), nimmt sie eine soziologische Konzeptualisierung von „Männlichkeit(en) in Geschlechterverhältnissen“ vor (Kap. 2). In kritischer Anlehnung an die Konzeptionen von Connell und Bourdieu beschreibt sie im 1. Abschnitt soziologische Männlichkeitstheorien und geht in Abschnitt 2 auf das Thema „Geschlechterverhältnisse in modernen Gesellschaften“ ein, wobei sie einen besonderen Schwerpunkt auf kapitalistische und sozialistische Geschlechterverhältnisse im geteilten Deutschland legt.

Es folgt in Kap. 3 die Darstellung von Methoden und Methodologie zur Erforschung von Männlichkeit(en). Der von Frau Scholz gewählte qualitativ-rekonstruktive Forschungszugang dient dazu, „das Spannungsverhältnis von kulturellen Leitbildern von Männlichkeit(en), die in Institutionen und Organisationen in unterschiedlichen sozialen Feldern konstituiert werden, und individuellen Aneignungen und Transformationen“ (S. 56) untersuchen zu können. Zukunftsweisend ist ein Kapitel über die Einbeziehung visuellen Materials, welches sich dann zu einem späteren Zeitpunkt in einer gelungenen empirischen Bildanalyse zur Frage, wie sich das Leitbild des Politikers durch die Präsenz eines weiblichen Kanzlers verändert hat, „verwirklicht“ (S. 134ff).

In Kap. 4-6 folgt die intensive Beschreibung dreier zentraler gesellschaftlicher Bereiche, über die Männer vergesellschaftet werden. Allen voran steht hier die Erwerbsarbeit, die aufgrund ihres erheblichen inhaltlichen Wandels eine „Herausforderung für die „industriegesellschaftlichen Männlichkeitskonstruktionen“ bedeutet (Kap. 4). Im Mittelpunkt der Analyse in Kap. 5 stehen „die medialen Konstruktionen der parlamentarischen Demokratie in öffentlichen Diskursen“ (S. 132). Die parlamentarische Demokratie – so zeigt Scholz – hat sich historisch als ein männliches Feld entwickelt. Aufgrund der politisch forcierten Emanzipation der Frauen stieg deren Anteil in den politischen Gremien allmählich an, bis im November 2005 mit der Wahl von Angela Merkel zur ersten deutschen Kanzlerin der Aufstieg der Frauen in die politische Elite einen neuen Höhepunkt erreichte. In der Folge führte dies zu einem medialen Diskurs über den Zusammenhang von Männlichkeit und Politik, in dessen Verlauf die „bis zu diesem Zeitpunkt hegemonialen Männlichkeitskonstruktionen in einem bisher unbekannten Maß kritisiert“ (S. 133) wurden.

In Kap. 6 wird der „Wandel militarisierter Männlichkeit“ untersucht. Frau Scholz betrachtet hier u.a. „die historische Verknüpfung von Männlichkeit – Nation – Militär im ´langen´ 19. Jahrhundert“ (S. 178ff), „Militär und Männlichkeit(en) im geteilten Deutschland“ (S. 184ff), „die Bedeutung von Emotionen in der militärischen Gewaltsozialisation“ (S. 194ff) sowie „die Bundeswehr im vereinten Deutschland: Der Einzug von Frauen und die Pluralisierung militarisierter Männlichkeit(en)“ (S. 209ff). Abgeschlossen wird das Buch mit einem interessanten Fazit, in dem Frau Scholz die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit in den unterschiedlichen „Feldern“ der Männlichkeit zusammenfasst: „Fazit: Delegitimierung und Diversifizierung männlicher Herrschaft im vereinten Deutschland“ (S. 243ff).

Diskussion

Das häufig kolportierte Vorurteil, kumulative Habilitationen seien weniger gut als „normale“ Habilitationen, wird mit dem vorliegenden Werk von Frau Sylka Scholz eindeutig widerlegt. Frau Scholz hat in vielen verschiedenen Praxisfeldern geforscht, ist aber durchaus dazu in der Lage, diese Forschungsfelder in dem vorliegenden Werk in einen konsistenten Zusammenhang zu bringen. Herausgekommen ist ein Werk „wie aus einem Guss“, in dem die Frage der Bedeutung(en) von Männlichkeit(en) in der heutigen Zeit in unterschiedliche Facetten miteinander verknüpft betrachtet werden. Der Aufbau der Arbeit ist logisch und nachvollziehbar. Die Sprache ist verständlich. Die Inhalte sind interessant und geben aktuelle Diskussionen wieder. Von dem Titel des Buches (ebenso wie von den auf dem Einband verwendeten Farben) sollte man/frau sich allerdings nicht verwirren lassen. Er soll „das Anliegen der Autorin zum Ausdruck bringen“, eine „soziologische Analyse der gesellschaftlichen Transformationsprozesse (voranzutreiben, J.T.), die besonders die Auswirkungen für Männer sowie kulturelle Männlichkeitsvorstellungen und männliche Macht- und Herrschaftsphänomene in den Blick nimmt“ (S. 14)

Fazit

Überaus empfehlenswert. Verständlich, nachvollziehbar und (dennoch) auf wissenschaftlich hohem Niveau. Eine Bereicherung der Forschungslandschaft. Alles Gute für die Verfasserin auf ihrem weiteren Weg in der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrlandschaft!


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 16.09.2013 zu: Sylka Scholz: Männlichkeitssoziologie. Studien aus den sozialen Feldern Arbeit, Politik und Militär im vereinten Deutschland. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. ISBN 978-3-89691-907-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14087.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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