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Sabina Stelzig-Willutzki: Soziale Beziehungen im Migrationsverlauf

Cover Sabina Stelzig-Willutzki: Soziale Beziehungen im Migrationsverlauf. Brasilianische Frauen in Deutschland. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 273 Seiten. ISBN 978-3-531-18572-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

Das Buch untersucht den Einfluss sozialer Beziehungen auf den Migrationsentscheid und den Verlauf der Migration von brasilianischen Frauen in Deutschland.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Autorin Sabina Stelzig-Willutzki hat mit verschiedenen Forschungsaufenthalten eine grosse Erfahrung und Kompetenz im Feld aufgebaut. Diese langjährige Vertrautheit mit „hier und dort“ spürt man aus dem Buch und sie trägt viel zu dessen Qualität bei.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist zugleich das gleichnamige Dissertationsprojekt der Autorin.

Aufbau

Der Aufbau des Buches ist ganz klassisch: Grundlagen, eigener empirischer Teil, Darstellung und Diskussion der Ergebnisse.

  1. In Teil I werden empirische Befunde und Theorien zur Migration von Frauen dargelegt. Die Autorin beschränkt sich dabei auf den Typus der selbständigen Migration von Frauen.
  2. Der Teil II stellt die Untersuchung brasilianischer Migrantinnen in Deutschland vor.
  3. Teil III schliesslich zeigt die Ergebnisse der Untersuchung, einerseits ein Kapitel zu Entscheidung, Durchführung und Ausgestaltung der Migration am Zielort (Deutschland) und andererseits ein Kapitel mit dem Titel „Transnationalität und die Bedeutung ethnischer Stereotypisierungen für die Migration“.

Den Schluss bildet die Schlussfolgerung.

Inhalt

Glücklicherweise nehmen in den letzten Jahren Publikationen zu, welche der Diskussion um Migration neue Aspekte und Blickwinkel eröffnen. Nicht mehr die passive, von „Pull-Faktoren“ gezogene und von „Push-Faktoren“ Marionette wird über die Landkarte geschoben, sondern ermächtigte Menschen treffen Entscheide, wägen ab, probieren aus, entscheiden sich neu. Zwei Phänomene lassen sich unter anderen in diesen neueren Diskussionen und auch im vorliegenden Buch festmachen: zum Einen die wiederkehrende, zur Migration stets gehörende, jedoch erst in neuerer Zeit ins Bewusstsein der Forschung gerückte Erkenntnis, dass Migrant_innen, aber besonders Migrantinnen oftmals – meistens – für ihre Tätigkeiten in der Migrationsdestination überqualifiziert sind (siehe dazu für die Situation in der Schweiz auch Riaño und Baghdadi 2007 und 2010); zum andern das „Blurring“ das Verwischen von ehemals – vermeintlich – klaren Kategorien für „Menschen in Bewegung“, welches Holert und Terkessidis (2006) sehr schön beschreiben: immer weniger klar können die Grenzen gezogen werden zwischen denen, die zu ihrem Vergnügen reisen und jenen, die auf der Suche nach ökonomischem Auskommen in Bewegung sind.

Sabina Stelzig-Willutzki schliesst in ihrem Buch bewusst grosse Teile der Migration aus, indem sie sich auf Brasilianerinnen fokussiert, welche selbständig nach Deutschland wandern. Besonders gut herausgearbeitet sind die verschiedenen Bedingungen in sozialen Netzwerken, welche den Migrationsentscheid positiv beeinflussen können, welche als „Ermutigungshypothese“ (einzelne Personen werden vom Herkunftsort in die Migration geschickt, um die Daheimgebliebenen zu unterstützen), die „Informationshypothese“ (am ehesten migrieren Personen, welche über ihre Möglichkeiten am Zielort gut informiert sind) sowie die „Erleichterungshypothese“, nach welcher bestehende Familien- und Freundschaftsbeziehungen die Auswahl des Zielortes beeinflussen (Ritchey 1976).

Sehr klar herausgearbeitet ist auch der Einfluss ethnischer Stereotypen, welche im Fall der Brasilianerinnen in Deutschland bedeuten, dass die Frauen mit exotisierenden, sexualisierten Bildern und dem Stereotyp des sinnlichen, fröhlichen Vollweibes konfrontiert sind.

Die Einschränkungen ihrer Arbeit diskutier Sabina Stelzig-Willutzki sorgfältig: So ist in ihrem Sample weder Menschenhandel noch illegale Migration erfasst (diese partiell), welche jedoch auch bei Brasilianerinnen wohl einen nicht vernachlässigbaren Anteil aller Migrantinnen in Deutschland ausmachen. Ebenso hat sie durch die Untersuchungsanlage Frauen, welche in kleinstädtischer oder ländlicher Umgebung leben, nicht erfasst. Durch die Anwendung einer computergestützten Befragung sind Frauen mit schlechtem Bildungsgrad oder mangelnden technischen Fertigkteiten ausgeschlossen.

Sabina Stelzig-Willutzki kann vier Typen von Migrantinnen identifizieren:

  1. die „Sich-Qualifizierenden“ (Typ 1),
  2. die „Sich-Niederlassenden“ (Typ 2),
  3. die „Transnationalen“ (Typ 3) und
  4. die „Sich-Absichernden“ (Typ 4).

Typ 1 und 2 weisen im Gegensatz zu Typ 3 und 4 eher eine gute oder sehr gute Bildung auf. Bei Typ 1 und 3 steht der Rückkehrgedanke eher im Vorder- bei Typ 2 und 4 eher im Hintergrund. Alle Typen ausser Typ 1, welche vor allem zum Studium oder zur Weiterbildung nach Deutschland kommen, haben familiäre Kontakte in der Migration. Typ 3 und 4 haben häufig Phasen von illegalem Aufenthalt, Legalisierung durch Heirat (seltener bei Typ 3) oder Touristenvisum. Frauen des Typs „Transnationale“ haben überdies häufig Kinder in Brasilien oder diese leben illegal in Deutschland. Typ 3 und 4 sind häufig im einem Privathaushalt, in der Unterhaltung oder in der Gastronomie beschäftigt. Typ 2 ist häufig unter der Qualifikation erwerbstätig, oftmals auch freiberuflich oder als Kleinunternehmerin tätig. Frauen des Typs 1 sind meist nicht erwerbstätig sondern befinden sich in Aus- oder Fortbildung. Rücküberweisungen finden häufig und regelmässig bei Frauen des Typs 3 („Transnationale“) statt, selten auch bei den Typen 2 und 4. Frauen des Idealtypus 1 und 2 beschäftigen sich erst sekundär mit Fragen der Familiengründung, Frauen des Idealtypus 3 und 4 dagegen haben meist schon vor dem Migrationsentscheid Kinder, welche sie im Fall einer Legalisierung ihres Status durch Heirat mit einem Deutschen häufig nachziehen.

Diskussion

Ein unaufgeregter, aber sehr fundierter und schöner Beitrag zum Mainstreaming einer gendersensiblen, bi- und transnationale Lebensformen einschliessenden Integrationspolitik, welche eine Inklusionsgesellschaft ermöglichen würde.

Fazit

Eine schöne und wichtige Lektüre für alle, die sich für die Lebenswelten von Migrantinnen interessieren. Diese Rezension schliesst mit einem wunderschönen Gedicht, welches am Anfang des Buches steht, der Autor ist Alvaro de Campos (ein Heteronom von Fernando Pessoa): „A minha patria é onde não estou.“ (etwa: „Heimat ist für mich dort, wo ich nicht bin.“

Literatur

  • Baghdadi, Nadia and Riaño, Yvonne (2010): "Negotiating Spaces of Participation: Experiences and Strategies of Skilled Immigrant Women to Achieve Professional Integration" In: Elzbieta H. Oleksy, Dorota Golanska and Jeff Hearn (eds.): Gender and Citizenship: Equality, Diversity, Migration. Basington: Palgrave MacMillan.
  • Holert, Tom und Terkessidis, Mark: «Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen». Kiepenheuer & Witsch. Köln 2006. 286 Seiten. SFr. 16.50. Euro 8.95, ISBN 3 462-03743-9
  • Riaño, Yvonne and Baghdadi, Nadia, 2007: "Understanding the Labour Market Participation of Skilled Immigrant Women in Switzerland: The Role of Class, Ethnicity and Gender". In: Journal of International Migration and Intergration. Special Issue on \„Foreign Training and Work Experience: The Skilled Immigrants\“ Perspective\“. Rutgers: Transaction Publishers.
  • Ritchey, P.N. (1976): Explanations of Migration. In: Annual Review of Sociology2. pp. 363-404.

Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 25.04.2013 zu: Sabina Stelzig-Willutzki: Soziale Beziehungen im Migrationsverlauf. Brasilianische Frauen in Deutschland. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18572-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14094.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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