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Silvia Henke, Nika Spalinger u.a. (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen

Cover Silvia Henke, Nika Spalinger, Isabel Zürcher (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Ein kritischer Reader. transcript (Bielefeld) 2012. 294 Seiten. ISBN 978-3-8376-2040-5. D: 35,80 EUR, A: 36,80 EUR.

Reihe: Image - Band 37.
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Religion ist eine Form des Wissens des Nichtwissens – auch die Kunst?

Religiöse Ordnungen beanspruchen, dass das Lebens- und Handlungsrecht der Menschen auf der Erde „von Gott gegeben ist“ und ihm nur von Gott oder den Göttern wieder genommen oder geändert werden kann. Diese in den Heiligen Büchern und Überlieferungen der Glaubensgemeinschaften in Stein gemeißelten, von den Orakeln immer wieder prophezeiten und von den „Geistlichen“ an den „Heiligen Orten“ verkündeten, nicht in Frage zu stellenden „Wahrheiten“, beruhen auf der philosophischen Auffassung, dass der Mensch als vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen „Anteil am unvergänglichen und göttlichen Geist“ hat (Aristoteles). Vom „Du sollst dir kein Bild von deinem Gott machen“, dem „Bilderverbot“, wie es insbesondere von den monotheistischen Religionen etabliert wurde, bis hin zu den Schöpfungsgeschichten, in denen der Mensch als das „Abbild Gottes“ dargestellt wird – immer war der Mensch, trotz des „Ebenbildes“, ein von den göttlichen Gewalten, die sich in den Naturgewalten ausdrückten, abhängig und ihnen untertan. Das Gebot „Glaube, und du lebst!“ steht der Verdammung gegenüber: „Wenn du nicht glaubst, bist du ein Nichts!“. Diese Abhängigkeiten wollten die Menschen mit der Aufklärung abschütteln. Der „gottlose Mensch“ galt nun nicht mehr als „ein minderwertiges Subjekt, eine zum völligen Ruin aller menschlichen Ordnung führende nihilistische Existenz“ (Gerhard Szeczesny, Die Zukunft des Unglaubens, München 1958, S. 10), sondern als jemand, der Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant). Es sind die Versuche, die Religiosität des Menschen zu entzaubern, etwa mit der Beweisführung „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt“ (Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2007, 575 S.).

Wir sind mittendrin in der Rede und Widerrede und den Auseinandersetzungen, wie das Leben gelernt werden kann (Luc Ferry, Leben lernen. Die Weisheit der Mythen, 2009, http://www.socialnet.de/rezensionen/9313.php), den Fragen nach Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit als Menschenrechte (Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php) und der Religionskritik (Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Stadtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php). Diese Vorrede scheint notwendig zu sein, wenn wir darüber nachdenken, warum es in den Gesellschaften überall in der Welt zu Tendenzen kommt, die sich als „Rückkehr der Religion“ kennzeichnen lassen, und zwar überwiegend in den Formen von religiös motivierten Kämpfen, Fundamentalismen, Terrorismen, „Heiligen Kriegen“ (Kai Hafez, Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8667.php; siehe auch: Andreas Rinke / Christian Schwägerl, 11 drohende Kriege. Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung, Berlin 2012, 430 S.).

Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen

Am Departement „Design & Kunst“ der Schweizer Hochschule Luzern wurde das Forschungsprojekt „Holyspace, Holyways“ mit dem Ziel durchgeführt, die Rolle des zeitgenössischen Kunst- und Kulturschaffens bei der Vermittlung und Repräsentation privater und öffentlicher Religiosität am Beispiel der Innerschweiz unter den Aspekten des Zugangs zum Religiösen zu untersuchen. Kunst böte, so die Forschungsthese, ein offenes und zunächst neutrales Feld für Auseinandersetzungen mit religiöser Ikonographie und Traditionen an und leiste eine wichtige Vermittlungsarbeit für den aktuellen gesellschaftlichen Wandel. Kunst und Religion seien beides Symbolsysteme, die das aufbewahre, was die moderne Wissensgesellschaft ausblende und was sich deshalb umso mehr zurückmelde als postsäkulare Entwicklung.

Die Kulturwissenschaftlerinnen Silvia Henke, Nika Spalinger und Isabel Zürcher geben den Sammelband „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen“ als kritischen Reader heraus. Den einzelnen Beiträgen, die sich auf die oben genannten Zielsetzungen des Forschungsprojektes beziehen, liegen fünf Forschungsannahmen zugrunde:

  1. Religion, insbesondere die christliche, ist ein sehr nachhaltiges Symbolsystem.
  2. Kunst und Religion stehen symboltheologisch und symboltheoretisch in einem engen Verhältnis.
  3. Es sind die unterschiedlichen gesellschaftlichen Wirkungsweisen, die die religiöse, bildende Kunst bedeutsam machen.
  4. Religion ist eine Form des Wissens, die das Nichtwissen einschließt.
  5. Die Wissensgesellschaft hat sich in der Unglaubwürdigkeit einer Politik eingerichtet, die durch Sehen glauben machen will und dabei den Rückfluss des Spirituellen nicht beachtet.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil werden Beiträge zur „Kunst im Zeitalter des Postsäkularen“ dargestellt; im zweiten geht es um den Zusammenhang von „Kunst und Glaube im Bildungskontext“, und im dritten Teil wird die „Frage der katholischen Prägung“ thematisiert.

Der Kunsthistoriker, Theologe und Kurator Johannes Rauchenberger, Leiter des Mehrspartenhauses für zeitgenössische Kunst in Graz und Lehrbeauftragter für Kunst und Religion an den Universitäten Wien und Graz (der im Personenverzeichnis scheinbar vergessen wurde!), beginnt im ersten Kapitel mit seiner Frage „Wie inspiriert eigentlich christliche Bildlichkeit die Kunst der Gegenwart?“. Die sich durch die Globalisierungsentwicklung, fundamentalistische und terroristische Akte entwickelten und in das öffentliche Gedächtnis eingeschriebenen Aufmerksamkeiten für das Religiöse bedürfen einer weitergehenden Analyse als nur die der Abwehr vom Bösen. Die Phänomene, die sich in den christlichen Religionen als „Religion des Bildes“ zeigen, provozieren die Frage, was denn eigentlich ein (religiöses) Bild zum Bild macht. Die verschiedenen Beispiele, die der Autor dabei heranzieht, machen deutlich, dass es zur Codierbarkeit von Zeichen mehr bedarf als des An- oder Wegschauens: „Auch Materialien, Körper, Säfte, Reliquien, Rituale, Gesten, Betrachtungsanteile, Visionen, Raume sind ein Teil davon“.

Der Hamburger Kunst-, Erziehungswissenschaftler und Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini formuliert mit seinem Beitrag „Berühren, glauben, verinnerlichen“ Notizen zu Psychoanalyse, Religion und Kunst. Es ist die Suche nach der Wahrheit, und es ist die Schwierigkeit, Wahrheit durch Richtigkeit zu ersetzen; weil man dabei schnell bei ideologischen und religiösen Fundamentalismen landet. Es sind Fragen nach Glaubensbeweis und -zweifel, die Kunst, Psychoanalyse und Wissenschaft zwar stellen können, deren (richtige) Antworten jedoch im „Hier und Jetzt“ nicht zu hören und nicht zu sehen sind. „Wie die Psychoanalyse steht auch Kunst in Gefahr, zur Ersatzreligion zu werden gemäß einer perversen Struktur, die der Versuchung erliegt, über bestimmte Rituale Mangel und Unbeherrschbarkeit zu kompensieren und zu beruhigen“.

Andreas Mertin, Theologe, Kulturwissenschaftler und Kurator der kirchlichen dokumenta-Begleitausstellungen in den Jahren 1997 bis 2005, reflektiert in seinem Beitrag „Inkarnation – Didaktik – Freiheit“ das Verhältnis von Kunst und Religion. Weil die Eule der Minerva, nach Wilhelm Friedrich Hegel, erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt, kommt es bei der Kontextualisierung der theologischen Bedeutung von Kunst für den Menschen darauf an, die historische Entwicklung zu betrachten; und zwar mit den drei, einander ausschließenden Spezifika: Dem Inkarnations-Argument, was besagt, dass Bilder und Kunstwerke für den Glauben und die christliche Religion heilsnotwendig sind; dem didaktischen Argument, wonach sie insbesondere für die Glaubenslehre und --vermittlung hilfreich sind; und schließlich dem kulturellen Argument, dass sie für den Glauben neutral und ausschließlich als Menschenwerk zu betrachten sind.

Der Berner Religionswissenschaftler David Plüss und der Kunsthistoriker Johannes Stückelberger führen über die Frage „Hat Kunst eine Konfession?“ ein Schreibgespräch, indem sie ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse zu den unterschiedlichen Sichtweisen über konfessionelle Prägungen von Kunstwerken berichten. Dabei orientieren sie sich an zwei zeitgenössischen Werken, die für zwei Schweizer Kirchen entstanden sind: Die Glasfenster in der katholischen Kirche Sacré-C?ur in Montreeux (Judith Albert / Gery Hofer, 2008 – 2010) und in der reformierten Kirche in Pratteln bei Basel (Claudia und Julia Müller, 2010). Dabei thematisieren sie die Metaphern „Himmel“, „Tradition“, „Kirche“, „Gott“ und „Bild“ und kommen zu dem Ergebnis, dass die beiden Kunstwerke (die als Fotos abgebildet werden), „den Frömmigkeitsstil, den Habitus und die Theologien der unterschiedlichen Religionskulturen in eindrücklicher Weise (widerspiegeln)“.

Die Zürcher Kunsthistorikerin, Archäologin und Germanistin, Lehrbeauftragte an der Hochschule Luzern, Irene Müller, informiert in „Gott und die Welt“ über einen Wettbewerb für die Gestaltung des Kirchenplatzes des historischen Bau-Ensembles auf dem Kirchbühl in Stafa im Kanton Zürich. Die Aufgabenstellung für die Platzgestaltung lautete, das Verhältnis von Öffentlichkeit und Kirche darzustellen und die „Sichtbarkeit von Religion als gesellschaftlicher, kultureller Faktor sowie die Möglichkeiten, an diesem spezifischen Ort eine kirchlich-religiöse Identität auch lesbar zu machen“. Das Projekt „Meeting“ der Zürcher Künstlerin Barbara Mühlefluh wird als entschlüsselbares und begehbares Beispiel für das Verhältnis von Religion und Öffentlichkeit beschrieben und für das Zeitalter des Postsäkularen besonders passend zu sein.

„Zeitgenössische Literatur und die Schönheit der Religion“, so titeln Silvia Henke, Karl-Josef Pazzini, Nika Spalinger, Stefan Zollinger und Johannes Rauchenberger ihr Interview, das sie mit der in Berlin lebenden Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff) führten. Anhand der jeweils abgedruckten Textauszüge aus ihrem Buch „Consummatus“ (München 2006) kreiste das Gespräch immer wieder um die Frage nach der Wahrhaftigkeit, die Kirche für die Menschen haben kann und die in den Reformbemühungen insbesondere der katholischen Kirche verloren ging oder gar nicht angepackt wurde. Der Ruf „Kirche von unten“ dringt hoffentlich immer deutlicher und drängender in die Gesellschaft.

Den Abschluss des ersten Teils bilden Aufzeichnungen von Gesprächen, die Silvia Henke und Nika Spalinger während der Projektphase 2010/2011 mit Künstlerinnen und Künstlern geführt haben und die sich an den Themen orientierten, wie: „Gott ist vielleicht doch unfertig- von der Schwierigkeit, das Religiöse in Begriffe zu fassen“ und an denen Eugen Bollin, Franz Wanner, Anton Egloff, Cécile Stadelmann , Beno Zehnder, Judith Albert, Christian Kathriner, Hinrich Sachs und Robert Müller beteiligt waren; zur Thematik „Faszination und Ernächterung – der katholische Faktor, seine Wunder und Wunden“, an dem neben den genannten Gesprächspartnern auch Margrit Rosa Schmid teilnahm, und zum Thema „(Dis-)Kontinuität religiöser Bildlichkeit – Überlieferungen dies- und jenseits der Konfessionsgrenzen“.

Im Teil 2 „Kunst und Glaube im Bildungskontext“ berichtet Silvia Henke von einem Unterrichtsprojekt, das sie und Nika Spalinger mit Studierenden im Rahmen eines Projektmoduls 2010/11 durchgeführt haben: „Gleichnis, Erzählung und die Frage des Glaubens im Kunstunterricht“. Die im Neuen Testament im Johannesevangelium geschilderte Szene, als Maria Magdalena das Grab Jesu leer vorfindet und den auferstandenen Heiland sieht, hat Maler immer wieder motiviert, das Noli me tangere im Bild darzustellen. Die verschiedenen Abbildungen, von Fra Angelico, Holbein, Rembrandt, Tizian, Tintoretto bis Poussin, unterscheiden sich zwar in der Mal- und Ausdrucksweise; sie weisen aber alle die gleiche Szenendarstellung aus: Leeres Grab, der Auferstandene, die andächtige Beterin. Die vielfältigen, historischen und aktuellen Interpretationsversuche, Glaubensgeheimnisse zu verstehen und sie weiter zu vermitteln, münden schließlich in die Bereitschaft zu glauben, ohne zu wissen: „Dass wir mit dem Vergangenen, mit dem Toten, dem Fortgehenden, dem Unbegreiflichen und Abwesenden leben, ohne es berühren zu können – Noli me tangere – wäre also nicht nur ästhetisch und menschlich, sondern auch politisch das Wesentliche, das immer wieder zu Überprüfende“.

Der Religionswissenschaftler von der Universität Freiburg, Ansgar Jödicke, fragt mit seinem Beitrag: „Wem gehören religiöse Symbolsysteme?“. Er zeigt neue Methoden und Vermittlungsformen von religiösen Symbolen im Religionsunterricht auf. Bei einer wissenschaftlichen Tagung im Rahmen des Forschungsprojektes „Holyspace, Holyways“ zum Thema „Berühren und Essen“ wurde „Essen“ als Motiv und symbolischer Akt ausgewählt, um sich der Frage zu nähern, wem religiöse Symbole tatsächlich gehören – der Kirche, jedem Einzelnen? – und damit die Bedeutung eines „neuen“ Religionsunterrichts zu unterstreichen: „In den neueren Formen des Religionsunterrichts werden die religiösen Symbole nicht mehr in den Dienst der Religionsgemeinschaften, sondern (vom Staat) in einen nicht-religiösen Verwendungszusammenhang gestellt und damit der direkten Kontrolle durch Religionsgemeinschaften entzogen“.

Die katholische Religionspädagogin an der Universität Luzern, Monika Jakobs, thematisiert den Umgang mit zeitgenössischer Kunst im Religionsunterricht und stellt Überlegungen „zu einem religionspädagogischen Problem anhand der bildlichen Repräsentation von Essen“ an. Der sich allenthalben vollziehende Paradigmenwechsel (auch) im Religionsunterricht, weg von den (fehlenden) religiösen Sachkenntnissen der Kinder und Jugendlichen und hin zu lebensweltlichen Erfahrungen, dient der Autorin als Folie für ihre didaktische Fragestellung: „Welche Bilder sehen wir in religionspädagogischen Materialien und Lehrmitteln?“. Das Thema „Essen“ bietet sich dabei insbesondere deshalb an, weil in der christlichen Eucharistie mit Brot und Wein die Glaubensaufnahme symbolisiert und gleichzeitig mit der menschlich notwendigen Nahrungsaufnahme die Existenz der Menschen verdeutlicht werden kann. Künstlerische Darstellungen des „Abendmahls“, etwa bei Leonardo da Vinci und der fotografischen Abbildung der Abendmahlszene durch Bettina Rheims, von Salvador Dalis „Brotkorb“, können dazu beitragen, geistige und materielle Nahrung in Zusammenhang zu bringen.

Dem Rezensenten sei an dieser Stelle erlaubt, daran zu erinnern, dass auch im Religions- (und Ethik)Unterricht neben der religiösen und ästhetischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Essen“ das Grundbedürfnis und Menschenrecht auf Nahrung Bestandteil des Lernens sein muss; am besten freilich nicht nur im Rahmen des Fachunterrichts „Religion“, sondern als fächerübergreifender, projektorientierter, politischer Unterricht (vgl. dazu auch: Harald Lemke, Politik des Essens. Wovon die Welt von morgen lebt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11833.php sowie: Jean Ziegler, Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14063.php).

Der Luzerner Religionswissenschaftler Wolfgang W. Müller setzt sich der Metapher „Fressen und Gefressenwerden“ aus religionspädagogischer Sicht auseinander. In der eucharistischen Handlung geht die existentiell notwendige Nahrungsaufnahme eine Verbindung mit dem Glaubensbekenntnis und der Versicherung der Glaubensgemeinschaft ein: „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!“, und die „Lebenskraft“ erwirbt der Mensch „nicht nur durch Brot allein“. Glaubensaufnahme und -vollzug haben eben nicht nur zu tun mit dem Erfüllen des emotionalen Grundbedürfnisses, sondern „das Essen impliziert einerseits die Logik des Verzehrens, andererseits manifestiert sich darin eine Kultur des Essens“, und damit auch einer ästhetischen und religiösen Bedeutung.

Andreas Mertin stellt in einem weiteren, pädagogischen Beitrag die Frage: „Kann Kunst religiöse Bildungsprozesse initiieren?“. Dabei setzt er sich erst einmal mit dem schwierigen, theoretischen und praktischen Verhältnis von Kunst und Philosophie auseinander, um dann am Beispiel des Religionsunterrichts die Auseinandersetzung mit drei Kunstwerken zu reflektieren: Es geht zum einen um David Bowies Video-Clip „The heart?s filthy lesson“ (1995), zum anderen um die Performance „Barszcz“, die von Patrycja German 2004 an der Kunstakademie Karlsruhe vorgeführt wurde (Barszcz: eine polnische Rote-Bete-Suppe), und zum dritten um das Musikvideo zum Song „What else is there?“ der norwegischen Rockband „Royksopp“. Die Arbeit im Religionsunterricht, etwa in Kooperation mit den Fächern Musik und Kunst, müsste dabei getragen sein von dem Bemühen, zu erkunden, welche soziale, kulturelle, religiöse, ästhetische und körperliche Zusammenhänge vorfindbar sind.

Nika Spalinger stellt in ihrem Beitrag „Die Kunst zu Verkörpern“ Reflexionen zum künstlerischen Handeln im Bereich des Religionsunterrichts an. Die im Rahmen des Forschungs- und Experimentalprojekts „Holyspace, Holyways“ an der Hochschule in Luzern erarbeiteten und präsentierten studentischen Arbeiten gründen dabei auf der Annahme, dass von „Gemeinsamkeiten zwischen Kunst und Religion ausgegangen“ werden kann. Im kreativen, künstlerischen Schaffen kann sich der Mensch mit seinen gesamten physischen, emotionalen und kognitiv-geistigen Fähigkeiten einbringen.

Im dritten Teil geht es um die „Frage nach der katholischen Prägung“. In die (vermutlich von anders als katholisch Gläubigen erst einmal überraschende) Fragestellung führen wieder die beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit Statements zum Thema „Orte für Bilder: Initiation, Ehrfurcht, Widerspruch“ ein; es sind Aussagen zu Kunstwerken und zum künstlerischen Schaffen, die gewissermaßen als „Bekenntnisse“ und „Glaubensauseinandersetzung“ verstanden werden können.

Fabrizio Brentini, der Religion, Kunstgeschichte und Philosophie an der Kantonschule Sursee unterrichtet, fragt nach „Sakral, religiös, katholisch?“, indem er eine kunsthistorische Richtung der Innerschweiz vornimmt. An mehreren Beispielen von Kirchen(neu)bauten und im religiösen Umfeld vorfindbaren Kunstwerken, wie Kreuzwegen und anderen Installationen, zeigt der Autor die Entwicklungen bei der Gestaltung von religiöser Kunst auf.

Der Zeichner, Maler und Architekt Benno K. Zehnder schildert in seinem Beitrag „Wie man einen Heiligen malt: Ein Bild des Bruder Klaus“ den Entstehungsprozess eines Gemäldes als Auftragsarbeit für das Museum Bruder Klaus in Sachseln. Der Einsiedler und Mystiker Niklaus von Flüe ( 1417 – 1487), auch „Bruder Klaus“ genannt, wird als Schutzpatron der Schweiz verehrt. Zehnders Auseinandersetzungen bei der Vorbereitung und beim Malen des Bildes schildert er eindrucksvoll so: „Es braucht einen Antrieb, um ein Bild malen zu wollen. Es braucht auch Lust, diesem Antrieb stattzugeben und malen zu wollen. Es braucht Verwegenheit, ein Bild zu beginnen und Verstand und Kraft, es auch zu beenden. Es braucht Durchlässigkeit, um malend ein Bild in die Wirklichkeit zu bringen“.

Der Literatur-, Kunstgeschichtler und Journalist Niklaus Oberholzer nimmt mit seinem Beitrag „Religiosität als Hintergrund der Innerschweizer Kunst?“ eine Spurensicherung vor. Mit der Dokumentation und Bewertung von ausgewählten religiösen Kunstwerken und Objekten beginnt der Autor nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern er interpretiert und identifiziert die neueren religiösen Kunstwerke auch als Ecce-Homo-Darstellungen, „als eine malerische Annäherung an das Wesen des Menschen“.

Der Kunsthistoriker und Kurator am Kunstmuseum in Luzern, Christoph Lichtin, setzt sich mit den Arbeiten des Künstlers und Architekten Christian Kathriner auseinander, der Auskunft über sein Schaffen so charakterisiert: „Ich baue für stramme Gemüter“. Die Interpretationen, die Lichtin vornimmt, sind motiviert von der Frage, „inwieweit sich Spuren des Religiösen in der Kunst von Christian Kathriner festmachen lassen“.

Die Publizistin und Redakteurin, Mitarbeiterin im Direktionsstab an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel, Isabel Zürcher, spricht in ihrem Beitrag „Von der Leichtigkeit des Heiligen“, indem sie sich auf Spurensuche in den Werken der Zürcher Künstlerin Judith Albert begibt. Die Schilderungen der schwierigen, aber irgendwie auch leichten und unkomplizierten Begegnungen der protestantischen Autorin mit der katholischen Künstlerin machen deutlich, dass „Kritik an den Quellen in den Hintergrund (tritt) – zu Gunsten des Heiligsten, das sich seit zweitausend Jahren der Historisierung widersetzt“.

Monika Jakobs beschließt den Sammelband mit ihrem Beitrag „Wie im Himmel, so auf Erden“, in dem sie sich mit den Arbeiten der Walliser Künstlerin Eva-Maria Pfaffen auseinandersetzt. „Die Installationen von Eva-Maria Pfaffen repräsentieren für mich unendlich Nahrung, Schutz, Wärme für Menschen“; in Konfrontation zwischen dem „Es ist genug da“, dem „Über-Fluss“, und dem Mangel, der Not und dem „Zustand der Welt“ (vgl. dazu auch: Worldwatch Institute,, Hrsg., Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss : Neue Strategien im Kampf gegen Unterernährung und Armut, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php, sowie: …/13867.php).

Fazit

Der Diskussionsband, der sich mit den spannenden Frage des Verhältnisses von „Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen“ auseinandersetzt, fokussiert die Themenbereiche zwar überwiegend auf „Schweizer Verhältnisse“, und hier sogar eingegrenzt auf solche in der Innerschweiz. Den Autorinnen und Autoren jedoch gelingt es, anhand der Auseinandersetzungen mit den konfessionellen und künstlerischen Zugangsweisen zum Religiösen die übergreifenden Zusammenhänge und Problemstellungen theoretisch und praktisch aufzuzeigen. Die jeweils den Texten beigegebenen Bilddarstellungen sind ohne Zweifel geeignet, die Bedeutsamkeit von Kunst und Spiritualität künstlerisch und religiös aufzuzeigen und in eigenes künstlerisches Schaffen und didaktisches Handeln einzubringen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.11.2012 zu: Silvia Henke, Nika Spalinger, Isabel Zürcher (Hrsg.): Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Ein kritischer Reader. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2040-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14104.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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