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Brigitta Schröder: Blickrichtungswechsel (Menschen mit Demenz)

Rezensiert von Alexandra Günther, 13.03.2013

Cover Brigitta Schröder: Blickrichtungswechsel (Menschen mit Demenz) ISBN 978-3-17-022414-8

Brigitta Schröder: Blickrichtungswechsel. Lernen mit und von Menschen mit Demenz. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. 2., überarb. Auflage. 124 Seiten. ISBN 978-3-17-022414-8. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-025705-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Menschen mit Demenz gelten als Belastung und der Alltag mit ihnen als schwierig. Dabei bietet das Zusammenleben mit ihnen mehr. In einer Gesellschaft, die von Zeitdruck, Leistung und Konkurrenz bestimmt ist, bringt die Arbeit mit Demenzkranken, die im Widerspruch dazu leben, neue Impulse.

Autorin

Brigitta Schröder, Schweizer Diakonisse und Krankenschwester, ist Supervisorin DGSv, Lebens- und Trauerbegleiterin.

Aufbau

Das Buch ist in folgende Hauptteile gegliedert:

  1. Wissenswertes über Demenz
  2. Miteinander auf dem Weg sein
  3. Voneinander lernen
  4. Gemeinsames Erleben
  5. Sexualität in neuer Sicht
  6. Aus dem Leben gegriffen

Außerdem gibt es kurze Kapitel zu Materialien für Aktivitäten, diagnostischen Tests, Therapien, Fachadressen und weiterführender Literatur.

Inhalt

Im ersten Kapitel, Wissenswertes über Demenz, gibt die Autorin eine Einführung zur Diagnose und dem Krankheitsverlauf einer Demenz. Besonders hebt sie hervor, dass damit immer eine Identitätskrise einhergeht. Das Ziel ist daher die Individualität der erkrankten Person, so lange wie möglich zu erhalten. Informationen, Gespräche mit Fachpersonen und ein gutes Hilfe-Netzwerk geben Angehörigen Sicherheit, um den Menschen in der eintretenden Lebensphase zu begleiten.

Für die Menschen im Umfeld ändert sich mit der Diagnose das gesamte Zusammenleben. Das Kapitel, Miteinander auf dem Weg sein, beschreibt die Herausforderungen und Aufgaben, die sich neu ergeben. Brigitta Schröder geht auf den Rollenwechsel in der Eltern-Kind-Beziehung ein. Sie weist ebenso auf die Notwendigkeit hin, das Zuhause unfallsicher zu gestalten. Aber auch die Gefahr der eigenen Überforderung, durch eine alleinige Rund-um-die-Uhr-Betreuung, spricht sie an. Eigene Freiräume und Humor sollten zum Selbstschutz gepflegt werden. Die Autorin gibt zusätzlich Tipps, um im Alltag Halt und neue Nähe zu schaffen. Sprichwörter, kreatives Gestalten und spirituelle Rituale sind besonders geeignet.

Das nächste Kapitel, Voneinander lernen, zeigt auf, wie es möglich ist, von Menschen mit Demenz zu lernen. Für Angehörige und Begleiter sollten Wertschätzung und Offenheit, die Normen und Urteile des normalen Alltags ersetzen. In den Unterkapiteln – Lernen, zu geben und zu nehmen, Neues zu entdecken, sich abzugrenzen und gemeinsam zu gehen – veranschaulicht die Autorin, was eine neue Einstellung im Umgang mit Demenzkranken bewirken kann. Daraus erstellt sie Impulse für den Alltag.

Der nächste Abschnitt, Gemeinsames Erleben, umfasst verschiedene Aspekte, von der Stärkung der Sinneswahrnehmungen bis hin zur Bedeutung von Ritualen. Die Autorin spricht auch Konfliktsituationen an und vermittelt einen Umgang mit Aggressionen und Abwehr. Anhand schwieriger Erlebnisse aus der häuslichen Pflege stellt sie dar, wie mit Humor und Geduld Lösungen möglich sind, um das Zusammenleben wieder zu verbessern. Nach Ansicht der Autorin sollten Angehörige und Betreuungspersonal belastende Situationen zur Reflexion dokumentieren und professionelle Beratung nutzen.

Ein eigener Abschnitt behandelt das Thema Sexualität bei Demenz. Die Autorin beschreibt die Notwendigkeit der Enttabuisierung, da Sexualität ein menschliches Grundbedürfnis ist. Unter Sexualität fällt die gesamte Sinnlichkeit eines Menschen. Das schließt das körperliche Wohlbefinden beim Streicheln eines Tierfells, Händchenhalten, Hand- und Fußmassagen oder auch Masturbation, mit ein. Die eigenen Grenzen müssen dabei wie die Grenzen des Gegenübers sensibel geachtet werden.

Im anschließenden Kapitel, Aus dem Leben gegriffen, greift die Autorin erneut auf ihren großen Erfahrungsschatz zurück. Geduld, Zeit und Menschlichkeit helfen dabei, Wege zueinander, wenn auch nur für kurze Momente, zu finden.

Danach folgen kürzere Kapitel zu Materialien für Aktivitäten, Sprich- und Redewendungen. Außerdem gibt sie eine Übersicht einschlägiger diagnostischer Tests bei Demenz sowie Therapiemethoden zur Förderung der Alltagsfähigkeiten. Auf Fachadressen und weiterführende Literatur verweist die Autorin ebenfalls.

Diskussion

Brigitta Schröder gibt in ihrem Buch ihre reichhaltigen Erfahrungen mit dementen Menschen weiter. Sie zeigt dabei, dass das Begleiten bereichernde Momente und Einsichten bieten kann, wenn sich der eigene Blickwinkel ändert. Demenzkranke versagen nach den normalen Ansprüchen der Gesellschaft. Sie passen sich nicht einfach in die durchstrukturierten Pflege- oder Alltagsabläufe ein. Aber im Zusammensein zeigen sie stattdessen, was es heißt, einfach nur Mensch sein.

Die Autorin greift auch zwei Aspekte des Lebens, Spiritualität und Sexualität, auf, die meist nur als Randthemen in der Demenzliteratur behandelt werden. Menschen mit Demenz geben mit ihrer Erkrankung nicht ihre Rechte und sozialen Bedürfnisse als Mensch auf. Diese Haltung zieht sich als roter Faden durch das Buch.

Fazit

Das Buch von Brigitta Schröder richtet sich an alle Personen, die Demenzkranke im Alltag privat oder beruflich begleiten. Die Autorin nimmt die Persönlichkeit des Menschen mit Demenz in den Blick und nicht allein Krankheitssymptome oder Förderungsmöglichkeiten. Leicht verständlich und anschaulich geschrieben, vermittelt Brigitta Schröder, welche große Bedeutung die eigene innere Haltung im Umgang mit Demenzkranken hat.

Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Es gibt 38 Rezensionen von Alexandra Günther.

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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 13.03.2013 zu: Brigitta Schröder: Blickrichtungswechsel. Lernen mit und von Menschen mit Demenz. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. 2., überarb. Auflage. ISBN 978-3-17-022414-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14108.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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