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Christa Preissing, Petra Wagner (Hrsg.): Interkulturelle [...] Arbeit in Kindertageseinrichtungen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.02.2004

Cover Christa Preissing, Petra Wagner (Hrsg.): Interkulturelle [...] Arbeit in Kindertageseinrichtungen ISBN 978-3-451-28142-6

Christa Preissing, Petra Wagner (Hrsg.): Kleine Kinder, keine Vorurteile? Interkulturelle und vorurteilsbewusste Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2003. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-28142-6. 12,90 EUR. CH: 22,80 sFr.

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Einführung

"Eine lebenslange Reise, die in uns selbst beginnt..." so benennt eine der Initiatorinnen der Anti-Bias-Arbeit in den USA, Louise Derman-Sparks, das Bemühen, "menschenwürdige Verhältnisse einzufordern und im besten Sinne Menschlichkeit zu verwirklichen". Der Begriff "Anti-Bias-Approach" wird übersetzt als "Ansatz gegen Einseitigkeiten und Vorurteile". In einer anderen Begrifflichkeit wird von "antirassistischer Erziehung" gesprochen, wie sie etwa von der Anti-Defamation League, New York, im Rahmen des "A World of Difference" - Projektes praktiziert und von der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh, im Praxishandbuch "Eine Welt der Vielfalt" (1998) vorgelegt wurde. Hier wie dort geht es darum, neue, kreative Ideen zu initiieren, wie Demokratie- und Toleranzkompetenz so früh wie möglich, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und in der politischen Bildung überhaupt, bewusst gemacht und vermittelt werden kann.

Doch die Betrachtungsweisen und die reflexiven, didaktischen Begründungen darüber, wie dies geschehen könne, angesichts der immer interdependenter sich entwickelnden Welt, sind unterschiedlich. Der "Anti-Bias" - Ansatz, in der deutschen Adaption, geht dabei von zwei Überlegungen aus: Erstens wird der Toleranz-Begriff im Zusammenhang mit der Dominanz-Problematik kritisch betrachtet, etwa im Zusammenhang von Hierarchien in Mehrheits- und Minderheitskulturen bei der Bildung von multikulturellen Gesellschaften. Trägt der traditionelle Toleranz-Begriff, der von der Haltung ausgehe, Dasein und Lebensformen von anderen Menschen zu "dulden", in der heutigen Zeit noch; oder bedarf es anderer Begriffe? Zweitens bedürfe es einer neuen Betrachtung und Handhabung der Vorurteils-Begrifflichkeiten; sie dürfe nicht mehr nur von der Einbahnstraße hin zum anderen Menschen und seinem Tun ausgehen, sondern müsse die jeweilige Ganzheit der miteinander agierenden und handelnden Menschen einbeziehen. Der "Duldungs" - Aspekt in der Diskussion um Toleranzverhalten und -erziehung wird jedoch spätestens seit der von der UNESCO am 16. 11. 1995 erlassenen "Deklaration der Prinzipien zur Toleranz" relativiert, wenn es dort heißt: "Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassen oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer". Deshalb spricht auch K.- P. Fritzsche, der Lehrstuhlinhaber der UNESCO für Menschenrechtserziehung an der Universität Magdeburg von "aktiver Toleranz".

Eine deutlichere Interpretation jedoch wird im Anti-Bias-Konzept vorgenommen, nämlich als für jedes Individuum verpflichtender aktiven und aktivierender Ansatz, um Vorurteilen, Stereotypen, Ethonzentrismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit... durch persönlichen, gruppenbezogenen und gesellschaftlichen Einsatz entgegen zu wirken. Diesen Anspruch postuliert ein Autorenteam in diesem interessanten Buch.

Herausgeberinnen und AutorInnen

Christa Preissing, Dipl.- Soziologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Internationalen Akademie der FU Berlin und Koordinatorin des europäischen Netzwerkes "Diversity in Early Childhood Education and Training" (DECET), sowie die Dipl. - Päd. Petra Wagner, Koordinatorin des Projektes "Kinderwelten" am Institut für den Situationsansatz in der Internationalen Akademie, haben ein Expertinnenteam aus dem Bereich der Kleinkindpädagogik versammelt, um strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erziehung von Kindern aus verschiedenen Kulturen zu diskutieren.

Ausgewählte Inhalte

Da kein Mensch "vorurteilsfrei" lebt und handelt, worauf z. B. Kalpaka / Räthzel mit der Formel - "Von der Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein" - hinweisen, geht es in der Anti-Bias-Bewegung darum, "sich bewusst zu machen, welche Vorurteile es in dieser Gesellschaft gibt, welche man selbst hat und wie sich Vorurteile im Leben von Menschen auswirken". Deshalb der Begriff: Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Der Anti-Bias-Ansatz sei, so Petra Wagner als eine Erweiterung und Vertiefung der bisherigen Konzepte von interkultureller Pädagogik anzusehen; vor allem deshalb, weil vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung auf der Theorie von "institutioneller Diskriminierung" gründe und damit die individuelle Zuweisung von Vorurteilen und Höherwertigkeitsvorstellungen problematisiere und relativiere. Identitätsbildung erfolgt mit der Geburt und hält ein Leben lang an. Deshalb sind die jeweiligen Lebens- und Handlungssituationen ("Situationsansatz") prägend für Verhaltensmuster und -normen. Im Kindergarten treffen Kinder mit Kindern anderskultureller Herkunft, unterschiedlichen Aussehens, verschiedener Familienverhältnisse und Lebenserfahrungen zusammen; eine Chance, professionell und empathisch zur Wohl-Entwicklung der jungen Menschen beizutragen. Konzept und Praxis, theoretische Darstellung der interkulturellen, vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung (Preissing und Wagner) und die Diskussion von praktischen Erfahrungen im Kindergarten und -tagesstätten, zeichnen die einzelnen Beiträge aus: Evelyne Höhme-Serkes und Mahtokht Ansaris Beitrag über Elternarbeit und Familienkultur; Serap Şikcans Erfahrungen mit Immigranteneltern; Stefani Hahns und Evelyne Höhme-Serkes Vorschläge, wie bei Diskriminierungsanlässen gehandelt und eingegriffen werden kann; Mahtokht Ansaris und Ute Enßlins Auseinandersetzung zum Umgang mit Sprachenvielfalt; Ute Enßlins und Barbara Henkys’s Bericht über die Arbeit mit "Persona Dolls" zur Darstellung der kulturellen Vielfalten und Identitäten, und Katinka Bebers Diskussion, wie Kindertageseinrichtungen vorurteilsbewusst geleitet werden können. Die umfangreiche Literaturliste hilft weiter; der Bericht über das in Berlin-Kreuzberg seit Anfang 2000 arbeitende Fortbildungsprojekt "Kinderwelten" macht die im "Situationsansatz" vorgegebenen Strukturen deutlich; und die Informationen über die Arbeit des europäischen Netzwerkes DETECT signalisiert: Die Anti-Bias-Aktivitäten werden "über den eigenen Tellerrand hinaus" diskutiert und weiter entwickelt.

Fazit

Das Buch hat bisher bei der Entwicklung und Darstellung einer theoriegestützten, praxisbestimmten Pädagogik der frühen Kindheit gefehlt. Es wird den Diskurs über Interkulturelles und Globales Lernen, Toleranz- und Friedenserziehung befruchten.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1734 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245