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Peter Eisenmann: Werte und Normen in der sozialen Arbeit

Cover Peter Eisenmann: Werte und Normen in der sozialen Arbeit. Philosophisch-ethische Grundlagen einer Werte- und Normenorientierung sozialen Handelns. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. 2., überarb. und erweiterte Auflage. 302 Seiten. ISBN 978-3-17-022299-1. 29,90 EUR.

Reihe: Sozialpädagogik.
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Thema

Werte und Normen – als wären es Zwillinge, werden diese beiden sozial- und geisteswissenschaftlichen Grundbegriffe stets in einem Zug genannt. Ob das so auch richtig ist? Gewiss ist, dass sowohl Werte als auch Normen für jede Handlungswissenschaft und damit auch für eine Wissenschaft (sowie Praxis) der Sozialen Arbeit sehr bedeutsam sind. Werte und Normen prägen professionelles Handeln, und Werte und Normen sollen professionelles Handeln auch prägen.

Peter Eisenmann legt sein aus philosophischer Sicht geschriebenes Buch über Werte und Normen in der Sozialen Arbeit nach sechs Jahren zum zweiten Mal auf. Der Aufbau ist derselbe geblieben, ebenso der Text über weite Strecken. Der Autor hat aber nach eigenem Bekunden (S. 14) die Literaturangaben aktualisiert, ein ausführliches Stichwortverzeichnis hinzugefügt und einzelne Kapitel mit besonderem Blick auf Bildung, den Gegensatz von Arm und Reich sowie den Capability-Ansatz erweitert.

Autor

Peter Eisenmann ist emeritierter Prof. Dr. Dr. habil. der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften und Honorarprofessor für Politikwissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Aufbau

Auf die kurze Einführung folgen sieben Kapitel zu den nachstehenden Themen:

  1. Sozialphilosophische Grundannahmen
  2. Grundlagen der Philosophie/Ethik
  3. Wert und Wertekonzept
  4. Die Norm im Kontext des Sozialen
  5. «Soziale Gerechtigkeit»: Kardinalwert oder normierte Illusion
  6. Ethische Kodifizierungen
  7. Reflexion

Den Schluss machen Literatur-, Personen- und Stichwortverzeichnis.

Inhalt

Kapitel A betrachtet das Verhältnis des Menschen zur Gesellschaft, setzt mit Aristoteles ein und fährt mit knapp gehaltenen Ausführungen zu Augustinus, Thomas von Aquin, Hobbes, Locke und Rousseau fort. Zudem geht der Autor kurz auf sozialen Wandel, beispielsweise familialer Lebensformen, ein.

Kapitel B beginnt mit einer notwendigen Begriffsabgrenzung. Ethik sei «die wissenschaftliche Analyse des sittlichen Wollens und Handelns des Menschen» (S. 41), Ethos «eine innerliche Akzeptanz seiner Handlungen und der ihnen zugrundeliegenden Werte» (S. 40), während Moral «sich aus in einer bestimmten Zeit geltenden Grundsätzen und Normen» (S. 42) entwickle. Mit Luhmann gesprochen, ist Ethik «Reflexionstheorie der Moral». Deren Bedeutung für die Soziale Arbeit erweist sich in der Auseinandersetzung mit Ansichten von Albert Mühlum, Hermann Baum und Hans Thiersch. Auf knapp hundert Seiten bietet der Autor sodann einen Tour d?Horizon der verschiedenen Ethiken, ausgehend, wie in den meisten Darstellungen zur Ethik, von der Goldenen Regel in einer positiven und negativen Formulierung. Tugendethik, Pflichtethik, Nutzenethik, Verantwortungsethik und sodann Wirtschaftsethik, Medizin-/Pflegeethik sowie Sozialethik erhalten ein eigenes Unterkapitel. Interessant für die Praxis Sozialer Arbeit sind schliesslich die «Methoden zur ethischen Urteilsfindung» von Baum, Tschudin, Tödt und Höffe. Aus diesen destilliert der Verfasser das Grundmodell Situationsanalyse – Planung – Durchführung – Evaluation.

Kapitel C gilt dem Begriff «Wert», diskutiert ihn zunächst als «ethische» und sodann als «politische und soziale Kategorie». Wichtige philosophiehistorische Stationen sind Aristoteles, Kant, Nietzsche und Scheler. Werte seien «konstitutive Elemente einer Kultur und jedes Sozialsystems, die kulturelle Sinn- und Bedeutungsgehalte vermitteln und damit das Verhalten und Handeln der einzelnen Menschen steuern und leiten» (S. 155). Der Wertewandel kommt mit Verweis auf Inglehart, Klages und Hillmann zur Sprache. Ausführlich geht der Autor auf Grundwerte und Grundrechte ein.

Kapitel D beleuchtet den Begriff «Norm», und dies zunächst mit Bezug auf verschiedene Disziplinen. In der Philosophie steht er «für eine ethisch-moralische (ideale) Zielsetzung als Richtschnur des Handelns», in der Soziologie «für allgemeine sozial gültige Verhaltensanforderungen an die Inhaber sozialer Rollen», in Politik und Rechtswissenschaft «für ein Gesetz oder eine Verordnung etc., um Spielregeln des gesellschaftlichen Umgangs durch Gebote und Verbote festlegen zu können» (S. 201). Bewusstseinsgrad, Verbindlichkeitsgrad, Adressatenschaft, Handlungszusammenhang und subjektiv gemeinter Sinn dienen als Unterscheidungskriterien in einer «Systematik der Normenvielfalt» (S. 204). Brauch, Brauchtum, Volkstum, Konvention, Sitte, Gewohnheitsrechte, Etikette und Mode widerspiegeln unterschiedliche Aspekte von Normen. Zum Verhältnis von Werten und Normen hält Eisenmann fest, «dass Normen ohne Wertbindung der Willkür der Normensetzer unterliegen. Werte lassen sich aber nicht selten dadurch verwirklichen, schützen und durchsetzen, indem man sie mit einer Normierung verbindet. Entscheidend ist in beiden Fällen, dass es gelingt, den jeweils Betroffenen zum einen das tatsächlich ‹Wertvolle› an einer Norm zu vermitteln. Zum anderen kommt es darauf an, den Normadressaten die Einsicht von der Notwendigkeit einer Normierung so zu vermitteln, dass die damit verbundenen Werte aus freien Stücken geachtet und vertreten werden. Gelingt dies den gesellschaftlich relevanten Instanzen, so wird das Handeln der Individuen zumeist unter Beachtung einer selbstverständlichen Wertorientierung erfolgen, ohne dass man der Normierung bedarf bzw. sich dieser überhaupt bewusst wird» (S. 212). Normen durchzusetzen verbindet sich mit positiven und negativen Sanktionen.

Kapitel E erläutert soziale Gerechtigkeit mit einigen grundlegenden Differenzierungen, nämlich zwischen formaler und materialer Gerechtigkeit, Leistungs-, Start-, Bedarfs- und Verteilungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Gerechtigkeit und geht auf den besonderen Aspekt der Bildungsgerechtigkeit ein. Unter den Gerechtigkeitstheorien werden jene von John Rawls sowievon Amartya Sen und Martha C. Nussbaum besonders genau diskutiert.

Kapitel F thematisiert das Menschenrechtsverständnis, die Menschenwürde, die sich in der freien Entfaltung der Persönlichkeit über Freiheits-, Gleichheits- und Sozialrechte verwirklicht, sowie Verletzungen von Menschenrechten und kommt zuletzt auf berufs- und standesethische Postulate zu sprechen.

Kapitel G ist nicht mal eine ganze Seite lang. Hier merkt der Autor an, es wäre «für die Professionalisierung der Sozialen Arbeit sehr hilfreich, wenn die Erkenntnis wachsen würde, dass man bei jeder Normierung nachfragen muss, ob sie sich aus von der Allgemeinheit akzeptierten Werten ergibt und damit selbst wertvoll wird, ob sie deshalb zu befolgen ist, weil sie dem Schutz oder der Durchsetzung von Werten dient und ob sie für alle Beteiligten von Wert ist» (S. 285). Er schliesst mit einem Appell «an die Verantwortung des in den sozialen Berufen Tätigen gegenüber hilfsbedürftigen Menschen unter Weckung eines tugendhaften Verhaltens, an die Pflicht zur Übernahme dieser Verantwortung und an die Ausübung des Berufes in ethisch-moralischer Unbedenklichkeit (S. 285).

Diskussion

Dem Autor gelingen immer wieder gute Überblicke und Zusammenfassungen wichtiger Beiträge zu Werten und Normen. Da und dort in den Text eingewobene Beispiele aus der Sozialen Arbeit erleichtern das Verständnis, gerade die Bezüge zur Sozialen Arbeit und ihrer Theorie fallen jedoch insgesamt viel zu spärlich aus. Der Autor bekennt sich zwar ausdrücklich zu einer philosophischen Perspektive, geht dann aber doch zuweilen auch auf Sachverhalte ein, die in den Kompetenzbereich der Soziologie und Psychologie fallen. Das erwartet man eigentlich ohnehin von einer Schrift über Werte und Normen. Hier werden dann jedoch viele grundlegende Dinge vermisst. Keine Rede von klassisch gewordenen Definitionen, etwa jener von Kluckhohn zum Wertbegriff («Vorstellung des Erstrebenswerten»), von Milieutheorien, Heitmeyers Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, abweichendem Verhalten oder von Demokratisierung und Utopien. Zu wenig erkannt wird die grundlegende Bedeutung des Werts der Sicherheit generell in der kulturellen Moderne und erst recht seit 9/11, obschon der «Geist des Demokratismus» durch ihn zentral geprägt ist. Kaum beachtet werden philosophische und soziologische Versuche, Werte nach basalen Sorten zu gliedern. Der Autor unterscheidet letztlich auch zu wenig präzis zwischen Wert und Norm. So heisst es etwa, Werte würden Verhalten wechselseitig verlässlich und berechenbar machen (S. 157) – das machen Normen. Hilfreich wäre hier auch, genauer darauf einzugehen, wie Habermas zwischen Diskursethik und Diskurstheorie der Moral unterscheidet. Das Verhältnis zwischen dem Guten und Gerechten/Rechten wird kaum beleuchtet. Eine motivationspsychologische Klärung des Verhältnisses von Werten, Einstellungen und Bedürfnissen fehlt, ebenso eine Reflexion der Werterziehung.

Mit Blick auf Soziale Arbeit ist unverständlich, weshalb deren Charakterisierungen als «Menschenrechtsprofession» (Staub-Bernasconi) oder «Gerechtigkeitsprofession» (Schrödter) nicht zur Darstellung kommen. In näherem Bezug zur Sozialen Arbeit erforderlich wäre überdies eine handlungstheoretische Verortung: Bewertungswissen (bzw. – ungenauer – Wertwissen), das aus der Kenntnis von Werten und Normen und deren Begründungsmöglichkeiten besteht, fungiert ja in der Handlungstheorie als zentrale Wissensart. Sodann wäre eine Diskussion im Rahmen der Mandatierung Sozialer Arbeit, des sogenannten Tripelmandats, nötig.

Fazit

Eisenmanns Buch über Werte und Normen, wohlverstanden: in der Sozialen Arbeit, hat durchaus seine Stärken, nämlich da, wo bestimmte ethische und rechtliche Grundlagen ausführlich und materialreich referiert werden. Der Lücken sind aber zu viele, als dass dieses Buch umstandslos empfohlen werden könnte. Besonders schmerzt der mangelhafte Bezug auf den Diskurs der Wissenschaft der Sozialen Arbeit. Bei all den genannten Einwänden muss sich die Leserin bzw. der Leser aber schon bewusst sein, dass das Thema «Werte und Normen» ein weites Feld unterschiedlicher Disziplinen betrifft, und dem Autor zugut halten, dass er mit dem Untertitel des Buchs lediglich «philosophisch-ethische Grundlagen» erwarten lässt.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 17.06.2013 zu: Peter Eisenmann: Werte und Normen in der sozialen Arbeit. Philosophisch-ethische Grundlagen einer Werte- und Normenorientierung sozialen Handelns. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. 2., überarb. und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-022299-1. Reihe: Sozialpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14133.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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