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Norbert Mappes-Niediek: Arme Roma, böse Zigeuner

Rezensiert von Prof. Dr. Nausikaa Schirilla, 24.01.2014

Cover Norbert Mappes-Niediek: Arme Roma, böse Zigeuner ISBN 978-3-86153-684-0

Norbert Mappes-Niediek: Arme Roma, böse Zigeuner. Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt. Links Verlag (Berlin) 2012. 208 Seiten. ISBN 978-3-86153-684-0. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 24,90 sFr.
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Thema

Ein provokanter Titel und ein provokantes Buch. Es geht um Hintergründe der Zuwanderung von Romafamilien aus Ost- und Südosteuropa in die westeuropäischen Länder. Mappes-Niediek vertritt in diesem Buch die These, dass so ziemlich alle landläufigen Thesen, Vorurteile und positiven Annäherungen an die Roma falsch sind und dass das Hauptproblem der Roma die Armut sei, die aber insgesamt das Hauptproblem der ost- und südosteuropäischen Gesellschaften darstelle. Damit argumentiert Mappes-Niediek zugleich gegen die Behauptung, die Diskriminierung der Roma sei das aktuelle Hauptproblem und gegen viele Studien und Ansätze einer Minderheitenpolitik in der EU.

Aufbau und Inhalt

Der Autor ist Balkankorrespondent für mehrere Tageszeitungen und schreibt in einer Mischung aus Journalismus und Wissenschaft, das heißt in einem flüssigen, gut lesbaren aber sachlichen Stil ohne Belege und direkte Quellenangaben. Quellen und Belege sind als allgemeine Quellen und Tipps zum Weiterlesen an Kapitel angehängt.

Das Buch behandelt in mehreren Kapiteln bestehende Vorurteile und klassische Fragen bezüglich der Roma, beispielsweise das Verhältnis von Armut und Kultur, die bzw. überhaupt die Frage nach der Kultur, Migrationsmotive, Nationenbildung, politische Organisationen etc.

Diskussion

Die zentrale These, dass das Hauptproblem und Hauptmigrationsmotiv von Romagruppen die Armut darstelle, begründet Mappes-Niediek im ersten Teil und stellt zugleich dar, dass Armut und Arbeitslosigkeit das ganz zentrale Problem der süd-osteuropäischen Staaten in der Transformationsperiode darstellen und weder romaspezifisch und balkanspezifisch seien. Der Zusammenbruch der alten Regime hatte einen massiven Zusammenbruch der Wirtschaft, der Bildung, der Infrastruktur und des Gesundheitswesens zur Folge, an der die schwächeren Gruppen der Gesellschaft bis heute leiden. Für Mappes-Niediek ist die Bewältigung der Armutsfrage die zentrale Herausforderung und nicht eine Integration oder Veränderung der Roma. Mappes-Niediek zeigt, dass politische und ökonomische Transformation die Roma besonders getroffen haben, weil sie eine niedrige soziale Stellung innehatten, aber nicht weil sie Ausgrenzung erleiden. Aufgrund der Politik der vorigen Regime der osteuropäischen Länder waren die Roma auf niedriger sozialer Position integriert aber nicht aufgegrenzt. Diese Ansätze ökonomischer und sozialer Integration wurden mit der wirtschaftlichen Transformation aber kaputt gemacht. Damit zeigt Mappes-Niediek zugleich, dass die Armut von Roma nicht mit ihrer Kultur zu erklären sei. Armut und mangelnde Infrastruktur (z.B. kein öffentliches Transportsystem) sei der Grund für mangelnden Schulbesuch, geringe Bildung und eine kaputte Wirtschaft der Grund für die Armut. Stehen Roma aufgrund dieser Fakten am Rande der Gesellschaft so werden sie von der Gesellschaft weiter ausgegrenzt und verlassen sich stärker auf familiäre Bande und den inneren Zusammenhalt.

Überhaupt ist vieles was als Romaproblem oder Kultur bezeichnet werde Mappes-Niediek zufolge falsch. So seien weder die Kultur, noch die Könige oder die Religion oder der Nationalismus der Roma für Ausgrenzung verantwortlich zu machen, sondern nur Armut und schlechte Bildung. Alle Theorien über Traditionen, Nationen und Kulturen verweist Mappes-Niediek in den Bereich des Spekulativen und bezeichnet immer wieder das Verhalten von Romafamilien als ganz normale, natürliche und allgemeine Strategie des Überlebens in Krisensituationen. Sowohl die Migration und Arbeitssuche im Ausland, als auch ein Sozialhilfebezug oder ein Rückzug in die eigene Community sind seiner Meinung nach ganz logische und plausible Anpassungsstrategien an veränderte wirtschaftliche und soziale Gegebenheiten. Obwohl Mappes-Niediek immer wieder gegen das Argument der Diskriminierung vorgeht, wiederholt er es in seiner eigenen Argumentation selbst, denn viele Geschichten und kulturalisierende Erklärungsansätze zur Situation der Roma beschreibt er als Erfindungen, die Teil der Strategien der Ausgrenzung der Roma sind.

Auch die politische Strategie einer Minderheitenpolitik ist ihm zufolge falsch. Sie unterstellt die Roma als einheitliches Volk mit einem nationalen Interesse, was seiner Meinung nach eine Fiktion darstelle. Als Hauptherausforderung benennt Mappes-Niediek: Armut, Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere und unterfinanzierte Gesundheitswesen. So stellen eine patchworkartige „gypsy industry“ der Förderung von NGOs und wohlmeinenden Antidiskriminierungsprojekten eine Politik dar, die am eigentlichen Problem vorbeiarbeitet, weil das eigentliche Problem nicht die Roma sind, sondern die wirtschaftliche Situation in den Ländern ihrer Herkunft.

Fazit

Das Buch ist voll von Beispielen und Geschichten, die die oben genannten Thesen in stets anderer Form belegen und illustrieren. Insgesamt ein lesenwertes Buch mit vielen unterschiedlichen Informationen und einer klaren Linie. Mappes-Niediek erzählt und widerlegt viele Geschichten, es ist nur schade und inkonsequent, dass Mappes-Niediek manche Geschichten als Vorurteile widerlegt, indem er andere Geschichten erzählt, von deren Wahrheitsgehalt die LeserInnen nicht unbedingt überzeugt sein müssen, denn auch diese sind nur Geschichten… .

Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Es gibt 37 Rezensionen von Nausikaa Schirilla.

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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 24.01.2014 zu: Norbert Mappes-Niediek: Arme Roma, böse Zigeuner. Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt. Links Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-86153-684-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14146.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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