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Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge

Cover Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 475 Seiten. ISBN 978-3-608-94735-9. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Der Klappentext kündigt an, dass „unterhaltsam und scharfsinnig“ mit dem Mythos, „Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören“ aufgeräumt werde. Cordelia Fine entlarve, „wie unter dem Deckmantel der Wissenschaft fehlerhafte Untersuchungen, oberflächlich gedeutete Forschung und vage Beweise zu angeblichen Tatsachen gemacht wurden“. Frau Fine zeige, wie „unser Leben als Mann und Frau stark von der subtilen Macht der Stereotypen beeinflusst wird, selbst wenn wir sie nicht gut heißen“.

Autorin

Cordelia Fine ist die jüngere (geb. 1975) von zwei Töchtern der erfolgreichen britischen Schriftstellerin Anne Fine. Sie hat eine eigene homepage (http://cordeliafine.com), auf der sie über ihre akademische Arbeit als Neurowissenschaftlerin und über ihre journalistischen/populärwissenschaftlichen Aktivitäten informiert. Sie arbeitet an der Melbourne Business School, Australien. Dort lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen.

Aufbau

Das Buch besteht aus einem Vorwort (S. 11-31), drei Hauptteilen, die jeweils in einzelne Kapitel untergliedert sind (S. 33-361), einen Epilog (S. 362-372), einer Danksagung und einer „Bemerkung der Autorin“ sowie einem nahezu 100-seitigen Anhang, der wiederum aus Anmerkungen (S. 377-423), einer Bibliographie (S. 424-462), einem Personenregister und einem Sachregister besteht.

Während der erste Hauptteil (S. 35-167) die Ebene der Vorurteile behandelt (bzw. die Tatsache, dass wir von der uns umgebenden Kultur geprägt und entsprechend auf diese abgestimmt sind), geht der zweite Teil (S. 169-300) auf die neurowissenschaftliche Seite ein. Hier werden Aussagen über männliche und weibliche Gehirne vorgestellt bzw. eine kritische Diskussion des Hauptthemas, dass es angeborene Geschlechtsunterschiede gibt. Im dritten Teil (S. 301-361) geht Frau Fine der Vermutung nach, dass sich Geschlechtervorurteile weiterhin aufrechterhalten werden .

Inhalt

Das Buch behandelt die Macht der Vorurteile. M.a.W. geht Frau Fine davon aus, dass der menschliche Geist durch den soziokulturellen Kontext, in dem er tätig ist, beeinflusst wird. Wir lernen „Mann“ bzw. „Frau“-Sein. Wir stellen uns uns selbst in Gender-Begriffen vor, was die Bedeutung von Stereotypen und sozialen Erwartungen herauf setzt: „(…) der soziale Kontext beeinflusst, wer Sie sind, wie Sie denken und was Sie tun. Und diese Ihre Gedanken, Gewohnheiten und Haltungen werden ihrerseits wieder zu einem Bestandteil des sozialen Kontexts“ (S. 27).

Diskussion

Zwischen den Angaben im Klappentext und denen der Autorin besteht eine deutliche Diskrepanz. Behauptet der Klappentext, dass die Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine „unterhaltsam und scharfsinnig“ mit einem Mythos aufräume, geht die Verfasserin in ihrer „Bemerkung der Autorin“ von einer ganz anderen Situationsbeschreibung aus: „Es ist, so meine ich, sehr schwer, etwas Originelles zu Genderfragen zu sagen, und das war auch gar nicht meine Absicht“ (S. 373). Dem kann der Rezensent nur zustimmen. Das Buch ist wirklich nicht unterhaltsam und auch nicht originell.

Gehen wir der „Beschreibung der Autorin“ noch etwas weiter nach: „Ich habe Material aus vielen verschiedenen Disziplinen zusammengetragen, wobei mein Ziel nicht darin bestand, auf den Schultern der anderen zu stehen, sondern den Blick von dieser Position in allgemeinverständlicher Weise zugänglich zu machen“ (ebd.). Genau, darum geht es in diesem Buch. Frau Fine fasst für ihre LeserInnen eine Vielzahl (denken wir an das Literaturverzeichnis mit dem Umfang von 38 Seiten!) ausschließlich englischsprachiger Literatur zusammen. Aber wen soll das interessieren? Ich kann mir einen potentiellen Leserkreis vorstellen, der die von Frau Fine zusammengefassten Artikel lieber selber lesen würde und einen Leserkreis, den solche Artikel nicht interessieren. Während erstere also lieber die Originalliteratur lesen, werden letztere mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht durch eine Zusammenfassung wie der vorliegenden für die Inhalte des Fine´schen Werkes zu begeistern sein.

Die Übersetzerin Frau Susanne Held hatte die schwierige Aufgabe, diese umfangreiche Sammlung aus Zitaten und Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Aufsätzen (hauptsächlich aus der Zeit zwischen etwa 2000 und 2010) und Ergebnissen dieser Aufsätze in eine verständliche deutsche Sprache zu übersetzen. Ihr gebührt ein besonderes Lob.

Wie gesagt, der Klappentext verspricht ein amüsantes und scharfsinniges Buch. Auch die Abbildung der Püppchen auf dem Einband ist originell und signalisiert eine eher „leichte“ Kost. Aber der Inhalt des Buches ist alles andere als das.

Fazit

Ich kann mit diesem Buch nichts anfangen. Ich weiß nicht, wozu und für wen es gut sein soll. Frau Fine hat sich gewiss viel Arbeit gemacht, all´ die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zusammenzutragen und aufzuschreiben. Obwohl sie sich um eine ´leichte´ Sprache bemüht, ist das Buch doch sehr zäh. Dies ist darauf zurückzuführen, dass ein Forschungsergebnis an das andere gereiht wird und dass sich die Autorin mit einer eigenen logischen Gedankenführung deutlich zurückhält. Der von Fine thematisierte Trend, Hauptursachen für Geschlechterunterschiede nicht in der Gesellschaft, sondern im Gehirn zu lokalisieren, ist es sicherlich wert, beschrieben und kritisiert zu werden. Aber mit ihrer pseudowissenschaftlich-jovialen Art und Weise, dies zu tun, greift Frau Fine in Sprache und Inhalt daneben. Nicht empfehlenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 04.06.2013 zu: Cordelia Fine: Die Geschlechterlüge. Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-94735-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14147.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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