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Mechthild Bereswill, Gabriele Franziska Götz: Identität und öffentlicher Raum

Cover Mechthild Bereswill, Gabriele Franziska Götz: Identität und öffentlicher Raum. Soziale Beziehungen und Raumstrukturen ; [eine interdisziplinäre Forschungswerkstatt]. Kassel University Press (Kassel) 2012. 142 Seiten. ISBN 978-3-86219-288-5. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
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Thema

Öffentliche Räume sind Räume der Repräsentation. Ihre Gestaltung und ihre Struktur sind darauf ausgerichtet, dass man sich präsentieren kann in der Distanz zu anderen, in der Anonymität zum anderen, in dem Fremdsein dem Anderen gegenüber – zumindest im urbanen Kontext.

Und die Sicherung der Identität ist wesentlich an ihre Darstellungsmöglichkeiten gebunden. "Wer bin ich im Verhältnis zu den anderen?" und: "Wie will ich, dass mich die anderen sehen?" – das dürften die zwei wesentlichen Fragen nach der Identität sein.

Es geht aber nicht um das Verhältnis des Individuums zum jeweils anderen im öffentlichen Raum, sondern im Spezifischen um das Verhältnis des Individuums zum öffentlichen Raum und damit um das Verhältnis des Privaten zum Öffentlichen; die damit zusammenhängende Spannung können wir seit H. P. Bahrdt als das Konstitutive des Urbanen betrachten.

Autorinnen

Mechthild Bereswill und Gabriele Franziska Götz zeichnen als Verantwortliche dieses Buches.

Die übrigen Autorinnen und Autoren sind Studierende unterschiedlicher Disziplinen der Universität Kassel und Teilnehmerinnen und Teilnehmer an einer interdisziplinären Forschungswerkstatt, die von den beiden Verantwortlichen des Buches geleitet wurde die beiden ebenfalls unterschiedlichen Disziplinen angehören (Soziologie und Gestaltung).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Struktur und Bewegung
  3. Wer bist du eigentlich?
  4. Sprachraum Straßenbahn
  5. Emotionen im öffentlichen Raum
  6. Dynamischer Austausch zwischen internem und externem Raum
  7. Zivilcourage und so
  8. Privatsphäre und Störung

Inhalt

In ihrer Einleitung erläutern die Verantwortlichen des Projektes zunächst Ziel und Absicht der interdisziplinären Forschungswerkstatt. Wie gestalten sich soziale Beziehungen im öffentlichen Raum der Straßenbahn, die wiederum einen öffentlichen Raum der Stadt durchfährt; wie also gestalten sich soziale Beziehungen im mobilen öffentlichen Raum der Tram? Die Tram ist an ein bestimmtes starres Netz gebunden, das der Codex bestimmt, dem alle Akteure im öffentlichen Raum unterliegen. Es geht den beiden Autorinnen um die Wechselwirkung der sozialen Beziehungen in der Tram und deren Strukturbedingungen des Handels. Ob es noch andere Orte gibt außer der Straßenbahn, an der diese Frage erforscht werden kann, sei dahingestellt, vor allem ob damit auch die These Sennetts vom "Verfall der Öffentlichkeit" bereits ausreichend dargestellt werden kann, ist eine weitere Forschungsfrage wert.

Weiterhin werden interdisziplinäre Zugänge zum öffentlichen Raum dargestellt und begründet. Vor allem geht es um die Verknüpfung und die wechselseitige Durchdringung von gesellschaftswissenschaftlichen und gestalterischen Zugängen zum öffentlichen Raum. Das Raumverständnis wird dabei an M. Löw angelehnt.

Heterogenität und Vielfalt erzeugt Komplexität und ihre zeitliche Überlagerung und ihre Dichte wird im Alltäglichen in der Tram erfahren, bearbeitet und ausgehandelt.

Auch werden methodische Elemente einer interdisziplinären Herangehensweise diskutiert, Forschungsfragen formuliert und das Forschungsdesign entworfen.

Struktur und Bewegung

Nach einigen allgemeinen Erläuterungen des Handelns im öffentlichen Raum und der Erörterung einiger Handlungsstrategien fragen die Autorinnen dieses Kapitels wie Fahrgäste in der Tram auf den vorhandenen Raum reagieren. Ist die Straßenbahn voll, eignen sich die Fahrgäste den Raum anders an, als wenn sie leer ist und dies wird auch zeichnerisch erörtert. Der vorgegeben Sozialraum Straßenbahn hat somit seine Eigendynamik der Zeit-Raum-Perspektive.

Ganz andere Kriterien haben die Kassler Verkehrsbetriebe (Überraschung?).

Wer bist du eigentlich?

In vier Stationen wird diese Frage beantwortet:

  • Wir schauen uns um,
  • Tramfashion,
  • Wir nähern uns der Wirklichkeit und
  • Ziel erreicht?!

Es geht um die Frage, welche Assoziationen und Konnotationen wir mit einzelnen Fahrgästen verbinden, wenn wir ihre Mimik, ihr Outfit, ihre Accessoires, ihre Zeitungen und Bücher anschauen, ihr Ess- und Trinkverhalten beobachten.

Dabei unterteilen die Autorinnen die Straßenbahnstrecke, weil sie beobachten, dass in bestimmten Abschnitten hauptsächlich eine bestimmte Kategorie von Menschen ein- und aussteigt.

Nach einer Beobachtung der ersten drei Abschnitte kommt im vierten Abschnitt auch eine Befragung der Fahrgäste hinzu. Das Ganze wird durch schöne Fotos illustriert und verdeutlicht.

Sprachraum Straßenbahn

Es geht darum, wie Gespräche in der Tram soziale Räume erzeugen. Der soziale Raum ist eigentlich schon da, er wird durch Sprache eher noch einmal virulent. Auch hier wird noch einmal beobachtet und analysiert.

Das Verhältnis vom öffentlichen Raum zum privaten Raum ist der weitere Diskussionsgegenstand. Deutlich wird, dass dieser Gegensatz von Öffentlichkeit und Privatem allmählich obsolet wird, zumal viele Verhaltensweisen und Beziehungsmuster, die wir bislang dem privaten Raum zugeordnet haben, jetzt auch im öffentlichen Raum möglich sind und realisiert werden. Die Tatsache allerdings, dass ich im öffentlichen Raum ein Gespräch mit einem Individuum führe, macht dieses Gespräch noch nicht zu einem privaten Gespräch. An diesem Beispiel wird nicht unbedingt deutlich, wie die Grenzen verschwimmen.

Emotionen im öffentlichen Raum

Wie wird in der Tram mit Gefühlen umgegangen und wie werden Individuen von Emotionen beeinflusst? Dabei kommt es auch darauf an, als Beobachter/in sich selbst zu reflektieren. Und schließlich geht es um das Austarieren von räumlicher Nähe und Distanz oder um räumliche Nähe und die Aufrechterhaltung von sozialer Distanz unter den Bedingungen räumlicherEnge. Dies wird an nonverbalem Verhalten, aber auch an Gesprächen exemplifiziert.

Alles wird dabei beobachtet, zum Teil auch erfragt. Auch hat diese Gruppe interdisziplinäre Zugänge diskutiert, was die Gruppe als fruchtbar empfand.

Dynamischer Austausch von internem und externem Raum

Hier wird noch einmal das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum diskutiert. Dass Menschen in einem Raum agieren, macht ihn zum sozialen Raum, aber was unterscheidet die Handlungen und Beziehungen im öffentlichen Raum von denen im Privaten? Und: wird der öffentliche Raum nur dadurch zum öffentlichen Raum, dass die Akteure ihn konstruieren oder wird er nicht auch gestaltet durch die Plätze und öffentlichen Bauten, die ihn schließlich repräsentieren? Ist der öffentliche Raum schließlich nicht auch strukturell vorgegeben und man kann ihn nur noch wahrnehmen und interpretieren, wodurch er dann konstruiert wird?

Zivilcourage und so

Der öffentliche Raum schützt einen ja auch. Seit G. Simmel gelten die Distanzierung, Blasiertheit und Intellektualität des Großstädters als Schutzmechanismen. Warum soll jemand aus seiner Anonymität heraustreten? Kann es Ziel urbanen Verhaltens sein, seine Anonymität aufzugeben, sich also so zu verhalten, wie man es im Privaten tut? Diese Fragen stellen sich beim Lesen des Experiments. Und ist der Mensch mit Kopfhörern kommunikationslos? – er kommuniziert doch mit dem was er hört? Was dürfen wir von anderen erwarten, was sie tun sollen – selbst wenn wir es nicht tun würden?

Privatsphäre und Störung

Zunächst wird der historische Kontext erläutert, der Stadtentwicklung und die Entwicklung der Straßenbahn in Kassel zusammenbringt. Dann geht es um die Regelverletzung im sozialen Raum der Straßenbahn und der Frage der Kompromissbereitschaft. Dazu werden einige Fallbeispiele dokumentiert und interpretiert.

Diskussion

Das Buch ist ein schön gestalteter Werkstattbericht. Aber es bleiben viele Fragen offen oder sind zumindest so bearbeitet und beantwortet, dass sie zu weiteren auch gründlicheren Diskursen auffordern.

Sicher: Studierende analysieren, diskutieren und interpretieren sozialen Sachverhalte und Phänomene nach Maßgabe ihrer Kenntnisse und Möglichkeiten. Unter diesen Gesichtspunkten ist es eher interessant, wie die Studierenden - auch als junge Menschen – ihre beobachtete Welt wissenschaftlich, aber auch zum großen Teil alltagstheoretisch deuten und reflektieren. Bedeutsam ist auch, dass sie in Diskursen – vor allem interdisziplinären Diskursen lernen, wie man Forschungsfragen formuliert und sie zu bearbeiten versucht.

Die Texte sind schön geschrieben, leicht und gut lesbar und verständlich. Das Projekt hilft so auch anderen Studierenden, sich mit Fragen der Forschung zu beschäftigen.

Der Ansatz, Identität und öffentlicher Raum im Rahmen einer Straßenbahnfahrt durch Kassel zu verdeutlichen, ist interessant und macht auf einige Facetten dieses Verhältnisses aufmerksam, die sich sonst dieser Diskussion eher entziehen.

Das Buch ist mit einer Reihe von Fotos ausgestattet, es ist künstlerisch schön gestaltet. Schriftgrad und -farbe sowie der Hintergrund der Schrift sind zum Teil auch eine Herausforderung an die Sehkraft.

Fazit

Das Buch ist eine andere Form der Darstellung in der empirischen Forschung, die vor allem Studierende anregt, sich mit der Erforschung sozialer Wirklichkeit zu beschäftigen. Es regt sicher auch die in der Forschung Tätigen an, die sich Gedanken machen um Alternativen der Forschungsdokumentation.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 17.01.2013 zu: Mechthild Bereswill, Gabriele Franziska Götz: Identität und öffentlicher Raum. Soziale Beziehungen und Raumstrukturen ; [eine interdisziplinäre Forschungswerkstatt]. Kassel University Press (Kassel) 2012. ISBN 978-3-86219-288-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14151.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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