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Tobias Dirks: Sexualpädagogik in beruflichen Handlungsfeldern

Cover Tobias Dirks: Sexualpädagogik in beruflichen Handlungsfeldern. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2012. 264 Seiten. ISBN 978-3-427-10741-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Ausbildung und Studium.
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Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

Im ersten Kapitel „Basiswissen Sexualpädagogik“ wird eine Einführung ins Thema geboten, das 2. und 3. Kapitel beschäftigen sich in chronologischer Reihenfolge mit Sexualpädagogik (für Kinder, für Jugendliche), die folgenden Kapitel 4 bis 6 behandeln einzelne Gesichtspunkte näher (z.B. Sexualpädagogik und Erziehungshilfe, Sexualpädagogik und Behinderung, Sexualpädagogik und Medienkonsum).

Das 7. Kapitel beschließt den Band mit Erläuterungen zum Thema sexuelle Gewalt. Neben aufgeführten Literatur-, Bildquellen- und Stichwortverzeichnis wäre eine Übersicht zu den Autoren informativ gewesen.

Die Kapitel 1, 2 und 7 werden näher beleuchtet.

Ausgewählte Inhalte

Das Kapitel „Basiswissen Sexualpädagogik“ gliedert sich in zehn Abschnitte (Seite 7-53).

Im ersten Abschnitt, betitelt „Warum ein Lehrbuch zur Sexualpädagogik“ wird die Notwendigkeit des Buches hergeleitet, um zum einen eine systematische Auseinandersetzung mit dem Thema zu gewährleisten, zum anderen aber auch, weil damit „… Unsicherheiten abgebaut und die Wahrnehmung … geschärft …“ werden können (S. 8). Schon im Einführungskapitel wird auf die unterschiedlichen Bedeutungszusammenhänge von Sexualität eingegangen. Wichtige Aussagen und Definitionen sind im Text rot hervorgehoben, das macht es für die Anwendung in lehrenden Kontexten gut handhabbar. Im ersten Kapitel werden zudem die Begriffe Sexualpädagogik, Sexualerziehung, Sexualaufklärung und Sexualpädagogische Beratung, aber auch sexuelle Bildung voneinander abgegrenzt und definiert. Im zweiten Abschnitt wird danach gefragt „Was ist Sexualität?“ Darin wird neben biologischen auch sozialen Abhängigkeiten Raum gegeben, aber auch der Tatsache individueller Gestaltungsmöglichkeiten Rechnung getragen. Ein besonderer Gewinn ist die Einbettung des Themas in sozialpolitische Erwägungen; wie sie z.B. im Satz „In einer demokratisch organisierten Gesellschaft kann den Menschen nicht vorgeschrieben werden, wie sie ihr sexuelles Leben gestalten sollen“ – ein Satz, der mit Blick auf aktuelle Geschehnisse in Nachbarländern (z.B. den Demonstrationen in Frankreich gegen homosexuelle Eheschließungen) signifikant relevant für die Sexualpädagogik ist. In diesen Abschnitt eingebettet ist ein kurzer Exkurs zum Thema sexuelle Vielfalt, der mit einer pädagogisch spannenden Aufgabe beschlossen wird.

Im Abschnitt 1.3 werden sexuelle Entwicklung und sexuelle Identitäten diskutiert. Begonnen wird mit einem kleinen Exkurs zur Bedeutung des Körpers, der nach Wunsch der AutorInnen den Körper als positive Ressource wahrnehmen lässt – angesichts der Fallzahlen zu Essstörungen ein geradezu brisantes Thema. In den folgenden Exkursen wird sexuelle Sozialisation, sexuelle Identität und sexuelle Orientierung behandelt. Der Interdependenz von Natur und Kultur wird in besonderem Maße Rechnung getragen bei der diskursiven Behandlung, da einerseits bisher kaum Erkenntnisse zu genetischen Bedingungsgefügen zur Entstehung von Homo- oder Heterosexualität vorliegen, andererseits sexuelle Orientierungen über die Lebensspanne variabel sein können und dies bei den sich anschließenden Reflexionsfragen praxisnah thematisiert wird. Im Abschnitt 1.4. wird die Geschichte der Sexualpädagogik kurz umrissen, Neben einem kurzen Abriss der Geschichte wird im Abschnitt 1.5 auf aktuelle Positionen zur Sexualpädagogik eingegangen, die von den AutorInnen als drei relevante Typen charakterisiert werden: die repressive, die vermittelnd-liberale, die emanzipatorische Sexualerziehung. Im Abschnitt 1.6 wird das Thema Ethik der Sexualpädagogik im interkulturellen Kontext diskutiert. Begonnen wird der Abschnitt mit einer längeren Definition zur Differenzierung von Normen, Werten, Moral und Ethik. Die zwischen machtgleichen Personen meist praktizierte Verhandlungsmoral gilt eben nur in Teilen der Bevölkerung, kaum oder gar nicht für verschiedene Teilgruppen. So wird einigen jugendlichen AkteurInnen eine „Patchworkmoral“ attestiert, ohne dass indes näher auf Implikationen eingegangen wird. Es wäre durchaus ein zusätzlicher Gewinn gewesen, wäre hier auf Praxisbeispiele sexualpädagogischen differenzierten Arbeitens eingegangen worden. So wird in den Exkursen zu „Sexualität – interkulturell“, „Sexualität und Moralerziehung“ zwar mehrfach auf kulturelle Konflikte verwiesen, jedoch weder Lösungsmöglichkeiten noch Ressourcen angeboten. Die Leitlinien der wechselseitigen Akzeptanz, des Muts, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (hier sind Verweise auf Kant unübersehbar), der Behauptung des Eigensinns gegen Zwang, der Auseinandersetzung mit eigenen /fremden Wertvorstellungen sowie der Moralentwicklung verweisen dabei auf die Vorleistung der Erwachsenen. Was aber, wenn die nicht erbracht wird?

Im Abschnitt zu den Themen der Sexualpädagogik werden zunächst allgemeine Themen kurz angerissen, bevor im Exkurs zu methodischen Konzepten und didaktischen Impulsen und Medien neben den Informationen der BZgA auf Modelle, Projekte und Methoden wie z.B. Peer Education, Beratungstelefonen, Online-Medien und Konzepten verwiesen wird. Im Exkurs zum Umgang mit Methoden und didaktischen Anregungen wird insbesondere zu (selbst-)reflexiven Fragen und einen individuellen Umgang statt schablonenhafter Anwendung angeregt. Im darauffolgenden Abschnitt wird passend auf die Situation der Erziehenden im (von den AutorInnen so genannten) sexualpädagogischen Kräftefeld eingegangen, wobei der Exkurs mit der Überschrift „Alltag und Utopie“ eingeführt wird. Hier wird auch auf die Tatsache eingegangen, dass ja die Erziehenden selbst sexuelle Wesen sind. Auf mindestens anderthalb Seiten wird das professionelle Spannungsverhältnis von Nähe und Distanz samt reflexiven Überlegungen diskursiv dargestellt und im Exkurs „Erzieherinnen und Erzieher sind auch sexuelle Menschen“ weiter vertieft. Einen Grenzgang vollziehen die AutorInnen im Exkurs zur Thematik der erotischen Schwingungen und der Grenze zu sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt. Einer Aussage wie „Wenn pädagogischer Alltag nicht auf eine unsinnliche und rein kognitiv dominierte Pflichtveranstaltung reduziert werden soll, muss vom Vorhandensein und der sogar wünschenswerten Wirksamkeit erotischer Schwingungen ausgegangen werden“ (S. 41) sofern bedingungslos zugestimmt werden, als es für status- und machtgleiche Personen gilt. Aber in strukturell hierarchisch geprägten generationalen Verhältnissen (ErzieherIn-Kind, Eltern-Kind) kann eine solche Aussage schnell missverstanden werden. Im Exkurs zum Umgang mit dem Verhältnis von Erziehung und Sexualität wird darauf noch einmal ausführlicher eingegangen. Die sich daran anschließenden Überlegungen zum bewussten Umgang der Erziehenden mit ihrem sexuellen Selbst hätten eher an den Anfang des Abschnitts gepasst, da es zum einen um grundsätzliche Überlegungen geht: „Gemeint ist die Bewusstmachung der eigenen Körper-, Bedürfnis-, Beziehungs- und Geschlechtsbiographie und das Nachdenken über die Motivation zur sexualpädagogischen Arbeit… Die Reflexion der persönlichen Biographie kann dazu beitragen, andere in ihren Einstellungen und Handlungen unvoreingenommener wahrzunehmen, sich in andere Lebenswelten einzufühlen, sprachfähiger zu werden, das eigene Handeln von außen zu betrachten und gegebenenfalls zu verändern“ (S. 45). Auch die sich daran anschließenden und daraus ergebenden Reflexionsfragen hätten m.E. besser an den Beginn des Abschnitts gestellt werden können.

Im Abschnitt zu institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen wird zum einen über den Umgang mit institutionellen Barrieren informiert. Die AutorInnen weisen neben den objektiven ebenso auf subjektive (und/oder subjektiv gefühlte) Hemmnisse und Möglichkeiten zur Überwindung hin, allerdings bleibt doch kritisch anzumerken, dass objektive Hemmnisse (z.B. disziplinarische Drohungen) wohl kaum durch Mut zu überwinden ist. In den letzten 2 Abschnitten des Kapitels werden die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern dargestellt. Insbesondere im Abschnitt zur Elternarbeit wird verdeutlicht, dass sich beide Instanzen in der Erziehungspartnerschaft befinden.

Im 2. Kapitel „Sexualerziehung in Kindertagesstätten“ (S. 54-83) wird in 9 Abschnitten das Problemfeld Bildung, Geschlecht und kindliche Sexualität entfaltet.

Der erste Abschnitt, betitelt „Kinder sind sexuelle wesen von Anfang an“, stellt dar, dass die sexuelle Entwicklung der Kinder bereits vorgeburtlich beginnt. Vertreten wird dabei die Position der heterologen Sexualität (d.h. die Sexualität von Kindern unterscheidet sich deutlich von der Sexualität Erwachsener). Im zweiten Abschnitt wird die psychosexuelle und die psychosoziale Entwicklung dargestellt. Die Autorin, Christa Wanzeck-Sielert, koppelt in der Darstellung die Freudsche Theorie mit den Eriksonschen Entwicklungsaufgaben. So wird im Exkurs zum ersten Lebensjahr die orale Phase mit den Entwicklungsaufgaben Vertrauen vs. Misstrauen erläutert, während die anale Phase mit den Entwicklungsaufgaben Autonomie vs. Scham korreliert. Ein Exkurs zum 3.-5. Lebensjahr, als infantil-genitale Phase gekennzeichnet und mit den Entwicklungsaufgaben Initiative vs. Schuldgefühle gekoppelt und geschlechterdifferenziert dargestellt, leitet zur Mittleren Kindheit mit den entsprechenden Entwicklungsaufgaben von Leistung vs. Minderwertigkeit über. Hier werden auch erstmals Aufgaben gestellt. Im Anschluss wird die ausgehende Kindheit, als Altersbereich von 10-13 Jahren aufgefasst, erläutert. Dabei wird insbesondere der Wunsch der Kinder, „normal“ (und das bedeutet heterosexuell) zu sein, charakterisiert und die geringe Akzeptanz anderer sexueller Orientierungen erklärt: „Es dominiert der Wunsch, die erwünschte Geschlechtsidentität zu verfestigen. In ihren gleichgeschlechtlichen Peergruppen üben Mädchen wie Jungen Geschlecht und Begehren ein“ (S. 66). Dabei bleibt jedoch die Frage der Ausprägung davon differierender Identitäten und der Auseinandersetzung damit unbeantwortet.

Im Abschnitt 2.3 „Konzeptionelles: Bildungsleitlinien und Situationsansatz“ wird der Zusammenhang von Bildung und Sexualität näher beleuchtet. An das pädagogische Personal ergehen dabei eindeutige Aufforderungen u.a. zur Stärkung der Kinder. So wird im Exkurs zu männlichen und weiblichen Erzieher/innen allgemein auf die unterschiedliche Sich des päd. Personals auf kindliche Sexualität als generell bereichernd abgehoben, ohne genauer zu definieren, worin und warum die Bereicherung besteht. Im Exkurs zu Rahmenbedingungen wird sowohl auf institutionelle (z.B. räumliche) wie individuelle Bedingungen eingegangen. Die Autorin kritisiert dabei ausdrücklich die sorgende Haltung vieler ErzieherInnen, vermutlich begründet durch Angst, kontrollierend in das Verhalten der Kinder einzugreifen: „Es gilt, bei aller berechtigten Sorge zu fragen, ob der Wunsch nach Kontrolle aus dem Verhalten der Kinder oder eher aus eigener Unsicherheit, einer unterschwelligen Ablehnung kindlicher Sexualität oder (noch) nicht vorhandenen Vertrauen in die wachsenden Fähigkeiten der Kinder begründet liegt. Hier ist neben Kenntnissen über die kindliche Entwicklung Selbstreflexion gefragt“ (S. 69). Um Reflexion geht es auch im darauffolgenden Abschnitt, betitelt „Sexualpädagogische Handlungskompetenz der Erzieherinnen und Erzieher“. Christa Wanzeck-Sielert fordert ErzieherInnen zur Selbstreflexion, zur Auseinandersetzung mit persönlicher Betroffenheit und Ausdrucksformen kindlicher Sexualität, mit der eigenen Sexualität und mit persönlichen Interpretationen auf, um blindem Aktionismus Einhalt zu gebieten. Dazu gehören ebenfalls Reflexionen der Denkmuster über Mädchen- und Jungenwelten (z.B. wer hat sich von wem „überrumpeln“ lassen), der Erwerb und die Vertiefung von Fachwissen, didaktische Kreativität und pädagogische Selbstwirksamkeit, die in je eigenen Exkursen charakterisiert werden. Daneben werden jeweils Aufgaben zur Bearbeitung gestellt. Im Abschnitt zum Umgang mit sexuellen Ausdrucksformen werden sowohl altersgerechte wie unangemessene Formen kurz angerissen. Im Abschnitt zum Ernstnehmen von Freundschaften und Beziehungen wird dafür plädiert, die Beziehungen von Kindern nicht als banal abzutun, sondern sie als Wert in sich selbst aufzufassen und dementsprechend zu unterstützen. Im Abschnitt 2.7 wird unter der Überschrift „Sprache einüben“ ein differenzierter Umgang mit dem kindlichen Vokabular gefordert, ohne die Kinder verbal herabzusetzen. Zugleich wird auf den kognitiven Entwicklungsstand verwiesen, der Erklärungen mitunter nicht hilfreich erscheinen lässt. Besser sei es, so die Autorin, zu erkennen, in welcher Absicht das Vokabular verwendet wird und bei erkennbaren Herabsetzungen / Beleidigungen einzuschreiten. Im Abschnitt 2.8 werden Geschlechtsrollen thematisiert und für eine Flexibilisierung derselben plädiert, nicht nur innerhalb der Institution Kindertagesstätte. Dabei werden sozialpolitische Kritiken deutlich. Zum anderen werden die Gender-Erwartungen von ErzieherInnen bezüglich der ihnen anvertrauten Kinder zur Diskussion gestellt: Es bleibt zu fragen, ob die Zärtlichkeit eines Jungen für Erzieher/-innen ebenso selbstverständlich ist und weibliche Körperkraft ebenso gelobt wird“ (S. 79). Im letzten Abschnitt des Kapitels wird die Pflege der Elternarbeit diskutiert. Darin werden Elternabende und Elterngespräche als Mittel der Wahl vorgestellt, wobei auf heterogene kulturelle Hintergründe (und dem Umgang damit) verwiesen wird. Aus meiner Sicht hätte der Umgang mit dem Thema „Andere Kulturen und Sexualität“ ein eigenes Kapitel verdient.

Das 7. Kapitel (S. 212-248) beschäftigt sich in 12 Abschnitten mit sexueller Gewalt und informiert über notwendiges Basiswissen, Prävention und Intervention.

Der erste Abschnitt unter der Überschrift „Ein unangenehmes, aber wichtiges Thema der Sexualpädagogik“ erläutert die vielfältigen Beziehungen zwischen dem Thema der sexuellen Gewalt und der Sexualpädagogik: „Ohne sexualpädagogische Ansätze kommt Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch nicht aus!“(S. 213). In den dazugehörigen Aufgaben wird zugleich auf weitere Informationsquellen verwiesen. Dabei sind selbstreflexive Auseinandersetzungen mit der eigenen Biographie wesentliche Voraussetzungen für Präventionsarbeit, wie im Beitrag herausgestellt wird. Dabei wird das Thema Nähe und Distanz auch im körperlichen Umgang zwischen ErzieherInnen und Kindern thematisiert. Im zweiten Abschnitt werden Begriffsbestimmung und Definitionen vorgenommen. Bei den Definitionen werden enge und weite unterschieden sowie verschiedene Kriterien (z.B. Druck zur Geheimhaltung) aufgeführt. Gleichzeitig wird auf den Rahmen des StGB verwiesen und Anzeigemöglichkeiten aufgeführt. Hilfreich wäre hier sicherlich noch ein ergänzender Hinweis gewesen, wo Anzeige erstattet werden kann.

Im Abschnitt 7.3 werden Formen und Ausmaß sexueller Gewalt charakterisiert. So stellt die Autorin verständlich dar, warum das genaue Ausmaß betroffener Kinder und Jugendlicher nicht bekannt ist (u.a. weil nicht jeder „Fall“ zur Anzeige gelangt, aber nur angezeigte Fälle statistisch erfasst werden). Nur kurz werden die Formen sexueller Gewalt aufgezählt.

Im vierten Abschnitt wird das Beziehungsgefüge zwischen Opfer und TäterIn charakterisiert. Dass Frauen nicht von vornherein als Tatbegehende ausgeschlossen werden, wird meist viel zu wenig beachtet, umso besser, dass Frauen hier selbstverständlich mit aufgeführt werden. Dazu verdeutlichen Graphiken die Herkunft der Tatbegehenden, nach Nahraum, Geschlecht der Opfer und Geschlecht der Tatbegehenden differenziert. Im darauffolgenden Abschnitt werden kurz die Täterstrategien dargestellt, die sich unter Annäherung, Bestechung (in der Regel getarnt als fürsorgliches Verhalten) und Erpressung zusammenfassen lassen. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass nicht jedes fürsorgliches Verhalten als geplante sexuelle Annäherung interpretiert werden darf. Im 6. Abschnitt wird die Psychodynamik missbrauchter Kinder kurz umrissen. Dabei wird auf die Gefahr von Traumata hingewiesen, Kurz- und Langzeitfolgen werden dargestellt. Hier wäre ein etwas ausführlicherer Überblick sicherlich angebracht gewesen, da nicht darauf eingegangen wird, dass sich vielfach die Symptome unspezifisch äußern, es kaum missbrauchsspezifische Symptome gibt und die Kinder, die nicht bzw. nur geringfügig Traumen erleiden, hier nicht aufgeführt werden. Auch ein kurzer Überblick über primäre und sekundäre Traumatisierung wäre sicher nicht verkehrt gewesen. Die darauffolgenden 5 Abschnitte beschäftigen sich differenzierter mit dem Thema der präventiven Arbeit. Der erste Abschnitt zur Prävention behandelt konzeptionelles Wissen zur Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt. Dabei wird auf aktuelle Ansätze in der Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch eingegangen. Die Wendung von der Abschreckungsprävention (durch die Kinder) verlagert sich dabei auf Prävention durch Erwachsene, wobei insbesondere der Exkurs zur präventiven Erziehungshaltung auf Möglichkeiten eingeht, wie die Haltung praktiziert/eingenommen werden kann. Im Exkurs zur Reflexionskompetenz werden mögliche Fragen zur Selbstreflexion vorgestellt, während im Exkurs zur Präventionsarbeit als umfassende Aufgabe als Ressourcenarbeit dargestellt wird. Unverständlich bleibt, warum hier nur auf §8a SGB VIII verwiesen wird und nicht auch auf das Anfang 2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz, das einen eindeutigen Auftrag zur Prävention beinhaltet. Im Abschnitt zu Zielen und Inhalten der Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen werden Inhalte der Arbeit vorgestellt. Dazu zählen angemessene Aufklärung über sexuellen Missbrach, Aufklärung über Täterstrategien, Sexualerziehung, Gefühlserziehung sowie Informationen zu Hilfsmöglichkeiten. Positiv hervorzuheben ist die Betonung der Kritik von Präventionsansätzen, die sich ausschließlich an potentielle Opfer wenden sowie das deutliche Plädoyer für die Einbeziehung von Sexualität und Sexualerziehung in die präventive Arbeit. Im darauffolgenden Abschnitt 7.9 werden Beispiele der präventiven Arbeit kurz erläutert, wobei ein deutlicher Schwerpunkt auf den Bausteinen (Inhalten) erkennbar ist. Vorgestellt werden die Bausteine „Bestimmungsrecht über den eigenen Körper“, „Wahrnehmung von Gefühlen“, „Umgang mit Berührungen“, „selbstbewusstes Zustimmen / Ablehnen“ sowie Informationen zu Unterstützungssystemen. Zu allen Bausteinen werden zugleich praktische Übungen vorgestellt.

Im Abschnitt zur Arbeit mit Bilderbüchern, der auch Kinder- und Jugendbücher einschließt, wird am Anfang eine Literaturliste mit Materialien vorgestellt. Differenziert wird im Anschluss auf jene Bücher eingegangen, die sexuelle Gewalt direkt ansprechen und eine kritische Haltung der RezipientInnen gefordert. Im vorletzten Abschnitt wird auf die Arbeit mit externen Fachstellen verwiesen. Dabei wird davor gewarnt, die Präventionsverantwortung komplett zu delegieren. Stattdessen werden enge Kooperationen vorgeschlagen, um alle zuständigen und betroffenen Partner an einen Tisch zu bringen. Gleichzeitig wird auf didaktische Möglichkeiten (z.B. Theateraufführungen) hingewiesen. Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit der Intervention sexueller Gewalt. Einleitend werden Situationen bzw. Anlässe vorgestellt. Im Exkurs zu Schwierigkeiten des Hilfeholens/Hilfefindens wird insbesondere auf mögliche Ressourcen der Betroffenen verwiesen (z.B. Widerstandsformen wie vollbekleidet ins bett gehen), die jedoch nur selten die Gewalttaten verhindern. Diese Widerstandsformen zu erkennen gehört u. a. zur Interventionsarbeit. Im Exkurs zu Schwierigkeiten des Erkennens für HelferInnen werden konkrete Handlungsschritte vorgestellt.

Diskussion

In jedem Kapitel und in jedem Abschnitt eines jeden Kapitels werden Aufgaben gestellt, die LeserInnen zu bearbeiten haben. Damit wird insbesondere eine selbstkritische und selbstreflexive Haltung angeregt. Daneben werden Übungen vorgestellt, die in Gruppen durchgeführt werden können. Positiv hervorzuheben ist die Sensibilität, mit der LeiterInnen der Gruppen auf mögliche Grenzen hingewiesen werden. Die praktischen Übungen, die Materiallisten und die didaktischen Hinweise geben Tipps, wie sexualpädagogische Arbeit individuell umgesetzt werden kann

Einschränkend ist hinzuzufügen, dass nur auf deutsche Gegebenheiten verwiesen wird, mindestens ein Blick zu europäischen Verhältnissen wäre wünschenswert.

Ein zusätzlicher Gewinn wäre sicherlich eine, wenn auch kurze, Abhandlung der Themen Trans- und Intersexualität gewesen.

Fazit

Insgesamt ein lohnens- und lesenswertes Buch, das insbesondere für Personal in Kindertagesstätten, Jugendeinrichtungen, Behinderteneinrichtungen u.ä. wertvolle Anregungen, gerade für die praktische Arbeit, enthält.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 14.08.2013 zu: Tobias Dirks: Sexualpädagogik in beruflichen Handlungsfeldern. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2012. ISBN 978-3-427-10741-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14154.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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