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Stephan Lessenich: Theorien des Sozialstaats zur Einführung

Cover Stephan Lessenich: Theorien des Sozialstaats zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2012. 187 Seiten. ISBN 978-3-88506-699-6. D: 13,90 EUR, A: 14,30 EUR, CH: 20,90 sFr.

Reihe: Zur Einführung - 399.
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Thema

Das Buch bietet einen Überblick über soziologische Theorien des Sozialstaates. Sein Augenmerk liegt auf den typischen Strukturen und Zwängen, die für das Handeln der unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure bestehen und aus denen sich bestimmte Konfliktkonstellationen ergeben.

Autor

Der Autor ist Soziologe und lehrt als Professor für vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse an der Universität Jena. Die Beschäftigung mit dem Sozialstaat ist ein kontinuierliches Thema seiner Veröffentlichungen, so dass man in dieser Einführungsreihe einen ausgewiesenen Autor für die soziologische Analyse des Sozialstaates gewonnen hat.

Aufbau und Inhalt

In Kapitel 1 („Der Sozialstaat als soziale Tatsache“) wird die Perspektive skizziert, unter der der Sozialstaat analysiert werden soll. Wie wirkt sich der Sozialstaat auf die Lebenslage und die Lebenswelt aus, wie prägt er die Überlegungen und Handlungsweisen von Individuen, aber auch von Gruppen und welche Konflikte zwischen Gruppen wirken auf den Sozialstaat zurück? Damit ist die grundsätzliche soziologische Analyseperspektive beschrieben. Es geht um Zwänge und Freiheiten für das Handeln, ferner um Wirkungen und Gegenwirkungen, die diese hervorrufen. In dem Unterkapitel „Konjunkturen und Krisen“ (17ff) werden die determinierenden Kräfte für die Sozialpolitik thematisiert. Die aktive Gestaltung des Sozialstaates stehe mitten in den Auseinandersetzungen der Industriegesellschaft, sie ist auch durch seine unterschiedlichen Organisationen und seine vorherigen Entscheidungen gebunden. Dadurch erzeugt der Sozialstaat beständig eigene Konfliktsituationen und Krisen. Gleichzeitig ist er der Adressat möglicher Lösungsversuche, denn die unterschiedlichen sozialen Akteure erwarten von ihm Verbesserungen der Situation. Damit befindet sich auch der Staat als Akteur in einer ähnlichen Situation wie die einzelnen: Seine Handlungen sind ebenfalls durch Zwänge eingeschränkt, sie entfalten Wirkungen und Gegenwirkungen.

In Kapitel 2 („Worum geht es im Sozialstaat?“) folgen die unterschiedlichen Bedeutungen, die der Sozialstaat in der Gesellschaft einnimmt. Hier geht es vor allem darum, was der Sozialstaat gegenwärtig leistet und wie er die Gesellschaft gestaltet, genauer darum, inwiefern er zu den großen gesellschaftlichen Entwicklungen beiträgt, sie befördert und welche gegenläufigen Effekte er auslöst. Dass der Sozialstaat nicht nur in eine bestimmte Richtung wirkt, sondern „ermöglicht und begrenzt, befähigt und bevormundet, sorgt und vernachlässigt“ (28, Hervorhebung im Original), ist für den Autor unhintergehbar und wird an den einzelnen Themensträngen Modernisierung, Normalisierung, Umverteilung, Sicherung, Integration, Relationierung und Stabilisierung und dem Herrschaftswissen des Sozialstaates dargestellt. Die gewählten Analysekriterien sind weder wertend gemeint noch als politische Ziele zu verstehen, sondern als allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen, zu denen der Sozialstaat beiträgt: Er fördert die Modernisierung und Differenzierung in Teilsysteme, u.a. die Schaffung eines Sozialsektors und die Konzentration anderer Bereiche auf nicht Soziales, er schafft standardisierte Normal-Lebensläufe, er sorgt für Umverteilung, er sichert gegen ökonomische Risiken, er stabilisiert die gesellschaftliche Ordnung und Herrschaft und schützt vor Unruhen – gleichzeitig wird dabei die Ambivalenz im oben genannten Sinn verdeutlicht.

Kapitel 3 („Was treibt den Sozialstaat?“) widmet sich den beeinflussenden sozialen Kräften und Ideen, die die Entwicklung vorantreiben.Der Autor beschäftigt sind mit den Erklärungen für den Wandel und die Veränderungen des Sozialstaats und stellt die wesentlichen gesellschaftlichen und politischen Kräfte und Akteure dar. Der Sozialstaat erfüllt „Funktionen“, da die Industrialisierung, die Modernisierung und der Kapitalismus für sozialpolitische Interventionen ausschlaggebend waren. Unter „Interessen“ nimmt er gesellschaftliche Akteure und nicht so sehr anonyme Strukturen in den Blick, hier geht es um die sozialdemokratische Arbeiterklasse und die Mittelschicht, deren Interessen mit Durchsetzung der Demokratie immer prägender werden konnten. Daneben ergeben sich aus dem vorhandenen Sozialstaat, seiner Sozialverwaltung und den davon abhängigen Einrichtungen bestimmte Handlungserwartungen und -zwänge und besondere Interessengruppen: nämlich die Beschäftigten und politischen Vertreter im Sozialsektor, die Leistungsberechtigten oder Versorgungsklassen und die Mittelschichtsangehörigen. Als weiteren Impuls schildert der Autor die Frauenbewegung und deren feministische Kritik am Sozialstaat und an bestimmten Arrangements. Als Letztes führt er unter „Ideen“ Motive, Intentionen und Leitvorstellungen an, die die Entwicklung vorantreiben; in gut Weberscher Manier verweist er aber darauf, dass Ideen vor allem langfristig wirken und sich nur durchsetzen, wenn sie mit festen Erwartungen und Einstellungen von gesellschaftlichen Gruppen und mit Interessen und Institutionen zugleich wirken.

Im 4. Kapitel („Wohin bewegt sich der Sozialstaat?“) beschäftigt sich der Autor mit der Einordnung der Sozialstaatsreformen seit ungefähr Mitte der 90er Jahre. Er gelangt mit diesem Teil zu einer Zeitdiagnostik der aktuellen Reformvorhaben. Dazu schildert er die Untersuchungsergebnisse, die unter den Stichworten „Ökonomisierung“, „Defamilialisierung“, „Remoralisierung“ und „Internationalisierung“ die zentralen sozialpolitischen Innovationen begreifen und zugleich prüfen, inwieweit es zu intendierten und nicht-intendierten, eventuell sogar gegensätzlichen Wirkungen kommt. Bisher haben sich durchaus eine erhöhte Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit, eine neue Bedeutung familiärer Unterstützung und eine Remoralisierung des Sozialstaates bei gleichzeitiger Erhöhung der Eigenverantwortung der Individuen ergeben.

In Kapitel 5 („Den Sozialstaat dekonstruieren“) werden die bisherigen Analyseinstrumente auf die Gegenwart bezogen. Es geht um den heutigen aktivierenden Sozialstaat, dessen Pointe für die soziologische Analyse in dem Wirken auf das Subjekt liegt, darin dass das sozialstaatliche Arrangement sich die passenden Bürger erzieht (141). Als soziologische Aufgabe benennt er, nach den Subjekten, d.h. nach den Bürgern, Leistungsberechtigten und Leistungszahlern, zu fragen. Wenn jedes staatliche und sozialstaatliche Arrangement sich die passenden Bürger erzieht, müsse man fragen, inwieweit die staatlichen und gesellschaftlichen Anreize auch auf der individuellen Ebene die gewünschten und die nicht gewünschten Wirkungen erzielen.

Es folgen ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Personen- und ein Sachregister.

Diskussion

Bei der Diskussion soll zuerst aufgegriffen werden, dass die Veröffentlichung recht genau erfüllt, was im Titel angekündigt ist: Hier werden Theorien über den Sozialstaat vorgestellt; sie werden jeweils mit klassischen Befunden und deren „Kronzeugen“ grundgelegt und mit aktuellen Autoren weitergeführt. Das Buch informiert verständlich, prägnant und konzentriert über die wesentlichen Thesen und den Stand der Sozialstaatsforschung und bietet dazu jeweils illustrierende Beispiele. Der Charakter der Einführung ist sogar sprachlich getroffen: Das Buch ist lesbar, die Kapitel haben eine angemessene Größe und sind grundsätzlich so verfasst, dass zuerst ältere, bekanntere Autoren und dann deren Weiterführung durch aktuelle Autoren dargestellt werden. Obwohl die Auswahl beschränkt sein muss, gelingt dadurch ein Überblick über wichtige Themen und Autoren. Die abschließenden Register helfen gerade beim Einstieg in das Thema, Querverbindungen besser aufzuspüren.

Die Theorien und ihre Darstellung stehen im Vordergrund. Um falschen Erwartungen vorzubeugen, soll noch einmal betont werden, dass es sich nicht um eine Darstellung der aktuellen Sozialpolitik handelt, bei der z.B. das Sozialrecht ausführlich behandelt oder politische Debatten diffizil nachverfolgt werden. Die sozialstaatliche Entwicklung wird auch weder mit einem historischen Zugang noch von einer größeren empirischen Basis aus induktiv verfolgt. Der Autor setzt sich bewusst davon ab (z.B. 137). Die jeweils genannten Beispiele dienen vielmehr dazu, die Theorien zu veranschaulichen; die Beweislast für die Gültigkeit der Theorien, inwieweit ihre Aussagen zutreffen, liegt bei den jeweils kurz dargestellten Autoren.

Soziale Arbeit, soziale Dienstleistungen oder die Sozialwirtschaft werden nicht eigens thematisiert und in die Theorien eingeordnet. Sie finden sich allerdings grundsätzlich wieder, wenn man sie als Teil der Sozialpolitik versteht und in dieser Veröffentlichung die Strukturen und möglichen Veränderungen der sozialpolitischen Normalsysteme thematisiert werden, in die hinein Wege für die Klienten eröffnet werden sollen. Ausdrücklich erwähnt werden die sozialen Dienste unter dem Stichwort „Ökonomisierung“ (114f, 117f), wo die jüngsten Arbeitsmarktgesetze eine stärkere Tendenz nicht zum Ausstieg, sondern zum Einstieg in die Erwerbsarbeit bieten, sowie bei den neueren normativen Ideen der Gerechtigkeit als Teilhabe, die u.a. die Eigenverantwortung des Klienten stärken wollen (125f). Man könnte weitere Differenzierungen z.B. aus Sicht der theoretischen Überlegungen zur Sozialen Arbeit zum Subjektbezug oder zur Ökonomisierung aus der Perspektive der Sozialwirtschaft anknüpfen; hier darf man die Veröffentlichung nicht überfordern und muss ihr zugestehen, dass sie bei ihrem Thema bleibt, nämlich gesellschaftliche Theorien über den modernen, demokratischen Sozialstaat vorzustellen.

Fazit

Es handelt sich um eine gelungene Einführung in die Theorien des Sozialstaates.


Rezension von
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 25.03.2013 zu: Stephan Lessenich: Theorien des Sozialstaats zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-88506-699-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14156.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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