Verein für Kommunalwissenschaften e. V. (Hrsg.): Kindertagesbetreuung als zukunftsorientierte Dienstleistung
Rezensiert von Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy, 03.02.2004
Verein für Kommunalwissenschaften e. V. (Hrsg.): Nicht nur gut aufgehoben. Kindertagesbetreuung als zukunftsorientierte Dienstleistung.
Verein für Kommunalwissenschaften
(Berlin) 2003.
176 Seiten.
ISBN 978-3-931418-41-0.
14,00 EUR.
Dokumentation der Fachtagung am 17./18. Oktober 2002 in Berlin. Aktuelle Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfe 38.
Zum Thema
Die zweitägige Fachtagung „Nicht nur gut aufgehoben. Kindertagesbetreuung als zukunftsorientierte Dienstleistung“ fand am 17./18. Oktober 2002 im Ernst-Reuter-Haus in Berlin statt. Hintergrund der Veranstaltung war, dass Eltern in die Lage versetzt werden sollen, eigenständig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei soll Kindern, gerade aus benachteiligten Familien, die Chance auf gute und gleiche Bildungsmöglichkeiten eröffnet werden. Die soziale Herkunft von Kindern soll dabei nicht über ihre Zukunftschancen entscheiden. (S.7) Anliegen der Fachtagung war die Reflexion der Anforderungen, Bedürfnisse und Sichtweisen zur Kindertagesbetreuung aus unterschiedlichen Perspektiven und die Diskussion, der sich daraus ergebenden Probleme. Es wurden Modelle der Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen vorgestellt, die sich in der Praxis bereits erfolgreich bewährt haben.
Inhalt
Der Inhalt der Dokumentation bildet den Ablauf der zweitägigen Fachtagung ab, die sich aus Fachreferaten und unterschiedlichsten Foren zusammensetzte: „Wie zeitgemäß, alltagstauglich und familienfreundlich ist unsere Kindertagesbetreuung? Bedürfnisse von Kindern, Eltern und der Wirtschaft“. Prof. Dr. Maria-Eleonora Karsten, Leiterin des Instituts für Sozialpädagogik, Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Lüneburg, verwies in ihrem Einführungsreferat explizit darauf, dass die Diskussion, was eine gute Kindertagesbetreuung ausmache, bereits seit 30 Jahren geführt werde. „Die Defensivität der vergangenen dreißig Jahre muss für die gegenwärtige Situation programmatisch aufgegeben und ganz bewusst Kinderlebensgestaltung, Qualität im Erziehungsprozess und Bildung zentral neu in den Blick genommen werden. Dies bedeutet nicht mehr allein reaktiv danach zu fragen, was Kinder, Eltern und Wirtschaft brauchen. Zentral wird nämlich die Frage: Was wollen wir fachlich, was mit Kindern, Eltern, der Wirtschaft und der Gesellschaft im Aufwachsen der Kinder für die Zukunft und Zukunftsfähigkeit gestalten?“ (S. 9) Sie unterstrich dabei, dass Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen neu gedacht werden müssen und das auch im Zusammenhang mit der Attraktivität des Standortes Deutschland, da eine zu geringe Investition in die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft massive Folgeschäden mit sich bringe. Eine verstärkte Investition in soziale Berufe sei demnach unverzichtbar. Im Sinne einer „Umwegrationalität“ (Welche Schäden werden verhindert, wenn vorher in positive Entwicklungen investiert wird?) plädierte sie dafür, sich aktiv in die Diskurse einzumischen, da die Definitionsmacht in den Händen der Professionellen liege.
„Ein Blick zu unseren Nachbarn am Beispiel des Pen Green Centre - Aufbau eines ersten Early Excellence Centres in Berlin“ Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin, untermauerte als zweite Rednerin das zuvor Gesagte mit einem praktischen Beispiel. Dazu stellte sie den Aufbau eines ersten„Early Excellence Centre“ (EEC) als Modellprojekt in Berlin vor. Inhalt dieses Modellprojektes ist die Weiterentwicklung einer Kindertageseinrichtung zu einem Zentrum im Stadtteil, das neue Wege in der Bildung und Betreuung von Kindern und ihren Familien beschreitet. Die Entwicklung dieses Projektes in Berlin geschah im Dialog mit dem gleichnamigen Zentrum in Corby, gefördert von der Heinz-und-Heide-Dürr-Stiftung. Das Vorbild für dieses Modellprojekt sind die Early-Excellence-Centres in England, von denen 1997 27 Zentren von der Regierung eingerichtet wurden. Der weitere geplante Ausbau auf 304 Zentren erfolgt mit der doppelten Perspektive einer verstärkten Investition in Bildungsangebote für Kinder und einer besseren Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt. Dabei wird unterstrichen, dass es sich hierbei keineswegs um ein „Benachteiligtenprogramm“ handele.
„Integration statt Segregation?“ Dr. Martin Textor , Wissenschaftlicher Angestellter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, eröffnete den zweiten Arbeitstag mit einem Referat zum Thema „Integration statt Segregation?“. Er unterstrich, dass Kleinkinder die lernfähigsten Wesen der Welt sind, die noch „lieb“ und „unschuldig“ einer besonderen qualitativen Begleitung und Bildung bedürfen. Für die Darstellung der Anforderungen an die Erzieherinnen übertrug er historisch gewachsene Leitbilder der Mutter („Das traditionelle Mutterideal“, „Die Madonna“, „Die Superfrau“) mit den daraus resultierenden Erwartungen und auch Diskriminierungen auf die Erzieherinnen. Er betonte die Notwendigkeit eines Qualitätskataloges für frühkindliche Bildung und stellte thesenhaft die Tabus „Segregation von Altersgruppen“, „Sozialerziehung ist nicht die zentrale Aufgabe des Kindergartens“, „Sprachanbahnung ist nicht Aufgabe des Kindergartens“ und „Eltern in die Kindertageseinrichtung holen“ in der Erziehung und Bildung in Kindertagseinrichtungen zur Diskussion. Mit seinem Vortrag kam Martin Textor zu dem Schluss, dass das gesamte System der Aufgaben von Kindertageseinrichtungen hinterfragt werden müsse und die, die nicht direkt mit der Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern zu tun haben, zu eliminieren seien. Kindergärten sollen sich demnach auf die Aufgaben beschränken, für die sie wirklich vorgesehen sind und Erzieherinnen sollen sich nicht länger als „Superfrauen“ verstehen, die sich immer mehr zusätzliche Aufgaben übertragen lassen. So sollen sie sich auf ihre zentralen Aufgaben konzentrieren, diese auch wirklich gut erfüllen und bei davon wegführenden Aufgaben deutlich „nein“ sagen.
Die weitere Auseinandersetzung erfolgte in vier Foren nach dem Leitthema „Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“.
Forum 1: Strukturelle Rahmenbedingungen und Finanzierungsmöglichkeiten von Kindertagesbetreuung
- Zielorientierte Steuerung eines Dienstleistungsbetriebes zur Betreuung, Bildung und Erziehung von Kindern in Tagesstätten: Rosi Fein, Stellvertretende Leiterin des Jugendamtes der Stadt Offenbach und Stellvertretende Betriebsleiterin des städtischen Eigenbetriebes „Kindertagesstätten Offenbach“
- Akzente zur Entwicklung der Kindertagesbetreuung in Recklinghausen„: Ulrich Braun, Stellvertretender Leiter der Abteilung Tageseinrichtungen für Kinder des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie der Stadt Recklinghausen
- Zur betrieblichen Förderung differenzierter Angebote für unterschiedliche Kinderbetreuungsformen: Dr. Harald Seehausen, Sozialwissenschaftler und Innovationsberater, Inhaber der Frankfurter Agentur für Innovation und Forschung Prack & Seehausen, Frankfurt/Main
- Ein „Kindergarten für Betriebe“, flexibel in Bezug auf Zeit- und Altersstrukturen sowie unter Einbeziehung der Wirtschaft: Uschi Reinke, Frauenbeauftragte der Stadt Buxtehude, verantwortlich für die „Villa Rapunzel“ - Kindergarten für Betriebe
- Das „Spatzenhaus“ in Frankfurt/Oder - ein Kindergarten in eigner Regie: Karin Muchajer, Leiterin der Kindertagesstätte „Spatzenhaus“, „Unsere Welt“ e.V., Frankfurt/Oder
Forum 2: Je kleiner die Kinder, desto weniger Investition in die Erzieherinnenausbildung? Personalentwicklung in Kindertagesstätten
- Zur Ausbildung von erzieherinnen in Deutschland und in Nachbarländern: Barbara Schmitt-Wenkebach, Studiendirektorin und Leiterin des Fachbereichs Pädagogik und Spiel des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, Berlin
- Personalentwicklung - ein notwendiges Instrument der Qualitätssicherung im Kindergarten: Antje Bostelmann, Geschäftsführerin der KLAX gGmbH, Berlin und Anja Dibowski, Leiterin des Fachbereichs Personalentwicklung der KLAX gGmbH, Berlin
- Ausbildungswirklichkeit und Ausbildungserfordernisse: Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Berlin
- Personalentwicklung in Kindertagesstätten - Wünsche und Wirklichkeit: Detlev Nagi, Leiter des Fachbereichs Tagesbetreuung von Kindern des Jugendamtes Berlin-Spandau
Forum 3: Forschendes Lernen - Der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen
- Der umstrittene Bildungsauftrag: Angelika Diller, Referentin für Tageseinrichtungen für Kinder im Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt e.V., Bonn
- Gedanken zur Bildungsfrage im Kindergarten: Heide Michel, Leiterin des Referates für Kindertageseinrichtungen im Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, Erfurt
- Zum Stellenwert frühkindlicher Bildung und Entwicklungsperspektiven: Karin Brähler-Hauke, Leiterin der Abteilung Kindertageseinrichtungen des Jugendamtes der Stadt Köln
- Zum Bildungsverständnis in Kindertageseinrichtungen: Dr. Christa Preissing, Hochschulassistentin, INA gGmbh, Institut für Situationsansatz, Institut für Interkulturelle Erziehungswissenschaft der Freien Universität Berlin
Forum 4: Kindertagesbetreuung im sozialen Raum
- Die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen im sozialen Raum: Dirk Janke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung im Deutschen Jugendinstitut e.V., München
- Ziele und Ansätze der Sozialraumorientierung in Stuttgart: Michaela Bolland, Mitarbeiterin der Stabsstelle Jugendhilfeplanung des Jugendamtes der Landeshauptstadt Stuttgart
- Kindertagesstätten im sozialen Raum: Dr. Horst Schirmer, Geschäftsführer des „Fröbel“ e.V., Berlin
In der Abschlussdiskussion „Kindertagesbetreuung als Dienstleistung? Was wollen Eltern? Was brauchen Kinder?“ erfolgte die Zusammentragung, Diskussion und Unterstützung der Konsequenzen aus den Foren. Gefordert wurde u.a. eine bundesweite Regelung für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern, geltende Grundwerte, was eine Kita leisten sollte, eine bundesweite Anerkennung der Abschlüsse, eine Niveauveränderung der Ausbildung, die Bildung von Netzwerken zur gegenseitigen Unterstützung, eine Öffnung von Kitas in den Sozialraum sowie die Definition und Praxisumsetzung eines Qualitätskatalog frühkindlicher Bildung.
Fazit
Die Tagungsdokumentation spiegelt durch die vielfältigen Praxis- und Theoriebeiträge die Komplexität des Arbeitsfeldes Kindertageseinrichtungen wieder. Sie richtet sich an leitende Fachkräfte der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie an Fachberaterinnen und Fachberater von Kindertageseinrichtungen. Durch ihre Theorie- und Praxisdichte zu ausgewählten aktuellen Themenschwerpunkten verschafft sie allen Interessierten einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion um die institutionelle „Kindertagesbetreuung als zukunftsorientierte Dienstleistung“.
Rezension von
Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy
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