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Institut für Sozialarbeit, Sozialpädagogik (Hrsg.): Vernachlässigte Kinder besser schützen

Cover Institut für Sozialarbeit, Sozialpädagogik (Hrsg.): Vernachlässigte Kinder besser schützen. Sozialpädagogisches Handeln bei Kindeswohlgefährdung ; mit 7 Tabellen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 2., überarb. und ergänzte Auflage. 188 Seiten. ISBN 978-3-497-02327-1. 19,90 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Thema

Die entscheidende Initiative zur Durchsetzung des Kinderschutzes als rechtlich verbindliche staatliche Aufgabe der Jugendämter ging von Juristen aus. Den Durchbruch markiert der Kampf um die Garantenstellung der Jugendamtsmitarbeiter im sog. Osnabrücker Fall (1994-1996). Auch die weiteren Impulse kamen weithin aus dem Rechtsbereich. Es ist daher konsequent, das zum 1.1.2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz zum Anlass zu nehmen, Rechtsgrundlagen, fachliche Arbeitsstandards und Organisationsstrukturen vier Jahre nach dem Erscheinen der ersten Auflage erneut durchzubuchstabieren.

Die Autoren wollen zu dem Zweck „eine lehrbuchgemäße einführende Darstellung in das fachlich angemessene sozialpädagogische Handeln bei Kindeswohlgefährdung“ bieten, wie sie ihres Erachtens „in dieser didaktischen Anordnung“ bis heute nicht vorliegt. Die Broschüre soll allen Zuständigen in Fällen von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung mehr Sicherheit geben. Zudem soll sie auch Studierende im Bereich des Sozialwesens auf das schwierige Arbeitsfeld des Kinderschutzes vorbereiten.

Herausgeber

Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt a.M. ist für eine Veröffentlichung zu diesem Thema eine renommierte Adresse.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung durch den ehemaligen Leiter des ISS, Dieter Kreft, und dessen derzeitigen Leiter, Hans-Georg Weigel, folgen vier Beiträge.

Das Recht zum Schutz von Kindern“ von Thomas Meysen vermittelt einen konzisen Überblick über die rechtlichen Grundlagen der Verantwortung für das Kindeswohl. Er beginnt bei den verfassungsrechtlichen Grundlagen des Elternrechts und des staatlichen Wächteramts sowie den Rechtsbegriffen Entwicklungsförderung und Gefährdung des Kindeswohls. Es folgen eine eingehende Darstellung des Schutzauftrags der Kinder- und Jugendhilfe bei Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII unter Einbeziehung des Sozialdatenschutzes. Sodann werden die familiengerichtlichen Maßnahmen skizziert. Detaillierter werden danach die Kooperationen im Kinderschutz dargestellt (Gesundheitshilfe, Schule, Polizei). Es folgen schließlich Ausführungen zur Haftung und strafrechtlichen Verantwortung sowie ein kurzes Fazit.

Kinder vor Gefahren für ihr Wohl schützen – Methodische Überlegungen zur Kinderschutzarbeit sozialpädagogischer Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe“ hat Christian Schrapper verfasst. Er beginnt mit den beiden Fragen nach den Gefahren für das Wohl des Kindes und den Möglichkeiten sowie Grenzen des Kinderschutzes. Dem schließt sich die Darstellung von Verfahren und Instrumenten für sozialpädagogische Fachkräfte zur Gefahrenerkennung und -abkehr an. Schließlich stellt er sozialpädagogische Interventionen in akuten Gefährdungs- und Krisensituationen und ihre methodische Gestaltung dar.

Kinderschutz: die Anforderungen an die Organisationsgestaltung im Jugendamt“ vonJoachim Merchel basiert auf der Ausgangsthese, dass effektiver Kinderschutz mehr ist als nur das Ergebnis individuellen kompetenten Handelns und dass hinderliche Organisationsbedingungen einen effektiven Kinderschutz im Jugendamt erschweren können. Danach geht er auf die organisationsbezogenen Anforderungen zur Realisierung eines „guten Kinderschutzes“ im Jugendamt ein. Vertieft wird dies durch die Abschnitte Organisationskultur und Kinderschutz im Jugendamt als Teil einer lernfähigen Organisation sowie reflexive Organisationsstruktur im Jugendamt: Eine günstige Voraussetzung für effektiven Kinderschutz. Der Beitrag schließt mit Hinweisen zu den Vereinbarungen zum Kinderschutz mit Trägern von Einrichtungen und Diensten sowie der Zusammenfassung „Effektiver Kinderschutz als Zusammenspiel von individueller Kompetenz und Organisationsgestaltung“.

Kevins Tod – Ein Fallbeispiel für missratene Kindeswohlsicherung“ von Christoph Hoppensack stellt zunächst die Organisation der Jugendhilfe in Bremen dar, sodann die Situation von Kevin und seinen Eltern und schließlich die Chronologie der versäumten Sicherung des Kindeswohls. Auf dieser Grundlage geht er den Fragen nach, warum Kevin nicht zu seinem Wohl gekommen ist und, was man aus dem Tod Kevins im Bremen lernen kann.

Hinweise zu den Autoren und ein Literaturverzeichnis sowie ein Sachregister schließen die Veröffentlichung ab.

Diskussion

Aus den Veröffentlichungen zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung sticht der Band durch ausführliche und zuverlässige fachliche, insbesondere rechtliche Informationen hervor, was zum einen dem hervorragenden Beitrag von Thomas Meysenzu verdanken ist. Hier ist hervorzuheben, dass er über die selbstverständlichen Themen hinaus auch die Aspekte des Sozialdatenschutzes und der strafrechtlichen Haftung für Nicht-Juristen in sehr verständlicher Form einbezogen hat. Allerdings dürften entgegen seiner Ansicht Informationen in persönlichen Beratungsgesprächen als anvertraute Sozialdaten (§ 65 SGB VIII) einzuordnen sein.

Einen guten Überblick über den Stand der sozialarbeiterischen Methoden und eine Fülle von Hinweisen auf Hilfestellungen für das Vorgehen in konkreten Verdachtssituationen bietet sodann Christian Schrapper. Hierbei fällt, was natürlich nicht unbedingt dem Autor dieses Überblicks zuzurechnen ist, die Hilf- und Ratlosigkeit der Profession auf, die Frage zuverlässig zu beantworten, wie Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen sind (S. 58). So ist die vom Autor S. 63 f. herangezogene Liste von Anhaltspunkten bis heute nicht evaluiert worden und mit Vorsicht zu gebrauchen. Gesetzesverstöße, Hygienemängel (beide unter a), Verlust von Angehörigen (unter b) können sicher nicht pauschal als Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung herangezogen werden. Wie vielen anderen sozialpädagogischen Veröffentlichungen fehlt auch den vertiefenden Darlegungen des Autors zu Verfahren und Instrumenten der Gefahrerkennung (S. 78-97) der klare Bezug zur gesetzlichen Aufgabenstellung und den materiellen Kriterien des Rechtsbegriffs der Kindeswohlgefährdung (S. 23 f.). Welche Rolle die sechs Fallperspektiven (S. 86-89) jeweils bei den Feststellungen spielen, ob eine gegenwärtige Gefahr vorliegt, die mit Sicherheit zu einer erheblichen Schädigung des Kindes führen wird bei fehlender Bereitschaft oder Fähigkeit der Eltern zu Gefahrabwendung, bleibt daher offen. Auch der vom Autor gelobte Düsseldorf-Stuttgarter-Kinderschutzbogen (S. 89 f.) kann diese Aufgabe nicht übernehmen. Er genügt weder dem Kriterium einer gegenwärtigen Gefahr noch den rechtlichen Anforderungen an die Prognosesicherheit (siehe hierzu die S. 89 erwähnte Evaluierung). Zu fordern bleibt auch, dass sich abweichend vom Autor (S. 86 f.) die Aufklärungsarbeit strikt an dem Grundsatz der Erforderlichkeit orientieren muss, um unnötige Verletzungen der Privatsphäre der Familienmitglieder zu vermeiden. Die Ausführungen zur Fehlerkultur (S. 76 f.) sind schließlich um den zentralen Aspekt der persönlichen Verantwortung der fallführenden Fachkraft zu ergänzen. Gerade die ist eine wichtige Lehre aus bitteren Kindeswohlfällen wie dem Kevin`s aus Bremen.

Neben dem Beitrag von Thomas Meysenist ein weiterer Vorzug dieses Bandes die eingehende Reflexion der struktur- und organisationsbezogenen Voraussetzungen eines effektiven Kinderschutzes von Joachim Merchel. Er überzeugt vor allem dadurch, dass er – im Gegensatz zu den Ausführungen von Christian Schrapper – das dialektische Verhältnis zur individuellen Verantwortung für kompetentes Handeln nicht aus dem Auge verliert. Zudem bietet er eine Fülle praktischer Hinweise zur Organisationsstruktur und Praxis der Jugendämter, aus der diese vielfältige wertvolle Anregungen ziehen können.

Erschütternd ist die von Christoph Hoppensack hervorragend auf den Punkt gebrachte Darstellung des völligen Versagens des staatlichen Kinderschutzes im Fall Kevin aus Bremen. Die herausgearbeiteten Lehren und Konsequenzen sind wohl begründet. Sind sie allerdings auch ausreichend? Muss die Konsequenz aus der vollständigen Ignoranz des Case-Managers gegenüber dem Leiden von Kevin nicht auch Anstoß sein, über die zentrale Bedeutung der persönlichen Verantwortung der Sachbearbeiter in Fällen des Kinderschutzes tiefer nachzudenken?

Fazit

Das Buch besticht durch seine Aktualität und die Bandbreite der Bearbeitung des Themas Kinderschutz. Die Autoren, anerkannte Fachleute unterschiedlichster Profession, haben eine sehr informative und anregende Schrift zu den einschlägigen Problemfeldern staatlichen Kinderschutzes herausgebracht, auch wenn die Defizite der sozialpädagogischen Diskussion die praktische Arbeit nicht gerade erleichtern. Die Beiträge behandeln die Rechtsgrundlagen, das fachliche Vorgehen in konkreten Verdachtsfällen, die Frage der strukturellen Organisation des Jugendamtes und die aus dem Fall Kevin aus Bremen zu ziehenden Lehren. Tabellen und Graphiken tragen zur Verständlichkeit der im Übrigen auch gut gegliederten Schrift bei. Das Buch ist jedem, der sich für die Thematik interessiert, zur systematischen Aufarbeitung zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 13.02.2013 zu: Institut für Sozialarbeit, Sozialpädagogik (Hrsg.): Vernachlässigte Kinder besser schützen. Sozialpädagogisches Handeln bei Kindeswohlgefährdung ; mit 7 Tabellen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 2., überarb. und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-497-02327-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14169.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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