Cathrin Moeller: Bühne – Vorhang – Licht
Rezensiert von Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel, 18.02.2013
Cathrin Moeller: Bühne – Vorhang – Licht. Theaterspielen im Kindergarten ; [mit 11 Spielvorlagen zum Nachspielen].
Beltz Verlag
(Weinheim, Basel) 2012.
176 Seiten.
ISBN 978-3-407-62845-9.
D: 17,95 EUR,
A: 18,50 EUR,
CH: 25,90 sFr.
Reihe: Frühpädagogik.
Thema
„Bühne – Vorhang – Licht!“ gibt praktische Anregungen zur Realisierung von (Märchen)-Theater im Kindergarten und in der frühen Grundschule. Dazu hat Cathrin Moeller einen umfangreichen Spielkatalog zusammengestellt; sie formuliert allgemeine Ratschläge wie ausführliche Planungshinweise und veröffentlicht elf eigene Märchentheatertexte (vor allem nach Grimm) samt einigen Tipps zur Realisierung. „Das Buch“, so die Autorin, „ist als praxiserprobter Ideenkoffer gefüllt mit Erfahrungen und Anregungen konzipiert“ (S. 9).
Aufbau
- „In Kapitel 1“, so erläutert Cathrin Moeller den Aufbau ihres Buches, „finden Sie Grundsätzliches zur Planung und zur Herangehensweise bei der Erarbeitung einer gelungenen Theaterinszenierung.“ Sechs Probestunden werden skizziert; dazu gibt es eine Reihe von Spielen und Übungen (18-29).
- „In Kapitel 2 … führe ich Sie durch den Probenprozess und zeige Ihnen, wie man einen Probenplan gestaltet, wie optimale1 Szenenproben aussehen sollten, wie man die Rollenfindung mit Kindern umsetzt, wie Durchlauf-, Haupt- und Generalproben gestaltet sein sollten, um einerseits Überforderung und andererseits Langeweile zu vermeiden“ (9).
- „In Kapitel 3 … werden Ihnen elf praxiserprobte Theaterinszenierungen vorgestellt und Möglichkeiten der Vorgehensweise bei der Umsetzung beschrieben“ (9).
- Im „Anhang“ findet sich eine „Erweiterung der Spielesammlung“ (159 – 176).
Inhalt
Das erste Kapitel „Die Theaterinszenierung“ beginnt mit „Vorüberlegungen zur Planung und Vorbereitung der Inszenierung“ (12), „Klärung der Rahmenbedingungen“, einer „Checkliste“ (13). Über „Die Vorarbeit mit der Gruppe“ (16 ff) geht es zur Planung der Inszenierung (34 ff) mit „Bühne und Dekoration“, „Beleuchtung“, „Musik und Geräusche“, „Licht- und Tonplan“„Requisiten“, „Maske … Theaterschminke“. Es folgen Hinweise zur „Nutzung unterschiedlicher Theaterformen für fantasievolle Inszenierungen“ (Schwarzlichttheater, Schattentheater, Maskenspiel, Puppenspiel, 48 ff).
Das zweite Kapitel führt von „Proben und Probenplanung“ (56 ff) über „Öffentliche Beachtung finden“ (Internetwerbung, Sponsoren gewinnen und Programmheft, 61 ff) bis zur „Premiere“ (Einlass, Zuschauerraum, Premierenfeier, 64 f).
Im Kapitel 3 „Inszenierungsbeispiele“ (67 ff) gibt es achtmal Grimm, dazu „Knirzillas Abenteuer“ (nach Ottfried Preußler „Die kleine Hexe“), „Die Riesenrübe“, die „drei Schweinchen“ – zum Teil „ab 4 Jahren“ (Riesenrübe, Schweinchen, Rotkäppchen), „Knirzilla“ ab 7, die anderen ab 5.
Zu allen Texten gibt es genaue Regieanweisungen, auch Lichtstimmungen und Toneinspielungen werden notiert. Auf problematische Inhalte und notwendige Sachinformationen wird hingewiesen. „… gehen Sie in einen Tierpark und lassen Sie die Kinder beobachten. … Zeigen Sie den Kindern Bilder, echtes Mehl, Korn. Backen Sie mit den Kindern Brot“ (zu den Stadtmusikanten, 77). – „Was ist eigentlich ein Einhorn?“ (86). – „Pflanzen Sie mit den Kindern im Garten eine echte Steckrübe und pflegen Sie diese. … verarbeiten Sie das Gemüse zu einem Gericht“ (99 – zu Tolstois Riesenrübe). – Bei Frau Holle als „Ansatzpunkt für die Erweiterung der Erfahrungswelt der Kinder … Hühner als Nutztiere … echte Hühner im Zoo, Tierpark oder auf einem Bauernhof ansehen“ (140); für „Spinnräder und Spindeln … ein Volkskundemuseum“ besuchen. „Malen oder basteln Sie mit den Kindern Schneekristalle“ (141). -
Hänsel und Gretel werden von den armen Eltern nicht ausgesetzt, sondern verlaufen sich im Wald. „Fragen Sie Ihre kleinen Spieler, ob sie auch schon einmal Hunger hatten. … Wecken Sie die Empathie der Kinder für Menschen, denen es nicht gut geht. … Ist es ungerecht, wenn jemand viel und hart arbeiten muss und dafür wenig Geld bekommt? Reden Sie mit den Kindern darüber“ (148). Unproblematisiert bleiben die Hexe und ihr Tod: „Gretel schubst sie, und die Hexe verschwindet mit einem Riesengeschrei im Ofen. Rauch. Zaubermusik. Goldregen. Der Käfig geht auf und Hänsel stürmt heraus“(148). - Anders bei Knirzilla: „Zur Thematisierung erfahren die Kinder zuerst, was die Walpurgisnacht bedeutet. … Woher kommt eigentlich der Begriff Hexe? Was unterscheidet eine Hexe von ‚normalen‘ Menschen?“ (125). -
Bei Schneewittchen (angereichert mit den Rollen von Hofnarr Puck, Zofe Gundula und fünf Spiegeln) gibt es nur einen kombinierten Mordanschlag der bösen Stiefmutter – mit dem Apfel. „Zu diesem Märchen thematisiere ich gern die Frage ‚Bin ich schön‘? Dafür schauen sich die Kinder gegenseitig an und benennen, was sie an ihrem Gegenüber schön finden … Anschließend portraitieren sich die Kinder gegenseitig. Dies stärkt Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl“ (95) – wirklich immer? – Zu Frau Holle: „Ich thematisiere bei diesem Märchen gern Fleiß, Hilfsbereitschaft und Faulheit“ (140). -
Bei Rotkäppchen erhalten „alle guten Figuren – weiße Leggins …; alle bösen Figuren – schwarze Leggins“ (150); zwei erwachsene Erzieherinnen spielen mit als Hase Fürchtenix und Fuchs Friedhelm. „Sie führen in ihren Rollen durch die Handlung und lassen die Kinder in den anderen Rollen das Gesagte improvisieren. Da es sich bei diesem Märchen um ein Mitspieltheater2 handelt, werden die Rollen immer nur für ein Spiel festgelegt. Danach können sich die Kinder jedes Mal neu entscheiden, welche Rolle sie spielen wollen oder ob sie einfach nur zuschauen möchten“ (155). Auch bei Tolstois Riesenrübe und den drei Schweinchen (alle drei Stücke ab 4 Jahre) erzählt ein Erwachsener die Geschichte: „Die Spieler führen pantomimisch aus, was der Erzähler berichtet“ (101). -
Zu jedem Stück gibt es nützliche Hinweise, welche Spiele und Übungen aus dem Kapitel 1 bzw. aus dem „Anhang: Erweiterung der Spielesammlung“ (159 – 176) sich für einzelne Szenen eignen bzw. wie sie sich passend abwandeln lassen.
Diskussion
Durchweg gibt es bei Moeller Diskrepanzen zwischen den Hinweisen zur kreativen Gruppenbeteiligung und der Formalisierung der Vorgehensweise, zwischen der Freiheit des Spielens und Improvisierens und – z.B. – einem „Rollen- und Probenplan“ über 8 Wochen (35), mit einem „Licht- und Tonplan“ (42), mit „Vorleseproben“ (56 f), „Szenenproben“ (58), „Durchlaufproben und Hauptprobe“ („Bisher haben Sie mit den Kindern geprobt, die in der jeweiligen Szene mitgespielt haben. In den Durchlaufproben sind alle Kinder anwesend“, 59), dann noch „Generalprobe“ (60). Ein solch formalisierter Ablauf orientiert sich an der Arbeitsweise der großen professionellen Theater, gekennzeichnet durch strenge Terminierung, straffe Zeitplanung und Koordinationsnotwendigkeiten zwischen einer Reihe von Werkstätten und Instanzen (Bühne, Ausstattung, Requisite, Kostümschneiderei, Werbung usw.). All das ist für Theaterspielen mit Kindern nicht nötig – und eher schädlich.
Auch die Autorin formuliert: „Grundvoraussetzung in der Theaterarbeit mit Kindern ist, dass sie keinen Anspruch auf Perfektion hat. Es geht einzig um das lustvolle Erleben von Als-ob-Situationen, in die die Kinder immer ihre eigenen Ideen, Einsichten, Worte und Fähigkeiten einbringen dürfen“ (12); „die Aufführung“ ist wohl „ein schönes Nebenprodukt …, aber der Prozess der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder sollte in Gestalt des Erwerbs vielfältiger Sozialkompetenzen und der Erweiterung ihres Horizontes im Vordergrunds stehen“ (14 f). Es geht also, so schon im Vorwort, „von der ersten Probe bis zur fertigen Aufführung“ um „die lustvolle Herausforderung eines kreativen Gruppenprozesses“ (7). Ähnlich auf S. 60: „Zuschauer wollen bei Aufführungen von Kindern deren Spielfreude sehen, keine dressierten Menschen.“ Dementsprechend ist das Buch konzipiert „als praxiserprobter Ideenkoffer“ – als Konzept also in Ordnung! Im Gegensatz dazu aber heißt es zu den elf „Theaterinszenierungen“: „Sie können die Inszenierungen vollständig (!) nach Anleitung (!) übernehmen (!)“ (9); das geht nun schon terminologisch nicht (nicht einmal Kostüme lassen sich „vollständig … übernehmen“ – sie müssen z.B. länger oder weiter gemacht werden); Inszenierungen können höchstens als Gastspiel „übernommen“ werden – erfordern aber auch dann noch die ‚Übersetzung‘ in die neuen Raumverhältnisse.
Auch sonst terminologische Ungenauigkeiten. Begriffe wie Thema, Stoff, Inszenierung, Text werden relativ beliebig genutzt. So formuliert Moeller zum Beispiel: nach „Vorüberlegungen zur Planung und Vorbereitung der Inszenierung“ (12 ff) und der „Vorarbeit mit der Gruppe“ (16 ff) ist der „dritte Schritt in der Vorbereitung einer Theaterinszenierung … die Wahl des Themas. Ein bühnenwirksamer Stoff kann aus drei verschiedenen Quellen stammen. a) Inszenierung dramatischer Texte b) Inszenierung einer bestehenden Geschichte (Kinderbuch, Kurzgeschichte, Märchen) c) Inszenierung einer Fantasiegeschichte, ausgehend von Improvisationen … Die Erarbeitung einer Inszenierung zu einem Fantasiethema3, z.B. ‚Wasser‘ oder ‚Traumfänger‘, entsteht aus Improvisationen. Figuren, Spielorte, Situationen und Handlungsabläufe werden in den Proben erfunden, aufgeschrieben und Dialoge entwickelt. Diese Methode ist sehr spannend, aber auch am aufwendigsten und erfordert einige Erfahrung im Schreiben von dramatischen Texten. Ich finde, dass sie besser für ältere Kinder geeignet ist“ (34).
Hier geht terminologisch und inhaltlich einiges durcheinander. Ein Spielleiter kann, allein oder zusammen mit seiner Gruppe, ein Thema wählen (einen Hauptgedanken, eine Aufgabe, ein Problem); er kann dann zu diesem Thema einen Theatertext suchen. Er kann zu seinem Thema auch nach Geschichten fahnden (in der Zeitung, bei Grimm, in Kinderbüchern oder im Lesebuch), eine Geschichte auswählen und dann (improvisierend oder am Schreibtisch) dramatisieren. Er kann, zusammen mit seinen Kindern, auch eine eigene Geschichte erfinden, z.B. „ausgehend von Improvisationen“ (s.o.). Das kann dann eine durchaus realistische Geschichte, muss also durchaus keine „Fantasiegeschichte“ sein. Was oben mit c) gemeint ist, ist also sicherlich nicht die „Inszenierung einer Fantasiegeschichte“, sondern die Entwicklung einer eigenen Geschichte.
Und natürlich können die Überlegungen des Spielleiters auch von einem fertigen Stücktext ausgehen oder von einem interessanten Stoff; in jedem Fall aber müssen Thema, Stoff, vorhandener oder zu entwickelnder Text in Beziehung zueinander und in Szene gesetzt werden (dabei mit der Gruppe korrespondieren bzw. aus der Gruppe heraus entwickelt werden) - dieses In-Szene-Setzen führt dann erst zur Inszenierung – und eine solche Inszenierung lässt sich nicht einfach aus einem Buch übernehmen, sondern muss von jeder Gruppe neu (und anders!) erspielt und erarbeitet werden. Übernehmen lassen sich nur einzelne Bestandteile, z.B. Schnittmuster für Kostüme (43 ff4), ganze Texte, Textteile oder einzelne Sätze,passende Spiele und pfiffige Ideen (der Hund in den „Stadtmusikanten“ z.B. ist Nachtwächter im Museum; er schläft friedlich, während die Räuber Skulpturen klauen, und wird deshalb entlassen. Die Skulpturen finden sich dann wieder im Räuberhaus, 70 ff).
Fazit
Ein grafisch gut aufgemachtes Buch, das viele Anregungen bereit hält, jedoch immer nur eine Möglichkeit ausführt – insgesamt also mehr Anweisung als Anregung ist. Nicht das Finden von möglichen Wegen, sondern ein spezifischen Weg wird propagiert; nicht Methodenkompetenz wird vermittelt, sondern eine Methode vorgestellt.
Wenn Spielleitung jedoch (gleich ob mit Kindern oder Erwachsenen) nicht in der Übernahme eines musterhaften Weges, sondern in der selbständigen Kombination von Schritten besteht, dann braucht es die Diskussion von Alternativen und Entscheidungskriterien, um begründete Entscheidungen treffen zu können; es braucht die Erfahrung, dass nicht jedes Spiel „zündet“, dass Misslingen eine Chance ist, einen ungewohnten Weg zu gehen.
Also sollte die Leserin dem Buch nicht insgesamt folgen, sondern den Text eher in Bausteine zerlegen und mit diesen (und anderen!) Bausteinen Eigenes bauen. Dann werden, denke ich, die Anregungen nützlich sein so wie die vielen, klar beschriebenen Spiele und Übungen – auch wenn die Spielleiterin beim „Theaterspielen im Kindergarten“ keine Durchlaufprobe macht.
1 Erfüllt von der Lust an ihrer Arbeit und den eigenen Erfahrungen neigt die Autorin zu Verabsolutierungen und positiven Bewertungen, die unvermittelt als Selbstlob daherkommen: „optimale Szenenproben“, „einer gelungenen Theaterinszenierung“ (9); die „Inszenierungen sind … als kleine Gesamtkunstwerke entstanden“ (8). Es scheint immer nur eine Möglichkeit zu geben: „ich … zeige Ihnen, wie man … gestaltet, wie man … umsetzt“, wie Proben „gestaltet sein sollten“ (9). Auswirkungen sind immer positiv („Dies stärkt Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl“, 95); ‚Misslingen‘ scheint es nicht zu geben. „Ich habe noch nie erlebt, dass die Kinder keine Lösung für ein unvorhergesehenes Problem auf der Bühne hatten. Sie haben sich immer gegenseitig gerettet“ (60).
2 Mitspiel oder Mitspieltheater (Animationstheater) meint eigentlich ein professionelles Theater, bei dem die Zuschauer partiell mitspielen (können) und über ihr Mitspielen frei während der Aufführung entscheiden. Die Kombination von Erzählen (durch einen erwachsenen Spielleiter) und improvisierendem Spielen der Zuhörer (der zuhörenden Kinder, der Spielgruppe) wird ausführlich dargestellt bei: Volkhart Paris/ Monika Bunse: Improvisationstheater mit Kindern und Jugendlichen. Organisation, Spielgeschichten, Spielanleitung, 1994. Die Methode wird u.a. bereits kurz charakterisiert bei Viola Spolin: Theater Games for the Classroom. A Teacher's Handbook, 1986, S. 161; ausführlicher in Viola Spolin: Improvisationstechniken für Pädagogik, Therapie und Theater, amerik. 1963, dt. 1983, S. 315 ff.
3 „Wasser“ ist kein „Fantasiethema“; es könnte ein naturkundliches, ökologisches, politisches … Thema sein; gemeint ist wahrscheinlich schlicht eine selbst entwickelte, eigene Geschichte.
4 Vergl. Richard Pietsch in: Das Spielkostüm, Hilfen für Spielleiter, Heft 3, Köln 1960
Rezension von
Prof. Dr. Hans Wolfgang Nickel
Institut für Spiel- und Theaterpädagogik der Universität der Künste Berlin
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