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Gregor Lang-Wojtasik, Ulrich Klemm (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen

Cover Gregor Lang-Wojtasik, Ulrich Klemm (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen. Klemm & Oelschläger (Münster) 2012. 248 Seiten. ISBN 978-3-86281-042-0. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
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Globales Lernen ist Existenzlernen, ist Zukunftslernen, ist Lernen

In der sich immer interdependenter, entgrenzender (und ungerechter?) entwickelnden Welt, die wir nur allzu oberflächlich als EINE WELT bezeichnen, zeigen sich einerseits Hoffnungen, dass der anthrôpos, als vernunft-, sprach-, empathie- und gemeinschaftsbegabtes Lebewesen endlich realisieren möge, was in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zuvorderst steht, dass nämlich „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnende(n) Würde und ihre(r) gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“; andererseits zeigen die zahlreichen, seit Jahrzehnten vorgelegten internationalen Prognosen, Analysen und Weltberichte zur Lage der Welt (u.a. die jährlich erscheinenden Berichte des New Yorker World Watch Institute „Zur Lage der Welt“, siehe dazu die Rezensionen in Socialnet), dass sich ein politisches, moralisches; verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Bewusstsein von der Existenz der EINEN WELT nur sehr schwer und schon gar nicht ohne unser Zutun umsetzen lässt. Die Aufforderungen zum lokalen und globalen Perspektivenwechsel füllen mittlerweile Bücherregale, aber erreichen nur allzu schwer die Köpfe und Herzen der Menschen. Wenn die von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ in ihrem Abschlussbericht von 1995 den Appell formuliert – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – zielt dies sowohl auf Veränderungen des individuellen wie kollektiven und gesellschaftlichen, lokalen und globalen Denkens und Handelns. Veränderungen aber, das zeigt uns die Welterfahrung, lassen sich nur durch Lernen bewirken, das auf Aufklärung, Bewusstsein und Wandel basiert.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Es gibt viele Begriffe für die eine Tatsache: Wir Menschen leben in Einer Welt! Wir haben nur eine; und es gilt sie mit Menschenkraft und -verstand zu erhalten! So nämlich, dass sowohl gegenwärtige als auch künftige Generation friedlich, leichberechtigt, gerecht, also human auf der Erde leben können. Die Fähigkeit dafür fällt weder vom Himmel, noch wird sie den Menschen in die Wiege gelegt; sie muss lernend erworben werden! Begriffe gibt es dazu viele. Einer, der sich mittlerweile durchgesetzt hat ist Globales Lernen, differenziert (und weiterentwickelt) als Transkulturelle Bildung (vgl. dazu auch: Wiltrud Gieseke / Steffi Robak / Ming-Lieh Wu, Hrsg., Transkulturelle Perspektiven auf Kulturen des Lernens, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/7674.php; sowie: Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). Dabei hat sich im erziehungswissenschaftlichen und global-ethischen Diskurs ein Wandel vollzogen. Wurde anfangs noch von der „Ausländerpädagogik“ gesprochen, bei der die didaktischen Ansatzpunkte im „Lernen für…“ standen, hat sich beim Globalen Lernen der ganzheitliche Gedanke des „Lernens mit …“ durchgesetzt.

Schauen wir auf die schulischen und außerschulischen curricularen Systematiken, so wird deutlich, dass der Bildungs- und Lernauftrag „Globales Lernen“ immer noch allzu vernachlässigend betrachtet und eingeordnet wird, insbesondere bei der nach wie vor dominanten Bedeutung des „Fach“- Lernens. Da ist es an der Zeit, dass ein Lexikon mit dem Ziel vorgelegt wird, „die vielfältige Interpretationsfähigkeit und angenommene Reichweite“ des Globalen Lernens in einem Nachschlagewerk vorzulegen „und den Ist-Zustand des Feldes als Basis für weitere Debatten anzubieten“. Der Erziehungswissenschaftler an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, Gregor Lang-Wojtasik und der Erwachsenenbildner von der Universität Augsburg und Geschäftsführer der Europäischen Donau-Akademie in Ulm, Ulrich Klemm, haben fast 50 Expertinnen und Experten zusammengeführt, die zu den vielfältigen Aspekten des Globalen Lernens Markierungen für Theorie und Praxis setzen.

Aufbau und Inhalt

Lexika, das ist eine Tautologie, sind niemals fertig. So kann das erste Handbuch, das zu den verschiedenen Fragestellungen im Theorie-Praxis-Feld des Globalen Lernens Position bezieht und gewissermaßen einen roten Faden zieht, auch niemals sämtliche Bereiche dieser (neuen) Bildungsherausforderung berücksichtigen. Die Herausgeber weisen deshalb besonders darauf hin, dass die als einzelne Titelbegriffe und Schlagworte aufgezeigten Aspekte der intra- und interdisziplinären theoretischen und praxologischen Themenfelder den Ist-Zustand des Bildungsbereichs Globales Lernen darstellen und den weiteren, notwendigen Diskurs und Forschungsprozess anregen sollen. Die einzelnen Beiträge sind somit exemplarisch zu betrachten und sollen die Anschlussfähigkeit zu weitergehenden Fragestellungen und Erfordernissen verdeutlichen. Insgesamt 70 Stichworte, von „Agenda 21 und nachhaltiges Lernen“ bis zur „Weltgesellschaft“ werden von den einzelnen Autorinnen und Autoren unterschiedlich ausführliche Positionen dargelegt und mit Querverweisen und weiterführenden Literaturhinweisen versehen.

Es soll keinesfalls ein „Aber“ oder gar ein beckmesserischer Ton in die Besprechung des Buches gebracht werden; vielmehr sollen – für eine hoffentlich wegen der guten Nachfrage bald notwendige 2. Auflage – ein paar Aspekte angesprochen werden, die nicht nur als Querverweise, sondern als eigene Stichworte das Handlexikon ergänzen sollten; z. B. die Frage, wie „Interkulturelle Philosophie“ (Raúl Fornet-Betancourt / Constantin von Barloewen, u.a.) in den Kontext einzuordnen ist, wie sich „Kosmopolitismus“ (Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10879.php) zum IKL verhält, welche Bedeutung „Biographie“ – Lernen und -forschung für globale Bildung haben ( Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php), wie mit dem globalen Phänomen von „Entgrenzung“ umzugehen ist (Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14189.php), wie „Vorurteile“ wirken (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php ), was „Zivilisationskritik“ ausrichten kann ( Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php; sowie: Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Occupy. Räume des Protests, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14101.php), was „Abendländische Epistemologie“ (Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt. Zäsuren abendländischer Epistemologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14403.php) mit dem Interkulturellen Lernen zu tun hat, was „Neurowissenschaftliche Forschungen“ aussagen können (Ulrich Salaschek, Der Mensch als neuronale Maschine? Hirnbilder, Menschenbilder, Bildungsperspektiven, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13257.php), wie die Aufarbeitung von „(Neo-)Kolonialismus / Weißseinsforschung / Critical Whiteness“ Denk- und Verhaltensänderungen ermöglichen (Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, 550 S.) und wie „ästhetische, interkulturelle Bildung“ IKL befördern kann (Wolfgang Schneider, Theater für Kinder und Jugendliche. Beiträge zur Theorie und Praxis, 2., überarb. u. erweit. Ausg., Hildesheim 2012, 451 S. ).

Fazit

Das erste „Handlexikon Globales Lernen“ gehört in jede Schul- und Lehrerbücherei und in die Bibliotheken der Hochschulen, wie auch der Volkshochschulen. Es dürfte auch Lehrbuchautorinnen und -autoren eine nützliche Hilfe sein. Für eine einfachere Handhabung des Lexikons wäre es sinnvoll, das etwas knapp bemessene Schlagwortverzeichnis am Ende des Buches ausführlicher und differenzierter auszuweisen.

Ein Lexikon ist ein Lexikon ist ein Lexikon…Damit es genutzt werden kann, bedarf es einer allgemeinverständlichen Sprache und einer möglichst umfassenden Darstellung der vielfach komplizierten Fachbegriffe und theoretischen Diskurse. Das ist gelungen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.01.2013 zu: Gregor Lang-Wojtasik, Ulrich Klemm (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen. Klemm & Oelschläger (Münster) 2012. ISBN 978-3-86281-042-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14177.php, Datum des Zugriffs 18.02.2020.


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