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Andrea Zoyke: Individuelle Förderung zur Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung

Rezensiert von Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap, 26.06.2013

Cover Andrea Zoyke: Individuelle Förderung zur Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung ISBN 978-3-940625-22-9

Andrea Zoyke: Individuelle Förderung zur Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung. Eine designbasierte Fallstudie in der beruflichen Rehabilitation. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2012. 438 Seiten. ISBN 978-3-940625-22-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Reihe: Wirtschaftspädagogisches Forum - Band 43
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Autorin

Dr. Andrea Zoyke hat nach einer Berufsausbildung zur Bankkauffrau mit anschließender Berufsausübung in der Sparkasse Paderborn an der dortigen Universität Wirtschaftspädagogik mit Abschluss Diplom-Handelslehrerin studiert und mit der hier veröffentlichten Arbeit promoviert. Dort ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik I.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde ab 2007 durchgeführt und basiert in der empirischen Exploration (bis 2009) im Forschungs- und Entwicklungsfeld des Vorbereitungslehrgangs für besondere Zielgruppen im Berufsförderungswerk München (RVL-fbZ), dessen Lehrkräfte zur individuellen Förderung der (neuen und ehemaligen) Rehabilitanden im „Mittelpunkt der Betrachtung“ stehen (S. 206).

Aufbau

In einer Einleitung wird ein Überblick über das Gesamtwerk und zu jedem der Teile gegeben – wie später auch zu jedem Teil dann detaillierter und in die jeweiligen Kapitel einführend. Die Teile sind:

  • I. Hinführung zum Forschungsgegenstand und zum Forschungs- und Entwicklungsfeld (9 ff.)
  • II. Methodologische und methodische Konturierung des Forschungsansatzes (51 ff.)
  • III. Theoretische Exploration (105 ff.)
  • IV. Methodischer Bezugsrahmen der empirischen Exploration (215 ff.)
  • V. Verdichtung der empirischen Exploration und Zusammenführung mit der theoretischen Exploration (269 ff.)

Das Literaturverzeichnis (415 ff.) bildet den Abschluss der Studie. Ein Abbildungsverzeichnis, ein Tabellenverzeichnis und ein Abkürzungsverzeichnis stehen am Anfang.

Inhalt

In der Studie ist die Autorin „durch folgendes grundlegendes Erkenntnisinteresse getrieben“ (2): „Wie kann individuelle Förderung für den Kontext der beruflichen Bildung hinsichtlich ihrer normativen Zielsetzung sowie ihrer methodischen Umsetzung konkretisiert werden? Wie kann Forschung in Entwicklungskontexten sinnvoll gestaltet werden?“

Im Teil I erfolgt zuerst „eine Hinführung zum Forschungsgegenstand der individuellen Förderung in der beruflichen Bildung“ (9). Dabei nimmt sie „einzelne Diskurse und erste Ansätze“ auf – allerdings ohne die auch durch Modellversuche entwickelten und fundierten handlungstheoretischen Didaktikansätze in den 1980er und 1990er Jahren zu berücksichtigen (Stichworte: Lernbüro, Werkstattlabor), was aber damals in der Wirtschaftspädagogik üblich war (Anstoß in den 1970er Jahren gaben die Jungarbeiter/innen, die individuell gefördert werden sollten und wollten – vgl. Halfpap in EWuB 1/2012 – ; sie werden in einer Fußnote der Studie auf Seite 15 erwähnt). Im nächsten Kapitel (44 ff.) führt die Autorin in das für diese Studie aufgenommene Forschungs- und Entwicklungsfeld in der beruflichen Rehabilitation ein – speziell in den Reha-Vorbereitungslehrgang der genannten ausgewählten Zielgruppe in München.

Im ersten der drei Kapitel von Teil II macht die Autorin „Einleitende Bemerkungen zu einer wirtschaftspädagogischen Forschung in Entwicklungskontexten“ und hebt dabei „ein besonderes Potenzial in der Gestaltung eines gemeinsamen Entwicklungsprojektes mit Akteuren in einem Feld der Berufsbildungspraxis“ hervor (55). Es folgt die „Sozialwissenschaftliche Verortung der Studie“ – damit „im geisteswissenschaftlichen Paradigma in Abgrenzung zum naturwissenschaftlichen“ (55), und zwar in „einer konstruktionistischen Sichtweise“ (56); Gütekriterien zur Gestaltung einer verstehenden Sozialforschung werden herausgearbeitet und sechs für die vorliegende Studie gewählte bestimmt (62 ff.). Umfassend und fundiert erfolgt im 6. Kapitel die „Vertiefung einer Forschung im Entwicklungskontext in „Anlehnung an Überlegungen aus der Modellversuchsforschung“ insbesondere in Anlehnung an Sloane (66 ff.). Dabei wird insbesondere der für die Autorin bedeutsame und für die Studie leitende Design-Based Research-Ansatz (DBR-Ansatz) herausgearbeitet. „Mit dem Designprozess gehen für den Forscher … unterschiedliche Aufgaben und Probleme einher“, und zwar als Mitgestalter der Bildungspraxis und als Evaluator „zur Gewinnung wissenschaftlicher Theorien“ (85). Diese Dualität und der „Wechsel der Lebenswelten zur Forschung im Entwicklungskontext“ werden ausführlich und vertieft analysiert und auch durch Abbildungen veranschaulicht (85 ff.). Wegen der hohen Bedeutung erfolgt dann im nächsten Abschnitt die Bearbeitung von „Responsive Textproduktion und -rezeption zur Forschung im Entwicklungskontext“ (93 ff.).

Im Teil III erfolgt „eine vertiefende theoretische Exploration zum Konstrukt der individuellen Förderung“ (105): im 7. Kapitel angesetzt beim Lernenden durch Diskussion von „Kompetenz und Kompetenzentwicklung als Bezugsdimension der individuellen Förderung in der beruflichten Bildung“ (106 ff.) und im 8. Kapitel mit Blick auf die Lehrkräfte durch Herausarbeitung deren „Handlungsfelder zur individuellen Förderung in der beruflichen Bildung“ (151 ff.). Breit wird in die Kompetenzdiskussion auch im historischen Kontext eingeführt und es werden Veränderungen herausgestellt hinsichtlich: Revision von Curricula und Ausbildungsordnungen (z. B. Lernfeldcurricula), Reorganisation der betrieblichen Weiterbildung, internationale Vergleichstests, Europäischer Qualifikationsrahmen (113 ff.). Bei der Klassifizierung von Kompetenzansätzen (116 ff.) wird auf Literatur ab 1997 zurückgegriffen. Bei der Entfaltung der „kategorialen Handlungskompetenz“ (127 ff.) erfolgt eine Konzentration auf die „Deutung nach Sloane“ (130) sowie eine weitere Diskussion der Entwicklung und Erfassung der Handlungskompetenz (136 ff.). Schlussfolgerung: „Da hier angenommen wird, dass Kompetenzen subjektive Konstrukte und somit nicht objektiv messbar sind, sind insbesondere qualitative und interpretative Verfahren zu ihrer Erfassung einzusetzen“ (151). Im 8. Kapitel werden drei Handlungsfelder von Lehrkräften vertieft: Curriculumarbeit, Gestaltung von Lernumgebungen und Kompetenzdiagnose, und zwar aus deren Perspektive mit möglichen Lösungsansätzen und mit besonderen Herausforderungen an sie. Im Rahmen einer Annäherung an die Curriculumarabeit zur individuellen Förderung von der Input- zur Outputsteuerung „wird ein vertiefender Blick auf Lernfeldcurricula“ geworfen (156). Hier wird der Position von Reetz gefolgt, nach der das Situationsprinzip ein Kriterium für curriculare Entscheidungen sei, das „eng verbunden mit dem Konzept des handlungsorientierten Lernens“ (161) ist, ohne zu thematisieren, dass dieses Prinzip ein Kriterium handlungsorientierten Lernens grundsätzlich ist. Andererseits wird an anderer Stelle auf die Rezeption des Lernfeldansatzes von Trade Tramm für den kaufmännischen Bereich verwiesen, wonach dies durchaus deutlich wird (164). Gute Ansätze zur Gestaltung komplexer Lernumgebungen werden zusammengestellt (167 ff.), wenn auch Hinweise zur notwendigen kommunikationsfördernden Lernortgestaltung fehlen (vgl. z. B. Biermann/Piasecki 2011 oder Christa Heilmann 2009). Besondere Herausforderungen an die Lehrkräfte stellt das dritte Handlungsfeld Kompetenzdiagnose (191 ff). Zwischen den drei Handlungsfeldern besteht „ein enger Implikationszusammenhang“ (199). Eins von mehreren ausgewählten Instrumenten und Verfahren der individuellen Förderung ist die Arbeit mit einem Lerntagebuch (206 ff.) – sehr interessant!

Nach der theoretischen Exploration wird im Teil IV der methodische Bezugsrahmen der empirischen Exploration dargestellt, der „im Wesentlichen auf dem Designprozess im RVL-fbZ“ basiert (215). Im 9. Kapitel erfolgt die Datengenerierung, im 10. die Datenauswertung. Abbildungen und Tabellen veranschaulichen wieder die ausführlichen Erläuterungen und Darlegungen: zum trangulativen Datenerhebungsinstrumentarium, zur Gruppendiskussion generell und ihrer Adaption in dieser Studie sowie gleichermaßen zum problemzentrierten Interview. Somit stehen zur Analyse und Auswertung die Protokolle der Gruppendiskussionen und die Transkripte der problemzentrierten Interviews, jeweils „samt flankierender Dokumente“ (243), zur Verfügung. Einleitend in das 8. Kapitel wird zur kategoriebildenden und -geleiteten Rekonstruktion insbesondere durch Darstellung potenzieller Kodierverfahren der verstehenden Sozialforschung geführt (243 ff.), um dann das konkrete Vorgehen in dieser Studie detailliert darzustellen (250 ff.).

Im Teil V werden alle jeweiligen Ergebnisse der Analysen zusammengeführt (Titel s. o.). Im 11. Kapitel wird „das Ergebnis der empirischen Exploration in Form einer verdichteten kategoriengeleiteten Rekonstruktion dargestellt“ (269). Diese detaillierte und umfangreiche Datenauswertung nach neun Kategorien und 37 Subkategorien auf über 100 Seiten kann hier nicht nachgezeichnet werden. Allein das Benennen von sieben herausgestellten „wesentlichen Aspekten, die aus dem Datenmaterial heraus gewonnen wurden“ (368), lässt erahnen, wie differenziert das Verfahren war und die Ergebnisse bezüglich der individuellen Förderung im RVL-fbZ sind (368 ff.):

  1. Lernender im Mittelpunkt
  2. Ganzheitliche und durchgängige Sichtweise auf Kompetenzerfassung und Förderung
  3. Umgang mit Stärken und Defiziten
  4. Aktiver Einbezug der Lernenden
  5. Individuelle Förderung als kooperativ-kommunikative Aufgabe
  6. Vorbereitung auf berufliche Umschulung
  7. Individuelle Förderung als innovativer Veränderungsprozess,\“ der einen umfangreichen Lern- und Entwicklungsprozess der Lehrkräfte erfordert\“ (373).

Im 12. Kapitel werden die Erkenntnisse aus Teil III und von Kapitel 11 „zum Forschungsgegenstand der individuellen Förderung zusammengeführt“ (373), und zwar entlang von fünf gewonnenen Kategorien (375 ff.):

  1. Persönlichkeitsbildung und ganzheitliche Handlungsfähigkeit
  2. Subjektzentrierung in kooperativen Lernumgebungen
  3. Berufsbezug und Handlungskontext
  4. Lebenslanger Prozess der Kompetenzentwicklung
  5. Kompetenzerfassung

In den folgenden Schritten erfolgt zur Gestaltung der individuellen Förderung der vertiefende Blick auf beide Explorationen in Anlehnung an die in der theoretischen Exploration herausgearbeiteten drei Handlungsfelder der Lehrkräfte (Curriculumarbeit, Gestaltung der Lernumgebungen, Kompetenzdiagnose). Eine abschließende Erkenntnis der Autorin ist, dass noch viel Forschungsbedarf bestehe – z. B. im Rahmen der Kompetenzentwicklung der Lernenden oder zur Beantwortung hier ausgeblendeter bildungsorganisatorischer und bildungsinstitutioneller Fragen (407).

Mit einer kurzen „Reflexion zum Gang der Studie“ (409 ff.) wird diese beendet (Kapitel 13).

Diskussion

1. In der Tradition der Wirtschaftspädagogik wird bei der Bearbeitung handlungstheoretischer Themenaspekte von der Autorin nicht auf die grundlegenden Arbeiten eingegangen, die in den 1970er und 1980er Jahren in materialistischer Fundierung von z. B. Rubinstein, Leontjew, Tomaszewski, Hacker, Volpert oder auch dem Rezensenten eingebracht wurden. Warum?!

2. Als eine Gruppe werden in der theoretischen Exploration sozial-kommunikative Kompetenzen genannt (125). Warum wird bei der Gestaltung der Lernumgebungen auch nur die Leitlinie „In einem sozialen Kontext lernen“ hervorgehoben, ohne auf die besonders bedeutsame kommunikationsfördernde Lernortgestaltung einzugehen (worauf in der Rezension verwiesen wurde)?

3. Wenn die Autorin auf der Grundlage einer (auch nur unzureichend begründeten) handlungstheoretisch konzipierten Studie aufgrund der „engen Anbindung“ an das exemplarische Praxisfeld zu der Erkenntnis kommt, dass „kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit“ (410) erhoben werde, ist zu fragen: Warum hat sie dann diese Entscheidungen getroffen?

Fazit

Die Herausgeber Peter Sloane und Dieter Euler konstatieren als Herausgeber zutreffend, dass sich die Publikation an diejenigen wendet, „die sich in Forschung und Praxis für individuelle Förderung interessieren.“ Den Lesenden wird deutlich, dass die Autorin die Studie in der Tradition der Wirtschaftspädagogik konzipiert, mit der von ihr ausgewählte Bezugsgruppe der beruflichen Rehabilitation jedoch ein bisher eher von der Berufspädagogik dominiertes Praxisfeld aufgegriffen hat. Aber auch anhand dieses Sonder-, nicht Regelfalls beruflicher Bildung werden von ihr trotz gegenteiliger Behauptung (S. 410) „allgemeine“ Erkenntnisse über Wirkungen handlungsorientierter Unterrichtsgestaltung zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung gewonnen, und zwar auch für andere Bildungsbereiche, die sich der individuellen Förderung von Lernenden zur Kompetenzentwicklung verpflichtet fühlen. Die Arbeit gibt trotz Schwächen in der handlungstheoretischen Begründung der Studie einen fundierten Einblick in sozialwissenschaftliche Forschung, ist tief gegliedert und anschaulich gestaltet; ein Stichwortverzeichnis fehlt leider.

Rezension von
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.

Es gibt 51 Rezensionen von Klaus Halfpap.

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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 26.06.2013 zu: Andrea Zoyke: Individuelle Förderung zur Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung. Eine designbasierte Fallstudie in der beruflichen Rehabilitation. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2012. ISBN 978-3-940625-22-9. Reihe: Wirtschaftspädagogisches Forum - Band 43. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14178.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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