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Lothar Bredella: Narratives und interkulturelles Verstehen

Cover Lothar Bredella: Narratives und interkulturelles Verstehen. Zur Entwicklung von Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit. Narr Verlag (Tübingen) 2012. 151 Seiten. ISBN 978-3-8233-6732-1. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 65,50 sFr.

Reihe: Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik.
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Thema

Der vorliegende Band ist eine theoretische Diskussion zweier didaktischer Ansätze für den Fremdsprachenunterricht. Zuerst begründet der Autor in einem literaturdidaktischen Ansatz die Bedeutung fremdsprachiger Literatur für die Entwicklung von Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit als Bildungsziel des fremdsprachlichen Unterrichts. Im zweiten Teil plädiert er für den Ansatz des interkulturellen Verstehens zur Überwindung von sowohl Transkulturalität, die kulturelle Grenzen als rassistisch abschaffen will, als auch Multikulturalität, die Unterschiede verabsolutiert und die eigene Kultur als überlegen ansieht.

Autor

Prof. Dr. Lothar Bredella war von 1975 bis 2004 Professor für Didaktik der englischen Sprache und Literatur an der Justus-Liebig-Universität in Gießen sowie unter anderem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien, Gründungsmitglied der Frühjahrskonferenz zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts und leitete das Graduiertenkolleg „Didaktik des Fremdverstehens“. Er war Mitherausgeber der Reihe „Gießener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik“, in der auch dieser Band erschien. Bredella starb im Juni 2012 im Alter von 76 Jahren.

Aufbau

Das Buch enthält drei Beiträge.

  1. Im ersten begründet Bredella die Entwicklung von Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit als Bildungsziel und beantwortet die Frage, ob und warum Geschichten im Fremdsprachenunterricht gelesen werden sollten.
  2. Im zweiten Beitrag geht es um die Bedeutung des interkulturellen Verstehens in der Auseinandersetzung mit Trans- und Multikulturalität.
  3. Der dritte Beitrag zeigt anhand einer Unterrichtseinheit zu zwei Romanen über „Arranged Marriages“, wie Lektüre interkulturelles Verständnis jenseits von Trans- und Multikulturalität fördern kann.

Beitrag I Geschichten im Fremdsprachenunterricht

Bredella beginnt mit einer Kritik am verengten Bildungsstandard, nach dem nur noch Inhalte gelehrt und gelernt werden sollen, die mit Testverfahren erfasst werden können (z.B. PISA). Damit werde das Bildungs- und Erkenntnispotential fiktionaler Geschichten jedoch nicht ausgeschöpft, denn auch Empathie- und moralische Urteilsfähigkeit könnten und sollten anhand von Geschichten entwickelt werden, beispielsweise wenn wir das Handeln der Charaktere bewundern oder uns darüber empören. Dies begründet er in neun Unterkapiteln, von denen hier ausgewählte Gedanken erwähnt seien.

Seine Auffassung wird nicht von allen Literaturbegriffen geteilt.

So betont der formalistische Literaturbegriff lediglich die formalen Stil- und Strukturmerkmale der Literatur, nicht aber deren Erkenntniswert. Ideologiekritiker sehen Geschichten als Ideologie und Sprachrohr der herrschenden Klasse, als „verzerrte“ Darstellung der Welt. Dekonstruktivisten verstehen Sprache als in sich geschlossenes System ohne Bezug auf die Welt und den Menschen als „Opfer der Sprache“. Im radikalen Konstruktivismus erschafft sich der Mensch seine Welt selbst, so dass er die Texte, die er zu lesen glaubt in Wirklichkeit selbst schreibt. Panfiktionalisten und Panlinguisten entwerten den Begriff der Wirklichkeit und der Wahrheit. Sprache beschreibt danach nicht unsere Welt, sondern erfindet sie, so dass die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unserer Welt sind.

Bredella betont demgegenüber den Erkenntnisgewinn durch Geschichten, die es uns ermöglichen mit anderen Kulturen und Zeiten in Kontakt zu treten, unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten – nicht notwendigerweise billigend - nachzuvollziehen und uns intensiv auf die Lebenswelt der Protagonisten einzulassen, ohne dabei deren Handlungsdruck ausgesetzt zu sein. Bredella belegt die lektürebegleitende Hirnaktivität mit Forschungsergebnissen über Spiegelneuronen, die beim Wahrnehmen der Handlungen Anderer zu feuern beginnen, sowie mit Erkenntnissen über „Theory of Mind“ und kindliche Rollenspielen. Dramatisierungen laden zur Urteils- und Sinnbildung ein. Hierfür reicht Sprachkompetenz alleine nicht aus; vielmehr sind auch Vorwissen und Vorverständnis nötig, um überhaupt Fragen stellen zu können.

In diesem Zusammenhang kritisiert Bredella den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen, der für alle Stufen zwischen A1bis C2 Lesekompetenz nach Umfang des Wortschatzes und Länge des Textes bestimmt und in dem Sinnbildungsprozesse und Urteilskraft keine Rolle zu spielen scheinen. Er führt aus, dass auch die Entlarvung von Wahrheit und Lüge in moralischen Urteilen durch Geschichten gefördert werden kann, indem wir Urteile vergleichen mit dem, was außerhalb geschieht oder auf nicht Erwähntes achten, und so zu Stellungnahmen angeregt werden.

Aufgabe der Moral ist es, Normen als Ausgleich zu finden, um Bedürfnisse und Ziele so aufeinander abzustimmen, dass Kooperation möglich wird. Auch Themen, wie Rache und Bestrafung, Menschenrechte, Recht und Gesetz, Disziplin und Macht, werden in Geschichten dramatisiert und können vom Leser differenziert wahrgenommen und reflektiert werden.

Im letzten Kapitel dieses Beitrags schlägt der Autor den Bogen zum interkulturellen Verstehen, das ebenfalls die Fähigkeit zur Empathie voraussetzt. Er betont, dass „Sich-in jemanden-hineinversetzen“ und „Jemanden-verstehen“ dabei nicht bedeuten müssen, dass wir mit demjenigen identisch werden.

Beitrag II Interkulturelles Verstehen zwischen Trans- und Multikulturalität

Interkulturelles Verstehen galt lange als unproblematisch und erstrebenswert, wird jedoch inzwischen von zwei Seiten kritisiert: Transkulturalisten sehen es als rassistisch an, weil es an der Aufrechterhaltung unterschiedlicher Kulturen mitwirke. Multikulturalisten verabsolutieren kulturelle Unterschiede und kritisieren, dass interkulturelles Verstehen den Menschen von der eigenen Kultur entfremde. Bredella hält beide Auffassungen für verhängnisvoll und zeigt interkulturelles Verstehen als befreienden Ausweg auf.

Transkulturalisten fordern die Abschaffung der Begriffe „Eigenes“ und „Fremdes“ und formulieren Hybridität als Bildungsziel. Der hybride Mensch ist durch mindestens zwei Kulturen geprägt, dabei keiner mehr eindeutig zuzuordnen und erfindet sich deshalb ständig neu. Bredella kritisiert die Verherrlichung der Hybridität auf Kosten von Identitätsbildung, Stabilität und Bindungen und befürchtet eine globale Elite, die sich der Gemeinschaft und dem Gemeinwohl nicht mehr verpflichtet fühlt.

Interkulturelles Verstehen Anderer hingegen bedeutet, dass wir Grenzen kennen, verstehen und anerkennen müssen, um sie bewusst überschreiten zu können. Grenzen können Identität und Wurzeln vermitteln. Interkulturelles Verstehen ermöglicht die Anerkennung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden und damit einen aufgeklärten Universalismus (nach Aleida Assmann), im Gegensatz zum moralische Monismus, der nur eine Form des „guten Lebens“ zulässt und so zu einem „tyrannischen Universalismus“ mutieren kann.

Monismus taucht vielfältig auf: So erhebt die griechische Antike die Theorie über die Praxis, die Christen sehen ihre Religion als die einzig wahre an, der liberale Monismus fordert Autonomie und Menschenrechte und setzt eine Trennung des privaten vom öffentlichen Leben voraus. Auch der moralische Monismus der Transkulturalität sieht nur eine Form des „guten Lebens“ und drängt daher auf die Abschaffung kultureller Unterschiede. Kulturelle Bindung wird von Transkulturalisten als Vorurteil abgelehnt. Sie berufen sich dabei einerseits auf Freud, für den die kulturelle Identität teuer durch Triebverzicht erkauft ist, als auch auf Platons Höhlengleichnis, in dem Menschen in ihrer Kultur wie in einer Höhle gefangen sind, in der sie nur Schattenbilder wahrnehmen können.

Dagegen versteht der von Multikulturalisten vertretene moralische Relativismus das „gute Leben“ nicht nur als aus der menschlichen Natur heraus begründet, sondern auch als kulturell beeinflusst und lässt deshalb mehrere kulturelle Wahrheiten und Formen des „guten Lebens“ zu. Multikulturalisten halten aber kulturelle Unterschiede für unüberwindbar und letztendlich die eigene Kultur für überlegen. Sie lehnen kulturübergreifende und universalistische Werte ab, weil jede Kultur für sich bestimmt, was rational und human ist. Kritiker werfen den Relativisten vor, sie übersähen sowohl Auseinandersetzungen und Konflikte als auch Wechselwirkungen und kritische Überschneidungen zwischen den Kulturen und ihren sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen.

Laut Bredella gilt es, den moralischen Monismus und „tyrannischen Universalismus“ der Transkulturalisten genauso zu überwinden wie den moralischen Relativismus und Pluralismus der Multikulturalisten (S. 108).

Er geht auch auf die Kritiker des interkulturellen Verstehens ein, die dieses als machtmotiviert oder als Exotismus sehen, und spricht sich unter anderem gegen Alexander Thomas‘ Konzept der interkulturellen Kompetenz als reine Berufsqualifikation und Strategie aus, die sich frei von moralischen Ansprüchen dem Vorteil des eigenen Unternehmens verpflichtet sieht. Bredella endet mit einem Plädoyer für ein ethisches interkulturelles Verstehen, nach dem sich die Anerkennung Anderer und die Bindung an die eigene Kultur nicht gegenseitig ausschließen.

Beitrag III „Arranged Marriages“

Dieser Beitrag diskutiert das Spannungsfeld zwischen dem Recht von Minderheiten, nach ihren kulturellen, ethischen oder religiösen Vorstellungen zu leben einerseits und dem Recht des Individuums auf Selbstbestimmung andererseits. Der Kampf um die Anerkennung der kollektiven Identität („politics of recognition“) kann dazu führen, dass der Einzelne sich dieser unterordnen muss. Am Beispiel zweier Romane, „(Un-)arranged Marriage“1 und „Shame“2 wird gezeigt, wie Schüler durch das Miterleben mit den Hauptpersonen Empathie und Urteilsvermögen für das interkulturelle Dilemma der arrangierten Ehe entwickeln können und empathisch verstehen, wie aus Unsicherheit Fundamentalismus entstehen kann.

Diskussion

Bredella führt aus, dass die Existenz unterschiedlicher Kulturen und Sprachen auch Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit fordert (S.10) und wie Geschichten im Fremdsprachenunterricht diese Bildungsziel unterstützen können. Dafür geht er sehr kritisch auf andere Literatur- und Kulturkonzepte ein, um seine Bildungsforderung theoretisch zu begründen und gegenüber herrschenden Konzepten und Trends abzugrenzen. Dieses tut er recht ausführlich bis langatmig und wiederholt seine Kernthesen unter unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln. Die didaktische Umsetzung seiner Ideen und Forderungen in die Unterrichtspraxis stehen dabei ebenso wenig im Vordergrund, wie eine flüssige Lektüre.

Er begründet, warum die Bedeutung von Geschichten im Fremdsprachenunterricht weit über die Kommunikationskompetenz hinausgehen, indem sie Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit fördern und eine Basis für interkulturelles Verstehen legen können, die es ermöglicht, mit kulturellen Unterschieden zu leben.

Im zweiten Teil verteidigt Bredella interkulturelles Verstehen gegen die Extrempositionen der universalistischen Transkulturalisten einerseits und der relativistischen Multikulturalisten andererseits. Er steuert auf einen Weg der Mitte und differenzierten Betrachtung zu, wobei er auf eine Konkretisierung seiner Vision verzichtet. Dafür lässt er Raum für differenzierte, eben nicht messbare Überlegungen und Urteile. Wir erfahren wenig darüber, wie interkulturelles Verstehen im Unterricht gelernt werden kann. Dies wird erst wieder im dritten Teil mit zwei Literaturbeispielen kurz skizziert. Lehrer und Didaktiker hätten sich hierzu mehr Ausführung und Beispiele gewünscht.

Fazit

Bredellas Beiträge in diesem Buch sind ein ausführlich und theoretisch begründetes Plädoyer für die Ausweitung des fremdsprachlichen Bildungsziels auf die Entwicklung von Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit. Im zweiten Teil wirbt er für interkulturelles Verständnis, das kulturelle Unterschiede weder, wie die Transkulturalisten, ablehnt, noch, wie die Multikulturalisten, verabsolutiert, sondern vielmehr anerkennt und sich über sie zu verständigen vermag. Der fremdsprachliche Unterricht kann dieses Ziel durch den Einsatz von Geschichten, in denen der Leser über das reine Sprachverständnis hinaus auch zum Beobachten, Miterleben und Reflektieren eingeladen wird, unterstützen. Bredella verzichtet in diesem Buch auf praktische und unterrichtsdidaktische Hinweise zur Umsetzung und richtet sich mehr an Bildungstheoretiker und Studenten als an Lehrer und Pädagogen in der Praxis.

1 Bali Rai: (Un-)arranged Marriage. Corgi (2001) oder Klett (2007)

2 Jasvinder Sanghera: Shame. Hodder and Stoughton (2007)


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 13.12.2012 zu: Lothar Bredella: Narratives und interkulturelles Verstehen. Zur Entwicklung von Empathie-, Urteils- und Kooperationsfähigkeit. Narr Verlag (Tübingen) 2012. ISBN 978-3-8233-6732-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14181.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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