socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sebastian Möller-Dreischer: Zur Dynamik der Geschlechter in pädagogischen Berufen

Cover Sebastian Möller-Dreischer: Zur Dynamik der Geschlechter in pädagogischen Berufen. Eine exemplarische empirische Untersuchung an männlichen Studenten der Rehabilitationswissenschaften/Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 266 Seiten. ISBN 978-3-7815-1868-1. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Thema

Die vorliegende Arbeit wurde 2011 von der TU Dortmund als Dissertation angenommen. Sie entstand im Rahmen eines Forschungsprojektes “Männer in akademischen pädagogischen Berufen“, das in den Jahren 2004 - 2006 in der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund angesiedelt war. Die hier leitende Forschungsfrage lautete: „Wie kann – auf der Grundlage der wissenschaftlichen Untersuchung männlicher Beweggründe für die Ausübung (akademischer) pädagogischer Berufe – auf den pädagogischen Feldern, die von Frauen überrepräsentiert sind, der Anteil männlicher Pädagogen effektiv erhöht werden?“ (S. 8). In diesem Forschungsprojekt wurden 40 biographisch orientierte „problemorientierte Interviews“ (nach Witzel) mit männlichen Studierenden des Lehramts für Sonderpädagogik und des außerschulischen Diplomstudiengangs Rehabilitationspädagogik durchgeführt. Parallel dazu gab es eine flankierende Untersuchung mit praktizierenden – männlichen wie weiblichen – Pädagogen.

Als Mitarbeiter des Projektes beschäftigte sich der Autor in der Folge intensiver mit der Frage der Geschlechterdynamik in diesem Feld. Für die vorliegende Dissertation wurde das im Rahmen des Gesamtprojektes erhobene Interviewmaterial weiterführend analysiert – unter verstärkter Einbeziehung von Theorieansätzen zur sozialen Konstruktion von Männlichkeit.

Aufbau

Der Argumentationsgang des Autors – und damit der Aufbau der Arbeit - erfolgt in vier thematischen Schwerpunkten:

  1. Vorstellung des Forschungsfeldes: junge Männer in sonderpädagogischen Berufen sowie Darlegung des methodischen Zugangs (Kapitel 2: S. 17-29)
  2. Darstellung des empirischen Forschungsstandes zu Männern in Frauenberufen (Kapitel 3: S. 31-67)
  3. Entwicklung der der Untersuchung zugrunde liegenden theoretischen Konzepte, vor allem die Arbeiten von Connell und Bourdieu (Kapitel 4: S. 69-97)
  4. Präsentation der Ergebnisse der empirischen Studie, grob gegliedert in zwei Themenkomplexe: Erkenntnisse zu Wegen junger Männer hin zu sonderpädagogischen/rehabilitationswissenschaftlichen Berufsfeldern zum einen und Erkenntnisse zur Positionierung junger Männer in einem überwiegend weiblich besetzten Studiengang zum zweiten (Kapitel 5: S. 99-252).

Inhalte

Der Autor verortet sich mit seiner Untersuchung in sozialkonstruktivistischen Zugängen zur Kategorie Geschlecht, der zu Folge Geschlecht keine Eigenschaften anhaftet, sondern in verschiedenen sozialen Praxen täglich immer neu hergestellt werden muss („doing gender“). Dieser Konstruktionsprozess findet vor dem Hintergrund des kulturellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit statt, das nicht nur alles Handeln in bipolare Klassifikationen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ fasst, sondern diese zugleich in ein hierarchisches Verhältnis setzt. Mit der Herstellung von Differenz zwischen den Geschlechtern erfolgt also auch eine Konstruktion von Hierarchie nach dem Muster „doing male dominance“ und „doing female submission“. Die soziale Praxis „Arbeit“ und „Beruf“ – hier folgt der Autor den Arbeiten von Angelika Wetterer und Bettina Heintz u.a. – spielt dabei eine zentrale Rolle. Berufliche Arbeit unterliegt in hohem Maße der Vergeschlechtlichung, dem o.a. Strukturmerkmal folgend: Die Feminisierung von Berufs- und Arbeitsfeldern geht in der Regel einher mit Statusminderung, deren Vermännlichung mit Statusgewinn oder Statuskonsilidierung. Die Sichtweise des Arbeitsmarktes als einer geschlechtssegregierten sozialen Konstruktion fragt auch nach den Grenzfällen, nach den Frauen, die in Männerberufen, und nach Männern die in Frauenberufen arbeiten, nach den „cross-gender-freaks“ (wie Christiane Williams sie nennt; ein Begriff, der leider in der Arbeit von Möller-Dreischer nicht auftaucht) oder nach „go-betweens“ (Heintze u.a.), wobei der sozialwissenschaftliche Kenntnisstand über männliche cross-gender-freaks erheblich geringer ist als der über weibliche.

Vor diesem Hintergrund richtet Möller-Dreischer seine Aufmerksamkeit darauf, wie männliche Studierende des Lehramts für Sonderpädagogik und des außerschulischen Diplomstudiengangs Rehabilitationspädagogik – als Minderheit in einem vornehmlich weiblich besetzten Studiengang und Berufsfeld – Männlichkeit konstruieren. Seine „Theoriegrundlage“ stellen die in den Sozialwissenschaften sehr einflussreichen Konzepte von Connell und Bourdieu dar. Connells Konstrukt der hegemonialen Männlichkeit verweist darauf, dass die Geschlechterordnung nicht nur durch die zentrale und allgegenwärtige Unterordnung der Frauen und die Dominanz der Männer charakterisiert werden kann, sondern auch durch unterschiedliche Männlichkeiten, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Hegemoniale Männlichkeit wird als kulturelles Ideal, als Orientierungsmuster verstanden, das dem doing gender der meisten Männer zugrunde liegt. Gleichwohl existieren auch untergeordnete, marginalisierte Formen von Männlichkeit. Bourdieus Habituskonzept wird hinzugezogen, um den „langen Atem der Herkunft“, die Beharrungskräfte, die sich einfachen, nur intentionalen Willensanstrengungen widersetzen, zu unterstreichen.

Als wesentlichen Ertrag seiner empirischen Arbeit formuliert der Autor die Erkenntnis, „…dass der Weg junger Männer in ein vornehmlich weiblich besetztes Berufsfeld über praktische Erfahrungen führt.“ (S. 253) Solche sozialen Lernchancen seien allerdings in der Biographie junger Männer eher selten. Als in dieser Hinsicht „relevante und prägende Lebensphase“ wird in den Interviews immer wieder der Zivildienst genannt. Hier schließt der Autor an eine Untersuchung des Rezensenten an (Bartjes, Heinz, Der Zivildienst als Sozialisationsinstanz, Weinheim und München 1996), differenziert diese aber weiter aus, indem er z.B. vier unterschiedliche Gruppen im Umgang mit dem Zivildienst identifiziert: „Orientierungssuchende, Rückbesinner, Überprüfer und Weiterqualifizierer“ (S. 155) Bezüglich der Frage der Positionierung junger Männer in einem überwiegend weiblich besetzten Studiengang konnte der Autor im wesentlichen die oben kurz skizzierten Erkenntnisse zur Vergeschlechtlichung von Arbeit bestätigen: Dominant seien die Konstruktionsprinzipien des „doing difference“ und des „doing male dominance“. Obwohl die jungen Männer durchweg von einem „Gefühl des Gewünschtseins“ in Bezug auf ihren Minderheitenstatus als cross-gender-freaks berichten, hätten sie mit erheblichen Schwierigkeiten umzugehen: „Diese äußern sich z.T. in einer Schwierigkeit der Integration des gewählten Berufsfeldes in die eigene Konstruktion von Männlichkeit, die durch einen Rückgriff auf geschlechtsstereotype Darstellungen von männlichem Geschlecht kompensiert wird.“ (S. 254) Differenziertere Sichtweisen jenseits stereotyper Deutungen seien zwar identifizierbar, fänden sich aber „nur vereinzelt“.

Fazit

Die Publikation stellt insgesamt eine differenzierte empirische Analyse eines bislang nicht sehr breit verfolgten Forschungsfeldes dar. Das Überblickskapitel (3) zum Stand der empirischen Forschung zu Männern in Frauenberufen ist sehr hilfreich, die vorgestellten Theorien zur sozialen Konstruktion von Männlichkeit sind zwar nicht neu, aber der Fragestellung angemessen. Der empirische Teil ist sehr akribisch und differenziert – aber mit 151 Seiten deutlich zu lang geraten. Hier wäre im Sinne der Lesbarkeit eine Verdichtung des empirischen Materials ratsam gewesen. So ist die Lektüre dieses Teils sehr mühsam, auch weil z.T. sehr lange Interviewpassagen eingearbeitet werden. Zusätzlich eher verwirrend als hilfreich strukturierend sind 14 eingearbeitete Thesen, eine Vielzahl von „Zwischenfaziten“ und „Resümees“. Demgegenüber fällt das Schlusskapitel („Fazit und Ausblick“) mit dreieinhalb Seiten sehr knapp aus.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
E-Mail Mailformular


Alle 17 Rezensionen von Heinz Bartjes anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 28.11.2012 zu: Sebastian Möller-Dreischer: Zur Dynamik der Geschlechter in pädagogischen Berufen. Eine exemplarische empirische Untersuchung an männlichen Studenten der Rehabilitationswissenschaften/Sonderpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1868-1. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14182.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung