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Rainer Funk: Entgrenzung des Menschen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.11.2012

Cover Rainer Funk: Entgrenzung des Menschen ISBN 978-3-86226-174-1

Rainer Funk: Entgrenzung des Menschen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 52 Seiten. ISBN 978-3-86226-174-1. D: 5,80 EUR, A: 5,80 EUR, CH: 7,00 sFr.
Reihe: Centaurus pocket apps - 22
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Was lässt den Menschen gelingen?

Die uralte, immer wieder interessante und notwendige neue Frage nach dem individuellen und gesellschaftlichen Menschsein lässt sich immer nur beantworten, wenn es gelingt, das Sosein des Menschen und seine Frage nach dem „Wer bin ich?“ einzubetten in die jeweilige Wirklichkeit seines Lebens. Es gibt Analysen, die davon ausgehen, dass insbesondere in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierter entwickelnden (Einen?) Welt die Frage nach dem Sinn des Lebens dringlicher wird denn je. Denn es sind die gesellschaftlich gemachten, den jeweiligen Strukturen unterliegenden Bedingungen und Voraussetzungen, die das Leben der Menschen zu einer Funktion der Gesellschaft machen, oder die Formen von Selbstbestimmung und Freiheit ermöglichen. Das sind Fragen, die sich in erster Linie an Psychologen, Psychoanalytiker, Soziologen, Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler richten. Von ihren Antworten kann es abhängen, wie Individuen in gesellschaftlichen Zusammenhängen leben und ihr Leben betrachten können. Aristoteles sieht im anthrôpos, dem Menschen, ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen, das sprach- und vernunftbegabt ist, sich in Gemeinschaft mit anderen Menschen entfalten kann und nach einem guten, glücklich-gelingendem Leben strebt (Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005). Dies setzt voraus, dass der Mensch in der Lage ist, sich zu verändern, also den Wandel als Entgrenzung zu verstehen. Damit sind wir bei einem Begriff, der sich insbesondere im Diskurs um Globalisierung und Öffnung der Welt etabliert hat: Individuelle Begrenztheit, nationale Grenzen und fremdbestimmte Eingrenzungen weichen einer Grenzüberschreitung, die als Erweiterung des eigenen Horizonts und von machtvollen Abhängigkeiten verstanden und, soll die „Ent-Grenzung“ gelingen, als Aufklärung und Freiheit erlebt wird (Dirk Lange, Hrsg., Entgrenzungen. Gesellschaftlicher Wandel und politische Bildung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12192.php).

Autor und Inhalt

Der Tübinger Psychoanalytiker Rainer Funk gilt als Experte für die Psychoanalyse, wie sie von Erich Fromm entwickelt und praktiziert wurde. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter Fromms versteht er sich nicht nur als „Nachlassverwalter“ und Herausgeber der Erich Fromm-Gesamtausgabe (12 Bände, 1999); er ist auch überzeugt, dass, wie er in seinem Buch „Der entgrenzte Mensch“ erklärt, dass „ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht“. Beim vierten Fachforum für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart im Dezember 201, hat er über „Ent-Grenzung des Menschen“ referiert. Der Text wird in der auf Dialog und fachliche Auseinandersetzung angelegten Reihe „Centaurus Pocket Apps“ veröffentlicht.

Die verführerischen Erwartungshaltungen, die ein „entgrenzter Mensch“ erlebt und als Selbstbestimmung und Freiheit erhofft, unterliegen einer Reihe von Fallstricken und Illusionen, die es aufzudecken gilt, etwa im Bereich der (scheinbaren) digitalen Unabhängigkeit (Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php), in der Wirtschaft und Arbeitswelt (Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php; vgl. auch: Christophe Dejours, Hrsg., Klinische Studien zur Psychopathologie der Arbeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13188.php), wie auch im alltäglichen, individuellen Leben. Mit der Aufforderung „Use it or loose it“ verweist der Autor darauf, dass Entgrenzungskompetenzen weder in die Wiege gelegt werden, noch einem zu-fallen; vielmehr komme es darauf an, das „menschliche Vermögen“ zu entdecken und es nicht mit dem „gemachten Vermögen“ zu verwechseln. “Wirklich wertschätzen und lieben kann man sich und andere nur, wenn man die Schattenseiten, das Schwierige und Kritische bei sich und bei anderen nicht ausblendet, sondern auch zu akzeptieren, wertzuschätzen… imstande ist“.

Fazit

Für die Soziale Arbeit ergeben sich dabei eine Reihe von Herausforderungen, die mit der wichtigen Frage beginnen: „Will sie (die Soziale Arbeit, JS) zum Gelingen der Gesellschaft beitragen oder zum Gelingen des Menschen?“. Es gilt, in der Profession (vgl. dazu auch: Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php), wie im gesellschaftlichen und individuellen Leben das „menschliche Vermögen“ wieder zu entdecken und dabei zu erfahren, dass „gemachtes Vermögen“ den Menschen nicht entgrenzt(er), sondern abhängig(er) und eingegrenzt(er) macht.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1554 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.11.2012 zu: Rainer Funk: Entgrenzung des Menschen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-174-1. Reihe: Centaurus pocket apps - 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14189.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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