socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Karlheinz Sonntag, Ekkehart Frieling u.a.: Lehrbuch Arbeitspsychologie

Cover Karlheinz Sonntag, Ekkehart Frieling, Ralf Stegmaier: Lehrbuch Arbeitspsychologie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 3., vollst. überarb. Auflage. 711 Seiten. ISBN 978-3-456-85002-3. 99,95 EUR, CH: 135,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Arbeitspsychologie beinhaltet die Schnittmenge aus angewandter Psychologie und ingenieurwissenschaftlich geprägter Arbeitswissenschaft. Sie ist gleichzeitig Bestandteil der ABO- oder AOW-Spezialisierung in der Psychologie, womit der Anwendungsbereich Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft in unterschiedlichem Zuschnitt gefasst wird.

Herausgeber und Autoren

  • Karlheinz Sonntag ist seit 1993 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Heidelberg.
  • Ekkehart Frieling war bis zu seiner Emeritierung Professor für Arbeitswissenschaften für Technikstudiengänge an der Universität Kassel.
  • Ralf Stegmaier ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück.

Alle drei Autoren zeichnen für das Gesamtwerk gemeinsam verantwortlich.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage des Lehrbuchs Arbeitspsychologie wurde von Ekkehart Frieling und Karlheinz Sonntag verfasst. Sie erschien 1987 und zählte 224 Seiten. 11 Jahre später umfasste die zweite Auflage schon 564 Seiten und weitere 14 Jahre – nun mit Ralf Stegmaier als drittem Autor – sind 711 Seiten nötig, um das Fach adäquat vorzustellen. Es handelt sich also um einen gut eingeführten Longseller aus dem Verlag Hans Huber, der seit 1984 zum Hogrefe Verlag, der ersten Adresse deutschsprachiger psychologischer Literatur, gehört.

Umschlaggestaltung

Im Gegensatz zu anderen Standardwerken der Arbeitspsychologie (bspw. von Eberhard Ulrich: Arbeitspsychologie, 7.Aufl. 2011) haben die Autoren für ihre 3.Auflage ein farbenfreudiges Layout gewählt. Abgebildet ist eine monumentale kinetische „Tonmischmaschine“ aus dem Spätwerk des Schweizer Künstlers Jean Tinguely mit dem Titel „Fatamorgana, Méta-Harmonie IV“. So schön und einladend das bunte Foto wirkt, im Text findet sich kein Bezug darauf. Ist es ein ironischer Hinweis auf die Sinnferne der modernen Maschinen- und Konsumwelt? Handelt es sich um die Bebilderung der Maschinenmetapher moderner Organisationen? Oder wollen die Autoren auf die Möglichkeit hinweisen, dass Arbeiten in modernen Produktionsprozessen auch lustvoll und kreativ erlebt werden kann?

Zielsetzung

Arbeitspsychologisches Forschen und Handeln bezieht sich auf das Erleben und Verhalten des Menschen, formulieren die Autoren, „bei der Arbeitstätigkeit in einem spezifischen organisationalen Kontext mit teilweise erheblichem Veränderungspotential“ (S.15). Das Ziel der Psychologie der Arbeit müsse es sein, „solche Arbeitstätigkeiten für die Menschen innerhalb einer Organisation bewältigbar zu machen sowie deren psychische und physische Leistungsvoraussetzungen zu erhalten und weiterzuentwickeln.“ (ebd.) Der dargestellte situative Kontext solle in den Beiträgen „stets die Realität“ abbilden, es sei eine „hohe externe Validität arbeitspsychologischen Handelns herzustellen“ (S.17), also eine hohes Maß an Generalisierbarkeit der getroffenen Feststellungen.

Aufbau

Das Lehrbuch ist übersichtlich in fünf Teile gegliedert:

  1. Einführung und theoretische Grundlagen,
  2. Methoden der Arbeitspsychologie,
  3. Personale Voraussetzungen und deren Förderung,
  4. Bewertung und Gestaltung von Arbeitstätigkeiten und
  5. Beispiele arbeitspsychologischen Handelns in Praxis und Forschung.

Zu Teil I: Einführung und theoretische Grundlagen

Nach einem thematischen Überblick geht es im 1.Teil um das Selbstverständnis der Arbeitspsychologie. Hier werden historische Bezüge etwa zur Psychotechnik und zur Human-Relations-Bewegung dargestellt, bis hin zum Ansatz Hackers, der eine „Allgemeine Arbeitspsychologie“ entwickelte, die bspw. teilweise in dem Enzyklopädieband „Arbeitspsychologie“, hrsg. von Kleinbeck/Schmidt (2010) [siehe www.socialnet.de/rezensionen/9562.php] umgesetzt wurde. Die theoretischen Grundlagen der Arbeitspsychologie, vor allem die Handlungsregulationstheorie, werden diskutiert, ohne allerdings ein zentrales theoretischen Modell zu entwickeln, das Allgemeingültigkeit beanspruchen könnte.

Zu Teil II: Methoden der Arbeitspsychologie

Erstmals im Methodenkapitel wird etwas ausführlicher auf die unterschiedlichen Interessenssphären in Betrieben eingegangen: Forscher, Beforschte, Management und Betriebs- bzw. Personalrat haben i.d.R. divergierende Interessen. „Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing‘“, ist ein Abschnitt überschrieben und damit zumindest kurz reflektiert, dass der Arbeitspsychologe in konkreten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen agiert, die er meist wenig beeinflussen kann.

Als Methoden der Feldforschung werden ausführlich Befragung und Beobachtung sowie physikalische und physiologische Messmethoden erläutert; die Laborforschung wird nur kurz gestreift.

Zu Teil III: Personale Voraussetzungen und deren Förderung

Verhaltens- und Leistungsdispositionen bei Arbeitstätigkeiten, mithin eigentlich personalpsychologische Fragestellungen, werden im ersten Kapitel dargestellt und im zweiten unter der Überschrift „Personale Förderung und Kompetenzentwicklung“ weitergeführt. Im dritten Kapitel geht es um „Arbeit, Gesundheit und Wohlbefinden“, also um zentrale Fragen moderner Personalpolitik, denn Stressbewältigung und Gesundheitsförderung sind sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite aktuell viel diskutierte Thematiken. Sicherheit am Arbeitsplatz, als Arbeitsschutzthematik jahrelang zentrales Anliegen der Arbeitswissenschaft, spielt in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft eine geringere Rolle als in Zeiten dominierender industrieller Fertigung. Aktuelle Themen wie Work-Life-Balance, betriebliches Gesundheitsmanagement und „Pathologien“, gemeint sind Mobbing, Burnout, Alkoholkonsum, Arbeitssucht und „Arbeitsflucht“, werden ausführlich dargestellt.

Zu Teil IV: Bewertung und Gestaltung von Arbeitstätigkeiten

Interessanterweise beginnt dieser Teil mit einigen Erfahrungen aus der Automobilindustrie. Dort haben sich trotz Hochtechnologie und modernsten Produkten die Arbeitsbedingungen der meisten Lohnabhängigen kaum oder „nur langsam und in zähem Ringen verbessern lassen.“ (S. 368) Gruppenarbeit, die im Zuge der Humanisierung der Arbeitswelt oft unter großer öffentlicher Beachtung bei vielen Herstellern eingeführt worden war, ist wieder sang- und klanglos abgeschafft worden. Monotone Fließbandarbeit dominiert weiterhin. „Für Ingenieure ist es einfacher, die erforderliche Stückzahl über die Geschwindigkeit eines Montagebandes zu erzeugen, als mit den Mitarbeitern entsprechende Stückzahlgrößen zu vereinbaren.“ (ebd.) Der gestaltende Arbeits- und Organisationspsychologe benötige daher eine hohe Frustrationstoleranz, Rückschläge zu verkraften.

Nichtsdestotrotz werden dann ausführlich Verbesserungen der Arbeitsbedingungen vorgestellt und Belastungsschwerpunkte in der deutschen und europäischen Arbeitswelt erläutert. Die Gestaltung der Arbeitsumgebung bezieht sich auf das bauliche Umfeld, auf Produktionsräume, auf Verwaltungs- und Bürogebäude, Pausen- und Ruheräume sowie auf Rein- und Überwachungsräume. Ausführlich wird die Arbeitsplatz- und Arbeitsmittelgestaltung behandelt. Prominentes Beispiel ist die Mensch-Maschinen-Schnittstelle, aber auch Klassiker wie Lärm, Klima und Schadstoffe fallen unter den Gestaltungsaspekt. Weniger physiologisch mehr psychologisch ist dann die Gestaltung der zeitlichen und organisatorischen Bedingungen der Arbeitstätigkeit, wozu Arbeitszeitgestaltung, Entgeltsysteme, Aufbau- und Ablauforganisation sowie Gruppenarbeit zählen. Bei den letztgenannten Themen stößt die Arbeitspsychologie an ihre disziplinären Grenzen, denn organisationspsychologische, soziologische und ökonomische Aspekte dominieren die Gestaltung. Bezeichnenderweise sind dem Stichwort „Change Management“ gerade mal drei Seiten gewidmet. Die Autoren argumentieren allerdings mit dem häufigen Scheitern von Veränderungsprozessen, dies sei doch ein deutliches Indiz, dass arbeits- und organisationspsychologische Perspektiven wichtiger seien, als häufig angenommen. (S. 550)

Zu Teil V: Bespiele arbeitspsychologischen Handelns in Praxis und Forschung

Exemplarisch werden drei arbeitspsychologische Forschungs- und Gestaltungsfelder im Sinne von „Werkstattberichten“ vorgestellt:

  1. die Evaluation eines neuen Systems der Montage von Handbremshebeln,
  2. die Analyse und Förderung von Diagnosefähigkeiten im Umgang mit komplexen technischen Systemen anhand einer computergestützten Lernumgebung und
  3. die Entwicklung von Kompetenzmodellen nach Reorganisationen in einem Projekt mit der Schweizerischen Post.

Dies geschieht zumindest für die beiden erstgenannten Beispiele sehr ausführlich, bei allen drei Beispielen anschaulich und informativ. Hier wird die Umsetzung des eingangs genannte Diktums „Anwendungsbezogene Forschung ist immer kontextbezogen!“ (S. 21) besonders deutlich.

Diskussion

Lehrbücher wollen in der Regel beides: Studierende mit der Fachdisziplin vertraut machen und interessierten Praktikern wie auch Kollegen die ganze Bandbreite des Fachs darstellen. Beides ist mit dem vorliegenden Werk gelungen. Unter didaktischen Gesichtspunkten wäre auch eine andere Vorgehensweise denkbar, etwa die Formulierung von Lernzielen und die Überprüfung des Gelernten anhand von Reflexionsfragen. Jedoch hätten sich die Autoren dann auf einen bestimmten Typ Studierender festlegen müssen. Sie wollten aber gerade keine Differenzierung für Bachelor- und Masterstudiengänge vornehmen, denn sie halten derartige Aufteilungen und Abgrenzungen für „artifiziell und willkürlich“ (S. 11). Das führt allerdings auch zu einem fast dreistelligen Preis des Lehrwerks, was die Anschaffung durch Studierende eher unwahrscheinlich macht. Vor allem Nebenfächler wie Ingenieurwissenschaftler, Betriebswirte, Soziologen und Erwachsenenpädagogen werden vermutlich auf preiswertere, aber inhaltlich auch „dünnere“ Werke zurückgreifen.

Gerade da es sich um ein ambitioniertes Standardlehrwerk handelt, sind die Autoren zu fragen, warum sie sich in Bezug auf Veränderungsprozesse ökonomischer, gesellschaftlicher und technologischer Art fast jeder kritischen Stellungnahme enthalten. Wer auf die Zumutungen, denen der moderne Mensch als Konsument und Arbeitender ständig ausgesetzt ist, nur reagiert mit dem Ziel, Arbeitstätigkeiten bewältigbar zu machen, beschränkt seine Gestaltungsperspektive.

Fazit

Das Lehrbuch Arbeitspsychologie ist eine ausgereifte, gut lesbare und hochinformative Publikation. Trotz der Stofffülle nimmt man es gerne in die Hand, denn es ist übersichtlich gegliedert, in einem ansprechenden Layout gedruckt und sprachlich gut formuliert geschrieben. Wer sich allerdings einen kritischen Blick auf die Auswirkungen der Globalisierung am Arbeitsplatz erwartet, wird dazu wenig Informationen finden. Doch mit dieser Selbstbeschränkung auf die enge Perspektive innerhalb der Arbeitsorganisation bewegen sich die Autoren im Mainstream der arbeitspsychologischen Wissenschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
Homepage www.antonhahne.de
E-Mail Mailformular


Alle 15 Rezensionen von Anton Hahne anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 06.08.2013 zu: Karlheinz Sonntag, Ekkehart Frieling, Ralf Stegmaier: Lehrbuch Arbeitspsychologie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 3., vollst. überarb. Auflage. ISBN 978-3-456-85002-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14195.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung