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Iwan Pasuchin: Bankrott der Bildungsgesellschaft

Cover Iwan Pasuchin: Bankrott der Bildungsgesellschaft. Pädagogik in politökonomischen Kontexten. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 388 Seiten. ISBN 978-3-531-19637-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Autor

Iwan Pasuchin, Jahrgang 1970, ist Komponist und promovierter Pädagoge. Er lehrt am MediaLab des Mozarteums in Salzburg, ist Lehrbeauftragten an mehreren Universitäten und unterrichtet an einer „Brennpunkthauptschule“. Das vorliegende Buch ist seine Habilitationsschrift.

Der verräterische erste Satz

Der erste Satz des Buches ist einer UNESCO-Deklaration von 2010 entnommen: Bildung im 21. Jahrhundert habe „die Menschen auf die Teilhabe an einer wissensbasierten Wirtschaft“ vorzubereiten. „Beschäftigungsfähigkeit“, „Employability“ ist Sinn und Zweck aller Bildung. Die Kunst der Pädagogen besteht darin, den Schülern und Studenten beizubringen, in ihrer Qualifikation für das (kapitalistische) Arbeitsleben in der „Wissensgesellschaft“, die ihnen Auskommen und Wohlstand sichert, zugleich den höchsten Ausdruck ihrer Selbstverwirklichung zu erkennen und zu erleben. – Auf den folgenden 387 Seiten wird dieses Konstrukt gründlich in Frage gestellt und als ein Konstrukt der Entfremdung entlarvt.

Ortsbestimmung

Bei der Suche nach dem passenden Namen für die Epoche und die Gesellschaft, in der wir leben, entscheidet sich der Autor vor allem unter Berufung auf die Schriften von Manuel Castells für die Begriffe „Informationalismus“, „informationeller Kapitalismus“ und „Informationsgesellschaft“.

„Informationalismus“ ist der Sammelbegriff für die Dreieinheit aus „technikdeterministischer“ Haltung, „neoliberaler“ Politik und einer fatalistischen „Metaideologie“. Gemeint ist damit Folgendes: Gesellschaft wird durch Technik geprägt, nicht umgekehrt; dem technologischen Fortschritt wird der Vorrang vor allen anderen sozialen Prozessen eingeräumt (= Technikdeterminismus). Eine Politik, die „mehr Markt und weniger Staat“ fordert, ebnet dem technologischen Fortschritt durch Deregulierung, Privatisierung und Flexibilisierung den Weg (= Neoliberalismus als radikalisierte, entstaatlichte Marktwirtschaft). Überkommene Weltanschauungen und Ideologien weichen einer vermeintlichen „Gesinnungslosigkeit“. Nicht mehr „In God we trust“ soll es heißen, sondern „In Computer we trust“ (= Metaideologie). – Wir leben also in einer marktradikalen Technokratie

Dritte industrielle Revolution

Nach den historischen industriellen Revolutionen durch Dampfkraft und Elektrizität, sind wir in der Jahrtausendwende lebenden Zeitgenossen nunmehr Zeugen der „dritten industriellen Revolution“. Die neuartigen, weil digitalen Formen der Erzeugung, des Erwerbs und der Verbreitung von Wissen stehen nun im Vordergrund. Die dritte, digitale industrielle Revolution erfordert das Erlernen einer „vierten Kulturtechnik“: Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wird die „computer literacy“ zur Schlüsselqualifikation schlechthin. Zugleich begründet sie eine neue soziale Schicht, die „new intelligentsia“ innerhalb eines neuen Gesellschaftstyps, der tendenziell globalen „Netzwerkgesellschaft“. Das Besondere der digitalisierten Informationsgesellschaft ist „die Einwirkung des Wissens auf das Wissen selbst als der Hauptquelle der Produktivität“ (S. 63). Zu allen Zeiten haben Gesellschaften auf Wissen zurückgegriffen und Informationen verarbeitet, um Güter und Dienstleitungen herzustellen. Heute konzentriert sich die Informationsverarbeitung „auf die Verbesserung der Technologie der Informationsverarbeitung“. (ebd.)

Politökonomische Entzauberung

In der Epoche des Informationalismus findet die reelle Subsumtion des Bildungssektors unter das Ziel der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und ihres Standortes, des Staates, statt.

Die Beteiligung der Bildungseinrichtungen, konkret: der Schule, an der informationstechnologischen Revolution besteht darin, jungen Menschen die Beherrschung der neuen Mittel der Information und Kommunikation beizubringen und eine naive Technikgläubigkeit dahingehend zu befördern, als stellten sich Autonomie und Mündigkeit automatisch mit der Computertauglichkeit ein. Aber auch der Unterricht selbst soll revolutioniert werden. Bill Gates wird dazu zitiert: „Dank der Informationstechnologie wird die kunden- und adressatenspezifische Massenfertigung auch den Unterricht erobern. (…) Wie bei der kundenspezifischen Massenherstellung von Jeans und elektronischen Tageszeitungen werden Computer individuell abgestimmte Lerninhalte und Materialien auswählen, so dass der Schüler gemäß seinem persönlichen Lernstil den Weg und das Tempo bestimmen kann.“( S. 183) Ein Wissen, von dem wir hören, dass es immer rascher veraltet, sollte man sich gar nicht erst „aneignen“, sondern lediglich wissen, wo es zu finden ist, um es wieder fallen zu lassen, wenn neue Erkenntnisse auftauchen. – Das Bildungsideal eines außengeleiteten Menschen Riesmanscher Prägung taucht vor dem inneren Auge des Rezensenten auf. Die nimmermüde Hamsterradtüchtigkeit des Schülers scheint zur Schlüsselqualifikation schlechthin zu werden. Der flexible Selbstoptimierer sollte am Ende auch zur Selbstentsorgung fähig sein. Brave New World!

Erziehung zur Anpassung

Die Pädagogik in der Ära des informationellen Kapitalismus zielt auf die marktgängige Zurichtung der Humanressourcen. Da der Markt „flexible“ und „kreative“ Menschen („Menschen“? Wäre „intelligente Biomasse“ nicht zutreffender?) braucht, taugt weder die alte, direktive Kommando-Erziehung von vorgestern noch die moderne demokratische Erziehung von gestern. Also tauscht man das Ideal der „Selbstbestimmung“ – was ich lernen will – gegen das Ideal der „Selbststeuerung“ aus – wie ich ein vordefiniertes Ziel erreichen will. Der Unterschied besteht darin, „dass Selbstbestimmung ganzheitlich auf die Humanisierung des Lernens abzielt, während Selbststeuerung auf … die Optimierung des Lehrerfolgs durch die Effektivierung des Lernens ausgerichtet ist.“ (S. 216) Es ist der Unterschied zwischen emanzipatorischer und affirmativer Didaktik. Im übrigen wird dem Lernenden die Verantwortung für das Gelingen des von ihm selbst ja „gesteuerten“ Lernprozesses aufgebürdet. Damit nimmt er zugleich eine Lehre fürs Leben mit, die ihm später helfen wird, den Schuldigen zu finden, sollte er einmal arbeitslos werden: Er selbst und niemand anderes, geschweige denn „das System“, kann dafür verantwortlich gemacht werden. Jeder sein eigener, ergebnisorientierter „Lebensunternehmer“; jede ihre eigene, selbstevaluierte „Ich-AG“! Die Disziplinargesellschaft von gestern ist durch die Selbstkontrollgesellschaft von heute abgelöst worden.

Kapitalismus und Autokratie

Weltweit betrachtet, sind heute die Staaten mit undemokratischer Führung wirtschaftlich erfolgreicher als die demokratisch regierten. China, die Vereinigten Arabischen Emirate, auch Vietnam und Russland warten mit zweistelligen Wachstumsraten auf. Diese Staaten sind „weder marktliberale Demokratien nach westlichem Vorbild noch planwirtschaftliche Diktaturen sowjetischer Machart, sondern eine fatale Kombination aus beidem: marktliberale Diktaturen“ (S. 317f.), die von westlichen Wirtschaftsführern wegen ihrer „Effizienzvorteile“ bewundert werden.

Die als unumstößlich geltende These, dass sich die freie Marktwirtschaft am besten in einer freiheitlichen Demokratie entwickelt, ist widerlegt: Der Kapitalismus entwickelt sich im Rahmen undemokratischer Gewaltherrschaft viel besser als in einer auf Partizipation sämtlicher Gesellschaftsgruppen an politischen Entscheidungsprozessen angelegten Gesellschaft. Ein „Stuttgart 21“ wäre in China undenkbar. Ein Berliner „Flughafen-Desaster“ ebenfalls. – Seien wir froh, dass wir diese Vorkommnisse in Deutschland noch haben!

Postdemokratische Hochschulen

Dass sich wirtschaftliches Denken und autokratische Strukturen gut vertragen, kann man auch an unseren reformierten Hochschulen ablesen: Nach Jahren paritätischer Selbstverwaltung werden unsere Hochschulen heute wieder von oben nach unten regiert und Rektoren oder Präsidenten von außen eingesetzt. Ein mit Persönlichkeiten „aus Politik, Kultur und Wirtschaft“ besetzter Hochschulrat nimmt dem herkömmlichen akademischen Senat das Heft des Handelns aus der Hand. In den Bewerbungen für ein Professorenamt ist die Fähigkeit, Drittmittel akquirieren zu können, eine der am meisten geschätzten Qualifikationen. Forschung legitimiert sich erst, wenn sie im Auftrag (der Wirtschaft, der gesellschaftlichen Gruppen) geschieht, auch die Grundlagenforschung. Unter den akademischen Lehrern werden diejenigen favorisiert, die mit Eifer dabei sind, sich selbst abzuschaffen, weil sie die Methoden des „eLearning“ vorantreiben, um die „Präsenzlehre“ durch die „virtuelle Lehre“ zu ersetzen.

Bildung zahlt sich nicht aus

„Bildung, Bildung und nochmals Bildung!“ ist der allerorts zu vernehmende Schlachtruf unserer Zeit.

Ist ökonomischen und sozialen Problemen der Gesellschaft mit verstärkten Anstrengungen zur „Höherqualifikation“ und Steigerung der „Akademikerquote“ beizukommen? – Zweifel sind angebracht.

Ist Bildung der zentrale Schlüssel für die Prosperität der Volkswirtschaft? - Uneingeschränkt ja, antwortet das Buch.

Aber ist Bildung auch der zentrale Schlüssel für den beruflichen Ein- und Aufstieg des Einzelnen? Bringen höhere Bildungsabschlüsse den Menschen geldwerte Vorteile in Gestalt von Entlohnung und Karriere? Nur drei Bedenken:

  1. nicht, wenn es tendenziell alle machen: Schon heute legen 54% eines Altersjahrgangs in NRW eine der vielen Varianten des Abiturs ab;
  2. nicht im globalisierten Konkurrenzkampf, wenn man zum Preis von 5 Analytikern in New York mindestens 15 in Indien bekommt;
  3. nicht unter den Bedingungen der kapitalistischen Profitlogik überhaupt: Wenn Bildung und Wissen die „Hauptressource darstellt, die Firmen zu Gewinnen verhilft“, dann werden die Firmen alles versuchen, dass sie dafür nicht mehr, sondern weniger bezahlen. (vgl. S. 327) – Der hochqualifizierte Niedriglohnarbeiter erscheint als neues Proletariat am gesellschaftlichen Horizont.

Lernen, höhere Abschlüsse machen, sich lebenslang weiterbilden dient unter den kapitalistischen Verwertungsbedingungen allein dazu, mithalten zu können, mehr nicht. Den Dr. phil. können wir uns in Zukunft genau so gut als Professor wie als Taxifahrer vorstellen – mit zunehmend kleiner werdenden Einkommensunterschieden. Die eingängige Formel „learning = earning“ nennt das Buch eine „Täuschung“.

Fazit

Am Ende gewinnt das streitbare Buch einen versöhnlichen Ton. Der Autor möchte, alle formallogische Kapitalismuskritik vergessend, das Verhältnis zwischen Pädagogik und Ökonomie im Sinne eines vernünftigen gesellschaftlichen Fortschritts in Ordnung bringen. Dazu greift er auf John Dewey und seine fast hundert Jahre alte Schrift „Schools of To-Morrow“ (New York 1915) zurück. Pasuchin spricht von einem „vorausblickenden Rückblick“, der ein Buch beschließt, das in der Hauptsache jedoch aus einem „vernichtenden Urteil über das Konstrukt der Bildungsgesellschaft“ (S. 348) besteht.

Fulminanz und Redundanz sind die hervorstechenden Merkmale des Werks. Fulminant ist die politökonomische Analyse der Wissens- oder Bildungsgesellschaft; redundant ist ihre Wiederholung in jedem der auf die Einleitung folgenden sieben Kapitel. Der Titel, „Bankrott der Bildungsgesellschaft“, klingt marktschreierisch; „Bildungs- und Wissensgesellschaft als Legitimationsideologie“ wäre ein angemessener Alternativ-Titel für das nicht immer leicht zu lesende, aber immer studierenswerte Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 18.04.2013 zu: Iwan Pasuchin: Bankrott der Bildungsgesellschaft. Pädagogik in politökonomischen Kontexten. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-19637-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14202.php, Datum des Zugriffs 26.02.2020.


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