socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Carsten Heinze (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie

Cover Carsten Heinze (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. 364 Seiten. ISBN 978-3-86764-366-5. 44,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Mit ihrem Sammelband „Perspektiven der Filmsoziologie“ vereinen die Herausgeber Carsten Heinze, Stephan Moebius und Dieter Reicher unterschiedliche soziologische Texte, die nach einer Etablierung der Filmsoziologie im Kanon ihres Faches suchen. Dabei unterscheiden sie zwei Bereiche: die theoretischen und methodologischen Perspektiven der Filmsoziologie und die angewandte Filmsoziologie. Die Texte variieren in Form und theoretischer Meinung, was eine Filmsoziologie überhaupt sei.

Autor

Carsten Heinze ist Dozent an der Universität Hamburg im Fachbereich Sozialökonomie, Fachgebiet Soziologie mit den Forschungsschwerpunkten Medien, Film sowie Biografieforschung.

Stephan Moebius ist Professor für Soziologische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Graz.

Dieter Reicher ist Assistenzprofessor am Institut für Soziologie, ebenfalls an der Universität Graz.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile aufgegliedert.

Im ersten Teil versammeln die Herausgeber theoretische Artikel, im Zweiten angewandte soziologische Film- und Fernsehanalysen. Markus Schroer vergleicht zu Beginn des Bandes die Parameter in denen Film und Soziologie in den gleichen Bahnen laufen und sieht, dass sich mit der starken Ausweitung einer visuellen Kultur jenseits des Voyeuristischen hin zu einer aktiven Partizipation diese gewandelt habe.

Rainer Winter formuliert aus drei exemplarischen Werken zur gesellschaftskritischen Filmanalyse Werkaufträge für eine Filmsoziologie. Die Aufgabe einer Filmsoziologie sei, die verschiedenen Bedeutungsdimensionen von Filmen herauszuarbeiten und die Interdisziplinarität von Filmwissenschaft, Soziologie und Cultural Studies weiter auszubauen. Fehmi Akalin widerspricht dieser Herangehensweise und sieht in der Filmsoziologie weniger eine textualistische, antitextualistische noch eine nach den Theorien der Cultural Studies ausgelegte Analyse, sondern eine Disziplin im Bereich der systemischen Kommunikation, die sich analog zu dem Konstrukt Genre und den Kategorien „langweilig“ und „interessant“ bewegen müsse.

Carsten Heinze beschäftigt sich mit den für ihn erkenntnistheoretisch interessanten Dokumentarfilmen und stellt fest, die Soziologie solle sich vermehrt mit der sozialen Ästhetik und anderen filmästhetischen Fragestellungen beschäftigen. Olaf Behrend betreibt eine soziologisch-sequenzanalytische Rekonstruktion des Films, wobei der Begriff Sequenz nicht filmisch gemeint ist. Er analysiert den Film „The Limits of Control“ im Rahmen einer psychologisch/psychoanalytischen Herangehensweise. In einem aus dem Portugiesischen ins Englische übersetzten Artikel schreibt Paulo Menezes über die Problematik der Abbildung des Realen/als Real imaginierten in Dokumentar- und Ethnologischen Filmen und beschreibt sein Konzept der „representification“ (Wiedervergegenwärtigung).

Im zweiten Teil des Sammelbandes finden sich Einzelanalysen mit einer unterschiedlichen Gewichtung. Robert Gugutzer und Moritz Böttcher sehen den Fußballfilm „Das Wunder von Bern“ als eine besondere Form des Heimatfilms in dem Glokalisierungsprozesse deutlich werden. Dieter Reicher untersucht den österreichischen Film als Träger nationaler Identifikation in seiner Hinwendung zum internationalen Prestige. Il-Tschung Lim sieht am Beispiel der Spionage-Film-Reihe um die „Bourne Identität“den zeitgenössischen Hollywoodfilm als Ressource von Globalisierungswissen, das in seinen Augen eine soziale Sinnproduktion herstelle. Auch Anja Peltzer orientiert sich an der in Hollywoodfilmen hergestellten Identität und versucht anhand der Analyse ausgewählter Block-Buster einen (global-)gesellschaftlichen Ausdruck herauszuarbeiten.

Eva Flicker und Irene Zehenthofer fordern mit Hilfe ihrer Analyse des sogenannten "feel-bad-cinemas" in Österreich, in dem soziale Ungleichheiten aufgezeigt werden, ein Kino der sozialen Lebenslust. Ulrike Wohler vergleicht die emanzipatorischen Weiblichkeitsdarstellungen in den Videoclips von Lady Gaga und Lena und brandmarkt, die, in ihren Augen, konservative Vorliebe der Darstellung von Weiblichkeit in europäischen Medien. Lutz Hieber liest aus der Ästhetik des Tatorts ein innovationsfeindliches Bildungsbürgertum an den Hebeln der Fernsehsender heraus und ruft dazu auf, die Avantgarde wieder nach Deutschland zu holen.

Tina Weber und Patrick Schubert verdeutlichen in ihrem Artikel, dass in den letzten Jahren die Sichtbarkeit des Todes im Fernsehen deutlich zugenommen habe. Dabei werde die Darstellung von Leichen in Krimiserien kulturellspezifisch unterschiedlich ästhetisch umgesetzt. Sebastian Haller stellt die filmsoziologische Arbeit in der ehemaligen DDR vor. Oliver Berli analysiert mithilfe der ungleichheitsanalytischen Kultursoziologie den Habitus in den Filmen „Schmalspurganoven“und „Pretty Woman“ anhand der Thematik des American Dreams und findet darin einen deutlichen Erkenntnisgewinn für soziologische Konzepte im Speziellen und Allgemeinen. Im letzten Artikel stellt Hermann Pfütze die Geschichte um den Film „Les Maitres Fous“von Jean Rouch und seinen ethnologischen Hintergrund vor.

Diskussion

Das Buch „Perspektiven der Filmsoziologie“ stellt einen Prozess im Werden eines Selbstverständnisses der Teildisziplin Filmsoziologie aus soziologischem Blickwinkel dar. Dementsprechend sind unterschiedliche Meinungen und Ansätze nebeneinandergestellt. Abgesehen von verschiedenartigen Ansätzen sind aber auch die Stile der einzelnen Artikel sehr unterschiedlich gefärbt. Teilweise wirken sie im Bewusstsein einer geisteswissenschaftlichen Sicht unwissenschaftlich. Zum Beispiel, wenn Behauptungen über historische Kontexte in den Raum gestellt werden, als seien es allgemein anerkannte Tatsachen (siehe: Hieber, S.282), zum anderen sind einige Texte tendenziös und wertend (siehe: Wohler, S. 263f.). Besonders bemerkenswert ist, dass das Buch mit einem Kaufaufruf für eine DVD aus dem Arte-Shop endet (siehe: Pfütze, S.359).

Neben dem Formalen türmen sich aber auch im Lesen der Artikel inhaltlich viele Fragen auf. Fehmi Akalin versucht, das filmische Genre als solches im soziologischen Kontext als Rahmen zu nehmen. Er behauptet, dass sich das Publikum an Genrekonventionen orientiere, die "lediglich im Falle der Synchronisation eine lokale Note bekommt." (75) Hier greift Akalin etwas kurz in seinem Genreverständnis, besonders, da die Definitionen und Abgrenzung einzelner Genres nicht so eindeutig sind. So greift ein tamilischer Thriller zu anderen kulturspezifischen Mechanismen als ein brasilianischer, koreanischer oder ein Hollywoodthriller. Die Zuschauererwartung ist zudem ebenso eng an den Star (Willis oder Kamal Hassan), den Regiestil, die Werbung und anderen Meta-Ebenen gebunden.

Carsten Heinze arbeitet in seinem Text mit falschen Begriffen. Bei einem Dokumentarfilm handelt es sich eben nicht um ein Genre, wie er behauptet (80), sondern um eine Filmgattung. Der fachlich falsche Ansatz von Heinze ist daher problematisch. Zumal die beiden von ihm angeführten Referenzfilme „Persepolis“ und „Waltz with Bashir“ einer anderen filmischen Gattung angehören: Beides sind Zeichentrick/Animationsfilme mit dokumentarischen Elementen.

Olaf Behrend versucht in seinem Artikel das Rad neu zu erfinden, obwohl die Filmwissenschaft dem Analysierenden nicht erst gestern Instrumentarien an die Hand gegeben hat. Auch die Reduktion auf die von Fachfremden gerne genutzten Überblicke zur Filmanalyse (Faulstich, Mikos, Korte – da fehlt dann nur noch Monaco) ist hierbei nicht minder problematisch. Die angewandten Analysen einzelner Filme im zweiten Teil des Buches wirken oftmals gezwungen im Schisma zwischen soziologischer und filmischer Analyse und reduzieren sich wie bei Gugutzer und Böttcher auf den Kern "Was will der filmische Autor uns sagen", obwohl es diesen ja selten gibt.

Besonders problematisch ist die Analyse von Ulrike Wohler, die wertend und tendenziös ist. Die Schlüsse, die Wohler aus ihrer Analyse zieht, sind kaum belegt und wirken wie aus der Hüfte geschossen. Der Aufsatz von Hieber ist zwar interessant und seine These nicht von der Hand zu weisen, aber seine Argumentation erscheint wenig stichhaltig. Anhand eines Vergleichs des Tatorts mit einem Experimentalfilm, einem NS-Propaganda-Streifen und einer amerikanischen Fernseh-Ärzte-Sendung erarbeitet er seine These. Das ist gewagt und verkennt dabei doch, dass der Tatort vom Produkt her ein Fernsehfilm mit langer historischer Laufzeit ist, weswegen er einer anderen Ästhetik folgt als andere Serien oder Kinofilme.

Der von Reicher als Konzept genutzte Begriff des Ethnostars für einen Volksschauspieler im Film ist ein unglücklicher Ausdruck, da dieser eine etwas andere Bedeutung im Subtext mit sich führt. Weshalb kann er es nicht bei der Bezeichnung Volksschauspieler belassen oder den Begriff Regionalstar nutzten?

Der kurze Text von Lim ist einer der wenigen in diesem Buch versammelten Texte, die souverän mit der Materie umgehen und einen interessanten filmsoziologischen Aspekt in die Diskussion einbringen. Auch Weber und Schubert zeigen gut, inwiefern die Ästhetik des Todes in pathologischen Sequenzen sich insbesondere in puncto Körperlichkeit kulturell unterscheidet.

Fazit

Wenn man das Buch liest, könnte man annehmen, dass die Filmsoziologie noch in den Kinderschuhen stecke und ihren Weg noch finden müsse. Doch vielmehr muss man rekapitulieren, dass hier das Hauptproblem des Buches liegt. Über Film zu sprechen ist einfach: Viele gehen gerne ins Kino oder sehen TV. Die Sprache des Buches ist soziologisch verklausuliert, eventuell um methodische Unsicherheiten zu kaschieren! Wie gleich zu Beginn festgestellt wurde (Heinze et al S. 7ff., Schroer S. 15u ff.), gibt es bereits früh Anknüpfungspunkte zwischen Film und Soziologie. So muss man dem Ansatz von Winter (S.57), der zu einer interdisziplinären Ausrichtung der Filmsoziologie aufruft, beipflichten. Denn in der Filmwissenschaft tummeln sich viele Experten aus anderen Fachrichtungen, besonders auch aus sozialwissenschaftlichen. Leider macht dieser Sammelband größtenteils einen großen Bogen um eine soziologisch geprägte Filmwissenschaft und vollzieht dabei die von Heinze et al kritisierte „Verdrängung jener Soziologen aus dem fachdisziplinären Kanon, die sich mit Film beschäftigen …“ (S.9), wobei gerade diese dem Feld der Filmsoziologe Anknüpfungspunkte anbieten könnten. 


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
E-Mail Mailformular


Alle 32 Rezensionen von Michael Christopher anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 12.04.2013 zu: Carsten Heinze (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-366-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14208.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung