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Angela May, Norbert Remus u.a.: Jungen und Männer als Opfer von (sexualisierter) Gewalt

Cover Angela May, Norbert Remus, BAG Prävention & Prophylaxe: Jungen und Männer als Opfer von (sexualisierter) Gewalt. Jonglerie. (Berlin) 2003. 260 Seiten. ISBN 978-3-936635-08-9. 15,00 EUR.

Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt , Band 5.
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Hintergrund und Thema des Buches

Jungen und Männer als Opfer (sexualisierter) Gewalt finden in der Fachdiskussion trotz einer langsamen Enttabuisierung des Themas noch immer wenig Aufmerksamkeit. Ziel des Herausgeberbandes ist es daher, zur Enttabuisierung dieses Problembereiches beizutragen. Der Schwerpunkt des Buches liegt vor allem im Erlebens- und Erfahrungsbereich und den Möglichkeiten der Bewältigung und Bearbeitung von schwerwiegenden Verletzungen für die Betroffenen. Ziel des Buches ist es "Opfern Gehör [zu] verschaffen, Missbrauchsmechanismen aufzuzeigen und die Mühsal der Aufarbeitung deutlich zu machen" (S. 12).

Aufbau und Inhalte

Das Buch gliedert sich in vier Hauptkapitel (I. Erfahrungen II. Theorie III. Intervention und IV. Prävention). Außerdem beinhaltet es einen umfangreichen Anhang mit rechtlichen Bestimmungen, Kontaktadressen und Internetlinks.

Einen besonderen Umfang mit mehr als 100 Seiten nimmt das Kapitel I ein, in dem zwei gewaltbetroffene Männer über ihr Missbrauchsmartyrium während ihrer Kindheit und den daraus resultierenden Problemen und Krisen im Erwachsenenalter berichten. Damit unterscheidet sich das Buch sehr deutlich von den wenigen anderen Fachveröffentlichungen zu diesem Thema. Sehr persönlich - teilweise fast in Form von eines "Romans" oder von Tagebuchaufzeichnungen - berichten zwei Autoren von ihrem Leidensweg und der schwierigen persönlichen Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich weitgehend tabuisiertem Thema. In der Direktheit der Sprache gehen die Ausführungen von Thomas Gruner und Johannes Ebert im Kapitel I unter die Haut und machen eine nur kognitive Auseinandersetzung mit dem Thema des Missbrauchs an Jungen unmöglich. Zugleich machen die Ausführungen der Betroffenen auf Probleme und Defizite in den Helfersystemen aufmerksam. In der Form und Eindeutigkeit der Sprache irritieren diese Lebensschicksale und werfen damit auch ein kritisches Licht auf das beraterisches und therapeutische Establishment.

Nach den Erfahrungsberichten wird im Kapitel II der Versuch einer theoretischen Annäherung an das Thema versucht. Dabei wird sowohl auf die Bedeutung der Scham (Beitrag von Hans-Joachim Lenz) als auch auf Verletzungsformen von betroffenen Jungen und Männern (Beitrag von Alexander Bentheim) eingegangen. Mit dem Artikel von Angela May werden empirische Daten zu den Tätern und Täterinnen diskutiert. Das Kapitel zur "Theorie" der Gewalt an Jungen bietet zwar wichtige Grundlagen, bleibt jedoch insgesamt etwas unstrukturiert und punktuell oberflächlich. Vielleicht liegt dies daran, dass das theoretische Niveau der Beiträge sehr heterogen ist und manche Aspekte nur in Stichpunktform skizziert werden.

Klaus Ganser und Peter Mosser beschreiben im Kapitel III (Interventionen) zentrale Erfahrungen aus praktischen Projekten in Hannover und München mit betroffenen Jungen. Zentral erscheint hier die Erkenntnis, dass die Schwellenängste für die Betroffenen sehr hoch sind und das häufig von der Arbeitshypothese auszugehen ist, "dass von sexueller Gewalt betroffene Jungen zunächst aus eigenem Antrieb keine Hilfe suchen" (S. 189). Gleichwohl beschreiben die Autoren, wie z. B. durch Online-Beratung, Geh-Strukturen, systemisches Arbeiten oder erlebnispädagogische Angebote ein Zugang zu den Klienten hergestellt werden kann. Neben den Erfahrungsberichten im Kapitel I gehört damit dieses Kapitel zu den anregendsten und fundiertestes Teilen des Buches, während das Kapitel IV zur Prävention etwas zu kurz kommt.

Fazit

Das Buch bietet einen umfangreichen Einblick in das Thema der (sexualisierten) Gewalt an Jungen und Männern. Der jeweilige Zugang zum Thema ist in den einzelnen Kapiteln so unterschiedlich (Erfahrungsberichte vs. Professionellenperspektive und wissenschaftliche Distanz), dass sich für den Leser eine interessante Spannung aufbaut. Das Theoriekapitel (II) bleibt leider etwas hinter den Erwartungen zurück, kann jedoch durch die Stärke in den erfahrungsorientierten Kapiteln und der Praxisorientierung bei der Beschreibung von Präventions- und Interventionsprojekten kompensiert werden. Schade ist, dass die Erfahrungsberichte betroffener Männer sich auf Gewalt durch Mütter beziehen und damit die Dynamik, die sich durch männliche Täter ergibt, weniger deutlich herausgearbeitet werden kann. Insgesamt führt das Buch fundiert in die unterschiedlichen Facetten eines schwierigen Themas ein. Trotz punktueller -auch formaler - Schwächen, bietet es eine gute Basis, um sich in die komplexe Materie einzuarbeiten.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dipl.Soz-Päd. Klaus Wilting
Dipl.-Pädagoge, Dipl.-Sozialpädagoge Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Supervisor (DGSv.)
Agentur für Prävention
Homepage www.agentur-fuer-praevention.de
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Zitiervorschlag
Klaus Wilting. Rezension vom 16.03.2004 zu: Angela May, Norbert Remus, BAG Prävention & Prophylaxe: Jungen und Männer als Opfer von (sexualisierter) Gewalt. Jonglerie. (Berlin) 2003. ISBN 978-3-936635-08-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1421.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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