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Bernhard Haupert, Susanne Maurer u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in Gesellschaft. Teil der Lösung - Teil des Problems?

Cover Bernhard Haupert, Susanne Maurer, Sigrid Schilling, Franz Schultheis (Hrsg.): Soziale Arbeit in Gesellschaft. Teil der Lösung - Teil des Problems? Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2012. 218 Seiten. ISBN 978-3-03-431178-6. D: 52,50 EUR, A: 54,00 EUR, CH: 59,00 sFr.
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Thema

Den Anstoß für die Beiträge des Sammelbandes gab die Diagnose „neue[r] Formen sozialer Ausgrenzung, die mit prekärer werdenden Arbeits- und Lebensverhältnissen für immer grössere Bevölkerungsteile einhergehen“ (S. 8). Angesichts dieser Ausgangslage werfen Herausgeber_innen und Autor_innen die Frage auf, wie sich Soziale Arbeit disziplinär, professionell und institutionell zu dieser „neokapitalistischen Wende“ (S. 7) verhält: „Auf welches gesellschaftstheoretische, professionstheoretische und berufsethische Fundament kann und will sich Soziale Arbeit im neoliberalen Zeitalter beziehen?“

Herausgeber_innen und Autor_innen

Die Herausgeber_innen sind als Professor_innen an Hochschulen in Deutschland und der Schweiz tätig: Bernhard Haupert arbeitet als Soziologe am Fachbereich Soziale Arbeit der Katholischen Hochschule Mainz, Susanne Maurer ist Professorin für Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik an der Philipps-Universität Marburg, Sigrid Schilling arbeitet als Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), und Franz Schultheis ist Professor für Soziologie an der Universität St. Gallen.

Die weiteren sieben Autor_innen arbeiten überwiegend im Wissenschaftsbereich (BRD und CH): als wissenschaftliche Mitarbeiter_innen (Oehler, Weiss), als Professoren (Butterwegge, Mäder) bzw. als emeritierter Professor (Kunstreich) sowie als freiberuflicher Leiter eines Büros für Sozialforschung (Wyss). Ingo Schenk ist Grundsatzreferent beim Landesjugendpfarramt der Evangelischen Kirche in der Pfalz.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf die Summer School 2011 der FHNW (Fachhochschule Nordwestschweiz) zurück, die sich mit dem Thema „Soziale Arbeit in Gesellschaft – nationale und internationale Perspektiven“ befasste. Die jährlich stattfindende Summer School ist ein Kooperationsprojekt der FHNW, der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit Mainz und der Philipps-Universität Marburg.

Aufbau und Inhalt

Gerahmt von einer Einleitung und einem Resümee der Herausgeber_innen versammelt der Band neun Beiträge.

Franz Schultheis diskutiert in seinem Aufsatz „Gesellschaft mit begrenzter Haftung: Sozialer Wandel aus dem Blickwinkel einer Gesellschaftsdiagnose ‚von unten‘“ die fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt aus der Perspektive von abhängig Beschäftigten. Er rekonstruiert den Wandel der Arbeitswelt in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor dem Hintergrund einschlägiger soziologischer Studien, die in Tradition der Sozioanalyse seit den 1990er Jahren durchgeführt wurden. Die von Schultheis vorgestellten Studien ermöglichen Einblicke in das subjektive Erleben und Deuten der vom diagnostizierten Wandel der Arbeitswelt betroffenen Menschen. Derartige, verstehend angelegte, qualitative soziologische Studien können, so Schultheis, gleichsam „als Spiegel unserer Gesellschaft auf dem Wege in ein neues, neoliberales Zeitalter dienen“ (S. 24). Damit plädiert der Verfasser auch für die Notwendigkeit, den zahlenmäßig überwiegenden, tradierten makrosoziologischen Gesellschaftsdiagnosen eine „Gesellschaftsanalyse und -diagnose ‚von unten‘“ entgegen zu stellen (S.20). Als übergreifendes Ergebnis der vorgestellten Studien nennt Schultheis u.a. eine fundamentale Verunsicherung vieler Menschen: Angst und Ohnmacht seien zu dauerhaften Begleitern von Arbeitnehmer_innen geworden (vgl. S. 31). Menschen, die sich plötzlich in der Schublade der sogenannten „Unemployable Men“ (S. 29) wieder fänden, beschrieben ein „grundlegende[s] und tief gehende[s] Gefühl des Verlustes (…) - allem voran (…) ein[en] Vertrauensverlust in die Gesellschaft und deren Zusammenhalt“ (ebd.). Der Kampf um das Verbleiben am Arbeitsplatz trenne die Arbeitnehmer_innen in sogenannte Gewinner und Verlierer (vgl. S. 25). Doch derartige biografische Dramen und Erschütterungen ließen sich nicht allein auf Seiten der „Verlierer“ finden: Am Beispiel einer Studie, in der die Auswirkungen von internen Umstrukturierungsprozessen auf die Angestellten eines traditionsreichen Schweizer Unternehmens analysiert wurden, zeigt Schultheis auf, dass auch in der Gruppe der sogenannten „Survivers“ (S. 30) – derjenigen, die im Betrieb bleiben konnten – ähnlich „dramatisch[e]“ Erschütterungen benannt wurden: Ängste, Misstrauen und Zukunftsangst prägen auch hier die Lebenswirklichkeit zahlreicher Beschäftigter (alles ebd.).

Kurt Wyss geht in seinem Beitrag „Wenn Integrationsmaßnahmen der Sozialhilfe ausgrenzen. Zur gesellschaftlichen Doppelfunktion von Workfare“ der Frage nach, weshalb Instrumente aktivierender Arbeitsmarktpolitik („Workfare“) und Integrationsmaßnahmen der Sozialhilfe keine positive („integrierende“) Wirkung zeigen, sondern weshalb sie – ganz im Gegenteil – gar negative („ausgrenzende“) Effekte produzieren. Wyss problematisiert hier eine gravierende Forschungslücke: Zwar belegten zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern eben diese ausgrenzenden Effekte aktivierender Politik; dennoch blieben vertiefende Untersuchungen dieser empirischen Erkenntnisse aus (vgl. S. 51). Wyss vertieft diese Ausgangsdiagnose am Beispiel der Workfare-Ideologie. Zunächst skizziert er deren Entstehungskontexte. Er fokussiert insbesondere die mit Workfare einher gehenden individualisierenden Schuldzuweisungen sowie die Anreiz- und Verpflichtungslogik. Dass und inwiefern die Workfare-Ideologie (auch) in der Schweiz ihren Niederschlag gefunden hat, zeigt Wyss am Beispiel der Revision der Sozialhilfe-Richtlinien im Jahre 2005 auf (vgl. S. 39). Weiter beschreibt Wyss die Veränderungen, die mit der Übernahme workfare-ideologischer Argumentationsfiguren in die schweizerische Gesellschaftspolitik einher gehen, u.a. anhand der Rechtfertigung sozialer Ausgrenzung vermittels individualisierender Schuldzuschreibungen (vgl. S. 39ff.), der Beförderung falscher Projektion (vgl. S. 42ff.) sowie am Beispiel medialer Missbrauchskampagnen (vgl. S. 46). Damit belegt und verdeutlicht Wyss seine Ausgangsthese, der zufolge die Workfare-Ideologie dazu dient, Prozesse gesellschaftlicher Ausgrenzung zu legitimieren und zu konsolidieren (vgl. S. 51). Seine abschließende Forderung nach reflektierter Gesellschaftskritik richtet er explizit an Soziale Arbeit.

Ueli Mäder plädiert in seinem Beitrag „Soziale Arbeit im Kontext wirtschaftlicher Definitionsmacht“ für eine kritische, sich offensiv in die Gestaltung des Sozialen einmischende Soziale Arbeit: Es sei nicht zuletzt „eine Frage der Haltung und der Definitionsmacht“ (S. 55), entlang derer sich entscheide, welche Rolle und Funktion Sozialarbeitenden in einer Gesellschaft jeweils zugeschrieben würden. Am Beispiel der öffentlichen Diskurse zu sozialer Ungleichheit und Verteilungsfragen in der Schweiz (konkretisiert am Beispiel des, in polemisierender Absicht in den gesellschaftlichen Diskurs eingebrachten, Begriffs „Scheininvalide“) problematisiert Mäder, u.a. unter Rückgriff auf kritische Positionen von Franz Hochstrasser und Silvia Staub-Bernasconi, die vorherrschende „Fast-Food-Variante“ (Staub-Bernasconi, zit. n. Mäder, S. 56) Sozialer Arbeit: Viel zu häufig blendeten Sozialarbeiter_innen gesellschaftliche Gegensätze und Schieflagen aus und überließen die Definitionsmacht den Wirtschaftsverbänden (vgl. S. 62). Hier vertritt Mäder eine klare Position. Das Feld dürfe nicht allein ökonomischen Interessen überlassen werden: Eine kritische Soziale Arbeit habe widerständig und konstruktiv zu agieren; sie habe sich einzumischen in gesellschaftliche und politische Diskurse (vgl. S. 61), und vor allem habe sie sich als Profession und Disziplin der Analyse sozialer Ungleichheiten (vgl. S. 65) und der diese befördernden bzw. legitimierenden strukturellen Zusammenhänge zu widmen. Es gehe, so Mäder abschließend, für eine derart gewendete Soziale Arbeit darum, „soziale Realitäten nicht weg[zu ]definieren, sondern [diese] zu benennen und zu erhellen“ (S. 65).

Christoph Butterwegge eröffnet seinen Aufsatz „Armut - eine zentrale Herausforderung der Sozialen Arbeit im reformierten Wohlfahrtsstaat“ mit einer Kritik an Sozialer Arbeit: Sie zeige gegenwärtig – ungeachtet steigender Massenarmut in Deutschland und der Schweiz (vgl. zur Schweizer Armutsstatistik auch den Aufsatz von Mäder in diesem Band) – „daran bisher nicht viel mehr Interesse als die Medien“ (S. 67). Insbesondere fehle ihr der kritisch-analytische Blick auf strukturelle Zusammenhänge wohlfahrtsstaatlich beförderter Armut. Nachdem Butterwegge die Transformation des Sozialstaates und deren Folgen (Pauperisierung, soziale Polarisierung, Entsolidarisierung, Entdemokratisierung) am Beispiel der BRD skizziert hat, fordert er ein offensiveres Reagieren der Profession: Insbesondere seien „die neoliberalen Prinzipien, nach denen das ganze Land restrukturiert“ werde, zu „problematisieren und überzeugend [zu] kritisieren“ (S. 67). Abschließend formuliert Butterwegge „Aufgaben einer kritischen Sozialen Arbeit“ (S. 88): Sozialarbeiter_innen müssten u.a. „ein gesellschaftspolitisches Mandat im Sinne der anwaltschaftlichen Vertretung unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen wahrnehmen und die gesellschaftlichen Kräfte zu deren Gunsten beeinflussen“ (S. 89f.). Sozialarbeitende hätten sich kritisch zu positionieren, sich einzumischen in wirtschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Weichenstellungen und dem neoliberalen Mainstream entgegen zu treten und diesen „erfolgreich zu bekämpfen“ (S. 92).

Patrik Oehler und Stephanie Weiss diskutieren in ihrem Beitrag „Partizipation in sich verändernden Planungsprozessen: Handlungsfelder für die Soziale Arbeit in der Stadt- und Quartiersentwicklung“ die „Möglichkeiten, Bedingungen und Perspektiven einer planungsbezogenen und partizipativen Rolle der Sozialen Arbeit“ (S. 97). Seit etwa zehn Jahren sei eine „markante Neuausrichtung“ (ebd.) von Stadt- und Quartiersentwicklungsprozessen zu verzeichnen. Insbesondere im Zuge der Vermischung von staatlich-ökonomischen, standortprofilierenden Interessen mit neuen, unterschiedlich motivierten Kooperations- und Partizipationsformen hätten sich für Soziale Arbeit „neu zu gestaltende Handlungs- und Arbeitsfelder“ (ebd.) aufgetan. Insbesondere das im Feld zu verzeichnende, veränderte partizipative und netzwerkorientierte Planungsverständnis erfordere eine Reflexion von Rolle und Kompetenzen einer in diesem Geflecht wirkenden Sozialer Arbeit. Nach Ausführungen zum „Trend zur unternehmerischen Stadt“ diskutieren Oehler und Weiss das mit dieser Trendwende einher gehende veränderte Planungsverständnis und die hieraus resultierenden (neuen) Aufgaben und Herausforderungen für Soziale Arbeit. Am Beispiel eines Forschungsprojektes zur nachhaltigen Quartiers- und Siedlungsentwicklung, das am Institut für Sozialplanung und Stadtentwicklung in den Jahren 2009-2011 durchgeführt wurde, skizzieren Oehler und Weiss „Konturen und Aufgaben einer (reflektierten) planungsbezogenen Sozialen Arbeit“ (S. 106): Soziale Arbeit könne ihre Kompetenzen als „gleichgewichtige Partnerin“ und „Aushandlungspartnerin unterschiedlicher Interessen und Gruppen“ insbesondere im Kontext einer „kooperativen Partizipation“ und der „interdisziplinären Prozessbegleitung“ einbringen (alles S. 109).

Susanne Maurer thematisiert in ihrem Beitrag „Soziale Arbeit als Regierungskunst? Zur Bedeutung einer machtanalytischen Perspektive in der Sozialen Arbeit“ Möglichkeiten „einer Sozialen Arbeit in kritischer Perspektive“ (S. 123). Sie regt an, die „Gedächtnisfunktion Sozialer Arbeit“ bezogen auf Soziale Fragen und soziale Konflikte herauszuarbeiten, um sich der sozialarbeitsspezifischen, ambivalenten Verwobenheit in „spannungsgeladene Kräftefelder“ (S. 126) bewusst zu werden. Ausgehend von den Erkenntnissen einer historiografischen, kritisch-reflexiven Analyse der eigenen, geschichtlichen wie gesellschaftlichen Verwobenheit könne sich Soziale Arbeit von Normalisierungs- und Entpolitisierungszwängen lösen (S. 126). Maurer greift auf Denkangebote von Michel Foucault sowie von Michel de Certeau zurück. In Auseinandersetzung mit Foucaults produktiv gewendeten Machtbegriff (S. 113f.) beleuchtet Maurer die Ambivalenzen Sozialer Arbeit, die als Regierungskunst stets innerhalb von Spannungsverhältnissen des Feldes Hilfe-Kontrolle-Kritik-Affirmation-Emanzipation agiere (und diese reproduziere). Ein „Jenseits der Macht“ sei damit unerreichbar – ein „Verschieben im ‚Diesseits der Machtverhältnisse‘ das Ziel“ (vgl. S. 116). Maurer sieht Soziale Arbeit herausgefordert, „permanent das ‚Gefüge der Macht‘ zu dechiffrieren und zu problematisieren, innerhalb dessen sie sich realisiert“ (S. 129). Sie entwirft Soziale Arbeit als „eine Praxis des Über-Setzens von konkreten Einzelerfahrungen (…) mithilfe der beziehungsweise stellvertretend durch die Professionellen“ (S. 119). Zur Klärung der Frage, wie Soziale Arbeit es denn schaffen könne, individuelle Erfahrungen und (lokale) soziale Konflikte zu re-artikulieren und in ihrer gesellschaftlich-politischen Funktion als Soziale Fragen in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen, könne sowohl auf die historische Entwicklungsgeschichte Sozialer Arbeit als auch auf die Erfahrungen, Praxen und Expertise Sozialer Bewegungen zurück gegriffen werden.

Bernhard Haupert diskutiert in seinem Beitrag „Soziale Arbeit und Theorie Sozialer Probleme. Der Medea-Mythos und die Verantwortungslosigkeit der gesellschaftlichen Eliten“ die Auswirkungen der „tief greifenden Veränderungen und sozialen Verwerfungen im Zuge der kapitalistischen Modernisierung“ (S. 139) in der BRD. In den Blick nimmt er insbesondere die Auswirkungen auf Lebenswirklichkeiten armer Familien sowie auf die professionelle Haltung Sozialer Arbeit. Anknüpfend an eine kurze Einführung in die Theorie Sozialer Probleme problematisiert Haupert die vorherrschende entpolitisierende (vgl. S. 137) und individualisierende (vgl. S. 139) gesellschaftliche Ideologie, die auch Denk- und Handlungsweisen Sozialer Arbeit durchsetze. Am Beispiel von Fällen der Kindstötung durch verzweifelte Mütter sowie angesichts der sich häufenden Todesfälle von unter staatlicher Aufsicht stehenden Kleinkindern konturiert Haupert die Auswirkungen der „Verbrechen des neoliberalen Verzichtsstaates“ (S. 155). Er skandalisiert das individualisierende und entpolitisierende Gebaren der „verantwortlichen politischen, sozialen und ökonomischen Eliten“ (S. 140) angesichts der Zunahme von Verwahrlosungs- und Misshandlungsfällen. In diesem Zusammenhang konstatiert er eine „unglaubliche Ignoranz seitens der sozialen Professionen“ (S. 140f.): So seien keinesfalls „Aufschrei[e]“ der Professionellen zu hören – sondern allenfalls eine „Vertagungs- und Verschiebungsmentalität“ sowie eine Orientierung an „bürokratischen Routineabläufen“ (S. 141, vgl. auch S. 148f.) auszumachen.

Ausgehend von der Diagnose, der Begriff „Dialog“ sei gegenwärtig zu einer „leeren Worthülse“ verkommen (S. 159), setzt sich Timm Kunstreich in seinem Beitrag „Partizipation im Dialog – Einiges von dem, was wir von Martin Buber und Paulo Freire lernen können“ mit den beiden „Gründungsvätern des modernen Diskurses über den Dialog“ (ebd.) auseinander. Anschließend konkretisiert er – unter Zuhilfenahme zweier Fallbeispiele – „anhand von sieben Spannungsfeldern den aktuellen Kontext heutiger Dialoge“ (ebd.). Hier dienen ihm die zuvor heraus gearbeiteten Grundlagen des „dialogischen Prinzips“ (Buber) der analytischen und kritischen Reflexion. Ausgehend von der Frage, „wie Soziale Arbeit an der Konstitution des Sozialen beteiligt“ sei (ebd.), verdeutlicht Kunstreich, inwiefern seine Auseinandersetzung mit den Ideen Bubers und Freires eine Theorie kritischer Sozialer Arbeit sowie ein kritisch-reflexives professionelles Selbstverständnis Sozialer Arbeit bereichern könnte.

Der Beitrag von Bernhard Haupert und Ingo Schenk nimmt seinen Ausgangspunkt in einem „tiefen Unbehagen über den Zustand und die Diskurse in der ‚Pädagogik der Jugendarbeit‘“ in Wissenschaft und Praxis (S. 188). In ihrem Beitrag „Aktuelle Jugendarbeit auf Abwegen oder pädagogischen Irrwegen? Oder vom Trainings- und Kompetenzparadigma“ problematisieren sie die vorherrschende Orientierung der Pädagogik an eben diesem „nicht pädagogische[n]“ (S. 190) Paradigma: hier sei ein „pädagogischer Paradigmenwechsel“ zu verzeichnen (S. 188), orientiert an einer „einseitige[n] ökonomische[n] Deutung der Welt“ (S. 189). Haupert und Schenk äußern die Vermutung, Jugendarbeitspädagogik sei zu „eine[r] neue Dienstleistung zur Steigerung des Humankapitals“ verkommen (S. 189). Sie skizzieren die zentralen Vokabeln und Ideologien des „neoliberale[n] Gedankengebäude[s]“ (S. 190) und deren Auswirkungen auf Selbstverständnis und Fachvokabular der Jugendpädagogik: „Damit wird eine neue Realität geschaffen, die ihre eigene Sprache und praktische Konsequenzen hat“ (S. 191). Diese Konsequenzen führten nicht zuletzt zu einer Deprofessionalisierung und Entpolitisierung von pädagogischer Jugendarbeit. Diese entledige sich „ihrer autonom-kritischen Funktion“, indem sie „kritiklos die vorgeformten, standardisierten Checks, Methoden, Trainings (…) aus der Welt des Managements“ übernehme“ (S. 192). Dass es nicht allein bei einem Wandel des Fachvokabulars bleibt, zeigen die Verfasser im Weiteren auf. Am Beispiel der Mittäter_innenschaft an der Produktion des „automobilen Menschen“ (S. 192) problematisieren sie die These, dass sich pädagogische Jugendarbeit in den letzten Jahren zunehmend für „die Herausbildung geeigneter und gesellschaftspolitisch nützlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten, nicht mehr aber um Bildung, Aufklärung und Mündigkeit“ (S. 202) zuständig fühle. Eine solcherart gewendete Pädagogik sei zur „Handlanger[in], respektive Exekutor[in] neoliberalen Gedankenguts“ (S. 191) geworden. Abschließend zeigen Haupert und Schenk Wege und Aufgaben einer „bewussten Sozialpädagogik“ (S. 206) auf, die sich mit politischem und gesellschaftskritischen Selbstverständnis (vgl. S. 206) in gesellschaftliche und fachpolitische Diskurse einmischt.

Diskussion

„Wie begegnet Soziale Arbeit den aktuellen politischen und ökonomischen Entwicklungen und Diskursen? Welche Position nimmt Soziale Arbeit also ‚in‘ und ‚zu‘ Gesellschaft ein, und welche sollte oder könnte sie gemäss ihren eigenen Ansprüchen einnehmen?“ (S. 124). Diese Fragen haben angesichts der in diesem Sammelband aufgezeigten gesellschaftlichen Verwerfungen eine hohe Aktualität. Sie stellen sich insbesondere denjenigen Akteur_innen Sozialer Arbeit im gesamten deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), die sich der vorherrschenden aktivierenden Sozialstaats-Ideologie widersetzen (wollen), und die an der Konturierung und Verwirklichung einer kritisch-reflexiven Sozialen Arbeit mitwirken. Die Antworten, die die Autor_innen dieses Sammelbandes auf diese, von den Herausgeber_innen aufgeworfenen, Fragen geben, sind eindrücklich, facettenreich und vor allem: anregend. Die Spannungsverhältnisse, innerhalb derer sich Sozialarbeiter_innen im Kontext aktivierender Wohlfahrtsstaatlichkeit bewegen (und die sie, wie in vielen Beiträgen betont und verdeutlicht wird, stets auch reproduzieren), werden anhand unterschiedlicher Politik- und Diskursfelder (z.B. der Sozialhilfe und den Veränderungen der Arbeitswelt in der Schweiz, dem gesellschaftspolitischen Umgang mit Armut und Invalidität in Deutschland bzw. der Schweiz, der gesellschaftlichen und staatlichen Reaktion auf Verwahrlosung und Missbrauch unter „Obhut“ bundesdeutscher Jugendämter) sowie entlang verschiedener Arbeitsfelder Sozialer Arbeit (z.B. Stadt- und Quartiersentwicklung oder pädagogischer Jugendarbeit) verdeutlicht. Dabei werden aktuelle Forschungsergebnisse und fachliche Diskurse ebenso einbezogen wie Fallbeispiele.

Nicht immer weisen Sammelbände, die auf Tagungen zurückgehen, einen so hell leuchtenden „roten Faden“ auf, wie ihn der vorliegende Band durchzieht. Alle Beiträge orientierten sich eng an der in der Einleitung aufgeworfenen Ausgangsdiagnose neuer Formen sozialer Ausgrenzung im Kontext der „neokapitalistischen Wende“ (S. 7), und alle geben – auf ihre Weise – Antworten oder Denkanstöße zu den oben aufgeworfenen Fragen nach Rolle, Funktion und Selbstverständnis Sozialer Arbeit innerhalb der problematisierten ideologischen, sozial- und gesellschaftspolitischen Verhältnisse. Weiter ist allen Beiträgen ist gemein, dass sie den Bogen zwischen strukturell-gesellschaftlichen Faktoren, vorherrschender Ideologie, fachpolitischen und fachlichen „Antworten“ Sozialer Arbeit und konkreten Auswirkungen auf Lebenswirklichkeiten von Menschen respektive professionellem Selbstverständnis von Sozialarbeiter_innen spannen. Zudem fällt auf, dass die allermeisten Autor_innen eine sehr klare, (fach-)politische Position beziehen: Sie bleiben nicht bei Analyse und Problematisierung des gegenwärtigen Zustands Sozialer Arbeit stehen, sondern benennen teilweise sehr konkret und offensiv die Aufgaben und Herausforderungen, die sich einer kritisch-politisch-gewendeten Sozialen Arbeit gegenwärtig stellen. So taucht in mehreren Beiträgen der Appell auf, Soziale Arbeit müsse „Thematisierungsmacht“ entfalten (vgl. Maurer in diesem Band, ähnlich Mäder) mit dem Ziel, sich aktiv, offensiv und durchaus widerständig einzumischen, wenn es um „wirtschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Weichenstellungen“ (Butterwegge, S. 92) geht bzw. um die Gestaltung des Sozialen. Konkretisiert wird diese Forderung beispielsweise in den Beiträgen von Wyss, Mäder, Butterwegge, Maurer, Kunstreich, Haupert und Schenk, die alle auf einen entscheidenden Aspekt hinweisen: Soziale Ungleichheit ist ein die gegenwärtige Gesellschaft strukturierendes Prinzip, und Soziale Arbeit – die stets an Konstitution und Gestaltung des Sozialen beteiligt ist (vgl. Kunstreich in diesem Band) agiert als eine treibende respektive verstetigende Kraft innerhalb dieses Gefüges.

Nach der Lektüre hallen scharfe Worte und harsche Anklagen nach: Soziale Arbeit wird im vorliegenden Band sinnbildlich an den Pranger gestellt. Bedeutsam ist in diesem Fall, dass die „Anklage“ nicht „von außen“ erhoben wird. Ein überwiegender Teil der Autor_innen wirkt in mächtigen Positionen im Feld Sozialer Arbeit. Gerade deshalb hat der Band gute Chancen, Resonanz innerhalb von Profession und Disziplin zu finden.

Weit davon entfernt, Selbstbeweihräucherung zu betreiben, und ebenso weit entfernt von phrasenhafter „Professionsschelte“ gelingt den Herausgeber_innen und Autor_innen eine Konturierung Sozialer Arbeit, wie sie Susanne Maurer in ihrem Beitrag anregt: In den in den Beiträgen geäußerten Problematisierungen „der“ Sozialen Arbeit schwingt eine „Vorstellung von ‚Kollektivität‘ [mit], in welche die Qualitäten von Dissens, Verschiedenheit und Vielfalt bewusst einbezogen sind“ (Maurer, S. 127). Soziale Arbeit kann ebenso affirmativ wie kritisch-widerständig wirken; welche Richtung eingeschlagen wird, liegt nicht zuletzt in den Händen der Akteur_innen selbst. Der vorliegende Sammelband liefert Diskussionsgrundlagen, Argumente und Denkanstöße, denen zu wünschen ist, dass sie breiten Widerhall in Wissenschaft, Lehre, Praxis, Fach- und Politikberatung finden und einer kritischen, politischen, widerständigen und im Wortsinne selbst„bewussten“ Sozialen Arbeit Wege bahnen.

Fazit

Die Autor_innen des Sammelbandes thematisieren, problematisieren und diskutieren gegenwärtige gesellschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Veränderungen in Deutschland und der Schweiz sowie die damit einher gehenden Herausforderungen für Soziale Arbeit.

Die Spannungsverhältnisse und Ambivalenzen, innerhalb derer Sozialarbeiter_innen agieren, werden anhand unterschiedlicher Politik- und Arbeitsfelder aufgezeigt. Aktuelle Forschungsergebnisse sowie in einem Beitrag Fallbeispiele konkretisieren die Analysen. Damit liefern die Beiträge vielfältige, überwiegend sehr eingängig geschriebene, Denk- und Diskussionsanstöße zur Frage von Rolle, Funktion und Selbstverständnis Sozialer Arbeit im gegenwärtigen wohlfahrtsstaatlichen Gefüge.

Die Beiträge des Sammelbandes empfehlen sich Akteur_innen Sozialer Arbeit aus Praxis und Wissenschaft ebenso wie Studierenden, die sich (selbst-)kritisch mit Rolle, Funktion und Selbstverständnis Sozialer Arbeit im gegenwärtigen, aktivierenden wohlfahrtsstaatlichen Gefüge auseinander setzen möchten.


Rezensentin
Maren Schreier
M.A. (Social Work), Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. Freiberuflerin im Wissenschaftsbereich, u.a. Lehre und Forschung an Hochschulen in Deutschland, am Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. sowie an der FHS St. Gallen/CH.
Homepage www.bisa-bremen.de
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Zitiervorschlag
Maren Schreier. Rezension vom 20.02.2014 zu: Bernhard Haupert, Susanne Maurer, Sigrid Schilling, Franz Schultheis (Hrsg.): Soziale Arbeit in Gesellschaft. Teil der Lösung - Teil des Problems? Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2012. ISBN 978-3-03-431178-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14218.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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