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Klaus Sarimski: Beratung und Frühförderung ... (schwere Behinderung)

Cover Klaus Sarimski: Beratung und Frühförderung bei drohender schwerer Behinderung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2012. 285 Seiten. ISBN 978-3-8253-8343-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

Reihe: Edition S.
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Autor

Prof. Dr. Klaus Sarimski ist Professor für sonderpädagogische Frühförderung und allgemeine Elementarpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Vorher war er über 25 Jahre klinischer Psychologe am Kinderzentrum München.

Thema

„Ein Kind zu bekommen, das voraussichtlich nie den allgemeinen Ansprüchen einer leistungsorientierten Gesellschaft genügen wird, ist eine Herausforderung“ (Andreas Fröhlich im Geleitwort), schon von der Anfangsphase an stellt es eine große Herausforderung für die Bewältigungskompetenzen der Eltern dar. Fachkräfte der Frühförderung müssen die Eltern, deren Kind eine schwere oder mehrfache Behinderung droht, bei dem schwierigen Start unterstützen.

Die Ergebnisse eines Forschungsprojekts, das der Autor in den Jahren 2007 bis 2010 an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg durchführte, soll aufzeigen, wie Eltern den Anfang des gemeinsamen Weges mit dem Kind erleben, wie unterschiedlich ihre Bewältigungsversuche sind, und wovon es abhängt, dass dieser Weg gelingt.

Inhalt und Aufbau

Einleitend geht Sarimski auf das Belastungserleben der Eltern ein und gibt einen Überblick über den Stand der Forschung.

Den umfangreichsten Teil des Buches nimmt die Darstellung der Einzelfallstudie ein. Es nahmen sieben Kinder mit schweren neuromotorischen Störungen und Sinnesschädigungen und ihre Mütter teil; es drohte jeweils eine schwere und mehrfache Behinderung. Die Kinder waren zu Beginn zwischen sechs und 21 Monaten alt; es gab drei bzw. vier Untersuchungstermine, jeweils etwa drei Monate auseinander. Die Kinder unterschieden sich im Entwicklungsverlauf und im Entwicklungsrückstand zum Ende der Studie.

Die Mütter wurden interviewt (mittels problemzentrierter Leitfäden), beantworteten Fragebögen und wurden in Wickel- und Spielsituationen videographiert.

Für jedes Mutter-Kind-Paar werden die Interviews mit ausführlichen Protokollauszügen zu folgenden Fragen ausgewertet: Beschreibung des Alltags, Entwicklung des Kindes und die Beziehung zum Kind, Erinnerungen an Schwangerschaft, Geburt und stationäre Erstbehandlung, Auseinandersetzung mit der Diagnose, Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, soziale Unterstützung durch Partner und weiteres Umfeld. In den Fragebögen wird u.a. der mütterliche Stress, die Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung, die Depressivität, posttraumatische Belastungen und die persönliche Reifung durch Belastungen erfasst und dargestellt. Abschließend werden jeweils beispielhaft Szenen aus den Videoaufzeichnungen beschrieben.

In einem eigenen kleinen Kapitel werden interindividuelle Unterschiede und intraindividuelle Verläufe diskutiert. Die Frauen unterschieden sich deutlich in ihrem Erleben. Die Anpassung an die besondere Lebenssituation ist nicht allein oder in erster Linie abhängig von der Schwere der Behinderung des Kindes, sondern individuelle und soziale Ressourcen spielen eine wichtige Rolle. Herausgestrichen werden die Reflexionsfähigkeit der Mütter über Beziehungen und die Qualität der eigenen Bindungserfahrungen. Die Videoauswertungen zeigten, dass die Passungsfrequenz meist zunimmt.

Die Ergebnisse der Einzelfallstudien werden ergänzt durch eine Fragebogenuntersuchung mit 69 Müttern von schwer- und mehrfachbehinderten Kindern im Kleinkind und Kindergartenalter. Es wurde u.a. der Grad der Belastung erhoben, als wichtigste Prädiktoren für die erlebte Belastung wurden die Ausprägung kindlicher Verhaltensprobleme und die Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung ermittelt sowie der individuelle Unterstützungsbedarf erfragt.

Anschließend greift Sarimski spezifische Problemfelder auf. Er führt wiederum aus den Interviews der Einzelfallstudien und der Fragebogenuntersuchung Aussagen zu den Erfahrungen mit Ärzten und der Zusammenarbeit mit Fachkräften und Therapeuten der Frühförderung auf. Besonders angesprochen von den Müttern wurde dabei die Vielfalt der Therapieangebote, aber auch der Therapiedruck, und die Qualität der Kommunikation mit der Fachkraft. Unterschiedliche Erfahrungen machten die Mütter auch mit Pflegediensten, der Hilfsmittelversorgung, mit Krankenkassen und Behörden. Sondierung, Trachealkanülen und Beatmung des Kindes stellen ebenfalls Belastungsfelder dar.

Im letzten Kapitel geht es konkret um Beratungsbereiche in der Frühförderung, deren Aufgabe es u.a. ist, einen stützenden Rahmen zu stellen. Die Fachkräfte erhalten Anregungen zur Mobilisierung und Stabilisierung der elterlichen Bewältigungskräfte, zur Unterstützung beim Aufbau der Beziehung, zu verschiedenen Förderbereichen (Aufmerksamkeit, Selbstregulation, motorische Fähigkeiten, Hören, Sehen, Kommunikation, Ernährung, auch Sondenernährung, beatmete Kinder), wobei es immer auch um die Anpassung im Alltag geht, und zur Vermittlung entlastender Hilfen.

Diskussion

Frühförderung behinderter Kinder ist eine etablierte und flächendeckende Hilfeform. Ein wichtiges Merkmal ist die Familienorientierung. Besonders herausfordernd ist die Betreuung von Familien mit schwer- und mehrfachbehinderten Kindern.

Sieben Mütter von Kindern mit drohender schwerer Behinderung wurden über ein Jahr begleitet und umfangreich befragt. Die ausführlichen Wortprotokolle geben einen aufschlussreichen Einblick in das subjektive Erleben und in die Anforderungen und Belastungen der ersten Zeit mit einem behinderten Kind. Der Grad der subjektiven Belastung wird im Untersuchungszeitraum (maximal ein Jahr) kaum geringer; es gab jedoch deutliche Unterschiede im individuellen Erleben, deren Prädiktoren dargestellt werden.

Die Ergebnisse der Fragebogenuntersuchung vervollständigen das Bild, so dass Folgerungen für die Praxis abgeleitet werden können. Dieses Wissen kann den Fachkräften helfen, die Bedürfnisse der Mütter zu verstehen und sich gezielt auf ihre Aufgabe vorzubereiten.

Das Anliegen des Buches ist es, die Fachkräfte zu sensibilisieren, den Eltern zu helfen, eine neue „Normalität des Alltags“ zu finden. Dazu gibt es viele Anregungen.

Zielgruppe

Fachkräfte, die mit behinderten Kindern und ihren Familien arbeiten

Fazit

Das Buch gehört zur Pflichtausstattung von Interdisziplinären Frühförderstellen und sollte von allen Fachkräften, die mit Familien mit Kindern mit Behinderung arbeiten, zur Kenntnis genommen werden.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 13.02.2013 zu: Klaus Sarimski: Beratung und Frühförderung bei drohender schwerer Behinderung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-8253-8343-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14220.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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