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Myles L. Cooley: Mit Lernschwierigkeiten und psychischen Auffälligkeiten umgehen

Cover Myles L. Cooley: Mit Lernschwierigkeiten und psychischen Auffälligkeiten umgehen. Für Regel- und Inklusionsklassen. Besondere Schüler - was tun? Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2012. 238 Seiten. ISBN 978-3-8346-0936-6. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Durch die Forderung nach Inklusion im Klassenraum ergeben sich für die allgemeine Schule zunehmend Aufgaben, für die vorher einzelne Sonderschultypen (für den Bereich psychischer Auffälligkeiten beispielsweise Schule für Verhaltensgestörte, Schule für chronisch kranke Kinder, Schulen in Kinder- und Jugendpsychiatrien) zuständig waren. Deshalb erscheinen zunehmend Veröffentlichungen, die darauf orientiert sind, Lehrern an allgemeinen Schulen Handreichungen und Wissen zur Verfügung zu stellen, die darauf abziehen, die Entwicklung von entsprechender Aufmerksamkeit und Kompetenz für spezifische Schülergruppen zu fördern.

Zu diesen Schülern gehören unter anderem solche, bei denen ihre „geistige Gesundheit” (mental health) mit Schwierigkeiten im Lernverhalten, um die Begriffe dieser Veröffentlichung zu nehmen, zusammenhängen. Der Autor des hierzu vorliegenden Buches ist ein amerikanischer Psychotherapeut, der über eine lange klinische Erfahrung sowohl mit Erwachsenen wie mit Kindern und Jugendlichen verfügt.

Aufbau

Das Buch ist zweiteilig gegliedert.

  1. In einem ersten Teil geht der Autor allgemein auf psychische Störungen und die damit in Zusammenhang stehenden Lernstörungen ein und
  2. in einem zweiten, deutlich größeren Teil, behandelt er im einzelnen die mit DSM bzw. ICD diagnostisch bezeichneten psychischen Störungen.

Inhalt

Im allgemeinen Teil diskutiert er zunächst die Ausgangssituation für die Lehrer. Es kann durchaus sein, dass vorab Informationen über psychische Auffälligkeiten vorhanden sind, entweder durch eine entsprechende Aktenlage oder Hinweise aus der vorherigen pädagogischen Situation. In anderen Fällen werden die Lehrer sich fragen, was eine bestimmte Auffälligkeit bedeutet und in welchem Umfang eine, optimal möglichst zeitnahe, Intervention angebracht ist. Der Autor warnt (dankenswerterweise) davor, dass die Lehrer selbst eine Diagnose stellen. Er schlägt stattdessen vor, sowohl Überlegungen zu den Ursachen und zu Klassifikationen den Fachleuten zu überlassen und mögliche Interventionen ebenfalls in enger Kooperation zu gestalten.

Für den Umgang mit Eltern zeigt er knapp verschiedene Möglichkeiten auf und geht den Schwierigkeiten, die sich im Umgang mit Eltern zeigen können, nicht aus dem Weg. Ähnlich sind seine knappen Bemerkungen zur Medikation darauf orientiert, dass die Lehrer informiert sein und relevante Informationen im Verhalten weiter geben sollten, aber dass die Durchführung und Bewertung der Behandlung nicht in ihrer Verantwortung liegt.

Anschließend widmet der Autor sich der Schul- und Unterrichtssituation. Zunächst zeigt er die Bedeutung von Regeln sowohl in der Klasse als auch in der Schule auf. Er betont, dass bei der Aufstellung von Regeln die Bedürfnisse von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten berücksichtigt werden können. Dazu formuliert er Strategien zur Gestaltung der sozialen Situation im Klassenraum, auch unter Berücksichtigung der Entwicklung sozialer Kompetenzen der Schüler. Dazwischengeschoben ist ein Abschnitt, der sich konkret auf die Unterrichtssituation bezieht.

Viele der Gedanken und Anregungen im allgemeinen Teil mögen bekannt oder selbstverständlich scheinen, aber es ist sicherlich immer wieder ergiebig, von den verschiedensten Seiten her den Alltag in der Schule zu reflektieren, gerade auch in der Perspektive, wie man Schülern mit psychischen Auffälligkeiten gerecht wird.

Die Behandlung der einzelnen Störungen im speziellen Teil der Veröffentlichung ist gegliedert nach

  • Allgemeines Info über die spezifische psychische Auffälligkeit/Diagnose
  • Detaillierte Informationen, ins. zu Unterformen
  • Symptome und Verhaltensweisen, auf die man achten muss und
  • Strategien und Maßnahmen für den Unterricht
  • professionelle Hilfe.

Die ersten drei Punkte schließen eng an die oben genannten diagnostischen Instrumente und die in ihnen enthaltenen Beschreibungen an. Im Anschluss schlägt der Autor konkrete Strategien vor, was bei dem jeweiligen Personenkreis bei der Vermittlung des Stoffes zu berücksichtigen ist, was in der Interaktionssituation in der Klasse positiv gestaltet werden kann und wie Eltern einbezogen werden können. Bei manchen Symptomen werden konkrete Strategien auf verhaltenstherapeutischer Grundlage vorgestellt. Abgeschlossen wird jedes dieser einzelnen Abschnitte mit dem Verweis auf die Möglichkeiten und ggf. Notwendigkeit professioneller Hilfen. Die Darstellung erreicht damit einen hohen Komplexitätsgrad, ohne dass in einen Fachjargon verfallen wird.

Diskussion

Einige kritische Anmerkungen sind dennoch angebracht.

Die Gefahr, dass sich Lehrer, die sich mit diesem Buch auseinandersetzen, anschließend für Experten auf dem Bereich psychischer Störung halten und ihre Fähigkeiten überschätzen, ist letztlich nicht vermeidbar. Eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten in Bezug auf das Thema fehlt in der Arbeit. Durch Vorstellungen über Störungen als psychische Krankheit kann z.B. ein Stigma-Prozess ausgelöst werden. Außerdem ist bei Interventionen immer die Gefahr gegeben, dass ein bestimmtes wohlgemeintes Vorgehen zu paradoxen Reaktionen führt. Immerhin ist durch den Verweis auf die professionellen Behandlungsmöglichkeiten deutlich gemacht, dass den Einflussmöglichkeiten von Lehrern Grenzen gesetzt sind.

Das Buch beruht relativ stark auf der Annahme der Gültigkeit der ICD und des DSM. Lehrer werden meistens schon allein aus Gründen des Datenschutzes Diagnosen nach DSM-IV oder ICD-10 kaum erfahren, es sei denn, es handelt sich um spezifische Schulsituationen. Auch ist die Entwicklung von Kindern noch so offen, dass Diagnosen ohnehin noch sehr vorsichtig und hypothetisch zu behandeln sind. Die epidemiologischen Aussagen über die Häufigkeit werden, den diagnostischen Instrumenten folgend, als gegeben hingenommen und nicht im Zusammenhang ihrer Erstellung, der jeweiligen Interessengeleitetheit bei der Feststellung von Häufigkeit und der Komplexität von Sozialisationssituationen diskutiert.

Weiterhin wird keine klare Grenzlinie gezogen zwischen psychischen Auffälligkeiten und Behinderungen. Bei Behinderungen kann es zu zusätzlichen psychischen Auffälligkeiten kommen.

Autismus-Spektrums-Störung mit Intelligenzminderung wird überhaupt nicht angesprochen.

Die Kategorie der „Schüler mit Lernbeeinträchtigungen” aber durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher Intelligenz (S. 137) spielt in der amerikanischen Finanzierung von Schulressourcen eine spezifische Rolle. Deutlich wird durch diese Kategorie, dass in dieser Arbeit zwei weitere Schülerpopulationen ausgeblendet werden, die auch oft mit spezifischen psychischen Problemen belastet sind und innerhalb des Klassenverbunds besondere Beachtung erfordern, nämlich die Schüler mit unterdurchschnittlicher Intelligenz oberhalb der geistigen Behinderung und die Schüler mit extrem überdurchschnittlicher Intelligenz.

Ansonsten wäre noch zu kritisieren, dass die „fachliche Prüfung und Bearbeitung” durch S. Heidenreich nicht transparent ist, gerade auch in Bezug auf die unterschiedliche Bedeutung der diagnostischen Instrumente DSM und ICD in Deutschland.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein klar gegliedertes und sprachlich gut formuliertes Buch, das eine Fülle von Rezepten bietet unter der generellen Orientierung: „Wie kann ich allen Schülern helfen, in der Schule erfolgreich zu sein?” (S.6) In der gesamten Anlage des Buches wird klar, dass der Autor die Aufmerksamkeit wirklich auf alle Schüler gerichtet haben möchte und nicht nur auf einzelne benachteiligte Gruppen. Lehrer werden sensibilisiert für die Vielfalt psychischer Störungen, die über das Übliche hinausgehen. Es werden Vorschläge für den schulischen Alltag angeboten, die auf der Grundlage der langjährigen Berufserfahrung des Autors beruhen. Viele der Vorschläge sind so gefasst, dass sie als Leitlinien für jede komplexe Klassensituation gelten können.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 10.04.2013 zu: Myles L. Cooley: Mit Lernschwierigkeiten und psychischen Auffälligkeiten umgehen. Für Regel- und Inklusionsklassen. Besondere Schüler - was tun? Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2012. ISBN 978-3-8346-0936-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14227.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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