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Marielle Seitz, Rudolf Seitz: Schulen der Phantasie

Cover Marielle Seitz, Rudolf Seitz: Schulen der Phantasie. Lernen braucht Kreativität. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. 143 Seiten. ISBN 978-3-7800-4930-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Wie sollten Schulen der Zukunft gestaltet sein, um zum Lebensraum für Kinder und Jugendliche zu werden, sie bestmöglich in ihrer Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen sowie individuelles, aber auch kooperatives Lernen zu ermöglichen? Diese Frage stellen sich viele Wissenschaftler, Pädagogen und Fachleute dieser Tage.

Der Münchner Professor Rudolf Seitz war einer von ihnen. Er hatte dabei die Humanisierung der Schule sowie die Förderung von Phantasie und Kreativität im Blick. Mit diesem Anliegen entwickelte der Kunstpädagoge in den 1980er Jahren das Konzept der „Schulen der Phantasie“. Heute finden sich unter dieser Bezeichnung unterschiedliche Projekte wie auch Schulen, in denen die Ideen von Rudolf Seitz realisiert werden. Das vorliegende Buch – welches eine überarbeitete und erweiterte Fassung des 1998 erstmals erschienenen Bandes „Phantasie und Kreativität“ ist – erläutert und veranschaulicht die Grundsätze dieses Konzeptes auf eine praktische und zugängliche Weise.

Autor und Autorin

Rudolf Seitz war Professor für Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden Künste München und viele Jahre deren Präsident. Er ist zudem Gründer der „Schulen der Phantasie“.

Marielle Seitz ist unter anderem Kunsterzieherin der Fachakademie für Sozialpädagogik, Montessori-Therapeutin, Referentin, Lehrbeauftragte und Autorin. Sie gründete 1982 die Montessori-Kinderwerkstatt in München und leitet heute das Institut für Kreativität und Pädagogik.

Inhalt und Aufbau

Die einleitenden Worte schildern die Geschichte und die Entwicklung dieses pädagogisch künstlerischen Ansatzes.

Im Anschluss werden die grundlegenden Begrifflichkeiten Phantasie und Kreativität eingehender beleuchtet. Neben fachlichen Definitionen, Phasenverläufen und hemmenden wie auch förderlichen Faktoren präsentieren die Autoren auch Originaltöne von Kindern sowie Assoziationsketten, die den Leser einladen, sich selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Die folgenden drei Kapitel stellen den Hauptteil des Arbeitsbuches dar. Der Fokus liegt auf einem Profil kreativer Persönlichkeiten, das entlang der Aufzählung und Beschreibung von Merkmalen entwickelt wird und auf die Psychologen und Forscher Joy P. Guilford (1950) und Mihály Csikszentmihályi (1997) zurückgeht. Diesem Verständnis nach sind beispielsweise soziale Sensibilität, Originalität, Vorstellungskraft und Spontaneität wichtige Eigenschaften die es mit handlungsorientierten Übungen und Spielen zu fördern gilt. Daher werden am Ende der einzelnen Unterpunkte zum Teil konkrete Anregungen Daher finden sich am Ende der einzelnen Unterpunkte zum Teil konkrete Anregungen und Impulse für die Entfaltung und Unterstützung kreativer Prozesse.

Im darauffolgenden Kapitel stellen die Autoren weitere Denk- und Handlungsstrategien vor, die in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hilfreich sind. So ist unter anderem der von Fritz Zwicky (1960) entwickelte morphologische Kasten angeführt, um Ideen für die Lösung von Problemstellungen mit Kindern zu entwickeln. So lassen sich für die Grundaufgabe des Zusammenbringens von „feuchtem Papier und Farbe“ 81 Experimentiermöglichkeiten ermitteln. Ein Beispiel wäre mit Acrylfarben auf feuchtes Schreibmaschinenpapier zu spritzen. Weiterhin wird das von Alex F. Osborn (1940) entwickelte Brainstorming als eine weitere leicht anwendbare Methode genannt, mit deren Hilfe sich Fragestellungen effektiv und kreativ angehen lassen. Die Anwendung dieses allgemein bekannten Verfahrens wird an dieser Stelle noch einmal eingehend und nachvollziehbar erläutert.

Zum Ende dieses Hauptteils gibt es im Kapitel zur „Förderung der Phantasie und Kreativität“ weitere Empfehlungen und Informationen. Dieser Abschnitt des Buches vereint sowohl Hinweise zur Entwicklung und Bedeutung der Bildsprache von Kindern als auch Antworten auf die Frage, wie die Rahmenbedingungen für die kreative Förderung von Kindern aussehen sollten. Dabei finden sich neben allgemeinen „goldenen Regeln“ und reformpädagogischen Ideen (Montessori, Reggio-Pädagogogik, Pestalozzi) auch einige Praxisbeschreibungen aus den „Schulen der Phantasie“. Vor allem die Beispiele aus der Friedberger Kunstschule „KunstWerk“ von Rose Maier Haid, der dieses Buch gewidmet ist, hinterlassen beim Leser einen überzeugenden Eindruck.

Den Abschluss des Buches kennzeichnet der Transfer dieser Ideen, bezogen auf die Organisation Schule. Es wird einerseits darauf aufmerksam gemacht, dass sich aus der Gleichsetzung von Künstlern und Lehrern durchaus auch Schwierigkeiten ergeben können und es gerade für die Arbeit in der Elementarstufe methodisch-didaktischer Fertigkeiten und eine Haltung des gleichzeitigen Führens und Begleitens bedarf. Andererseits findet sich in diesem Kapitel aber auch die Forderung nach einem Lernen, das in die Gemeinschaft eingebunden ist, den gesellschaftlichen Veränderungen der Neuzeit entgegen kommt und das mit moralischen Werten der Demokratie verknüpft wird.

Diskussion

Im vorliegenden Buch wird der Leser auf eine sehr bildliche und praxisnahe Weise an das Konzept der „Schulen der Phantasie“ herangeführt. Die vielen Fotos, einige eingestreute Praxisbeispiele sowie die praktischen Übungshinweise wecken Interesse und machen Lust auf die eigene Umsetzung beziehungsweise einen Besuch in einer der Einrichtungen. In diesem Sinne stimmt die Erklärung, die eingangs von den Autoren gemacht wird: „Dieses Buch ist ein Denk- und Anregungsbuch, gleichzeitig aber auch ein Arbeits- und Spielbuch. Es soll die Leserin oder den Leser dazu ermutigen, manches selbst auszuprobieren und vielleicht auch, Schule neu zu denken“ (S.15). Für eine eingehendere Beschäftigung mit dem Konzept wäre es jedoch durchaus wünschenswert einige Aspekte ausführlicher und anhand von aktuellerer Literatur zu besprechen sowie diese durch weitere anregende Beispiele aus der Praxis zu illustrieren. Weiterhin scheint es geradezu angezeigt, dieses Konzept vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen innerhalb der Pädagogik zu diskutieren – etwa die „Schule der Phantasie“ inklusivzu denken!

Fazit

Eine wunderbare Zusammenfassung der Grundlagen kreativer Lernprozesse im Sinne der „Schulen der Phantasie“ ist die im Buch vorzufindende Aussage der sechsjährigen Alisa, in der sie ihre Interpretation von Phantasie wiedergibt: „Phantasie ist, wenn ich etwas sehe und die Augen schließe und ich mir es dann anders denke“. Darin macht sie auf sehr anschauliche Weise deutlich, dass eine sensible Wahrnehmung dabei helfen kann, aus den alltäglichen Erfahrungen der Lebenswelt durch Vorstellungskraft, Originalität, Ausdauer und Gelassenheit etwas Neues und Kreatives zu erschaffen.


Rezensentin
Dr. Angela Bauer
studierte Lehramt an Förderschulen und ist derzeit als Referentin im Ressort Pädagogik des SOS Kinderdorf e.V. beschäftigt.
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Zitiervorschlag
Angela Bauer. Rezension vom 08.02.2013 zu: Marielle Seitz, Rudolf Seitz: Schulen der Phantasie. Lernen braucht Kreativität. Klett-Kallmeyer (Seelze/Velber) 2012. ISBN 978-3-7800-4930-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14229.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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