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Elke Gruber, Gisela Wiesner (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Kompetenzen stärken

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, 01.08.2013

Cover Elke Gruber, Gisela Wiesner (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Kompetenzen stärken ISBN 978-3-7639-4908-3

Elke Gruber, Gisela Wiesner (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Kompetenzen stärken. Kompetenzbilanzierung für Weiterbildner, innen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. 166 Seiten. ISBN 978-3-7639-4908-3. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
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Thema

Das Buch geht der Frage nach, wie es gelingen kann, „erwachsenenpädagogische Kompetenzen des Weiterbildungspersonals anzuerkennen und zu zertifizieren?“ (vgl. Klappentext). Das bedeutet, dass es darum geht, mittels bestimmter Modelle (s.w.u.) derartige Kompetenzen erkennen und identifizieren zu können, ehe sie bewertet und schließlich zertifiziert werden können.

Herausgeberinnen

Elke Gruber erlangte nach der Ausbildung zur Krankenschwester über den Zweiten Bildungsweg die zum Studium der Medizin-Pädagogik an der Humboldt-Universität Berlin notwendige Matura, wurde dort Forschungsassistentin im Bereich Berufspädagogik/Erwachsenenbildung, habilitierte 2001 für das Fachgebiet Pädagogik an der Universität Graz und ist seit 2002 Inhaberin des Lehrstuhls für Erwachsenenbildung, wie auch u.a. für Berufspädagogik und internationale Bildungsentwicklungen; sie ist Leiterin des Instituts für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Gisela Wiesner ist Professorin für Erwachsenenbildung und Berufliche Weiterbildung an der Technischen Universität Dresden mit Forschungsschwerpunkten zur Professionalitäts- und Kompetenzentwicklung, wie auch zur Qualitätssicherung und -entwicklung in der Erwachsenen- und Beruflichen Weiterbildung. Sie ist als Vertreterin der Professuren für Erwachsenenbildung der sächsischen Hochschulen Mitglied im Landesbeirat für Erwachsenenbildung beim Sächsischen Staatsministerium für Kultus.

Entstehungshintergrund

Das Buch kann als „das Ergebnis eines längeren Kommunikations- und Kooperationsprozesses zum Thema ‚erwachsenenpädagogische Professionalität stärken‘ „ gelten (S. 10). Als Ausgangspunkt für die Publikation galt für die beiden Herausgeberinnen zum einen das Modell der Weiterbildungsakademie Österreich (wba) und zum anderen das Dresdner Kompetenzbilanzierungsinstrument (KOMPASS), um der Frage nachzugehen, wie die Erwachsenen- bzw. Weiterbildung hinsichtlich einer stärkeren Professionalisierung vorangebracht werden kann.

Aufbau

Das Buch verfügt über ein die Professionalisierung von Erwachsenen- und Weiterbildnern thematisierendes einleitendes Kapitel der beiden Herausgeberinnen, sowie über ein Kapitel zur ‚Erwachsenenpädagogischen Professionalität‘ der Autorinnen Sabine Schmidt-Lauff und Annika Lehmann und ein weiteres Kapitel zu ‚Erwachsenenpädagogische Kompetenzen bilanzieren, anerkennen und entwickeln‘. In letzterem werden die österreichischen Erfahrungen mit den Dresdner Untersuchungen verglichen und schließlich in die internationale Ebene eingeordnet. Den Abschluss bildet ein Autorenverzeichnis.

Inhalt

Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Professionalisierung der Erwachsenenbildung immer noch nicht auf direktem Wege erfolgt, auch wenn zugestanden wird, dass diese aufgrund einer anerkanntermaßen lebenslangen Notwendigkeit sich zwangsläufig immer mehr ergeben wird. Die zunehmend heterogenen Betätigungs- und Berufsfelder und die sich daraus ergebenden Verflechtungen zwingen den ‚Verbraucher‘ zu kontinuierlichen Erwachsenenbildungsmaßnahmen, um nicht den beruflichen Anschluss zu verlieren. Dies wiederum habe zur Folge, dass ein immer besser qualifiziertes Personal benötigt werde, das den vielschichtigen Aufgaben gewachsen ist. Damit machen die beiden Autorinnen bereits in ihrer Einleitung deutlich, dass auch und gerade die Erwachsenen- bzw. Weiterbildung – wie quasi alle sozialen Berufe – unter einem Professionalisierungstrauma leiden, das nach Ansicht des Verfassers in den wenigsten Fällen gerechtfertigt zu sein scheint.

Im ersten Kapitel wird unter der Überschrift einer ‚Erwachsenenpädagogischen Professionalität‘ der Versuch unternommen, die Entwicklung eines Professionalisierungsverständnisses aufzuzeigen, indem man die gegenwärtigen Kompetenzbilanzierungsverfahren reflektiert. Dabei wenden sich Sabine Schmidt-Lauff und Annika Lehmann unter anderem den Rahmenbedingungen, den Aufgaben- und Lernbereichen oder den Lernprozessen zu, thematisieren den Professionalisierungsbegriff vor dem Hintergrund von Berufsbezeichnung, beruflichen Zugangswegen oder einer berufsethischen Fragestellung, um sich schließlich mit den verschiedenen Sichtweisen der Lesarten von erwachsenenpädagogischer Professionalität auch im Hinblick auf künftige Schwerpunksetzungen auseinanderzusetzen.

In einem weiteren Kapitel, auf das hier nicht weiter eingegangen werden soll, zeigen die Autoren Wolfgang Jütte und Markus Walber vorwiegend unter Berücksichtigung von Kompetenzentwicklungen ‚interaktive Professionalisierungsszenarien in der Weiterbildung‘ auf.

Dem schließt sich das eigentliche Hauptkapitel mit einem Vergleich der erwachsenenpädagogischen Kompetenzen zwischen den österreichischen und Dresdener Partnern an. Hier geht es um eine Bilanzierung, Anerkennung der bisherigen Ergebnisse und deren Fortentwicklung. Anneliese Heilinger nimmt sich in ihrem Beitrag des Sektors Erwachsenen- oder Weiterbildung innerhalb des non-formalen Bildungsbereichs an, vergleicht diesen mit dem formalen Bildungssystem hinsichtlich der (staatlich verankerten) „Gestaltungsmacht“ bzw. „Gestaltungsimpulse“ (S. 60), um dann schließlich den EQF (European Qualification Framework) der EU aus dem Jahr 2008 – also das supranationale Steuerungsinstrument hinsichtlich von Transparenz und Vergleichbarkeit aller Qualifikationen in den europäischen Mitgliedsstaaten – näher zu beleuchten. Dem schließen sich Fragestellungen hinsichtlich einer Professionalisierung und Qualifizierung in ihrer prozesshaften Entwicklung bis hin zur 2007 eröffneten Weiterbildungsakademie Österreich (wba) an. Die Autoren Christian Ocenasek und Karin Reisinger setzen sich nachfolgend dezidiert mit der ‚wba‘ unter den Gesichtspunkten: Erfolgskriterien und Risikofaktoren eines Kooperationsprojektes der österreichischen Erwachsenenbildung in Form eines E-Mail-Dialogs (S. 83 ff.) auseinander. Als Fazit dieses Dialogs halten sie fest, dass sich “die ‚wba‘ … vom Projekt zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution entwickelt“ hat und sich die breitangelegte Kooperation als „Erfolgsfaktor für dieses europaweit beispielhafte System der Anerkennung und Zertifizierung“ (S. 96) erwiesen hat. Im folgenden Kapitel beschäftigen sich Anita Brunner, Elke Gruber und Susanne Huss mit der Qualifizierung des Weiterbildungspersonals als Ergebnis aus dem begleitenden Evaluierungsprozess der ‚wba‘. Schaubilder und statistisches Material sollen belegen, inwieweit das kooperative System der österreichischen Erwachsenenbildung mit ihrem Kernelement der ‚wba‘ zu einem Erfolgsmodell geworden ist.

Das zweite Hauptkapitel widmet sich den Dresdener Untersuchungen hinsichtlich des Kompetenzbilanzierungsinstruments KOMPASS. Gemeint ist damit ein Kompetenzpass für das Weiterbildungspersonal. Jan Böhm und Gisela Wiesner erläutern in ihrem Beitrag die diskursive Entwicklung dieses Kompetenzbilanzierungsinstruments, dessen Erprobung und Einsatzempfehlungen – auch im Vergleich zu anderen europäischen Ansätzen und zur österreichischen ‚wba‘. Sie gehen dezidiert auf Aufbau, Einsatz und Handhabung des Instruments ein und resümieren, dass sich eine flexible Anpassung an sich wandelnde Arbeitsfelder als besonders positiv erwiesen hat, wenngleich die Weiterentwicklung von KOMPASS für einen breiten Einsatz angezeigt erscheint. Jan Böhm referiert schließlich die Erfahrungen und Ergebnisse des Transferprozesses des Bilanzierungsinstruments KOMPASS als Personalentwicklungsinstrument in das Bildungsinstitut Zwickau von VW. Trotz gewisser Erfolge sieht der Autor weiteren Handlungs- und Entwicklungsbedarf nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene.

Den internationalen Vergleich zieht Anne Strauch in ihrem Aufsatz „Von der Kompetenzvalidierung zur Zertifizierung“, indem sie sich mit den Herausforderungen und Visionen zur künftigen Entwicklung auseinandersetzt. Dabei sieht sie vor allem „diejenigen Personen, die die konkrete Arbeit mit den lernenden Erwachsenen in Weiterbildungseinrichtungen gestalten und verantworten“ im eigentlichen Fokus ihrer Überlegungen (S. 153ff.). Beklagt wird in diesem Zusammenhang das Fehlen sowohl einer übergreifenden einheitlichen Strategie, wie auch von Referenzmodellen – mit der Folge einer Fülle von unterschiedlichen Abschlüssen und Zertifikaten mit kaum einschätzbarem Gültigkeitsbereich und Marktwert; plädiert wird für die Standardisierung über einen Sektoralen Qualifikationsrahmen für die Weiterbildung (SQR), welcher „eine Hierarchie von Qualifikationen“ in der Weiterbildung festlegt und „die für jede Hierarchiestufe charakteristischen Merkmale, zum Beispiel in Form des Wissens, Könnens oder der Fertigkeiten, die auf der jeweiligen Stufe erreicht sein müssen ,oder in Form von Berufsrollen, die mit der jeweiligen Qualifikation ausgefüllt werden können“ beschreibt (vgl. S. 160). Schließlich fordert die Autorin vor allem die Praxistauglichkeit für die Entwicklung eines konsensfähigen, sektoralen Qualifikationsrahmens.

Diskussion

Die beiden Herausgeberinnen gehen mit dem vorliegenden Werk der Frage nach, inwieweit es gelingt, erwachsenenpädagogische Kompetenzen des Weiterbildungspersonals anzuerkennen und zu zertifizieren. Dabei lassen sie verschiedene AutorInnen, die offensichtlich stärker sowohl mit der österreichischen wie auch der deutschen Entwicklung, in Gestalt des Modells der Weiterbildungsakademie ‚wba‘ und des Kompetenzbilanzierungsinstruments ‚KOMPASS‘, vertraut sind, zu Wort kommen. Die jeweiligen Beiträge bewegen sich sodann auf einem ausgesprochen insiderbehafteten Niveau, das nur bedingt von den nicht damit konfrontierten Fachkräften der Erwachsen- bzw. Weiterbildung nachvollzogen werden kann. Als jemand, der selbst aus einer professionell akademisierten Erwachsenenbildung kommt, erschließen sich die mit diesem Werk verbundenen Bemühungen um eine stärkere Professionalisierung und Kompetenzstärkung nur dann, wenn man von vorneherein mit einem defizitären Selbstverständnis von der Professionalität, welche zwangsläufig bzw. selbstverständlicherweise ein hohes Kompetenznivaeau voraussetzen sollte, ausgeht. Somit kann das Buch nur dann als wichtig und sinnvoll verstanden werden, wenn es um eine tatsächliche Weiterentwicklung bzw. Vertiefung von Professionalität bei gleichzeitig fortwährender Kompetenzsteigerung geht.

Fazit

Das Werk von Gruber/Wiesner eignet sich vor allem für jene, deren Professionalitäts- und Kompetenzniveau noch am Anfang einer berufsbezogenen Erfahrungsentwicklung steht. Es ist hilfreich für all jene, die sich mit besonderen Modellen im Hinblick auf eine Verbesserung ihres Berufsbildes auseinandersetzen wollen, auch wenn die aufgezeigten Ergebnisse aus Erhebungen und Erkenntnissen eines Forschungsdialogs zweier unterschiedlicher Modelle nur bedingt verallgemeinerungsfähig erscheinen.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 01.08.2013 zu: Elke Gruber, Gisela Wiesner (Hrsg.): Erwachsenenpädagogische Kompetenzen stärken. Kompetenzbilanzierung für Weiterbildner, innen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-7639-4908-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14233.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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