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Patrick J. Grieser: Die Kontrollgruppenproblematik [...] (Psychotherapie)

Cover Patrick J. Grieser: Die Kontrollgruppenproblematik in der empirisch-basierten Psychotherapie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2012. 511 Seiten. ISBN 978-3-8300-6618-7. D: 128,80 EUR, A: 132,50 EUR.

Schriftenreihe Schriften zur medizinischen Psychologie - Band 32.
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Thema

Das vorliegende Buch thematisiert den Einfluss verschiedener Kontrollgruppenarten (Beobachtungsgruppen, Wartekontrollgruppen, Placebogruppen, Aktive Kontrollgruppen) auf Effektmaße im Rahmen metaanalytischer Datenauswertungen bei der Wirksamkeitsprüfung von psychotherapeutischen Behandlungen. Konkret betrachtet Herr Grieser Angststörungen und affektiven Störungen.

Autor und Entstehungshintergrund

Dr. Patrick J. Grieser veröffentlicht mit dem vorliegenden Buch seine Promotion im Bereich Klinische Psychologie an der TU Darmstadt. Derzeit ist er Leiter der Begutachtungsstelle für Fahreignung des TÜV Hessen in Frankfurt, Hanau und Koblenz.

Aufbau und Inhalt

Griesers Buch gliedert sich in drei Hauptabschnitte:

  1. „Einleitung“,
  2. „Methode, Ergebnisse und Diskussion“, sowie
  3. „Literaturverzeichnis, Anhang und Glossar“.

In einer ausführlichen Einleitung gibt der Autor eine Einführung in die Wirkprinzipien der Psychotherapie (Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, Problembewältigung, Motivationale Klärung) und stellt Ergebnisse zu deren empirischer Wirksamkeitsüberprüfung vor (GEK-Report ambulant-ärztliche Versorgung 2007, Consumer Reports Studie). In diesem Zusammenhang geht er ebenfalls intensiv auf das Konzept randomisiert-kontrollierter Studien (RCTs) mit Fokus auf Medikamenten- und Psychotherapieforschung ein. Den Abschluss des Abschnitts bildet ein Überblick über die verwendeten Kriterien zur wissenschaftlichen Anerkennung von Psychotherapie, sowie eine allgemeine Abhandlung über die Kontrollgruppenproblematik in der empirisch-basierten Psychotherapie, inklusive einer Klärung der unterschiedenen Kontrollgruppentypen und unspezifischer Faktoren (v.a. Spontanremission).

Den ersten Abschnitt des Hauptteils seines Werkes widmet Grieser einer Beschreibung der von ihm verwendeten Methodik. Der Autor geht in vier Schritten vor: Erstens Literaturrecherche zur Identifikation aller relevanten RCT-Studien, zweitens systematische Bewertung und Auswahl der gefundenen Studien, drittens Datenextraktion und -transformation zur besseren Interpretierbarkeit (separiert für Angststörungen und affektive Störungen) und viertens Berechnung der Effektmaße (Wirksamkeitsvergleich der Behandlungsgruppe gegenüber der verschiedenen Kontrollgruppentypen). Im Anschluss folgt eine detaillierte Ergebnisübersicht für die 78 ausgewählten Psychotherapiestudien (52 Angst- und 26 Depressions-Studien). Dabei berechnet Grieser zunächst die zugehörige Interreliabilität (r = .974) und weist alle gefundenen Therapieverfahren drei knapp definierten Kategorien zu (Verhaltenstherapie, Pharmakologische Behandlung, Andere Verfahren).

Die anschließende Darstellung der metaanalytischen Befunde erfolgt getrennt für die betrachteten Störungsbilder, wobei ein mehrstufiger Modellansatz gewählt wird:

  1. Kontrollgruppenarten,
  2. Kontrollgruppenarten und adjunktive Therapie,
  3. Kontrollgruppenarten und Therapieform,
  4. Kontrollgruppenarten, Therapieform und adjunktive Therapie).

Als Effektmaße betrachtet der Autor die gewichteten und standardisierten Mittelwertsdifferenzen (berechnet mittels Hedges g), sowie die Prä-Post-Differenzen von Behandlungs- und Kontrollgruppe; letztere, um den Anteil spezifischer Faktoren zu bestimmen. Als Hypothese formuliert Grieser eine hierarchische Reihenfolge der Kontrollgruppenarten mit zunehmenden Werten für die betrachteten Effektmaße. Das heißt konkret, dass der Autor bei der Verwendung von Beobachtungskontrollgruppen höhere Mittelwerts- und Prä-Post-Differenzen erwartet als bei Wartekontrollgruppen, die wiederum höhere Werte als Placebogruppen aufweisen sollen, wobei deren Effektmaße höher ausfallen sollen als die aktiver Kontrollgruppen. Für Angststudien konnten in der ersten Stufe hypothesenkonforme Ergebnisse gefunden werden. Für Depressionsstudien gelang dies eingeschränkt auf der zweiten Modellebene (bei zusätzlicher Betrachtung adjunktiver Therapien). Insgesamt erschwerte sich der Nachweis des postulierten Reihenfolgeeffekts mit zunehmender Modellkomplexität.

In einem ausführlichen dritten Abschnitt des Hauptteils widmet sich Grieser der Diskussion und Analyse seiner metaanalytischer Betrachtungen. Dabei thematisiert er vordergründig den kritischen Einfluss unspezifischer Behandlungsfaktoren, die nach Meinung des Autors stark zwischen aktiven Kontrollgruppen variieren können. Ferner geht Grieser auf den marginalen Einfluss adjunktiver Therapien und die Aussagekraft der Effektmaße in Abhängigkeit von der betrachteten Studienzahl (v.a. auf den höheren Modellebenen) ein. Den Abschluss des Hauptteils bildet ein Ausblick, in dem der Autor darlegt, inwieweit die vorliegenden Ergebnisse in zukünftigen Forschungsvorhaben im klinischen Bereich zu berücksichtigen seien.

Im letzten Hauptabschnitt fällt besonders die detaillierte Auflistung aller in der Metaanalyse verwendeten Studien auf, die zusammen mit den zugehörigen Boxplots (d.h. Übersicht über und graphischen Darstellung der Daten, inklusive Mean, SD, 95% CI) 2/3 des Buches ausmachen. Ein übersichtlicher Glossar vereinfacht die Arbeit mit dem vorliegenden Material.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Werk gelingt dem Autor ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der empirischen Evaluation und Erforschung der Psychotherapie. Eine differenzierte metaanalytische Betrachtung des Behandlungserfolgs unter Berücksichtigung verschiedener Kontrollgruppentypen war überfällig. Obwohl der postulierte Reihenfolgeeffekt innerhalb dieser Typen nur eingeschränkt gefunden wurde, weist Griesers Arbeit dennoch eindrucksvoll deren Einfluss auf die Wirksamkeitsprüfung therapeutischer Interventionen nach (v.a. bei Unterscheidung passiver und aktiver Kontrollgruppen).

Fazit

Griesers Buch „Die Kontrollgruppenproblematik der empirisch-basierten Psychotherapie“ ist eine Dissertation und als solche zu verstehen. Es bietet eine detaillierte Einführung in die Wirkprinzipien der Psychoanalyse und verschiedene Therapieformen. Ferner stellt sie die metaanalytischen Befunde des Autors vor, auf deren Basis er eine Überarbeitung der Forschungspraxis empfiehlt. Die Arbeit ist als vertiefende Literatur für Klinische Psychologen/innen (v.a. angehende Psychotherapeut/innen) zu empfehlen. Darüber hinaus scheint sie, vordergründig aufgrund ihrer kritisch-sensiblen Betrachtung der aktuellen Forschungspraxis, auch für Psychologiestudent/innen im Master (v.a. im Schwerpunkt Klinische Psychologie) lesenswert. Abschließend scheint es sinnvoll, der Forderung des Autors nach einem höheren Stellenwert für Placebogruppen und aktiven Kontrollgruppen gegenüber reinen Beobachtungs- und Wartekontrollgruppen in der Forschung zu folgen.


Rezension von
Dr. rer. nat. Johannes Heekerens
Wissenschaftlicher Mtarbeiter an der Charité Universitätsmedizin Berlin auf der Spezialstation für Persönlichkeitsstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen
Homepage www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsberei ...
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Zitiervorschlag
Johannes Heekerens. Rezension vom 11.01.2013 zu: Patrick J. Grieser: Die Kontrollgruppenproblematik in der empirisch-basierten Psychotherapie. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-8300-6618-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14245.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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