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Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit

Cover Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit. Eine gender- und adoleszenztheoretische Kritik auf empirischer Grundlage. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2012. 334 Seiten. ISBN 978-3-89974-763-8. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Thema

Thema des Buches sind „Männlichkeitskonstruktionen“ (in) der Jungenarbeit. Es wird der Frage nachgegangen, wie in der Jungenarbeit über „geschlechterhomogene Bildungskonzepte“ Geschlechterverhältnisse reproduziert und manifestiert werden. Dabei geht der Verfasser theoretisch und empirisch vor. Letzteres geschieht, indem eine einwöchige teilnehmende Beobachtung während einer Bildungswoche für eine 9. Hauptschulklasse ausgewertet wird.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen eines Forschungskolloquiums, welches von Hans Bosse (Professor für Sozialpsychologie und Soziologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main) und Vera King (Professorin mit dem Schwerpunkt Sozialisation und Bildung im Kontext gesellschaftlicher Transformationsprozesse an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg) geleitet wurde.

Aufbau

Das Buch hat vier große Kapitel.

  1. Nach der Einleitung folgt Kap. 1 „Grundzüge einer Theorie adoleszenter Triangulierung“ (S. 17-70).
  2. Danach die Kapitel 2 „Konzeptionen der Jungenpädagogik: Analyse und Kritik“ (S. 71-123),
  3. „Methode, Erkenntnistechnik und Interpretation“ (S. 125-152) und
  4. „Empirischer Teil: Das Jugendbildungsseminar“ (S. 153-301).

Es wird abgeschlossen mit einer ca. 10-seitigen Schlussbetrachtung und einem 17-seitigen Literaturverzeichnis.

Inhalt

In Kap. 1 beschreibt der Verfasser „Grundzüge einer Theorie adoleszenter Triangulierung“. Diese baut auf Konzepten psychoanalytisch-sozialwissenschaftlicher Theoriebildung auf und bedeutet, dass auf verschiedene Perspektiven (frühkindliche Entwicklungszusammenhänge, subjekttheoretische Diagnosen) zurückgegriffen wird, um soziale und politische Prozesse von Vergesellschaftung in der Adoleszenz nachzuzeichnen.
Die Triangulierung darf keinesfalls verwechselt werden mit der Triadisierung, die in diesem Kapitel ebenfalls beschrieben wird. Hunsicker argumentiert (unter Berufung auf verschiedene Autoren), dass „im Prozeß der Triangulierung (…) dyadische Beziehungszustände dann die generelle Fähigkeit zu Abgrenzung und Autonomisierung des Selbst herab (setzen), wenn sie zunehmend symbiotisch strukturiert und über das ausgeschlossene Dritte konstitutiv werden“ (Hunsicker, S. 25).

In Kap. 2 analysiert und kritisiert Hunsicker Konzeptionen der Jungenpädagogik. Deutlich ergreift der Verfasser hier Partei für die „feministische Frauenforschung der letzten drei Jahrzehnte“ (S. 73), die „zu Recht (postuliert), dass bei Mädchen und Jungen für vergleichbares Verhalten…zweierlei Maßstäbe gelten…“ (ebd.).

In Kap. 3 wird die empirische Forschungs- und Interpretationsmethode („Hermeneutische Verstehenspraxis“) vorgestellt.

In Kap. 4., dem empirischen Teil, wird eingegangen auf die Ergebnisse der teilnehmende Beobachtung, die der Verfasser während einer Bildungswoche bei einer 9. Hauptschulklasse unternommen hat.

Die Inhalte des Buches von Herrn Hunsicker wurden in der ebenfalls bei socialnet.de erschienenen Rezension beschrieben. Um unnötige Doppelungen zu vermeiden, wird hier auf eine weitergehende inhaltliche Beschreibung verzichtet. Stattdessen wird der Diskussion im nächsten Abschnitt verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet.

Diskussion

Die Arbeit argumentiert auf einem hohen Niveau. Hunsicker ist in der Lage, sehr schwierige und komplexe Sachverhalte (wie sie sich beispielsweise in den Thesen Judith Butlers´ finden), in seine Argumentation einzubinden. Er ist vielbelesen und – was noch weitaus wichtiger ist – hat verstanden, was er gelesen hat. Darüber hinaus nimmt Hunsicker erfreulich deutlich Positionen in den aktuellen Debatten über die Jungenarbeit ein.

In der Argumentation des Verfassers werden jene Ansätze der Jungenarbeit kritisiert, die „nach dem Prinzip der Geschlechtertrennung vor(…)gehen“ (S. 72). Hunsicker beruft sich hier u.a. auf Hagemann-White (1984, Hunsicker S. 73), der zu Folge es keinen bedeutenden Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Sowohl Jungen also auch Mädchen verfügen über eine ähnliche Ansammlung von Verhaltensmustern, die im Alltag jedoch geschlechterabhängig angewandt bzw. wahrgenommen werden (vgl. auch wikibooks). Nach Hagemann-White müssen die Vergesellschaftungsprinzipien offen gelegt werden, die auf Prinzipien der Geschlechtszugehörigkeit beruhen.

Hunsicker führt zudem Heuer (1994) an, die davon ausgeht, dass… „Mädchen (…) insgesamt zur negativen Bezugsgruppe für Jungen konstituiert (werden), um deren kultur- und geschlechtstypisches Selbstbewusstsein überhaupt zu ermöglichen“ (ebd.) und kommt daraufhin zu dem Schluss: „In aller Regel ist die Jungenarbeit an ein Prinzip der Geschlechtertrennung gebunden, das auf Geschlechtergegensätzen aufbaut, die in der negativen Bezugnahme den Ausschluss affirmieren und zugleich durch eine dogmatische Auslegung der geschlechtertrennenden Praxis charakterisiert sind“ (Hunsicker S. 73).

Die Kritik des Verfassers an der gegenwärtigen Jungenarbeit ist deutlich: Diese sei „kommutativ“ (S. 107), „zweigeschlechtlich“ (S. 109), ignoriere Strukturen hegemonialer Männlichkeit (ebd.), baue unnötige Reglementierungen und strukturelle Beschränkungen der Geschlechterdiskurse (S. 312) auf, etc. etc. Doch wie sieht es mit positiven Ansätzen aus?

Hunsicker bleibt hier eher vage, verweist auf Dekonstruieren und Hinterfragen geschlechterpolarisierender und hegemonialer Männlichkeitskonstruktionen (z.B. S. 313). Auf diese Weise könne „über den konstruierten Gegensatz von Männlichkeit und Weiblichkeit, der zur pädagogischen Direktive erhoben“ (ebd.) und Geschlechtergrenzen nicht überschreite, sondern verfestige, hinausgegangen werden.

Außerdem ist es die konkrete Forschungs- und Bildungspraxis, die Hunsicker als widerständig gegenüber hegemonialen Diskursen identifiziert. „Deutlich zeigt sich, wie die Jungen den Forschungsprozess für sich ausdeuten und strukturell mitgestalten, sodass auch die Regulierung identifikatorischer Praktiken auf Zurückweisung stoßen muss“ (ebd.). Und weiter: „Subjektbildung ist also gerade durch Autonomie und Partizipation konstitutiv und verlangt nach Wechselbeziehungen, durch die sich die Sexuierung der Subjekte im Bildungsprozess aufdecken und deren „Intelligibilität“ (Butler 1997:24) neu fassen“ lässt (Hunsicker, S. 313).

Dass die Kritik Hunsickers so nuanciert und massiv und die positiven Vorschläge des Verfassers recht pauschal und „leichtgewichtig“ ausfallen, hat sicherlich mit der Intention des Buches zu tun. Es will Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit untersuchen. Aber vielleicht ist noch ein anderer Grund mitverantwortlich.

Es soll gefragt werden, was theoretisch und praktisch erreicht werden kann, wenn Zweigeschlechtlichkeit dekonstruiert wird. Sicherlich ist es eine wichtige Erkenntnis, dass die Geschlechterhierarchie auf der dualistischen Vorstellung von zwei Geschlechtern beruht und das der Bezug auf das Geschlecht die Geschlechterhierarchien und damit die Benachteiligung von Frauen stärkt. Aber die Theorie endet hier. Der Ansatz wird nicht wie sozialisationsbezogene Theorien überführt in pädagogische oder politische Handlungsmöglichkeiten oder Konzepte. Er ist „eine Theorie, die für die innersubjektive Auseinandersetzung geeignet sein kann, eine Provokation, über alte Denkmuster hinauszublicken und sie eventuell in frage zu stellen“ (Tegeler 2003, zit. n. Wallner 2004).

Was die dekonstruktivistische Theorie jedoch nicht bietet, sind Antworten auf makrotheoretische Aspekte des Geschlechterverhältnisses wie z.B. soziale Ungleichheit, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder den Zusammenhang von Geschlecht und Diskriminierung (ebd.).

Wie gesagt: Da die Dekonstruktionstheorie keine Übersetzung in politisches Handeln bietet, ist sie in ihrer Bedeutung für praktische Aspekte der Jungen- und Mädchenarbeit geringer als Theorien von Gleichheit und Differenz (Wallner 2004). Hunsicker geht bei der Auswahl seiner Theorien m.E. zu eng vor. Eine ausschließliche Wahl der dekonstruktivistischen Theorie wäre gar nicht nötig gewesen! Hierzu nochmal Wallner: „ Politisch und makrosoziologisch verwertbar ist die Dekonstruktionstheorie kaum. Darüber hinaus müssen die natürlichen, sozialisatorischen und konstruktivistischen Theorien nicht alternativ nach dem Motto „Es gibt nur eine“ betrachtet werden. Nichts widerspricht der Verwertung aller Theorieansätze“ (Wallner 2004, S. 6).

Dennoch ist die Debatte um die Bedeutung der Dekonstruktion für die Gleichberechtigung zentral. Ursache hierfür kann sein, dass „die theoretische Diskussion um die Konstruiertheit von Geschlecht und um die Annahme unendlich vieler Geschlechter (…) zeitlich zusammen (fiel) mit der frauenpolitischen Wahrnehmung der großen Bandbreite und der Differenz unter Mädchen und Frauen“ (ebd., S. 6). Diese Debatte ist – so Hunsicker – in großen Teilen der Männer- und Jungenforschung noch nicht angekommen.

Ein Großteil der zitierten Literatur stammt aus den Jahren 1995-1997 und früher. Zwar gibt es durchaus auch neuere Literatur (z.B. aus dem Jahre 2008), doch wird diese vor allem im (sehr ausführlichen) Literaturverzeichnis aufgeführt.

Darüber hinaus fällt die außerordentlich „wissenschaftliche“ Ausdrucksweise des Verfassers auf. Es ist schon seltsam, sich immer wieder mit so vielen Fremdworten bzw. mit Sätzen wie dem folgenden konfrontiert zu sehen: „Für den triangularen Prozess der Kohärenz ersten Grades bedeutet dies nicht den Verlust an Autonomie, sondern strukturell einen potenziellen Zugewinn an Selbst-Bewusstheit und Differenzialität“ (Hunsicker, S. 180). Zwar ist es oftmals sinnvoll und richtig, die passenden Fremdworte zu benutzen, aber der Lesbarkeit und Verständlichkeit des Textes trägt dies in dem hier zu besprechenden Buch wirklich nicht bei. Viele potentielle LeserInnen werden durch die mühsam zu entziffernde Sprache abgeschreckt – was bei dem wichtigen Thema überaus schade ist.

Fazit

Ein kluger und lesenwerter Beitrag zur Geschlechter-(Jungen-)Diskussion im Bildungsbereich. Eine Bereicherung der Forschungslandschaft in Psychologie, Pädagogik und Soziologie.

Zitierte Literatur

  • Butler, Judith, 1997: Körper von Gewicht. Gender Studies. Frankfurt/Main
  • Hagemann-White, Carol, 1984: Sozialisation weiblich-männlich? Opladen
  • Heuer, Ulrike, 1994: Zur Kategorie „Geschlecht“ in der Bildung – ein Beitrag zur schulischen Koedukationsdiskussion aus der Erwachsenenbildung, in: Institut für Frau und Gesellschaft, Zeitschrift für Frauenforschung, Heft 3/94, Bielefeld, S. 75-97
  • Tegeler, Evelyn, 2003: Frauenfragen sind Männerfragen. Helge Pross als Vorreiterin des
  • Gender Mainstreaming. Opladen, S.42-63
  • Wallner, Claudia, 2004: www.claudia-wallner.de/ (entnommen am 02.04.2013)

Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 11.04.2013 zu: Thorsten Hunsicker: Männlichkeitskonstruktionen der Jungenarbeit. Eine gender- und adoleszenztheoretische Kritik auf empirischer Grundlage. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-89974-763-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14248.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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