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Reinhart Wolff, Remi Stork: Dialogisches ElternCoaching und Konfliktmanagement

Cover Reinhart Wolff, Remi Stork: Dialogisches ElternCoaching und Konfliktmanagement. Ein Methodenbuch für eine partnerschaftliche Bildungsarbeit (nicht nur) in den Hilfen zur Erziehung. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2012. 120 Seiten. ISBN 978-3-925146-81-7. 16,50 EUR.

Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentation - 33.
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Thema

Die Autoren stellen in ihrem Buch ein Bildungskonzept für Eltern und Fachkräfte vor. Eltern und Fachkräfte arbeiten und lernen bei diesem neuen Arbeitsansatz gemeinsam, um Eltern in ihren Aufgaben zu unterstützen.

Autoren

Dr. Reinhart Wolff, Soziologe und Erziehungswissenschaftler, hat lange an der Alice Salomon Hochschule Berlin gelehrt. Dr. Remi Stork, Diplom Pädagoge, ist Referent in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Die Autoren sind Sprecher bzw. Mitglied des Vorstandes des Kronberger Kreises für Dialogische Qualitätsentwicklung e.V.

Entstehungshintergrund

Vor dem Hintergrund des seit der Jahrtausendwende steigenden gesellschaftlichen Interesses an der Bildung und Erziehung von Kindern sind vielfältige Elternbildungsprogramme entstanden. Erziehungskurse und Erziehungsratgeber boomten, um auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen und die neuen Herausforderungen für Eltern und Erzieher zu antworten. Die Autoren beschreiten seit knapp zehn Jahren einen alternativen Weg zu den teils nicht ausreichend erfolgreichen Elternbildungsprogrammen. Sie versuchen in verschiedenen Modell- und Kooperationsprojekten auch und gerade die Eltern zur erreichen, die solche Angebote am dringendsten brauchen. Diesen alternativen Ansatz des Dialogischen ElternCoachings und Konfliktmanagements stellen sie in diesem Buch vor.

Aufbau

Den Hauptteil des Buches stellen Methoden und Techniken dar, die im Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement in den letzten zehn Jahren entwickelt und erprobt wurden. Diese Methoden sind zum großen Teil nicht neu, sondern wurden von den Autoren für diesen besonderen Ansatz abgewandelt und angepasst. Sie können daher wiederum auch in anderen Arbeitssettings eingesetzt werden. Die ganz konkrete Ablaufbeschreibung von Teilen des ElternCoachings macht die konkrete Umsetzung gut nachvollziehbar. Vorab werden in zwei Kapiteln „Wege zum Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement“ und „Theoretischer Rahmen und methodisches Design“ vorgestellt. Dem Hauptteil folgt ein Kapitel zu Weiterbildungen im Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement: Diese finden immer im Rahmen eines realen Coaching statt und können daher von Fachkräften nur gemeinsam mit Eltern (Klienten) gemacht werden. Beendet wird das Buch mit Gedanken zu den Perspektiven des Ansatzes.

Inhalt

„Ein Methodenbuch“ steht auf dem Umschlag und unter den Überschriften

  • „Elternwerkstatt“,
  • „Kinderentwicklungslabor“,
  • „Elternuniversität“ und
  • „Konfliktmanagement“

schildern die Autoren ausführlich wie ihr Elternbildungskonzept in die Praxis umgesetzt werden kann. Elternbildungskonzept greift aber zu kurz. Das Wesentliche am Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement ist die Verbindung verschiedener Elemente: Die Kompetenzerweiterung von Eltern (Coaching) wird verbunden mit der Bearbeitung von Alltagsproblemen (Konfliktmanagement). Elternbildung wird mit fachlicher Weiterbildung verbunden (gemeinsames Lernen von Eltern und Fachkräften). Praxis wird verbunden mit Wissenschaft (Elternuniversität). Ermöglicht wird diese Verbindung durch die Herangehensweise und die Grundannahmen des Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement. Ein wichtiger Unterschied zu anderen Elterntrainings ist das gemeinsame Lernen von Fachkräften und ihren Klienten (Eltern). Das kann z.B. heißen, dass Eltern gemeinsam mit einer Fachkraft des Jugendamtes und des freien Trägers, die z.B. SPFH durchführt, eine Lerngemeinschaft bildet. Diese bildet wiederum mit andern Lerngemeinschaften eine Gruppe von vielleicht 30 – 35 Personen, die sich über einen Zeitraum von über einem Jahr regelmäßig in gut ausgestatteten Räumen mit Übernachtungsmöglichkeiten treffen. Dieses Setting macht bereits deutlich, dass es sich um eine intensive Unterstützungsform handelt, auf die sich die Eltern und die Fachkräfte einlassen (müssten). Die Fachkräfte müssen dafür vor allem erst einmal Abschied nehmen von der üblichen Balance von Nähe und Distanz, die, so die Autoren, häufig nur dem Selbstschutz der Fachkräfte dient und einer erfolgreichen Hilfe eher im Wege steht. Es wird ausdrücklich die Bedeutung von gemeinsamer Freizeit und Pausen betont. Das klassische Verhältnis von Lehrenden und zu Belehrenden, von Subjekt zu Objekt wird zugunsten eines offenen, gleichberechtigten Dialogs aufgegeben. Die Autoren bezweifeln nicht, dass es einen Bedarf für das Training elterlicher Kompetenzen gibt. Die heutigen gesellschaftlichen Anforderungen an Eltern werden kurz skizziert. An anderen Elternbildungsprogrammen kritisieren sie z.B. dass elterliche Macht betont und autoritäre Einschränkung legitimiert wird („Grenzen setzen“). Oder dass sie zu hohe Zielerwartungen vorgeben, nämlich der Produktion vom ‚perfekten‘ Kind. Oder dass sie in Form von Ratschlägen Bedienungsanleitungen für Kinder herausgeben. Vor allem aber das bereits erwähnte Subjekt-Objekt-Verhältnis. „Eine neue Einstellung zu Kindern zu gewinnen, sie besser zu verstehen und handlungsfähiger und kreativer im Umgang mit Kindern zu werden, ist jedoch über eine Kultur dialogischer Partnerschaft mit viel größeren Erfolgsaussichten möglich als über traditionelle Anweisungsprogramme.“ Im Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement wird daher viel Wert auf die Entwicklung grundlegender Kompetenzen der Eltern gelegt: Die Fähigkeit das eigene Selbst und andere Menschen zu verstehen soll geübt werden. Denn es kommt darauf an, „nicht den Eltern etwa Vorschläge zu machen, was sie tun oder anders machen sollten, sondern ihre Fähigkeit des Mentalisierens zu fördern und zu vertiefen.“ Das Coaching beginnt in der Regel mit der „Elternwerkstatt“. Die Eltern lernen sich selbst, ihre Geschichte und ihre Situation besser kennen. Gearbeitet wird z.B. mit Genogramm, Eco-Map und dem Schreiben von Lebensgeschichten. Erst danach wird im „Kinderentwicklungslabor“ ein wertschätzender, wohlwollender Blick auf die Kinder geworfen und eingeübt. Bei der sogenannten Kinderfotoanalyse sammeln die Eltern die positiven Feedbacks der Gruppe zu ihren Kindern. Durch die Größe der Gruppe kommen sie leicht auf 20 – 30 solcher positiven Rückmeldungen. Die Frage nach den guten Seiten und den Stärken der Kinder ist (sollte es m.E. zumindest sein) auch in anderen Kursen und in der Einzelarbeit mit Eltern Standard. Aber weitere Übungen wie das Zusammenfassen der Entwicklungsgeschichte der Kinder, dem Buch der Stärken des Kindes oder der Arbeit mit Filmszenen vertiefen diesen Teil der Elternbildung doch erheblich. In der Elternuniversität wird die Verbindung zu aktuellen wissenschaftlichen Theorien und Erklärungen hergestellt. Es werden Themen unter Berücksichtigung der Interessen der Gruppe ausgewählt, die dann von Dozenten in die Gruppe eingebracht und in einem interaktiven Dialog bearbeitet werden. Themen waren bislang u.A.: Familiensysteme, Kinderentwicklung, Sexualität im Kindesalter, Aggressionen … Ein Kennzeichen des beschriebenen Ansatzes ist das Konfliktmanagement. In den Coachings wird das Verständnis von und der Umgang mit Konflikten aktiv angegangen. Das können Konflikte im Coaching selber, in der Familie oder in der Arbeit mit den Fachkräften sein. Dazu werden einige erprobte Methoden vorgestellt. Ob das abschließend erwähnte Alltagskompetenztraining (z.B. Haushaltsmanagement) in den Coachings angewendet bzw. nachgefragt wurde bleibt leider offen. Wie bereits oben erwähnt kann die Weiterbildung zum Dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagement nur in realen Coachings zusammen mit den betreuten Eltern erlernt werden. Hierzu geben die Autoren Programmbeispiele. Zum Ende des Buches betonen die Autoren, dass dieser Ansatz einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Elternbildung, Sozialer Arbeit und zur partizipatorischen Zusammenarbeit von Eltern und Fachkräften leisten kann. Die Grundidee und die Methoden ließen sich auf andere Handlungsfelder und Gruppensituationen übertragen.

Diskussion

Meines Erachtens stellt die knappe aber prägnante Vorstellung der Grundlagen und Grundannahmen des dialogischen ElternCoaching für Fachkräfte, die diesen Ansatz noch nicht kennen, einen spannenden und wichtigen Impuls dar. Mit der Vision eines partnerschaftlichen, gegenseitigen Lernens von Eltern und Fachkräften und der Infragestellung von Arbeitsroutinen sollten sich alle Fachkräfte, die mit Eltern arbeiten, auseinandersetzen. Für mich ist dieser Teil des Buches daher der spannendere.

Die ganz konkrete Schilderung der Durchführung und Umsetzung des dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagements macht die Durchführbarkeit und Erfolge des Ansatzes erfahrbar. Dieser Teil ist also auch für Fachkräfte, die mit dialogischen, partizipativen und ressourcenorientieren Arbeitsweisen vertraut sind, interessant. Ob sich der Ansatz des dialogischen ElternCoaching und Konfliktmanagements aber durchsetzen kann oder überhaupt aus dem Modellprojekt- und Erprobungsstatus in ein reguläres Angebot übergeht, bleibt abzuwarten. Ich sehe mindestens drei Hürden, die zu nehmen wären: Die (finanziellen) Ressourcen müssten zur Verfügung gestellt werden, die Fachkräfte müssten sich auf diese intensive und zeitaufwändige Arbeit einlassen und vor allem wären eben diejenigen Familien zu gewinnen, die als ‚bildungsfern‘ und ‚besonders belastet‘ gelten. Gerade den letzten Punkt halte ich auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen in der sozialpädagogischen Familienhilfe für besonders schwierig. In dem Buch wird leider nicht geschildert ob solche Familien erfolgreich erreicht wurden oder ob die teilnehmenden Familien nicht auch für herkömmliche Unterstützungsmöglichkeiten offen gewesen wären. Es sollte dennoch versucht werden, denn wie die Autoren richtig darstellen sind diese Familien durch andere gängige Angebote kaum zu erreichen. Aus Sicht der Eltern würde ich sagen: die gängigen Angebote stellen den Familien nicht ausreichend Möglichkeiten für Erfahrungsgewinn und Reflexion zur Verfügung. Daher wünsche ich dem vorgestellten Ansatz viel Erfolg.

Fazit

Das kompakte Buch sollte von Fachkräften, die mit Eltern arbeiten, sei es in der direkten Beratung oder in Gruppen, aus zweierlei Gründen zur Kenntnis genommen werden: Es stellt einen wirklich alternativen Ansatz dar, der die Haltung und die Routine von aktuellen Praktiken in Frage stellt und somit zur professionellen Selbstreflexion einlädt. Die konkrete Darstellung von Methoden und Techniken machen den Ansatz gut nachvollziehbar und kann auch für andere Settings bereichernd sein.


Rezensent
Christian Oetken
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Zitiervorschlag
Christian Oetken. Rezension vom 25.01.2013 zu: Reinhart Wolff, Remi Stork: Dialogisches ElternCoaching und Konfliktmanagement. Ein Methodenbuch für eine partnerschaftliche Bildungsarbeit (nicht nur) in den Hilfen zur Erziehung. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-925146-81-7. Reihe: Erziehungshilfe-Dokumentation - 33. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14249.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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