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Yvonne Leonhard: Kindermuseen

Cover Yvonne Leonhard: Kindermuseen. Strategien und Methoden eines aktuellen Museumstyps. transcript (Bielefeld) 2012. 272 Seiten. ISBN 978-3-8376-2078-8. D: 27,80 EUR, A: 28,60 EUR.

Reihe: Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement.
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Die eigenen Qualitäten des kindermusealen Raums

Das „Kindermuseum“ in Frankfurt/M., An der Hauptwache 15, also im Zentrum der Stadt, wirbt im Internet und auf Flyern: „Anregende Ausstellungen für Familien und Kinder, interessante Werkstätten und Geburtstagsparties sowie spannende stadtgeschichtliche Führungen erwarten die Besucher/innen des kinder museums frankfurt. Die Ausstellungen sind ganz speziell für Kinder und Jugendliche konzipiert. Eigene Aktivität ist Programm, denn das kinder museum bietet Wissen zum Anfassen. Tatkräftig, mit viel Einfallsreichtum können Kinder und Familien hier experimentieren, forschen und die Welt verstehen lernen. Neben authentischen Objekten bieten die Ausstellung interaktive Stationen und Werkbereiche. Auch in den Werkstätten, beim Drucken, Papier oder Schmuck herstellen, oder in der Radiowerkstatt sind Erkenntnisgewinn und Begeisterung kein Gegensatz. Ausprobieren, Nachdenken, eigenständiges Handeln und selbstbestimmtes Lernen, sowie künstlerische und handwerkliche Arbeit stehen im Mittelpunkt. Ob mit der Schulklasse, Gruppe oder Familie, das kinder museum versteht sich als attraktiver Lernort für alle und eignet sich zum mehrmaligen Besuch“.

Beim Jahreskongress des Bundesverbandes Museumspädagogik e.V., der vom 6.- 8.11.2008 in München stattfand, wurde „kulturelle Bildung“ als allumfassender Allgemeinbildungsauftrag diskutiert. Dabei kam der Organisation, Präsentation und dem Qualitätsmanagement eine besondere Aufmerksamkeit zu: „Der gesellschaftliche Wandel erfordert ein Kulturmanagement, das sich so organisiert, dass es die von außen in Gang gesetzten Veränderungsprozesse effektiv und effizient steuern kann“ (vgl. dazu den Tagungsband: Hannelore Kunz-Otto / Susanne Kudorfer / Traudel Weber, Hrsg., Kulturelle Bildung im Museum. Aneignungsprozesse – Vermittlungsformen – Praxisbeispiele, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8726.php).

Überraschend, dass es in Deutschland erst seit rund 20 Jahren spezielle Museen für Kinder gibt, wie der Bundesverband Deutscher Kinder- und Jugendmuseen e.V., in Berlin (www.bv-kindermuseum.de) meldet. 56 Kindermuseen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind im BV organisiert (nicht berücksichtigt jedoch sind die zahlreichen Schulmuseen, die entweder als eigenständige Stätten bestehen oder sich in Schulen oder Hochschulen befinden, wie etwa das älteste Schulmuseum in Deutschland, in Zetel-Bohlenbergerfeld oder das Schulmuseum in der Domäne der Universität Hildesheim).

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Kulturmanagement ist ein Arbeitsbereich, der in der sich immer interdependenter, entgrenzender, globalisierender entwickelnden Welt lokal und global eine immer größere Aufmerksamkeit erfährt und eine Herausforderung erreicht (vgl. dazu: Jochen Zulauf, Aktivierendes Kulturmanagement. Handbuch Organisationsentwicklung und Qualitätsmanagement für Kulturbetriebe, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11836.php). Nicht zuletzt in den scheinbaren, direkt virtuell und medial gelieferten Informationen, Bildern und Präsentationen kommt den konkreten, kulturellen Begegnungen, etwa im Museum, eine besondere Bedeutung zu, besonders seit dem Paradigmenwechsel von der Zurschaustellung hin zur ästhetischen, erlebnisorientierten, informativen didaktischen Präsentation der „Schaustücke“ haben neben den KuratorInnen und SammlungsleiterInnen auch MuseumspädagogInnen und KulturmanagerInnen das Sagen,; natürlich nicht zuletzt deshalb, weil Museen in immer stärkerem Maße auch auf Kosten-Nutzen-Kalkulationen achten müssen. „Kinder im Museum“ wird dadurch zu einer stärkeren Herausforderung.

Ein Kindermuseum, das sich naturgemäß in erster Linie für Kinder öffnet und Erwachsene, ob Eltern, Erziehungsberechtigte oder Lehrkräfte, als Begleiter der Kinder betrachtet und nicht als Adressaten, kann sich allerdings auch nicht alleine als Lernort für Kinder und Jugendliche verstehen: „Das Kindermuseum ist eben nicht nur ein Bildungs- und Lernort, sondern es ist als Museum ein Plädoyer für die Kindheit und für den Eigensinn der Kinder, die anders sind als die Erwachsenen“. Dieser Anspruch stellt Kindermuseen vor besondere Herausforderungen. „Durch die Schaffung spezifischer Narrative und Visualisierungspraktiken (müssen sie) weg vom abstrakt eingelernten Faktenwissen hin zum selbstbestimmten handlungsorientierten Begreifen durch Experimentieren, Forschen und Selbermachen“. Dabei vollzieht sich, nicht wie beim ein- und aussortierenden Lernen im dreigliedrigen Schulsystem, ein integrierendes, gleichberechtigtes Umgehen mit Weltbildern und -sichten.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeberin, Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Kinder- und Jugendmuseen und Herausgeberin des Sammelbandes, Yvonne Leonard, gliedert die Bestandsaufnahme der Zielsetzungen, Strategien und Methoden des speziellen Museumstyps „Kindermuseum“ in drei Kapitel. Im ersten Teil werden „Methoden“ dargestellt, im zweiten Kapitel „Beispiele aus der Praxis“ gebracht, und im dritten Teil wird die „Geschichte“ der Kindermuseen in Deutschland thematisiert.

Yvonne Leonoard eröffnet das erste Kapitel mit dem Beitrag „Den Blick verändern“, indem sie kuratorische Methoden in Kindermuseen darstellt. Sie lenkt dabei den Blick auf Bildungseffekte, die im allgemeinbildenden schulischen und außerschulischen Lernen zu kurz kommen, wie etwa „forschendes Lernen“ und „museale Strategien des Spiels“ (vgl. dazu auch: Regine Strätling, Hrsg. Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13887.php).

Die Kunstwissenschaftlerin von der Zeppelin Universität Friedrichshafen, Karen van den Berg und der Erziehungswissenschaftler an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg, Markus Rieger-Ladich stellen mit ihrem Beitrag „Rhetorik des Kreativen“ Beobachtungen zum Kindermuseum an. Es sind „Beobachtungen zweiter Ordnung“, also gewissermaßen das Beobachten des Beobachtens als Vermittlungssituation zwischen Objekt und Subjekt. Solche, in Ausstellungen und Museen öfter zu beobachtende Situationen, rufen natürlich die pädagogisch und didaktisch Beobachtenden und Analysierenden auf den Plan, insbesondere deshalb, weil Neugier und Kreativität, (aber auch Langeweile) zu den Ausdrucksformen gehören, die notwendig sind, um „eigene Weltaneignungen“ zu ermöglichen.

„Sei kreativ – und du bist erfolgreich!“, diese (neue) Botschaft der konsumtiven Gegenwartskultur ruht auf mehreren (wackeligen und festgefügten) Pfeilern. Wie sich dieser „Kreativitätshype“ abklopfen lässt auf die Anforderungen für eine humane, lokale und globale Gesellschaft, in der nicht allein das ökonomische „Immer-Mehr“ im Vordergrund steht, sondern menschliche Haltungen wie Gerechtigkeit und Solidarität im Mittelpunkt des Denkens und Handelns stehen, vermittelt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz in einem Gespräch mit Yvonne Leonard ( vgl. dazu auch: Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012; ders., Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6963.php; sowie: Siegfried Preiser / Nicola Buchholz, Kreativität, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/8567.php ).

Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Zürich, Jürgen Oelkers, richtet mit seinem Beitrag „Learning by Doing“ die Aufmerksamkeit auf Lernen, Erfahrung und Identität. Die ursprünglich in der Schulreformpädagogik entstandene Herausforderung ( vgl. dazu auch: Jürgen Oelkers, Reformpädagogik, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/10292.php ), beinhaltet das Dilemma, dass Erziehung und Erfahrung nicht gleichgesetzt werden können, was bedeutet, dass auch bei einem Museumsbesuch Lernen thematisch, räumlich und zeitlich begrenzt ist: „Learning by Doing ist anfällig, gerade weil gehandelt wird und so mit Nebenwirkungen gerechnet werden muss“.

Die Historikerin und stellvertretende Direktorin des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, Gisela Staupe, fragt in ihrem Beitrag „Sehen, Lernen, Wissen – To see is to know?“, indem sie über Ausstellungen als Wissens- und Erfahrungsräume nachdenkt. Wenn Ausstellungen in Museen „das zentrale Medium der Wissensproduktion und seiner Vermittlung“ im Blick haben, bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit bei den „Blickrichtungen“, die bei der Konzeption und Begleitung von Ausstellungen zu beachten sind: Vermittlung von Handlungswissen; Besucheraktivitäten beobachten, analysieren und erforschen; Interaktion und Partizipation; neue Methoden und Designs denken.

Die Museumspädagogin und Chefredakteurin der US-amerikanischen Fachzeitschrift „Exhibitionist“ (National Association of Museum Exhibition), Gretchen Jennings, berichtet über ihre Erfahrungen bei der Entwicklung von partizipativen Ausstellungen zum Thema Spiel. Die Forschungsergebnisse und Beobachtungen zeigen, dass Ausstellungen wie „Invention at Play“ es ermöglichte, „ein generationenübergreifendes Publikum zu animieren, sich mit Prozessen von Erfindungen auseinanderzusetzen und Verbindungen zwischen Erfinden, Kreativität und Spielen zu erkennen und zu verstehen“ vermochte.

Der Düsseldorfer Ausstellungsmacher Georg Frangenberg reflektiert die Aspekte von „Partizipation in Ausstellungen für Kinder und Jugendliche“, indem er über Konzeptionen und Zielsetzungen der Ausstellungen von AKKI e.V. (Aktion und Kultur mit Kindern e.V., Düsseldorf) informiert und dabei die didaktischen und methodischen Aspekte von Mitmachausstellungen darstellt: Das Individuum konsumiert den Inhalt – Das Individuum interagiert mit dem Inhalt – Das Individuum interagiert und verortet sich in dem, was andere machen – Das Individuum nimmt Kontakt mit den andern auf – Das Individuum arbeitet mit anderen zusammen“.

„Sieben Fragen zur Gestaltung“ beantwortet die Darmstädter Museumswissenschaftlerin, Innenarchitektin und Ausstellungsgestalterin Ursula Gillmann. Sie differenziert ihre Erfahrungen, indem sie über Besucher- und Altersbezogenheit nachdenkt und über Aspekte, wie„Schaulust“, „Neugier“, „Motivation“ reflektiert. Sie richtet dabei die Aufmerksamkeit auf Raum- und Objektpräsentationen, zeigt die Bedeutung auf, dass sich Besucher im Museum wohl fühlen, dass sie alles sehen, hören, lesen, benutzen und begehen können, was sie sollen, „nicht jedoch unbedingt immer das, was sie wollen. Denn es kann durchaus zum Konzept gehören, dass sich die Besucher ärgern, aufregen, laut oder leise werden“; denn „Ausstellungen müssen ja nicht nur unterhalten, informieren oder vergnügen, sie dürfen und sollen durchaus auch eine Herausforderung und Zumutung sein“.

Die Berliner Architektin Helga Schmidt-Thomsen berichtet in ihrem Beitrag „Zwischen Wolkenkuckucksheim und Raumlabor“ über ihre Erfahrungen bei der Gestaltung, dem Um- und Ausbau von Kindermuseen und Ausstellungsräumen. Mit der Gegenüberstellung „Labyrinth oder Labor“ zeigt sie Prinzipien auf, die Schau- und Mitmachorten für Kinder und Jugendliche innewohnen sollten; allerdings nicht bestimmt von Standardprogrammen und Typenbauten; vielmehr mit dem Bewusstsein, „dass jedweder Raum, jedweder Bau, verwandelt werden kann zu Werkstatt und Bühne, Fluchtburg und Marktplatz, Forschungs- und Entdeckungsstätte“.

Im zweiten Kapitel werden „Beispiele aus der Praxis“ vorgestellt. Die gelernte Elektromechanikerin und Diplompädagogin, ehemalige Betriebsrätin in einem Konzern, Kindergartenleiterin und Gründerin des KLICK, Margot Reinig, stellt den „Kleinkinderbereich ‚Licht und Luft‘ im KLICK Kindermuseum in Hamburg“ vor. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei, Eltern einzubeziehen und ihre Eigeninitiative zu stärken, mit Fragen wie: „Kann Ihr Kind Gut und Böse unterscheiden? – Ist Ihr Kind schon sicher mit Begriffen? – Kann Ihr Kind sich selbst erkennen?“.

Die Direktorin des Kindermuseums „mondo mio!“ im Dortmunder Westfalenpark, Elisabeth Limmer, fragt in ihrem Beitrag „Kindermuseum auch für Erwachsene?“. Die Antwort ergibt sich, indem sie auf die kulturelle Vielfalt und Identität im 2007 gegründeten Kindermuseum mondo mio! verweist und mit der Ausstellung „Weltenkinder“ die informativen und integrativen Möglichkeiten aufzeigt.

Die Leiterin des Kindermuseums Frankfurt, Susanne Gesser, schildert in ihrem Beitrag „Nicht ohne einander“ die Überlegungen und Konzeptionen, wie das Kindermuseum, das zum Historischen Museum Frankfurt/M. gehört, „erwachsen“ geworden ist und sich von anfänglichen 100 qm Fläche auf heute rund 800 qm erweitert und sich mit einem externen Standort im kommerziellen Zentrum der Mainmetropole verselbständigt hat, gleichzeitig mit Zukunftsperspektiven für eine Spezifizierung in Kinder- und Jugendmuseum.

Der Leiter der Museumspädagogik im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, Peter Mesenhöller, informiert über das dortige, 2010 errichtete JuniorMuseum. Ein Schwerpunkt liegt dabei darauf, interkulturelle Kompetenz zu vermitteln. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Schulen, Schulklassen und SchulpraktikantInnen bieten Möglichkeiten an, mit Projektlernen und -aktivitäten den Blick über den eigenen kulturellen Gartenzaun zu wagen.

Die Leiterin des Kindermuseums im FEZ-Berlin (Kinder-, Jugend- und Familienzentrum), Claudia Lorenz und der Architekt und Kulturmanager Stefan Ostermeyer, zeigen auf, dass es Sinn macht, „Themen (zu) wagen im Kindermuseum“, z. B. mit der Frage: „Sag, was war die DDR?“. Sie stellen eine Ausstellung zur Zeitgeschichte für junge Menschen vor und verdeutlichen, welche informatorischen und partizipatorischen Möglichkeiten das Thema bietet.

Die Historikerin und Ethnologin Ute Pfeiffer-Frohnert und der pädagogische Mitarbeiter, Bert Gigas, beide am Kinder- und Jugendmuseum EnergieStadt Leverkusen beschäftigt, fragen in ihrem Beitrag, ob und inwieweit „Kinder- und Jugendmuseen Orte für nachhaltige Bildungsarbeit“ sein können. Sie stellen Praxisbeispiele vor, wie die Themenbereiche „Klimawandel / Klimaschutz“, „Energiebewusstsein / Stadtökologie“, die zeigen, dass eine professionelle Museumsarbeit funktioniert, wenn Vernetzung, Evaluation und Forschung ineinander greifen.

Die im Kinder- und Jugendmuseum in München arbeitende Museumspädagogin arbeitende Sabine Radl setzt sich mit der Frage auseinander, was passieren muss, „wenn die Besucher ins Zentrum treten“. Sie zeigt auf, dass der Ort, an dem ein Kindermuseum platziert ist, große Bedeutung für Wahrnehmung und Nutzung in der Bevölkerung hat, wie das Münchner Kinder- und Jugendmuseum, das in einem Seitenflügel des Hauptbahnhofs untergebracht ist. Die zielgruppenorientierte Öffentlichkeitsarbeit und die Kooperations- und Vernetzungsaspekte sind dabei werbewirksam und existenzsichernd.

Die Berliner Kuratorin Maren Ziese stellt das Berliner Kindermuseum „Neues Universum“ vor, eine Einrichtung ohne festes Haus. Das Museum hat sich darauf spezialisiert, temporäre Ausstellungen zu erarbeiten und zu präsentieren. „In den Ausstellungen des Neuen Universums werden die Räume den Kindern und ihrer eigenen Motorik angepasst, statt zu erwarten, dass sich Kinder etwa den architektonischen Vorgaben und Maßstäben der Erwachsenen unterordnen“. Dies verdeutlicht die Autorin an mehreren Projektbeispielen.

Die Leiterinnen des Nürnberger Kindermuseums und des Vereins „Museum im Koffer e.V.“, Annette Beyer und Yvonne Richter, setzen sich auseinander mit „Sammlungen im Kindermuseum“. Meist anders als bei Sammlungen in Museen allgemein haben Objekte in Kindermuseen mehr haptische und Gebrauchsfunktionen und eher Werkstattcharakter. Die präsentierten Gegenstände sollen also benutzt werden können und Kinder ggf. auch anregen, selbst (systematisch) zu sammeln.

Der Grafiker und Kunstpädagoge Rainer Strauß ist Leiter des „miraculum – Kunstschule & MachMitMuseum der Stadt Aurich in Ostfriesland. Über die Entwicklung, Zielsetzung und Wirkung des Museums informiert er und zeigt den Weg von der Jugendkunstschule zum Kindermuseum auf. Das „miraculum“ sieht im Konfuzius-Spruch – „Erzähle mir und ich vergesse. Zeige mir und ich erinnere mich. Lass es mich tun und ich verstehe“ – das Motiv für die Weiterentwicklung der Einrichtungen „Kunstschule“, „Entdeckerhaus“ und MachMitMuseum zu einem „Zentrum für Kunst & Kultur“.

Der Leiter des Kindermuseums Creaviva im Zentrum Paul Kleee in Bern, Urs Rietmann, macht sich mit seinem Beitrag „Zwischen Bildungsanspruch, Unterhaltungserwartung und der Suche nach einer besseren Welt“ Gedanken zum Selbstverständnis eines Kindermuseums. Das „Creaviva“ will weniger sammeln und ausstellen; vielmehr handelt es sich als eine Stätte mit Werkstatt- und Atelierbetrieb mit interaktiven Ausstellungen, mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen Zugänge zur Kunst praktisch zu vermitteln.

Das dritte Kapitel „Geschichte“ beginnt der in der Zentralverwaltung des Goethe-Instituts in München tätige Kunstgeschichtler und Pädagoge Wolfger Pöhlmann mit der Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Kindermuseen in Deutschland. Erst fast 100 Jahre später als das erste Kindermuseum in der Welt, das „Brooklyn Children?s Museum“ in New York entstand, wurden in Deutschland und in Europa der neue Museumstyp des Kindermuseums eingerichtet. Die Orientierung an Vordenkern wie Jean-Jacques Rousseau, Heinrich von Kleist, Paul Klee, und die „Anti…-Pädagogik“ der Reformschulbewegung, führten dazu, in den Kindern nicht nur „kleine, werdende Erwachsene“ zu sehen, sondern Lebewesen mit eigenem Status und Entwicklungsstand. Es brauchte Visionäre, wie etwa die Kulturdezernenten von Nürnberg, Frankfurt,, Köln und München (Hermann Glaser, Hilmar Hoffmann, Kurt Hackenberg, Jürgen Kolbe), um Kindermuseen in Deutschland als mittlerweile etablierte und innovative Kultureinrichtungen zu etablieren.

Der Kunst- und Kulturwissenschaftler von der Hochschule Merseburg, Wolfgang Zacharias, greift die „Initiative Kindermuseum“ auf und fragt, ob der „neue Kulturort im Trend der Zeit“ liegt, Bestand und Potenz zur Weiterentwicklung hat. Dazu bedarf es zum einen einer Selbstvergewisserung derjenigen, die Kindermuseen aufbauen, in ihnen tätig und bereit sind, die Idee weiter zu entwickeln und in einen regen, produktiven, theoretischen und praktischen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu treten.

Die Geschäftsführerin der Kinder-Akademie in Fulda, Gabriele König, bringt ihren jahrzehntelangen Erfahrungsschatz bei der Initiierung, Realisierung und Vernetzung von Kindermuseen in Deutschland ein. Mit einem historischen Rückblick auf die Gründungen und Entwicklungen des speziellen Museumstyps, Reflexionen über sich verändernde Organisations- und Präsentationsmethoden und einem Ausblick auf die zukünftige Entwicklung von Kindermuseen als Aufklärungs-, Bildungs- und Kulturorte beschließt die Autorin den Sammelband.

Die als Anhang aufgeführte Liste von ausgewählten Kinder- und Jugendmuseen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vervollständigen die Bestandsaufnahme über die Geschichte, Konzeptionen, Diskussionen, Erfahrungen und Perspektiven von kindermusealen Aspekte.

Fazit

Die Kuratorin am Institut der Physik der Berliner Humboldt-Universität, Yvonne Leonard, stellt als Herausgeberin des Sammelbandes „Kindermuseen“ einen kulturellen Präsentationstyp vor, der in Deutschland lange als (eher lästiges und pflichtgemäßes) Anhängsel der Museumskultur verstanden oder gar nicht wahrgenommen wurde. „Kinder und Museum“, diese Verbindung stellt heute, nicht zuletzt aufgrund der Aufbruchstimmung und gesellschaftlichen und pädagogischen (neuen) Erkenntnis, dass Kindheit mehr ist als eine Durchgangsstation zum Erwachsenwerden, eine neue Blickrichtung dar. Die Verbindungen und Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Familie, Kindergarten, Schule, Freizeit und Kindermuseen sind längst noch nicht in ausreichendem Maße hergestellt; genauso wie die Fragen nach adäquaten Methoden zur Vermittlung und Präsentation von Objekten und Phänomenen einer ständigen Weiterentwicklung bedürfen; wie auch die Partizipation der Kinder wie der Erziehungsinstanzen zum gesellschaftlichen Auftrag für eine ganzheitliche Bildung der Menschen eine weitere Innovation erforderlich machen (siehe auch: Doris Harrasser, Wissen spielen. Untersuchungen zur Wissensaneignung von Kindern im Museum, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11470.php).

Wie bereits angedeutet, könnte der Aspekt einer stärkeren Verzahnung und Kooperation zwischen den Initiativen und Aktivitäten der vorhandenen Initiativen von Schul- und den Kindermuseen dazu beitragen, sich der Bedeutung von Erinnerungen in Individualisierungs- und gesellschaftsbildenden Prozessen auch beim Lernen bewusst zu werden (siehe dazu auch: Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12634.php), wie auch durch eine institutionelle Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kindermuseen Anregungen vermittelt werden können, Klassen- und Schulsammlungen durch „Learning by doing“ aufzubauen.

Yvonne Leonard und die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes tragen dazu bei, auch durch die eingestreuten dokumentierten Abbildungen, dass Kindermuseen als innovative Orte zur Auseinandersetzung mit dem menschlichen Dasein und der Welt mehr in das gesellschaftliche Bewusstsein geraten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.11.2012 zu: Yvonne Leonhard: Kindermuseen. Strategien und Methoden eines aktuellen Museumstyps. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2078-8. Reihe: Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14258.php, Datum des Zugriffs 25.06.2017.


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