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Philipp Ziegler, Tobey Hiller: Verliebt, verlobt und dann...? Paartherapie - lösungsorientiert

Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 23.11.2004

Cover Philipp Ziegler, Tobey Hiller: Verliebt, verlobt und dann...? Paartherapie - lösungsorientiert ISBN 978-3-86145-261-4

Philipp Ziegler, Tobey Hiller: Verliebt, verlobt und dann...? Paartherapie - lösungsorientiert. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2004. ISBN 978-3-86145-261-4. 22,50 EUR. CH: 39,60 sFr.
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Das Thema

Bislang liegt eine Vielzahl von Veröffentlichungen zur ressourcen- und lösungsorientierten Einzelberatung vor. Auch zu speziellen Themen wie Familienarbeit, Gruppenarbeit, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Schulalltag und Drogenhilfe findet die Leserin spezielle ressourcen- und lösungsorientierte Ansätze.

Für den Bereich der Paarberatung fehlt bislang ein solches Buch. Herausgeber Jürgen Hargens hat für die systemische Reihe bei Borgmann das 2001 in New York erschienene Buch "Recreating Partnership" von Phillip Ziegler und Tobey Hiller ausgewählt, die ihren speziellen Ansatz der lösungsorientierten Paartherapie vorstellen.

Die AutorInnen

Phillip Ziegler und Tobey Hiller sind PsychotherapeutInnen mit einer Praxis in Oakland, Kalifornien. Sie sind miteinander verheiratet.

Der Inhalt

Basis ihrer Arbeit ist für Ziegler und Hiller als Wissenschaftstheorie und Lerntheorie der Konstruktionismus, wie ihn beispielsweise K. Gergen vertritt: Der Mensch bewegt sich in einer realen Welt, die er/sie deutet und der er/sie einen Sinn verleiht. Diese Deutungen sind sozial und kulturell vermittelt. Gesellschaft und Kultur bieten jedoch nur den Rahmen, in dem ein breites Spektrum individueller Deutungen und Sinngebungen möglich ist.

Da die soziale Konstruktion der jeweiligen Wirklichkeit zu einem großen Teil über Sprache erfolgt, ist eine Veränderung der Situation mit sprachlichen Werkzeugen Erfolg versprechend. Als das TherapeutInnen-Paar in den ersten Jahren der gemeinsamen Praxis mit Paaren neue Kommunikationsformen einübte, war dieser Ansatz für die Paare nur eingeschränkt hilfreich. Fasziniert durch die lösungsorientierte Kurztherapie, wie sie Steve de Shazer und Insoo Kim Berg in Milwaukee entwickelt haben und beeindruckt von den Ansätzen der narrativen Therapie (z.B. White) entwickelten Zieger und Hiller ihren eigenen Ansatz, der Elemente aus beiden Modellen aufgreift und mit dem sie seit Jahren erfolgreich arbeiten.

Nach Ziegler und Hiller verfügt jedes Paar über eine "gute Geschichte" und eine "schlechte Geschichte" zu ihrer Paarbeziehung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die "gute Geschichte" beinhaltet Schilderungen von Vertrauen, Liebe, Faszination, glücklichen Momenten, konstruktiv gelösten Konflikten. Die "schlechte Geschichte" berichtet von Betrug, Hass, Misserfolg, Langeweile und eskalierenden Konflikten.

Ziel der lösungsorientierten Paartherapie ist es, die "gute Geschichte" hervorzulocken, zu stärken und zu stabilisieren. Sie erarbeitet Ausnahmen von der "schlechten Geschichte" (z.B. Wann und wie haben wir einen ähnlichen Konflikt gut gelöst?) und stärkt das Bewusstsein für die gelingenden und wertvollen Aspekte der Paarbeziehung. "Gute Geschichten" erweitern die Möglichkeiten eines Paares und schaffen eine Basis für kleine wichtige Verhaltensänderungen.

Zu Beginn einer Paartherapie hat ein Paar in der Regel seine "gute Geschichte" verloren und vergessen; dafür überlagert die "schlechte Geschichte" die Gegenwart. Mit Hilfe von detaillierten Kapiteln und erläuternden Fallbeispielen beschreiben Ziegler und Hiller, wie sie die "gute Geschichte" hervorlocken und stärken und wie die Orientierung an der "guten Geschichte" ihrer Arbeit Richtung und Fokus verleiht. Dabei nehmen die TherapeutInnen keine neutrale Haltung ein, sondern eine betont konstruktionistische: Sie wertschätzen in der Sitzung jede Perspektive und Einschätzung der PartnerInnen, so widersprüchlich diese auch sein mögen. Es gibt in ihren Augen keine Wahrheit, die es aufzudecken gilt, sondern unterschiedliche Deutungen und Wahrnehmungen, die alle ihre Berechtigung haben. Diese Haltung bezeichnen Hiller und Ziegler als "aktive Neutralität".

In vielen einzelnen Schritten stellen Ziegler und Hiller sehr detailliert ihr Modell vom Beginn einer Paarberatung bis zum Ende vor. Sie gehen auf spezielle Fragen wie Umgang mit eskalierenden Konflikten und Paartherapie mit nur einem/r Partner/in ein. Weiterhin machen zahlreiche Beispiele deutlich, wie sie ein Arbeitsbündnis schaffen, Ziele definieren und die klassischen lösungsorientierten Instrumente Wunderfrage und Skalierung einsetzen.

Insgesamt ist das Buch sehr detailliert und informativ. Ein wenig hinderlich wirkt die zuweilen sehr verschlungene Sprache, wenn KlientInnen direkt angesprochen werden. Formulierungen wie

  • "Als dieses Problem der gespaltenen Loyalität zum ersten Mal in ihrem Leben auftauchte, wie haben Sie da reagiert?"
  • "Wenn Sie jetzt zurückschauen, können Sie Wege erkennen, wie Ihre Reaktionen möglicherweise unbeabsichtigt dieser destruktiven Macht zugespielt haben?" (S.122)

sind keine Seltenheit. Hier muss die Leserin aus meiner Sicht ein wenig "um die Ecke" denken, will sie die guten Einfälle der beiden AutorInnen würdigen.

Zielgruppen und Fazit

Dieses Buch ist besonders interessant für erfahrene PaartherapeutInnen und -beraterInnen, die den ressourcen- und lösungsorientierten Ansatz in ihre Arbeit integrieren wollen. Wer schon erfahren und belesen in der ressourcen- und lösungsorientierten Arbeit ist, wird in diesem Band eher Bekanntes wieder finden.

Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 126 Rezensionen von Lilo Schmitz.

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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 23.11.2004 zu: Philipp Ziegler, Tobey Hiller: Verliebt, verlobt und dann...? Paartherapie - lösungsorientiert. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2004. ISBN 978-3-86145-261-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1426.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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