socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Julia Weitzel: Existenzielle Bildung

Cover Julia Weitzel: Existenzielle Bildung. Zur ästhetischen und szenologischen Aktualisierung einer bildungstheoretischen Leitidee. transcript (Bielefeld) 2012. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-2223-2. D: 31,80 EUR, A: 32,70 EUR.

Reihe: Pädagogik.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Bildung ist existentiell

Die Bestimmung, dass der pepaideumenos, der Gebildete, der gleichzeitig ein zôon politikon, ein politisch denkendes und handelndes Lebewesen ist, in der Lage und fähig ist, zu einer souveränen Urteilskompetenz zu gelangen und ein „gutes Leben“ in Gemeinschaft mit den Mitmenschen anzustreben (Aristoteles), gilt in der abendländischen, geistesgeschichtlichen und philosophischen Betrachtung als ein gesetzter Wert des Menschseins. Und das Menschenrecht auf Bildung wird in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Art. 26) eindeutig postuliert und darauf hingewiesen, dass die Bildung auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit… ausgerichtet sein muss. Die Prämisse, dass wir in einer „Bildungsgesellschaft“ leben, verdeutlicht zudem, dass Bildung sich zu einer immer bedeutsamer und existentiell sich gestaltenden menschlichen Herausforderung entwickelt. Weil aber Bildung weder auf dem Berg Sinai, noch im virtuellen Netz rezeptologisch bereitgestellt und auch (im wesentlichen) nicht in die Wiege gelegt wird, bedarf es der Erkenntnis, dass Bildung ein Prozess ist, der von den Individuen und Gemeinschaften der Menschen erworben werden muss (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php).

„Der sich selbst verwirklichende Mensch“ muss sich, wenn er sich aus seiner selbstverschuldeten Misere befreien will, seiner Möglichkeiten und Einschränkungen, seiner Abhängigkeiten wie Unabhängigkeiten… „existentiell“ bewusst werden (Jürgen Straub, Hrsg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php), und er ist aufgefordert, sich den vielfältigen lokalen und globalen Anforderungen zu stellen, die sich ihm gegenüber- und entgegendrängen, und zwar sowohl individuell zur Ausprägung seiner kritischen Urteilskraft (Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/6071.php), der Nachfrage, wie Realität entsteht (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php), dem Bemühen, Wahrheiten zu finden (Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist eine Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php), der Standortbestimmung über Haben und Sein (Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php), nicht zuletzt mit einer souveränen Gegenwarts- und Zukunfts-(mit)bestimmung (Wolfgang Gründinger, Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/4240.php) und gesellschaftlich als Anspruch ausgedrückt, dass es eines Perspektivenwechsels weg von der Macht und Vorherrschaft des kapitalistischen Weltsystems und hin zu der Erkenntnis, dass die Entwicklung EINER WELT mit hegemonialer Machtpolitik nicht erreicht werden kann (Gerhard Hauck, Globale Vergesellschaftung und koloniale Differenz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13526.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Bildungsansprüche artikulieren sich in vielfachen Formen: Philosophische, kulturelle, ökonomische, politische, ästhetische, technische, traditionelle, religiöse… Bildung. Sie stehen alle in der Spannweite von Anpassung und Widerstand, von Auctoritas und Potestas, von Beständigkeit und Wandel, von Zwang und Freiheit, von Nutzen und Wollen; und die Frage nach einer „lebensweltlichen“ Bildung bezieht Bildungen ein, die über kognitive Lern- und Vermittlungsprozesse hinausgehen, wie etwa die ästhetische Bildung, die „die Menschen von innen (vergesellschaftet) und … in unserer standardisierten und vernetzten Welt das individuelle Subjektsein (bewahrt)“, wie dies der Bildungswissenschaftler Hartmut Titze in seinem Vorwort zum Buch „Existentielle Bildung“ ausdrückt.

Die Erziehungs- und Kulturwissenschaftlerin Julia Weitzel lehrt an der Leuphana-Universität in Lüneburg Kunst und Ästhetik. Sie legt ihre Dissertation vor, in der „die Unterscheidung zwischen der begrifflichen Definition von Phänomenen und Zusammenhängen einerseits und künstlerischer Produktivität andererseits“ anhand von zwei Gestaltungswegen dargelegt wird: Der Joseph Beuys?schen Revolte gegen den herrschenden Kunstbetrieb und der Praxis von Augusto Boals Theaterarbeit, und diese werden eingebunden in eine Theorie der existentiellen Bildung, wie dies der Erstgutachter der Arbeit, Otfried Hoppe, charakterisiert.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Forschungsarbeit, neben der Einführung und dem Schlussteil, in drei Kapitel.

Im ersten Kapitel „Axiologie: Setzung“ diskutiert sie die Existenz-, Kontext- und Subjektformen und definiert Existenz einerseits als „die durch den Kontext beeinflussten Lebens- und Erfahrungswelt sowie die damit korrespondierende materielle Lebensgrundlage und andererseits, (als) die Seinsweise der menschlichen Existenz mit ihren Fragen und Anliegen“.

Im zweiten Kapitel „Theorie: Kontextualisierung“ formuliert sie die bildungstheoretischen Grundlagen, wie sie sich aus den Perspektiven Bildung – Gesellschaft – Forschung entwickeln und analysiert „eine Metaperspektive auf das Phänomen Bildung und sensibilisiert für eine Kontextualität von Bildungsprozessen und -chancen“.

Im dritten Kapitel, das als Hauptteil der Forschungsarbeit betrachtet werden kann, geht es um „Praxeologie: Experiment & Empirie“. Indem die Autorin die Leitidee existentielle Bildung in exemplarische und anwendungsorientierte Handlungsfelder überträgt, zeigt sie Perspektiven auf, wie sich performative Prozesse als Bildungsereignis prozesshaft darstellen und abgrenzen von künstlerischen repräsentativen Werkformen, und sich, mit Hinweis auf die Gender-Studies von Judith Butler, damit gewissermaßen darstellen als „wirklichkeitserzeugende Handlungsweisen, die auf gesellschaftlichen Konventionen beruhen und durch Handlungen wiederholend .festgeschrieben, produziert, aktualisiert und konstruiert werden“.

Mit dem „Experiment Parallel-Prozess“ nimmt Julia Weitzel Objekte aus den Kunst-Aktionen „Multiples“ von Joseph Beuys auf und provoziert damit ein Phänomen, das als „Bedeutungsüberschuss“ einen Angelpunkt in ihrer Forschungsarbeit darstellt. „Das Experiment Parallel-Prozess lädt zum individuellen Wahrnehmungsvollzug der Kunstabbildungen und zur Selbstbeobachtung des Lesenden und visuell Rezipierenden ein“. Die Dokumentation, Analyse und Auswertung der kunstpädagogischen Experimente ergibt: „Die Interaktion mit künstlerischen Arbeiten und die Interaktion in Bildungskontexten weisen performative Aspekte auf“.

Das zweite Experiment „Theater-Arrangements“ basiert auf Erfahrungen, die die Autorin bei universitären Lehrveranstaltungen mit ästhetischen Lern- und Lehrarrangements und beim Transfer von theoretischen Überlegungen in die Wirklichkeit des universitären Lehralltags gewonnen hat. Die im Komplementärstudium an der Lüneburger Universität als „Forschungstheater“ angebotenen Arrangements werden als „unsichtbare Theateraktionen“ bezeichnet und ermöglichen, durch gemeinsame Vor- und Nachbereitung und einer aktiven Beteiligung sowohl bei den Spielszenen, als auch bei den Diskussionen und Analysen, die Reflexion von medialen und alltagswirklichen Situationen. Die Konzeptualisierung und Methodik des „Forschungstheaters“ nimmt dabei die Verfahren und Techniken der vom brasilianischen Regisseur und Theaterpädagogen Augusto Boal (1931 – 2009) entwickelten Spielformen auf, wie sie im „Theater der Unterdrückten“, im „Forumtheater“, im „Unsichtbaren Theater“ und im „Legislativen Theater“ entwickelt und praktiziert wurden (vgl. dazu auch Paulo Freire, www.paulo-freire-verlag.de).

Fazit

Das als „szenische Existenzforschung“ bezeichnete Konzept dient der Autorin dazu, „existentielle Bildung“ als „dynamische Verknüpfung von Bildungs- und Forschungsprozessen darzustellen, als schulische, außerschulische und universitäre Bildungsformen auszuweisen und so als einen Beitrag zur angewandten Grundlagenforschung in der Bildungs- und Erziehungswissenschaft zu leisten. Wenn auch nicht vordergründig, so doch erkennbar wird deutlich, dass die Konzeptualisierung und Konkretisierung der „existentiellen Bildung“ auch eine Kritik an der starken „Fokussierung der Schul- und Hochschulbildung im Zuge der Bologna- (und Pisa-, JS)Diskussion auf Konzepte wie Employability und Kompetenz“, sowie auf ökonomische Verwertungsprozesse darstellt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.01.2013 zu: Julia Weitzel: Existenzielle Bildung. Zur ästhetischen und szenologischen Aktualisierung einer bildungstheoretischen Leitidee. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2223-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14260.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung