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Thomas Bals, Martin Koch: Zur Komplexität und Empirie des Übergangssystems

Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Enggruber, 02.04.2013

Cover Thomas Bals, Martin Koch: Zur Komplexität und Empirie des Übergangssystems ISBN 978-3-940625-28-1

Thomas Bals, Martin Koch: Zur Komplexität und Empirie des Übergangssystems. Erfassung und Analyse des Übergangssystems in der Region Osnabrück. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2012. 85 Seiten. ISBN 978-3-940625-28-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Die mit einem Heft vergleichbar in DIN A4-Format gestaltete Publikation greift auf ihren 59 Textseiten zwei Themen auf, die gegenwärtig Hochkonjunktur in der Berufsbildungspolitik haben.

  • Zum einen geht es am Beispiel der Region Osnabrück darum, die Komplexität des dort vorhandenen Übergangsbereichs mit seinen vielfältigen Bildungsmaßnahmen zwischen Schule und Beruf zu zeigen. Er wird für Jugendliche angeboten, die bei ihrer Suche eines betrieblichen Ausbildungsplatzes erfolglos geblieben sind und keine weiterführende Schule besuchen. Insbesondere vor dem Hintergrund der Rede vom Fachkräftemangel als Folge der demografischen Entwicklung ist der Übergangsbereich in den bildungspolitischen Fokus gerückt. Er wird als diffuser und intransparenter‚Maßnahmedschungel? kritisiert, der zudem zu wenig erfolgreich in der Vermittlung der jungen Menschen auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz sei.
  • Zum anderen kann von einer Kommunalisierung der Bildung gesprochen werden. In großen Bundesmodellprogrammen wie „Lernen vor Ort“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) werden Konzepte entwickelt, erprobt und evaluiert, in denen Bildung über alle Lebensphasen hinweg im kommunalen Kontext ‚gemanagt? werden soll, um möglichst sowohl den kommunalen Bedarfen entsprechend als auch für alle Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen und Interessen vielfältige Bildungsangebote eröffnen zu können. Im Rahmen dieses umfassenden Verständnisses „kommunalen Bildungsmanagements“ wird – neben Bildungsberatung und Koordination der Bildungsübergänge – dem Bildungsmonitoring als zentrales Planungs- und Evaluationsinstrument eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Der Landkreis Osnabrück nimmt als ein Modellprojekt im Bundesmodellprogramm „Lernen vor Ort“ des BMBF teil.

Mit ihrer heftähnlichen Publikation greifen die Autoren und ihre Mitarbeitenden sowohl die kontroversen Debatten um den Übergangsbereich als auch die Fragen zur Entwicklung eines systematischen Bildungsmonitorings im Rahmen „kommunalen Bildungsmanagements“ exemplarisch für den Übergang Schule-Beruf auf. Eine Untersuchung in der Region Osnabrück mit ihren rund 500.000 EinwohnerInnen bietet sich in besonderem Maße an, weil diese kommunal in die kreisfreie Stadt Osnabrück und den Landkreis Osnabrück gegliedert ist. An diesem Beispiel zeigen die Autoren sowohl die Diffusität und Intransparenz des Übergangsbereichs als auch die Schwierigkeiten bei entsprechenden Definitions- und Operationalisierungsprozessen, um empirisch die relevanten Daten dazu erheben zu können. Dabei sprechen die Autoren und ihre KollegInnen selbst von „Übergangssystem“, was jedoch inzwischen kritisch gesehen wird, weil der sogar für Fachleute kaum noch über- und durchschaubare ‚Förder-Dschungel? keineswegs als “System“ mit der entsprechenden Bedeutung von „systematisch“ bezeichnet werden könne.

Autorinnen und Autoren

Thomas Bals ist Professor für Berufs und Wirtschaftspädagogik im Fachbereich Kultur- und Erziehungswissenschaften der Universität Osnabrück. Martin Koch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Sozialpädagogik im Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildungder Philosophischen Fakultät der Leibnitz Universität Hannover. Sie waren gemeinsam den studentischen und wissenschaftlichen Mitarbeitenden Lena Burghardt, Catharina Hansen, Dorothee Falkenreck, Peekje Rauschenbach und Anne-Christin Schröder in dem Forschungsprojekt „Erfassung und Analyse des Übergangssystems in der Region Osnabrück (RüOs)“ (S. 2) tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation entstand im Rahmen des oben genannten Forschungsprojekts „Erfassung und Analyse des Übergangssystems in der Region Osnabrück (RüOs)“ (S. 2), das von der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung im Zeitraum vom 1. Juli 2011 bis 31. März 2012 finanziert wurde. Die Veröffentlichung ist als Abschlussbericht zu verstehen. Die Projektidee entstand innerhalb eines Workshops der „Hochschultage Berufliche Bildung 2011“, die im März 2011 von der Universität Osnabrück unter Leitung von Thomas Bals veranstaltet wurden.

Aufbau und Inhalt

Der Abschlussbericht zu dem genannten Forschungsprojekt ist in fünf Kapitel gegliedert:

1. „Einleitung“
In der Einleitung wird die Untersuchung mit ihrem Entstehungskontext kurz vorgestellt und Bezüge zu dem Bundesprogramm „Lernen vor Ort“ hergestellt, in dem der Landkreis Osnabrück, wie bereits einführend erwähnt, mit einem Modellprojekt vertreten ist.

2. „Das Übergangssystem im Kontext des beruflichen Bildungswesens“
In der Berufsbildungspolitik und -forschung wird seit Bestehen der Bildungsberichterstattung kontrovers diskutiert, wie die Relation zwischen dem Angebot betrieblicher Ausbildungsplätze und der Nachfrage ausbildungsinteressierter Jugendlicher definiert und entsprechend berechnet werden kann. Um zu prüfen, ob in der Region Osnabrück „Ausbildungsboom oder Ausbildungsnot“ in dem Sinne herrscht, dass für die jungen Menschen ein großes Angebot an Ausbildungsstellen vorhanden ist, waren die Autoren deshalb gefordert, sich mit den verschiedenen statistischen Ansätzen zur Berechnung der Angebots-Nachfrage-Relation auf dem Ausbildungsmarkt auseinander zu setzen. Am Beispiel der kreisfreien Stadt Osnabrück, dem Landkreis Osnabrück, der Gesamtregion Osnabrück sowie für Niedersachsen und das gesamte Bundesgebiet zeigen sie, wie schwierig es ist, präzise zu bestimmen, wie hoch der Anteil der Jugendlichen ist, die bei ihrer Suche eines betrieblichen Ausbildungsplatzes gescheitert sind. Dabei identifizieren sie in der Region Osnabrück eine „nicht registrierte latente Nachfrage“ (S. 8) nach Ausbildungsplätzen, ohne klären zu können, in welche alternativen Bildungs-, Lebens- oder Beschäftigungswege diese Jugendlichen eingemündet bzw. ausgewichen sind. Thomas Bals und Martin Koch fordern deshalb die berufsbildungspolitischen Akteure auf, im Rahmen eines systematischen Bildungsmonitorings diese unversorgt gebliebenen Jugendlichen zu erfassen und ihnen ein für sie attraktives Bildungsangebot zu eröffnen.
In einem weiteren Schritt untersuchen die Autoren mögliche Konsequenzen aus der demografischen Entwicklung, womit insbesondere für den Landkreis Osnabrück ein deutlicher Rückgang der ausbildungsrelevanten Alterskohorten verbunden ist. Allerdings ist fraglich, ob sich dadurch die Chancen der Jugendlichen auf den von ihnen gewünschten Ausbildungsplatz erhöhen werden. Denn – wie im gesamten Bundesgebiet – fallen auch in der Region Osnabrück die Entwicklungen der berufsspezifischen Teilarbeits- und damit auch Teilausbildungsmärkte unterschiedlich aus. Auch hier ist eine klare Verschiebung zugunsten des Dienstleistungssektors festzustellen, wo jedoch die ehemals im Industriebereich vorhandenen Ausbildungsplätze nicht kompensiert werden.
Zudem gibt es erhebliche „regionale Disparitäten“. Nach den Berechnungen der Autoren zeichnet sich ab, dass vor allem die kreisfreie Stadt Osnabrück von der Ausbildungsproblematik betroffen sein wird, weil deutlich mehr Menschen aus dem Landkreis in die Stadt ziehen als umgekehrt. Diese Abwanderungsprozesse problematisieren Thomas Bals und Martin Koch in besonderer Weise, weil sie darin auch eine „Trennung lebensweltlicher Sozialisation von beruflichen Integrationsperspektiven“ (S. 25) erkennen. Mit ergänzender Berücksichtigung historischer Rekonstruktion der verschiedenen Wanderungsbewegungen zwischen der Stadt und dem Landkreis Osnabrück seit 1821 bis 2010 diagnostizieren sie „erodierende Sozialisationskontexte“ für die Jugendlichen, sodass den Bildungsangeboten im Übergangsbereich auch eine Sozialisationsfunktion zukomme.

3. „Der regionale Übergangssektor“
Nachdem die Autoren und ihre Mitarbeitenden kritisch diskutiert haben, dass in den bildungspolitischen Debatten sowie in der Berufsbildungsforschung kontrovers diskutiert wird, welche Maßnahmen dem Übergangsbereich zugerechnet werden können (S. 27), geben sie zunächst einen Überblick zu der bunten Vielfalt unterschiedlicher Angebotstypen in der Region Osnabrück sowie in Niedersachsen. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass es sich „bei dem Übergangssektor um ein vielschichtiges und schwer greifbares System“ (S. 35) handelt. Um die Angebotstypen für die Region Osnabrück in konkret bei Bildungsträgern durchgeführten Maßnahmen zu präzisieren, haben sie eine Internet- und Zeitungsrecherche sowie ExpertInneninterviews durchgeführt. Ihre Forschungsergebnisse stellen sie in tabellarischer Form vor, in der sowohl die jeweilige Bildungsmaßnahme als auch der durchführende Träger bzw. die Bildungseinrichtung aufgelistet sind.

4. „Korrespondierende regionale Ergebnisse“
Um differenziertere empirische Einblicke dazu zu gewinnen, welche Probleme und Wünsche auf Seiten zentraler Akteure im Übergangsbereich Schule-Beruf in der Stadt und im Landkreis Osnabrück bestehen, haben Thomas Bals und Martin Koch mit ihren KollegInnen zum einen ExpertInneninterviews in berufsbildenden Schulen und Jugendwerkstätten geführt und deren zentrale Forschungsergebnisse im 4. Kapitel zusammengefasst. Zum anderen dokumentieren sie in Form von Thesen die Ergebnisse der Abschlusstagung, die im Januar 2012 am Ende des Forschungsprojekts stand.

5. „Resümierende Handlungsempfehlungen“
Aufgrund ihrer diversen empirischen Ergebnisse richten sich Thomas Bals und Martin Koch in ihrem abschließenden Kapitel an die Berufsbildungspolitik in der Stadt und und Landkreis Osnabrück und geben Handlungsempfehlungen zu den vier von ihnen gebildeten „Entwicklungsfeldern“: (1) „Übergeordnete Koordinierungsinstanz“, so wie sie in den Debatten um das Übergangssystem auch als „Jugendagenturen“ bezeichnet werden, (2) „Regionales Förderplanverfahren“, das von den „Jugendagenturen“ übernommen werden könnte, (3) „New Deal“, womit die bessere Abstimmung zwischen dem Angebot und der Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt gemeint ist, und schließlich (4) „Regionale Integrationsstrategie“.

6. „Fazit“
Das Fazit fällt mit zwei Sätzen recht kurz und knapp aus. Darin wird darauf verwiesen, dass die mit der Publikation vorliegenden Forschungsergebnisse eine fundierte Basis dazu bieten, in einem weiteren Schritt systematisch die vier „Entwicklungsfelder“ aufzunehmen und entsprechende Konzepte zu erarbeiten, erproben und evaluieren.

Diskussion

Meines Erachtens ist es Thomas Bals und Martin Koch mit ihren KollegInnen eindrucksvoll gelungen, an dem Beispiel der Stadt und des Landkreises Osnabrück exemplarisch zu zeigen, wie schwierig es ist, systematisch die Angebots-Nachfrage-Relation auf den regionalen Ausbildungsstellenmärkten zu operationalisieren und entsprechend empirisch zu erfassen. Dies gilt gleichermaßen für die empirische Präzisierung des regional vorhandenen Maßnahmenangebots im Übergangsbereich. Einerseits hat mich also die Studie – auch aufgrund ihrer Kürze und Prägnanz – zum Lesen und zur Auseinandersetzung mit den angesprochenen Problemen angeregt. Andererseits hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, dass die bundesweit sowohl in der Berufsbildungspolitik als auch in der Berufsbildungsforschung zum Übergangsbereich und zur Bestimmung der Angebots-Nachfrage-Relation geführten Debatten in noch stärkerem Maße aufgenommen und am Beispiel der Region Osnabrück illustriert werden. Dadurch hätte für mich diese Pilotstudie noch mehr gewonnen.

Fazit

Die in ihrer mit 59 Textseiten in DIN A-Format kompakt gestalteten Publikation ist auch aufgrund ihrer zahlreichen Grafiken und Tabellen sehr gut lesbar. Am Beispiel der Region Osnabrück zeigt sie eindrucksvoll die Schwierigkeiten, die aufgrund der Komplexität und Vielfalt bei der empirischen „Erfassung und Analyse des Übergangssystems“ auftreten können und zu bewältigen sind. Deshalb empfehle ich diesen gut lesbaren Band zum einen allen VertreterInnen bildungspolitischer Akteure im Übergangsbereich. Zum anderen wünsche ich mir, dass er auch von möglichst vielen BerufsbildungsforscherInnen gelesen werden möge, um weitere Forschungsaktivitäten zum Übergangsbereich zwischen Schule und Beruf anzuregen und zu verbreitern.

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 61 Rezensionen von Ruth Enggruber.

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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 02.04.2013 zu: Thomas Bals, Martin Koch: Zur Komplexität und Empirie des Übergangssystems. Erfassung und Analyse des Übergangssystems in der Region Osnabrück. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2012. ISBN 978-3-940625-28-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14261.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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