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Michael Reicherts, Philippe A. Genoud u.a. (Hrsg.): Emotionale Offenheit

Rezensiert von Anne-Laura Weißleder, Prof. Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner, 05.11.2012

Cover Michael Reicherts, Philippe A. Genoud u.a. (Hrsg.): Emotionale Offenheit ISBN 978-3-456-85009-2

Michael Reicherts, Philippe A. Genoud, Grégoire Zimmermann (Hrsg.): Emotionale Offenheit. Ein neues Modell in Forschung und Praxis. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 252 Seiten. ISBN 978-3-456-85009-2. 24,95 EUR. CH: 35,50 sFr.
Reihe: Klinische Praxis
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Thema

Im Bereich der Emotionen wurden in den letzten Jahren einige Ansätze entwickelt, welche die Emotionsverarbeitung aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Das Konzept der emotionalen Offenheit fokussiert die subjektive Seite der Affektverarbeitung und befasst sich mit dem individuellen Erleben und Verarbeiten von Emotionen. Der Sammelband „Emotionale Offenheit. Ein neues Modell in Forschung und Praxis“ spiegelt das kompakte Ergebnis der Zusammenarbeit von 19 AutorInnen wieder, die die Spannweite des Konzepts in Forschung und Theoriebildung ausgelotet haben. Dabei werden neben den theoretischen Grundlagen und Forschungssubstraten auch verschiedene Anwendungsmöglichkeiten des Ansatzes vorgestellt.

Aufbau

Der Band gliedert sich in die fünf Abschnitte

  1. Grundlagen,
  2. Verbindungen zu anderen Konzeptionen,
  3. Entwicklungspsychologische Aspekte,
  4. Anwendungen in klinischer Psychologie und Gesundheitspsychologie,
  5. Anwendungen in psychologischen Interventionen

mit insgesamt 15 Aufsätzen. Im Anhang finden sich außerdem der Fragebogen DOE-20 und der zugehörige Auswertungsschlüssel.

Inhalt

Grundlagen. Reicherts, Kaiser, Genoud und Zimmermann eröffnen den Sammelband mit einem Aufsatz, der die theoretischen Grundlagen der Emotionstheorie aufgreift und zentrale Begrifflichkeiten erläutert. Darauf aufbauend wird das Modell der emotionalen Offenheit entwickelt. Die AutorInnen definieren die Kernidee des Ansatzes als Versuch, „die individuelle Affektverarbeitung in einen psychologischen Raum mit mehreren, als grundlegend erachteten Dimensionen zu projizieren und dort die Ausprägung und die Kohärenz verschiedener Aspekte der Affektverarbeitung zu analysieren“ (S. 13). Die Dimensionen, auf die sich auch alle weiteren Beiträge des Sammelbandes beziehen, werden in kognitiv, körperlich, sozial und regulativ sowie als zusätzliche Dimension die normative Restriktion unterteilt. Im darauf folgenden Beitrag werden die Konstruktionsprinzipien und Instrumente zur Erfassung der Dimensionen der Offenheit für Emotionen (DOE) vorgestellt. Reicherts und Genoud zeichnen dafür den Verlauf der Entwicklung der Instrumente DOE-36, DOE-20, DOE-Selbst-Monitoring, DOE-Paarbeziehung und DOE-Interaktion nach und erläutern die jeweiligen Anwendungsmöglichkeiten der Instrumente.

Verbindungen zu anderen Konzeptionen. Im nächsten Abschnitt wird das Konzept in Relation zu anderen Konzeptionen reflektiert. Zimmermann und Salamin erarbeiten dazu einen Vergleich des Konzepts der emotionalen Offenheit mit bereits bewährten Konzepten der Emotionsforschung, wobei sie sich insbesondere auf das Konstrukt der Alexithymie beziehen. Die AutorInnen kommen zu dem Schluss, dass Emotionale Offenheit und Alexithymie sich zwar überschneiden, grundsätzlich aber zwei unterschiedliche Konzepte sind. Der nachfolgende Beitrag von Rossier, Verardi, Genoud und Zimmermann stellt die Verbindung zwischen Emotionaler Offenheit und Persönlichkeit her. Auf der Basis ihrer Forschungsergebnisse werden Modellvorschläge entwickelt, in welche emotionale Offenheit und Persönlichkeit als zwei komplementäre Modelle gemeinsam eingebettet werden könnten.

Entwicklungspsychologische Aspekte. Um die entwicklungsrelevanten Aspekte des Konzepts aufzuzeigen, wird im dritten Abschnitt die Bedeutung der emotionalen Offenheit im Lebenslauf näher betrachtet. Hierfür untersuchen Brodard, Quartier und Favez zuerst die Entwicklung des Erlebens und Verarbeitens von Emotionen in der frühen Kindheit und Kindheit. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen interessante Zusammenhänge zwischen der Emotionsregulation zu anderen Entwicklungsfaktoren wie beispielsweise Beziehungsstrukturen, Bindungsphänomenen und Interaktionsmustern. Im anschließenden Artikel fokussiert Zimmermann das Modell der emotionalen Offenheit spezifisch für das Jugendalter. Auf der Grundlage seiner Studie formuliert er Hinweise für weitere Fragestellungen in diesem Bereich, die sich vor allem auf seine Ergebnisse bezüglich Unterschieden zwischen den Geschlechtern in der Repräsentation von Emotionen bei Jugendlichen bezieht. Als dritte Altersgruppe untersucht Maggiori die „jungen Alten“ (von 60-74 Jahren) unter der Fragestellung, ob die allgemeine Annahme, dass die affektiven Funktionen im Alter nachlassen, Bestand hat. Der Autor stellt mittels DOE-20 fest, dass die Emotionsverarbeitung im Alter, verglichen mit dem von Erwachsenen, ihr Niveau hält.

Anwendungen in klinischer Psychologie und Gesundheitspsychologie. Reicherts und Genoud referieren zwei Studien mit Personen, die an Abhängigkeitsstörungen leiden. Die erste Studie vergleicht die Affektverarbeitung von psychisch unauffälligen Kontrollpersonen mit der von Patienten mit einer Abhängigkeitsstörung. Die zweite Studie untersucht die Emotionsverarbeitung von Patienten mit einer Abhängigkeitsstörung vor und nach einer Behandlungsphase. Die beiden Studien bringen als Ergebnis hervor, dass die Dimensionen der emotionalen Offenheit bei Personen mit einer Abhängigkeitsstörung schlechter ausgeprägt sind, eine therapeutische Intervention aber eine positive Wirkung zeigen kann. Als zweiten Anwendungsbereich des Sammelbandes untersucht Salamin Patienten mit somatoformen Symptomen. Sie konnte ein spezifisches Profil bei Frauen feststellen, die an Somatisierungen leiden. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe hatten diese Frauen Probleme bei der bewussten Repräsentation, der Kommunikation und der Regulation ihrer Emotionen. Reicherts, Rossier und Rossier haben eine experimentelle Studie durchgeführt, die am Beispiel der Arachnophobie untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen der Affektverarbeitung und einer phobischen Pathologie besteht. Sie stellen signifikante Unterschiede in verschiedenen Dimensionen der Emotionalen Offenheit zwischen den Phobikern und der Kontrollgruppe fest. So ließ sich z.B. eine Verstärkung nachweisen bei verschiedenen Komponenten der Emotionsverarbeitung, die in Verbindung mit phobogenem Reizmaterial stehen. Zuletzt wird das Burn-out-Syndrom als psychologischer Anwendungsbereich getestet, um den Zusammenhang zur emotionalen Offenheit zu untersuchen. Diesbezüglich diskutieren Genoud und Brodard, dass ihre Studie mehr Dimensionen als bisher erfassen konnte und das Modell daher neue Perspektiven auf Seiten der Person eröffnet, auch wenn sich ein höherer Erklärungsgehalt im Vergleich zu anderen Konstrukten noch nicht konkret fassen lässt.
Ob sich das Konzept auch im interpersonalen Kontext anwenden lässt, untersuchen Reicherts, Genoud, Maggiori und Molina in ihrem Aufsatz zur Paarbeziehung. Der DOE-Paarbeziehung unterscheidet zwischen angebotener und erhaltener emotionaler Offenheit innerhalb einer Beziehung. Diese beiden Dimensionen emotionaler Offenheit in einer Paarbeziehung sind mit individuellem Wohlbefinden verknüpft und machen damit einen Teil der Lebensqualität in Partnerschaften aus.

Anwendungen in psychologischen Interventionen. Der letzte Teil des Sammelbandes widmet sich den Anwendungsmöglichkeiten des Konzeptes. Reicherts, Pauls, Rossier und Haymoz befassen sich mit der Entwicklung von Interventionsprogrammen auf der Grundlage der Möglichkeiten, die der Ansatz eröffnet. Dazu werden grundlegende Merkmale und bisherige Konzepte von Interventionen zur Förderung emotionaler Offenheit präsentiert und einige konkrete Interventionsstrategien vorgestellt. Diese werden systematisch mit den Dimensionen der emotionalen Offenheit in Verbindung gebracht. Auf dieser Grundlage wird ein Interventionsprogramm im Sinne emotionaler Offenheit entwickelt und dessen empirische Erprobung beschrieben. Auf der Basis der vorangegangenen Überlegungen reflektieren Schenkel, Kaiser und Wranik die Rolle der helfenden Beziehung als Interaktionsvariante im Rahmen des Konzepts. Sie untersuchen in einer experimentellen Studie die Kohärenz der Wahrnehmung der helfenden Person und der Wahrnehmung des/der KlientIn bei einer helfenden Interaktion. Hierfür wandeln sie den DOE-Paarbeziehung in den Fragebogen DOE-Interaktion derart ab, dass er der zweifachen Perspektive angebotener und erhaltener Anteile der Emotionsverarbeitung gerecht wird. Der letzte Aufsatz wendet sich konkret der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu. Page und Reicherts zeigen am Fallbeispiel „Nadine“ – in Verbindung mit dem DBT-Konzept nach Linehan – die konkrete Anwendbarkeit von Interventionselementen, die aus dem Ansatz der emotionalen Offenheit hervorgehen.

Diskussion

Die im Sammelband präsentierten Studien belegen, dass das Konzept der emotionalen Offenheit ein großes Potenzial für theoretische wie praktische Belange besitzt. Es könnte an vielen Stellen eine wertvolle Ergänzung und Erweiterung für bisherige Ansätze aus dem Bereich der Emotionsforschung darstellen, da es die subjektive Komponente der Emotionsgestaltung und -verarbeitung thematisiert und fokussiert. Die Studien bringen interessante Ergebnisse hervor, die neue Perspektiven und weitere Forschungsfragen aufwerfen. Allerdings wird an vielen Stellen deutlich, dass noch eine Reihe weiterer Untersuchungen notwendig ist, um das Konzept zu untermauern und zu einer tragfähigen Konstruktion im Verhältnis zu anderen Emotionskonzepten zu konsolidieren.

Für die Praxis ist der Band nicht nur im Zuge des Anhang interessant, der den DOE-20-Fragebogen mit dem Auswertungsschlüssel bereithält. Der Sammelband besticht auch für die Praxis durch seinen systematischen Aufbau über den theoretischen Einstieg, eine Reihe von Forschungsfacetten bis hin zu praktisch-konkreten Belangen. Die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten, die der Band entwickelt, beweist, dass das Konzept vielseitig einsetzbar ist. Hervorzuheben ist auch, dass der sonst sehr auf psychologische Fragestellungen bezogene Band im Anwendungsteil die Breite verschiedener Hilfebeziehungen und den dortigen Einsatz des Konzepts thematisiert. Auch die Möglichkeit, Profile aus den Ergebnissen der Fragebögen zu entwickeln und auf dieser Basis individuellere Interventionsmomente zu entwickeln, bietet interessante Entwicklungsmöglichkeiten für verschiedene Berufsgruppen.

Fazit

Der Sammelband „Emotionale Offenheit. Ein neues Modell in Forschung und Praxis“ stellt ein interessantes und bereits an vielen Stellen elaboriertes Konzept vor und bereitet es im Zuge der bisherigen Forschungserfolge ansprechend auf. Den LeserInnen wird eine Idee davon vermittelt, welche Bereiche das Konzept abdeckt, und sie werden dazu angeregt, weitere Themengebiete zu entdecken, in denen der Ansatz neue Erkenntnisse liefern kann. Das Manual richtet sich in erster Linie an PsychologInnen und PsychotherapeutInnen, ist jedoch in seinem Aussagegehalt auch für viele weitere in Hilfeprozessen beteiligte Berufsgruppen wie SozialarbeiterInnen, PädagogInnen etc. sehr nützlich. In seiner Anschaulichkeit und aufgrund der Behandlungsbeispiele ist es sogar geeignet für Auszubildende und Studierende. Gewisse Kenntnisse über die Grundlagen der Emotionstheorie sowie Grundkenntnisse der Psychopathologie werden jedoch vorausgesetzt.

Rezension von
Anne-Laura Weißleder

Prof. Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner
Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit für den Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice Salomon Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Anne-Laura Weißleder, Silke Birgitta Gahleitner. Rezension vom 05.11.2012 zu: Michael Reicherts, Philippe A. Genoud, Grégoire Zimmermann (Hrsg.): Emotionale Offenheit. Ein neues Modell in Forschung und Praxis. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-85009-2. Reihe: Klinische Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14268.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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