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Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Problematik Rassebegriff, Rassismus

Rezensiert von Prof. Dr. Christine Labonté-Roset, 12.02.2014

Cover  Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Problematik Rassebegriff, Rassismus ISBN 978-3-88619-795-8

Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Problematik Rassebegriff, Rassismus. Berichte aus der Praxis. Argument Verlag (Hamburg) 2012. 135 Seiten. ISBN 978-3-88619-795-8. D: 13,00 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 19,50 sFr.
Reihe: Forum kritische Psychologie - 56.

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Thema

Ein Schwerpunkt der vorliegenden Zeitschriften-Nummer ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Rasse“ in der Biologie und Anthropologie.

Entstehungshintergrund

Kritische Psychologie ist ein subjektwissenschaftlicher Ansatz entstanden aus der Studentenbewegung der 60er Jahre, zunächst am Institut der Psychologie der FU Berlin.

Ein führender Vertreter war Klaus Holzkamp. Dieser Ansatz grenzt von naturwissenschaftlich bestimmten Psychologie-Richtungen ab. 1978Wurde die Zeitschrift „Forum Kritische Psychologie“ gegründet, um den Stand der Kritischen Psychologie zu dokumentieren und Debatten anzustoßen.

Aufbau

Der oben genannte Titel erweckt den Eindruck, die gesamte Ausgabe sei der Problematik Rassebegriff gewidmet und erhalte hierzu auch Berichte aus der Praxis. Dies ist irreführend, denn die Zeitschrift enthält lediglich vier theoretische Artikel zum Thema, wobei man wissen muss, dass bereits in einer Nummer davor ein Artikel von Volker Schurig „Ausgewählte biologische Grundlagen der Psychologie“ erschienen ist und hier nun der 2.Teil des Artikels veröffentlicht wird, der sich mit der Problematik des Rassebegriffs und dem Rassismus beschäftigt.

Die folgenden drei Artikel setzen sich kritisch mit den Aussagen dieses 2.Teils auseinander.

Der Titelteil „Berichte aus der Praxis“ beschäftigt sich hingegen anhand von zwei Praxis-Beispielen mit klientenzentrierten therapeutischen Prinzipien zum Zwecke der Selbstverständigung und Erhaltung der Urteilsfähigkeit im Rahmen der alltäglichen Lebensführung. Anhand von Gruppengesprächen mit Psychiatrie-Erfahrenen, deren Angehörigen und Professionellen bzw. im 2. Beispiel Dogenkonsumenten werden die hierzu nötigen Methoden erläutert.

In einem weiteren Artikel hinterfragt Katia Reinhardt das Konzept des Unbewussten in der Kritischen Psychologie.

Der Band schließt mit einem Artikel über die sowjetische Psychologie und deren später eher verdrängtem Schwerpunkt der Herausbildung höherer psychischer Funktionen.

Ausgewählte Inhalte

Ich beschränke mich im folgenden auf die genannten vier Artikel zum Begriff der „Rasse“, wobei ich gleich hinzufügen möchte, dass die im folgenden ansatzweise wiedergegebene Kontroverse

eigentlich Fachleute voraussetzt, die sich bereits mit den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Biologie, Anthropologie und Psychologie beschäftigt haben.

Volker Schurig setzt sich mit den „Schwierigkeiten, den Wissenschaftscharakter des hypothetischen Konstrukts ‚Rasse‘ zu bestimmen und von seinen politischen Auswirkungen präzise zu unterscheiden“ (S. 6) auseinander. Wobei hier zu fragen ist ob eine solche Trennung vor allem in Deutschland mit seiner NS-Vergangenheit überhaupt möglich und legitim ist.

Er behauptet, dass „90% aller Publikationen zur Rassenproblematik … sich auf die Frage nach der Existenz und Klassifikation menschlicher Rassen und der Wissenschaftlichkeit des anthropologischen Rassebegriffs“ beziehen ( ebenda, Hervorhebung im Text).

Er dagegen bezieht sich auf den Rassebegriff aus der Tierzüchtung, den er im folgenden ausführlich darstellt und erläutert, dass „Rasse“ dort eine Subspezies oder Unterart meine. In der klassischen Anthropologie gelte er dagegen als Bezeichnung für Menschengruppen mit gemeinsamen biologischen Merkmalen.

Schurig betont zwar einerseits, dass es höchst umstritten sei, ob der Rassebegriff auch auf Menschen anzuwenden sei, andererseits nennt er ihn einen Schlüsselbegriff der Evolutionstheorie seit Darwin.Daraus schließt er, ohne dies näher zu begründen,dass „Kritiken des Rassebegriffs in der Psychologie und den Sozialwissenschaften … häufig schnell einen anti-evolutionstheoretischen Charakter“ erhielten und sich deshalb nicht durchsetzen könnten. (S.7,Hervorhebung im Text)

Er erläutert richtiger weise die Herkunft des Begriffs „Rasse“ aus der katholischen Theologie mit ihrer Doktrin der „Reinheit des Blutes“ und führt den Begriff Rassismus auf den Sexualforscher Magnus Hirschfeld zurück.

Schurig beschreibt des weiteren die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Vorstöße den Begriff der „Rasse“ nach seiner Benutzung im NS nicht mehr zu verwenden und nennt in diesem Zusammenhang auch verschiedene UNESCO-Resolutionen gegen die Rassendiskriminierung.

Dennoch schließt er dieses Kapitel mit der Bemerkung: „Solange der Rassenbegriff, unabhängig von seiner fatalen politischen Problemgeschichte, in seiner Erkenntnisfunktion in den einzelnen biologischen Teilwissenschaften nicht erschöpft ist, bleibt er weiter in Funktion“ (S.13),

Danach folgt eine Abhandlung über die Geschichte der Verwendung dieses Begriffes in der klassischen Anthropologie und verweist darauf, dass der Begriff „race“ im angelsächsischen Sprachraum relativ unbefangen eingesetzt würde. Er konstatiert, dass der Begriff „Rasse“ = Subspezies auf seinen taxonomischen Kern zurückzuführen und damit zu entlasten sei.

Dann begründet er, dass die „Unsterblicheit eines typologisch definierten Taxons ‚Rasse‘ …“ darauf beruhe, „dass er sich auf definierte empirische Sachverhalte und gesicherte statistische Daten einzelner Körpermerkmale“ beziehe „deren Existenz nicht bestritten werden kann, wie z.B. die unterschiedliche Pigmentierung.“ (S.16)

Er fragt zwar nach, ob „die Pigmentierung allein ein ausreichendes Merkmal“ sei,„menschliche Populationen genetisch und taxonomisch als Rassen (Unterarten) zu unterscheiden“ und ergänzt etwas später, dass neuere Untersuchungen von Anthropologen belegten, dass die genetische Variabilität innerhalb einer Gruppe größer sei, als zwischen verschieden pigmentierten.

Die Frage, ob es „Menschenrassen“ gäbe, beantwortet er damit, dass von aktuellen Anthropologen verneint werde, setzt dann aber dagegen, dass man die Geschichte der Hominiden – vom Neandertaler bis zum homo sapiens - berücksichtigen müsse.

Für Schurig heißt dies schließlich: „Dem politischen und ethischen Grundsatz der sozialen und kulturellen Gleichheit und der Solidarität unter den Menschen steht das evolutionsbiologisch unbestrittene Axiom der genetischen Variabilität und damit auch der biologischen Ungleichheit von Menschen gegenüber.“

Im folgenden Artikel konstatiert Tino Plümecke, dass Schurig am Rassebegriff festhalte, obwohl die Biologie seit 3 Jahrhunderten vergeblich nach der genetischen Differenz menschlicher „Rassen“ suche und der Rassenbegriff ein „Paradebeispiel für die Gebundenheit von Wissensproduktion an politische Kontexte“ sei. Er zeigt auf, wie der Rassenbegriff in der Moderne zur Legitimation von Kolonialismus und Sklaverei und weiterhin bestehender Unterdrückung und sozialer Ungleichheiten diente und noch dient und weist darauf hin, dass die Biologie weiterhin ein objektivistisches Naturverständnis ohne gesellschaftlichen Zusammenhang vertrete.

Schließlich weist er an den Schriften von Ernst Mayr, eines international anerkannten Biologen, nach, dass der dort verwendete Varianz-Begriff eine entschiedene Abwendung von „Rasse“ sei und dieser Begriff inzwischen auch in der Biologie sehr umstritten sei. Es aber dennoch neuere molekulargenetische Methoden gäbe, die auf Rassekonzepten basierten. Für ihn heißt der Schluss aber, „gerade aufgrund der Diversität des Menschen auf Rassenkonzepte (zu) verzichten.“ (S.44, Hervorhebung im Text)

Auch Michael Zander fragt in seinem Artikel nach, wieso Schurig „Rasse“ nach wie vor für einen unentbehrlichen Begriff hält und belegt mit einer Reihe von Zitaten aus Schurigs Artikel, dass dieser selbst keineswegs „rein objektiv“ argumentiert, sondern selbst explizit politische Bezüge herstellt. Zander findet Schurigs Artikel insgesamt ideologisch überfrachtet.

Christian Wille verweist in seiner Kritik an Schurig ebenfalls darauf, dass der „globale Kapitalismus … auf die Funktionsstelle der rassistischen Diskurse bei der Reproduktion seiner antagonistischen Strukturen und Herrschaftsverhältnisse nicht verzichten kann.“ (S.59) Er verweist darauf, dass mit dem Rassenbegriff, die Naturalisierung von Gesellschaftlichkeit verbunden ist und auch darauf, dass dieser Begriff zunehmend durch neo-rassistische Stereotype ersetzt wird, wie z.B. „türkische Unterschichtsfamilien“ oder „alleinerziehende, Sozialhilfe beziehende, schwarze Mutter“ (vgl S. 62).

Fazit

Insgesamt muss gesagt werden, dass Schurig sich trotz der in seinem Artikel gestellten Fragen und Relativierungen nicht davon löst, dass der Rassenbegriff auch auf Menschen anwendbar sei.

Zusammenfassend kann andererseits gesagt werden, dass durch die gründliche Analyse seines Artikels und daraus folgende Debatte durchaus auf vielfältige interessante Fragen und Probleme verweist, aber doch stark in den Wissenschaftsdisziplinen Biologie, Anthropologie und Psychologie verankert bleibt.

Rezension von
Prof. Dr. Christine Labonté-Roset
Emeritierte Professorin für internationale Sozialpolitik der Alice-Salomon-Hochschule Berlin
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Es gibt 7 Rezensionen von Christine Labonté-Roset.

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Zitiervorschlag
Christine Labonté-Roset. Rezension vom 12.02.2014 zu: Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Problematik Rassebegriff, Rassismus. Berichte aus der Praxis. Argument Verlag (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-88619-795-8. Reihe: Forum kritische Psychologie - 56. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14276.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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