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Éloi Laurent: Demokratisch, gerecht, nachhaltig

Cover Éloi Laurent: Demokratisch, gerecht, nachhaltig. Die Perspektive der Sozial-Ökologie. Rotpunktverlag 2012. 229 Seiten. ISBN 978-3-85869-501-7. 22,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema

Demokratische Gesellschaften – so war schon immer der Anspruch – sollten auch immer gerechte Gesellschaften sein, gerecht in dem Sinne, dass jemand die Chancen verwirklichen kann, die er oder sie für wichtig hält, um ein gutes Leben im aristotelischen Sinne zu führen und dass jemand Zugang zu den entscheidenden, weil integrationssichernden und identitätsstiftenden Handlungsbereichen und Institutionen hat.

Mit der Perspektive der Sozialökologie hat sich zudem eine andere Qualität der Gesellschaft dazugesellt: Gesellschaften sollen auch nachhaltig sein, also Sorge tragen für ihre Zukunft in allen gesellschaftlichen Bereichen, also nicht nur im Bereich der Umwelt, der natürlichen Ressourcen oder der Energieproduktion.

Autor

Éloi Laurent ist Ökonom und Wissenschaftlicher Rat am OFCE (Observatoire francais des conjontures économiques) der Hochschule Sciences Po in Paris.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer Einleitung in zwei große Kapitel mit jeweils drei Unterkapiteln:

  • I. Für einen Entwurf der Sozial-Ökologie
  • II. Für eine Umsetzung der Sozial-Ökologie

Inhalt

Seine Einleitung hat Laurent überschrieben mit "Für eine Steuerung der zweiten Natur". Die erste Natur ist das, was uns die Evolution überliefert hat und bis heute als das gilt, was wir Natur nennen. Im Prinzip ist es die vormenschliche Natur und mit dem Eintritt des Menschen in die Evolutionsgeschichte gibt es jene zweite Natur, die durch eine Dialektik von Abhängigkeiten gekennzeichnet ist. Wir sind abhängig von der ersten Natur; diese erste Natur ist aber auch abhängig von uns. Insofern kommt es entscheidend darauf an, wie wir unsere Gesellschaften organisieren und ein austariertes Gleichgewicht von ökologischen, ökonomischen und sozialen Beziehungen und Strukturen schaffen können. Diese Überlegungen werden auch historisch untermauert.

Die Frage der Beziehung von Sozialökologie und Gerechtigkeit wird zur Kernfrage zukünftiger Entwicklung. Denn die eigentliche soziale Ungleichheit wird dadurch erzeugt, dass ökologischen Lasten die Ärmsten und Schwächsten tragen – in armen wie in reichen Ländern.

Die These des Autors ist, dass Demokratie das Ergebnis der kulturellen Evolution des Menschen ist und gleichzeitig die Bedingung ist für die Entschärfung unserer heutigen Umweltkrisen, die mit Einkommens- und Machtunterschieden einhergehen. Mit Nachhaltigkeit verbindet der Autor drei verschiedene Gerechtigkeitsentwürfe:

  • die Beziehung der Menschen untereinander heute,
  • die Beziehungen der Menschen zur restlichen Natur und
  • die Beziehung der heutigen Menschen zu zukünftigen Generationen.

Auf der Basis seiner Überlegungen zu sozialer Gerechtigkeit und sozialer Ungleichheit stellt Laurent fest, dass es drei Dimensionen sozialer Ungleichheit gibt:

  • die absolute Ungleichheit wie die Armut und die relative Ungleichheit der Unterschiede zwischen Reichen und Armen;
  • die Ungleichheit der Kaufkraft- und Machtverteilung, die zum Ausschluss von Entscheidungsprozessen der Ärmsten führen;
  • Schließlich finden wir diese beiden Dimensionen sozialer Ungleichheit in internationalen oder intranationalen Kontexten.

I. Für einen Entwurf der Sozial-Ökologie

"Jenseits des Ökonomismus" heißt das erste Unterkapitel. Wir brauchen einen neuen Denkansatz in der Ökonomie hin zu einer Sozial-Ökonomie, die die Nachhaltigkeit ins ökonomische Kalkül zieht. Dies wird an Hand der Kritik der klassischen Ökonomie dargestellt.

Die Sorge des Autors ist der Frage gewidmet, welche Freiheit der kommenden Generation angesichts der der Nachhaltigkeit blinden heutigen Generation bleibt.

Auch hier werden ökonomische Fragen und Modelle diskutiert, die verdeutlichen, dass wir z. B. unser Konsumniveau senken müssen, um zukünftig Ressourcen zu haben für unser Kinder und Kindeskinder.

Denn es geht nicht nur um Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, auch um einen philosophischen Zugang zu einer sozial-ökologischen Diskussion. Und Gerechtigkeit heißt auch: Generationengerechtigkeit. Laurent setzt sich mit einigen Gerechtigkeitstheorien auseinander wie die von Rawls und Sen. Über diese Theorien hinaus bedarf es besonderer Gerechtigkeitsmodi, nämlich einmal den der Verteilungsgerechtigkeit und zum anderen den der Verfahrensgerechtigkeit, die für einen gerechten Zugang zu Entscheidungsverfahren sorgt. Weiterhin bedarf es den Modus der Ergebnisgerechtigkeit, die im Blick hat, welche Auswirkungen umweltpolitische Entscheidungen auf einzelne Gruppen der Gesellschaft haben.

Und es geht um drei Wege der Sozialökologie: das Gedächtnis, die Erfahrung und das Handeln.

"Warum die heutigen Ungleichheiten unhaltbar sind" ist Gegenstand des zweiten Unterkapitels. Der Autor gründet die Antwort auf diese Frage auf zwei Thesen.

  1. Die wirtschaftlich ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder tun am wenigsten für den Umweltschutz.
  2. Die Länder mit der größten Ungleichheit – egal ob reiche oder arme Länder – sind diejenigen, die am wenigsten etwas tun wollen, um die Umwelt zu schützen.

Beide Thesen werden ausführlich dargestellt und begründet.

Armut wird zum ökologischen Verhängnis, weil im Überlebenskampf die Umweltbewahrung den geringsten Stellenwert hat. Es entsteht ein Teufelskreis zwischen der Gestaltung des Sozialen und der Ökologie, der Armut durch Umweltprobleme ebenso reproduziert wie Umweltschäden durch Armut reproduziert werden.

Wir brauchen zukunftsfähige Institutionen meint der Autor; denn Umweltschäden sind das Ergebnis unzureichender menschlicher Entwicklung und eines Mangels an "guten Institutionen" (79). Und er zitiert Elinor Ostroms acht Prinzipien erfolgreicher ökologischer Steuerung, wie sie dieser in seiner "Verfassung der Allmende" niedergelegt hat. So wie die Allmende im Mittelalter allen Dorfgenossen den gleichen Zugang zu ihr verschafft hat, so müssen auch heute die natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen für alle zugänglich sein.

Unter dem Titel "Sichuan, Katrina, Haiti: Den Zorn der Götter gibt es nicht" beschäftigt sich Laurent im dritten Unterkapitel mit der Frage, was Naturkatastrophen von menschlich erzeugten Katastrophen unterscheidet. Dazu dient ihm auch die das Erdbeben und seine Folgen in Haiti 2010, das sich ja unterscheidet z. B. von einem Industrieunfall, der sich 2001 in der Total-Raffinerie in Toulouse ereignete. Es folgt eine zitierte Typologie von Naturkatastrophen und dann stellt der Autor einige Ansätze der sozial-ökologischen Katastrophe und ihre Auswirkungen auf die Menschen in den reichsten und ärmsten Ländern vor.

Ungleichheit ist die Achillesferse der reichen Länder, auch die ungleiche sozialräumliche Verteilung einer Bevölkerung in einer Stadt mit deprivierten und privilegierten Stadtvierteln. Diese These macht Laurent auch an den Auswirkungen des Orkans Katrina auf die Bevölkerung bestimmter Stadtgebiete in den Städten Haitis fest.

II. Für eine Umsetzung der Sozial-Ökologie

"Das Trugbild der grünen Diktatur" ist das erste Unterkapitel dieses Teil überschrieben.

Zwei Fragen will der Autor nachgehen:

  1. Lässt sich zwischen der demokratischen und der ökologischen Qualität einer Gesellschaft ein Zusammenhang nachweisen?
  2. Wie sorgfältig lässt sich das Verhältnis von Ungleichheit und Nachhaltigkeit von dem Verhältnis von Demokratie und Nachhaltigkeit unterscheiden?

Beide Fragen werden im Folgenden ausführlich behandelt. So wird zur Beantwortung der ersten Frage Demokratie als Prozess erörtert, historisch und politisch analysiert und die Demokratie als ein System der ökologischen Wachsamkeit beschrieben.

Wie kann Demokratie als ein System der ökologischen Wachsamkeit theoretisch und empirisch beschrieben werden? Es geht schließlich und zusammengefasst um den aufgeklärten Bürger, der sich als Teil einer res publica verstehen kann und deshalb Einfluss auf ihre Geschicke nehmen will. Der Autor setzt sich dann auch mit Ländern wie China, den USA und der ehemalige Sowjetunion auseinander, diskutiert deren Umweltprobleme auch im Lichte ihres jeweiligen Verhältnisses zur Demokratie. Diese empirischen Befunde werden der Frage unterzogen, welche Qualität das Verhältnis der Demokratie zur Nachhaltigkeit hat.

Auf "Ansätze zu einer sozial-ökologischen Politik" geht der Autor im zweiten Unterkapitel dieses zweiten Teils ein. Er spricht sich dabei für den Aufbau einer sozial-ökologischen Resilienz aus. Dabei zitiert er den Berater des amerikanischen Präsidenten John Holdren, der angesichts des Klimawandels drei Optionen ausmacht: die Senkung der Treibhausemissionen (1), die Anpassung der globalen Gesellschaft an höhere Temperaturen (2) und das Leiden (3). Die Umsetzung der ersten beiden Optionen verhindere die dritte. Was aber bedeutet die Anpassung der Gesellschaft an höhere Temperaturen? fragt Laurent. Diese Frage erörtert der Autor ausführlich auch an Hand der Literatur. Es geht um Anpassung mit dem Ergebnis der Widerstandsfähigkeit. Wenn es um Resilienz von Systemen geht, geht es um die Frage, wie sehr sie einen Schock verarbeiten können und ihr Gleichgewicht wiederherstellen können.

Weiter geht es um den Schutz einer globalen Solidarität, zumal die Kosten für die Bearbeitung oder Vermeidung von Umweltschäden durchaus ungleich verteilt sind. Der Autor kritisiert als nicht hinnehmbar, dass sich die reichen Länder weigern, etwas gegen die Umweltprobleme zu tun und den armen Ländern die Bearbeitung der Umweltprobleme überlassen. Dies wird am Beispiel des Klimawandels systematisch erarbeitet.

Danach plädiert der Autor für eine Umweltgerechtigkeit in Europa. Dabei geht es auch um rechtliche Regeln und Normen, stellt Beispiele aus den europäischen Ländern vor und diskutiert den Vergleich Europas mit den Vereinigten Staat von Amerika.

In seinen Schlussbemerkungen geht es Laurent um die Sozial-Ökologie im demokratischen Gemeinwesen. Sozial-Ökologie – will sie auch Umweltprobleme vermeiden – muss auch von einer sozialpolitischen Aufgabe der Herstellung sozialer Gerechtigkeit und der Minimierung sozialer Ungleichheit auf ein erträgliches, und das heißt politisch steuerbares Maß begleitet werden, so dass Gruppen nicht exkludiert werden oder das Gefühl entwickeln, deklassiert zu werden. Vor allem muss der Staat den Begründungszusammenhang erkennen, der zwischen einer Umweltpolitik und der sozialpolitischen Bearbeitung sozialer Probleme und Ungleichheiten besteht. Die Frage der Benachteiligung und Privilegierung ist auch eine Frage der Umweltgestaltung, der Wohn- und Stadtquartiere, der städtischen Umweltprobleme und ihren Orten in der Stadt, wo sie sich konzentrieren etc. Es geht schließlich um eine politische Ökonomie der Sozial-Ökologie, die für den Autor aber noch in weiter Ferne liegt.

Der Text des Buches wird durch umfangreiche Anmerkungen vertieft, die sich am Ende des Buches befinden.

Diskussion

Das Buch ist eine gründliche Auseinandersetzung mit der Entwicklung eines sozialökologischen Denkens und Handelns, einer Umweltpolitik, die sich auch als Politik der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit versteht. Der Zusammenhang von Demokratie und Nachhaltigkeit und Demokratie und Gerechtigkeit wird zum Schlüssel der Analyse der heutigen Umweltprobleme, weil dieser Zusammenhang deutlich macht, dass Umweltprobleme soziale Probleme sind, dass soziale Probleme durch Umweltprobleme verursacht werden und deren Folgen sind.

Es ist das Buch eines engagierten und zugleich wissenschaftlich ausgewiesenen Umweltexperten, der aber Umwelt nicht nur versteht als deren natürliche Ressourcen, sondern der Umwelt als gesellschaftliche Umwelt begreift, als ein Zusammenhang, in dem es darum geht, Gesellschaft und Natur im Sinne der Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu versöhnen oder gar dialektisch miteinander zu verknüpfen. Es geht Laurant um einen relationalen Umweltbegriff.

Fazit

Ein Buch, das einerseits alle sozialpolitisch Interessierten lesen sollten, um dann Sozialpolitik unter dem Gesichtspunkt der Ursachen sozialer Probleme in der Umwelt zu erkennen und andererseits sollte es alle politisch denkenden und interessierten Menschen lesen, die sich Umweltpolitik bisher anders vorgestellt haben.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.01.2013 zu: Éloi Laurent: Demokratisch, gerecht, nachhaltig. Die Perspektive der Sozial-Ökologie. Rotpunktverlag 2012. ISBN 978-3-85869-501-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14285.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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