socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen - Rassismus

Cover Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen - Rassismus. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 159 Seiten. ISBN 978-3-406-63885-5. 10,95 EUR.

Beck'sche Reihe - 7036.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Rassismus ist allgegenwärtig – überall!

In der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die zu Recht als globale Ethik in das Bewusstsein der Menschheit eingehen sollte, heißt es in der Präambel, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (vgl. dazu auch: Heiner Bielefeldt, Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft. Plädoyer für einen aufgeklärten Multikulturalismus; transcript Verlag, Bielefeld 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5039.php). Der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Butros Butros Ghali, hat dies in der UNO-Weltkonferenz über Menschenrechte, 1993 in Wien, als leidenschaftlichen Appell formuliert: „Menschenrechte (sind) nicht der kleinste gemeinsame Nenner aller Nationen, sondern im Gegenteil das, was ich als das `nicht reduzierbare Menschliche` nennen würde, das heißt die Quintessenz der Werte, durch die wir gemeinsam bekräftigen, dass wir eine einzige menschliche Gemeinschaft sind“. Die Spannweite in der Auseinandersetzung über Menschenwürde reicht dabei von der Illusion (Franz Josef Wetz, Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/3501.php) 396 S.) bis zum Erkenntnisgewinn: “Wirklich wertschätzen und lieben kann man sich und andere nur, wenn man die Schattenseiten, das Schwierige und Kritische bei sich und bei anderen nicht ausblendet, sondern auch zu akzeptieren, wertzuschätzen… imstande ist“ (Rainer Funk, Entgrenzung des Menschen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14189.php).

In der Reihe der Wissenschaftssendung 3sat-Scobel wurde am 17. 1. 2013 die Frage nach der Entstehung und Entwicklung der Menschheit gestellt: „Paläoanthropologie: Wer in uns in den Genen steckt“. Dabei kamen die Experten zu der eindeutigen Forderung: „Rasse ist abgeschafft“, weil diese Klassifizierung und gar Wertigkeitsstufung angesichts der Forschungsergebnisse überhaupt keinen Sinn mache. Diese Auffassung vertreten mittlerweile Kulturanthropologen und Kulturwissenschaftler (Dorothee Kimmich / Schamma Schahadat, Hrsg., Kulturen in Bewegung. Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität, 2012, www.socia1net.de/rezensionen/14103.php ), Philosophen (Oliver Kozlarek, Moderne als Weltbewusstsein. Ideen für eine humanistische Sozialtheorie in der globalen Moderne, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12558.php ), Politologen (Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10879.php), Soziologen(Dieter Korczak, Hrsg., Das Fremde, das Eigene und die Toleranz. Asanger Verlag (Kröning) 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8382.php), Erziehungswissenschaftler (Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php), Genderwissenschaftler (Seyla Benhabib, Die Rechte der Anderen. Ausländer, Migranten, Bürger 2008, www.socialnet.de/rezensionen/7276.php), ja sogar Komiker wie Karl Valentin: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ (Ya?ir Aydin, Topoi des Fremden. Zur Analyse und Kritik einer sozialen Konstruktion, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9126.php). Trotzdem: Die individuelle und gesellschaftliche Unfriedlichkeit und die Vorurteile machen es so schwierig zu erkennen: „Der Andere könnte ich selber sein“ (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die Fähigkeit und Kompetenz, inter- und transkulturell zu denken und zu handeln, wird ja immerhin mittlerweile sogar als ein Mittel zur (ökonomischen) Wertschöpfung angesehen und als Aufklärungs- und Bildungsziel propagiert (Daniel N. Stern, u.a., Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13911.php). In zahlreichen Publikationen und Lernmaterialien wird über die Geschichte des Rassismus informiert (Karin Priester, Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Reclam 20076, Leipzig 2003, 320 S.), werden die Mittel und Instrumente gegen rassistische Einstellungen dargelegt (Dieter Lünse, u.a., Zivilcourage können alle! Ein Trainingshandbuch für Schule und Jugendarbeit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/2124.php) und als demokratische Tugenden verdeutlicht (Ulrich Beer, Zivilcourage, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12604.php); als Lexika herausgegeben (Gregor Lang-Wojtasik / Ulrich Klemm, Hrsg., Handlexikon Globales Lernen, www.socialnet.de/rezensionen/14177.php) und als Aktionen empfohlen (Ruhrkanaker & Arbeitsgruppe SOS-Rassismus NRW, Lexikon für die Anti-Rassismusarbeit. Das tägliche ABC für mehr Zivilcourage, biblioviel Verlag, Bochum 1999; Rassismus begreifen – Was ich schon immer über Gewalt und Rassismus wissen wollte, hrsg. von: Aktion Courage – SOS Rassismus / Schule Ohne Rassismus und Arbeitsgruppe SOS-Rassismus NRW, 2005, 96 S.), als pädagogische Konzepte entfaltet (Silke Schuster, Minderheiten, Mehrheiten und soziale Identitätsprozesse. Perspektive für eine antirassistische Pädagogik, Mainz 2004, 151 S.) und als bildungshistorische und gesellschaftliche Alternativen aufgezeigt (Wolfgang Gippert / Petra Götte / Elke Kleinau, Hrsg., Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven, 2008, www,socialnet.de/rezensionen/7090.php).

Die Professorin für englische Literaturwissenschaft und anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth, Susan Arndt, ist als Ethnologin und Anthropologin bereits vielfach zur Sprache gekommen (Susan Arndt / Antje Hornscheidt, Hg., Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1756.php; Susan Arndt / Nadja Ofuatey-Alaz, Hrsg., Wie Rassismus aus Wörtern sprich, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12199.php; Susan Arndt / Katrin Berndt, Hrsg., Kreatives Afrika. SchriftstellerInnen über Literatur, Theater und Gesellschaft, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2005, 522 S.) und hat als „Weißseinsforscherin“ Aufmerksamkeit gefunden (Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast-Verlag, Münster 2005, 550 S.).

Mit ihrer Sammlung über Rassismen – „Rassismus ist allgegenwärtig in Sprache, Politik, Alltag, Ökonomie, Werbung, Medien, Sport, Musik, Internet, Theater, Literatur, am Arbeitsplatz wie am Postschalter, in Bewerbungsverfahren wie in Gesetzestexten, in den klassischen Texten der Philosophie wie in der aktuellen Historiographie, in der Medienforschung wie im Naturschutz“ – will sie Informationen geben, zum Nachdenken anregen, zum Diskutieren und nicht zuletzt zum Lernen, weil Lernen Verhaltensänderung ist. Sie möchte keinen „Ratgeber“ abliefern, sondern Aufmerksamkeit anstiften dafür, dass Rassismen, Fremden- und Menschenfeindlichkeit nicht vom Himmel fallen und weder in die Wiege gelegt, noch in die Gene gepflanzt sind, sondern entstehen, von Menschen an Menschen. Dabei plädiert sie dafür, dass individuelle und gesellschaftliche Verantwortungsübernahme in Freiheit lokal und global die beste Lebenshaltung ist.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihr Büchlein in sieben Kapitel und beschließt es mit einem Fragenkatalog, der gleichzeitig eine Handlungsanweisung zur tätigen, aktiven Mitgestaltung ist, Rassismen zu überwinden.

Im ersten Kapitel werden Begriffserklärungen zu Fragen geliefert, was als Rassismus zu verstehen ist, welche wissenschaftlichen Positionen zu Rassendefinitionen und -lehren diskutiert werden, zum „Weiß“ – und „Schwarz“- Denken, Antisemitismus, Antiziganismus, Kolonialismus, Faschismus, Imperialismus, religiösen Fanatismus und Fundamentalismus.

Im zweiten Kapitel „Rassismus vor der Aufklärung“ widmet sich Susan Arndt den Fragen, wie in der Antike, im Christentum und im Islam Rassismen als „gängige“ Lehren verbreitet, in Literatur, Theater und Geschichtserklärungen dargestellt, erklärt und etwa beim Sklavenhandel praktiziert wurden.

Das dritte Kapitel befasst sich mit „Rassismus seit der Aufklärung“ und zeigt auf, welche Rolle Wissenschaft für Rassismus spielt, wie der europäische und deutsche Kolonialismus begründet und gerechtfertigt wurde, warum und in welcher Weise unsere Heroen, etwa Kant, Hegel, Marx…, und Ideologen wie etwa Arthur de Gobineau und Houston Steward Chamberlain u. a. rassistisches Denken benutzten und begründeten, wie Rassentrennung entstand und wirkte.

Im vierten Kapitel wird „Rassismus (in) Begriffen“ erläutert, in der Sprache, in Märchen, Abenteuererzählungen und Bezeichnungen.

Im fünften Kapitel schildert die Autorin ein Experiment: Sie bittet die Studierenden in einem ihrer Seminare, die Augen zu schließen und sich eine Insel vorzustellen. Die Ergebnisse sind weder überraschend, aber bezeichnend: „Wir sehen nichts, was der Bandbreite existierender Inseln gerecht werden könnte, sondern eine bestimmte Idee einer Insel“. Imaginationen aber können rassistisch, lesbar in Büchern über Afrika, sehbar in Filmen und Fernsehberichten sein.

Das sechste Kapitel thematisiert Fragen zu „Rassismus – Widerstand, Erinnerung und Aufarbeitung“, z. B., was wir in unserem kollektiven Gedächtnis aufbewahren und tradieren, in Lehrbüchern lernen und als selbstverständlich wahr nehmen. Die spannende Frage: „Wie spreche ich über Rassismus, ohne ihn sprachlich zu reproduzieren?“ geht ans Eingemachte, an den in uns befindlichen Rassismus!

Im siebten Kapitel schließlich werden Fragen über „Rassismus und Migration“ gestellt. Dabei fehlt die über Jahrzehnte gesellschaftlich und politisch kontrovers diskutierte Frage: „Ist Deutschland ein Einwanderungsland?“ natürlich nicht; und sie zeigt die Doppelbödigkeit und Unaufrichtigkeit der Argumentationen; ebenso geht es um das „Kopftuch“, um die fragwürdige Bezeichnung „Migrationshintergrund“ und das Hinterfragen von scheinbar gültigen, naturwüchsigen und kulturprägenden Werte- und Normenvorstellungen in Mehrheitsgesellschaften.

Fazit

„Wir sind doch nicht rassistisch“ – wie etwa die Rechtsradikalen und andere Rassisten! Mit den 101 Fragen bringt Susan Arndt Leserinnen und Leser zum Nachdenken. Die Unterscheidung von offenen und verdeckten, von bewussten und unbewussten Rassismen kann uns die Augen öffnen darüber, dass Rassismus überall lauert und es eines aufgeklärten, intellektuellen und alltäglichen Bewusstseins bedarf, dies zu erkennen und dagegen vorzugehen, und zwar individuell und gesellschaftlich, persönlich und politisch, in der Familie, Schule, Gesellschaft und weltweit; denn „Rassismus ist ein kollektives Erbe“. Deshalb soll zum Schluss wiederholt werden, was die Autorin in ihrem Vorwort zu ihrer Fragensammlung feststellt: „Verantwortungsübernahme in Freiheit – das war schon immer die beste Lebenshaltung“.

Das Büchlein sollte in allen Lehrer-, Schülerbüchereien und Hochschulbibliotheken bereit liegen, auf den Schreibtischen von Politikern und überall dort, wo Menschen der Überzeugung sind, dass rassistisches Denken und Handeln keinen Platz in einer humanen Gesellschaft haben dürfen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1327 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.02.2013 zu: Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen - Rassismus. Verlag C.H. Beck (München) 2012. ISBN 978-3-406-63885-5. Beck'sche Reihe - 7036. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14286.php, Datum des Zugriffs 19.05.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung