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Marcus Llanque: Geschichte der politischen Ideen

Cover Marcus Llanque: Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-406-63846-6. D: 8,95 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 14,50 sFr.

Beck'sche Reihe - 2759 - C. H. Beck Wissen.
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Der Mensch ist ein politisches Lebewesen

Die aristotelische Bestimmung, dass der Mensch ein politisches Lebewesen sei, da sich bei ihm die gemeinsame Leistung im Unterschied zu Tieren nicht weitgehend auf das schlichte Leben beschränke, sondern es dem Menschen auf ein gutes, glücklich-gelingendes Leben ankomme, er nicht ohne seinesgleichen leben könne und er zudem mit Logos, Verstand und Vernunft ausgestattet sei (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 620f), hat in der abendländischen Anthropologie längst eine wesentliche Verankerung gefunden. Die Deutung von Welt als Existenz- und Lebensraum der Menschen lässt sich zum einen als ein deskriptiver Akt des historischen Gewordenseins der Menschheit verstehen, zum anderen als Reflexion von Entwicklungen, die sich (auch) darauf beziehen, wie die Gemeinschaften, Nationen, Staaten und Kulturen sich gebildet und dies in ihren jeweiligen, spezifischen Kommunikationsformen ausgedrückt haben. Die Nachschau, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann), bedarf der Betrachtung, wie sich die metaphysischen Wurzeln und Weltbilder, die uns eigen sind, entwickelt haben, beginnend mit der griechisch-römischen Geschichte, bis hin in unsere Zeit (Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt ; Zäsuren abendländischer Epistemologie, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/14403.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Politische Ideen haben, seit Menschen philosophieren und darüber nachdenken, wie sie ein (friedliches, gerechtes, machtvolles, nationales…) Zusammenleben begründen und organisieren können, immer schon zu Konsekrationen, Konsternationen, Konflikten und Konsequenzen geführt. Die Analysen, Bestandsaufnahmen und Forderungen nach nationalen und internationalen Rechtsbefindlichkeiten füllen ganze Bibliotheken. Politisches Denken und Handeln als Menschen-, Partizipations- und Emanzipationsrecht wird bedeutsamer in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt (vgl. dazu auch: Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10879.php). Dass objektives, auf den Grundlagen der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ gründendes politisches Denken und Handeln kontrovers diskutiert wird, hängt ja zum einen damit zusammen, dass eine allgemeinverbindliche globale Ethik ideologischen Vorstellungen widerspricht, zum anderen aber auch damit, dass Demokratie als Lebensform eben (noch) nicht lokales und globales Selbstverständnis ist (siehe dazu auch: Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php). Es bedarf also der Aufklärung (vgl.: Joachim Detjen, Hrsg., Politik in Wissenschaft, Didaktik und Unterricht, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12419.php; sowie

Andreas Eis / Torsten Oppelland / Christian K. Tischner, Politik kulturell verstehen. Politische Kulturforschung in der Politikdidaktik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11440.php).

In der kleinen, handlichen Reihe „Wissen“ des C. H. Beck-Verlags liegt mittlerweile zahlreiche Literatur vor, die in konzentrierter Form gesichertes und verständliches Wissen über die wichtigsten Gebiete aus den Geistes- und Naturwissenschaften anbietet. Der an der Universität Augsburg politische Theorie lehrende Sozialwissenschaftler Marcus Llanque vermittelt mit seiner „Geschichte der politischen Ideen“ einen Überblick über die Jahrtausende alte, weiterhin lebendige Auseinandersetzung über Theorienbildung und praktische Auswirkungen zu Fragen, die mit dem friedlichen und konfliktträchtigen Zusammenleben der Menschen auf der Erde zu tun haben; etwa: „Was ist Macht?“ – „Was bedeutet Gerechtigkeit in der Politik?“ – „Wer soll wen regieren?“. Dabei fokussiert er seine historischen und philosophischen Reflexionen sowohl auf zeitgeschichtliche Zeitenwenden, als auch auf politische Denker, die durch ihr Wirken Einfluss und Innovation von politischen Grundströmungen ausübten und weiterhin ausüben.

Aufbau und Inhalt

Llanque gliedert das Büchlein in 11 Kapitel, wobei er in jedem Teil der Ideengeschichte die Theorien und Konzepte von zwei Denkern der jeweiligen Entstehungszeit diskutiert und auf ihre ergänzenden wie kontroversen Wirkungen überprüft. Im ersten Kapitel sind es Platon aus Athen (428/427 – 348/347 v. Chr.) und Aristoteles von Stageira (384 – 322 v. Chr.), die mit ihren Gedanken zur antiken Demokratie die Grundlagen eines politischen Zusammenlebens der Bürger formulierten und für die folgenden, abendländischen Zeiträume Denkstrukturen schufen, die sich bis heute im wissenschaftlichen Diskurs als Platonismus und Aristotelismus zeigen.

Im mittelalterlichen Denken wirkten die antiken, griechisch-römischen Denkansätze weiter. Sie wurden durch Augustinus von Hippo (354 – 430 n. Chr.) als religiös-christliche Werte festgelegt und konkretisiert, während die „von Gott gegebenen“ Machtverhältnisse Jahrhunderte später von Marsilius von Padua (1290 – 1342/43) kritisiert und mit Verweis auf Aristoteles teilweise in Frage gestellt wurden. Damit leitete er die sich im 15. und 16. Jahrhundert vollziehende Ablösung der Politik von der Religion ein (vgl. dazu auch die ganz aktuelle Diskussion, wie sie in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 29. 11. 2012, S. 66ff mit der Kontroverse: „“Du sollst mit Gott nicht Politik machen!“, Evelyn Finger, und „Ohne Glauben ist kein Staat zu machen“, Wolfgang Thierse).

Die im Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit sich entwickelnden Denkweisen von Moral und Politik und von Humanität und Macht wurden angestoßen und beeinflusst durch die etwa zur gleichen Zeit vorgelegten Schriften „Utopia“ von Thomas Morus (1478 – 1535) und „Il Principe“ von Niccolò Machiavelli (1469 – 1527). Es sind die unterschiedlichen Auffassungen von staatlichem Handeln – sozialpolitische Planbarkeit gesellschaftlicher Strukturen versus Machterhaltung – die den Llanque zu der Schlussfolgerung bringen: „Der Florentiner wollte den Primat des Politischen, der Engländer warnte vor ihrer Allmacht“.

Auch Thomas Hobbes (1588 – 1679) und Lohn Locke (1632 – 1704) ging es um Souveränität und Macht. Während ersterer davon ausging, dass „allen Menschen die Furcht gemeinsam (und) der Mensch selbst (es) sei, der für den Menschen am gefährlichsten ist“, und dadurch es der Macht bedürfe, um das (Natur-)Recht des „Leviathan“ garantieren zu können, setzte sich Locke dafür ein, die Souveränität des Menschen durch das Recht auf Eigentum im umfassenden Sinne des Menschenrechts auf Leben und Freiheit zu gewährleisten und durch einen Gesellschaftsvertrag sicherzustellen.

Die politischen Theoriediskussionen, die sich im Menschenrecht artikulierten, fanden in der Zeit der Aufklärung eine konsequente Weiterentwicklung; mit Charles Louis de Secondat de La Brède et Montesquieu (1689 – 1755) und Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778). Für Montesquieu waren es die jeweiligen sozialen, politischen Konventionen und Mentalitäten, die zum Gelingen oder Misslingen von politischen Ordnungen führen und eines Gleichgewichts von Macht und Herrschaft bedürfen. Für Rousseau ist die „Tugend als Gemeinsinn … Voraussetzung von anhaltender politischer Partizipation“; diese aber müsse durch Aufklärung und Erziehung zur Menschlichkeit erworben werden.

Auf diesen Fundamenten entwickelten sich die Freiheitsbegriffe und -bestrebungen, wie sie im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in der Französischen Revolution zustande kamen und praktiziert wurden. Es waren die unter dem Pseudonym „Publius“ vom Oktober 1787 bis Mai 1788 in New Yorker Zeitungen veröffentlichten „Federalist Papers“, in denen die Kontroversen zwischen den Anti-Federalists und den Federalists um eine gemeinsame Verfassung ausgetragen wurden, mit der Festlegung auf eine starke, von der Elite der Völker dominierte Regierungs- und Machtausübung und gegen überzogene demokratische Ideen. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) hingegen plädierte für die europäische Staaten- und Gesellschaftsentwicklung für eine „Revolution der Denkungsart“. Politik müsse sich, so Kant, an der menschlichen Vernunft orientieren und der Fähigkeit zur „Kritik der Urteilskraft“. Eine internationale Friedensordnung ließe sich durch die Bildung von Staatenbündnissen schaffen; eine Idee, die in der späteren Gründung des Völkerbundes und der Vereinten Nationen wirksam wurde.

Die modernen Widersprüche in Gesellschaft und Politik wurden insbesondere von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) und von Karl Marx (1818 – 1883) aufgedeckt. Während Hegel die Aufhebung der Unfreiheit des Menschen durch „Vergesellschaftung des Individuums“ erreichen wollte, und zwar auf den drei gesellschaftlichen Ebenen – Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat – waren für Karl Marx die Hegelschen Ideen nicht konsequent und radikal genug. Für ihn waren die Entfremdung des Menschen aus dem (natürlichen) Produktionsprozess und die ökonomische Ausbeutung das Kampfmittel für eine „kommunistische Gesellschaft“ (vgl. dazu auch die mittlerweile sich deutlicher zu Wort meldenden neomarxistischen Diskurse, z. B.: Jürgen Meier, „Amokläufe zum Ich…“. Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus. Neue Impulse, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11802.php).

Die Idee von der „Volkssouveränität“, wie sie sich in der Französischen Revolution darstellte und als makrotheoretische Perspektiven weiterhin artikulierte, wurde vom Franzosen Alexis de Tocqueville (1805 – 1859) und dem Engländer John Stuart Mill (1806 – 1873) auf der Ebene des individuellen Denkens und Handelns der Menschen betrachtet. Während ersterer den Demokratiebegriff um die soziale Dimension erweiterte und danach fragte, wie sich soziale Gleichheit auf die Politik auswirke, richtete Mill seine politische und gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf das Parlament als „Zentrum der politischen Meinungsbildung“; er gilt somit als ein wichtiger Vertreter der parlamentarischen Demokratie.

„Demokratie zwischen Realismus und Idealismus“, darüber reflektierten der deutsche Soziologe und politische Theoretiker Max Weber (1864 – 1920) und der US-amerikanischen Demokratietheoretiker John Dewey (1859 – 1952). Für Weber ist es die Macht, die Politik bestimmt, während für Dewey Erfahrung und Erziehung die Garanten für demokratisches Denken und Handeln darstellen. Für Weber bedeutete, dass sich politisches Bewusstsein aus individueller Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß bilden müsse, während Dewey davon überzeugt war, dass Demokratie ohne ein gerechtes Gemeinschaftsleben nicht funktionieren könne.

Die in totalitärer, diktatorischer, nationalsozialistischer und antidemokratischer Politik sich darstellenden Entwicklungen wurden vom Rechtswissenschaftler und politischen Theoretiker Carl Schmitt (1888 – 1985) und dem Frankfurter Sozialtheoretiker Max Horkheimer (1895 – 1973) kontrovers diskutiert. Während Schmitt im imperialen Großraum eine Abgrenzung von einem, wie er meinte, nicht einlösbarem Gleichheitsgedanken sah und von daher auch ein allgemeingültiges, globales Menschenrecht ablehnte, war Horkheimer davon überzeugt, dass nur eine „Emanzipation der Massen“ eine gleiche und gerechte politische Ordnung herstellen könne. In der „Dialektik der Aufklärung“, die er zusammen mit Theodor Adorno formulierte, erkannte Horkheimer, dass es einer Theorie bedürfe, die „als kritische Analyse der bestehenden Gesellschaftsformationen und ihrer politischen Depravationen“ Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten bot.

Das elfte und letzte Kapitel schließlich setzt sich mit der Gegenwart auseinander und bestimmt die Jetztzeit als „das Zeitalter der Menschenrechte“. Mit Hanna Arendt und Jürgen Habermas werden wiederum unterschiedliche Positionen definiert, die sich jedoch treffen in der Überzeugung, dass es eines globalen Normenbewusstseins bedarf, um Gerechtigkeit (John Rawls) und Gouvernmentalität (Michel Foucault) im Rahmen einer (neuen) Weltordnung zu schaffen.

Fazit

Die „Geschichte der politischen Ideen“ ist natürlich noch nicht zu Ende geschrieben; denn Politik ist kein abgeschlossenes Fatum, sondern ein Prozess, der von politisch denkenden, aufgeklärten Menschen bestimmt wird. „Gerade aus der Einsicht fortwährender Konkurrenz von Theorien erwächst der größte Gewinn der Ideengeschichte für das politische Denken heute“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.01.2013 zu: Marcus Llanque: Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck (München) 2012. ISBN 978-3-406-63846-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14296.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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