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Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Europa

Cover Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Europa. Analysen und Länderberichte. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 179 Seiten. ISBN 978-3-8340-1103-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 19.
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Thema

Die Analyse der Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit und das Kontextwissen darüber, wie sich die jeweilige nationale Sozialpolitik auf zentrale Diskurse und Praxen der Sozialen Arbeit auswirkt, sind notwendige Voraussetzungen für das Verständnis Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession. Die unpolitische und „selbstreferentielle“ Professionsdiskussion und -politik der letzten Jahre habe – so die Herausgeber – den Blick darüber vernebelt, „dass die Aufgaben Sozialer Arbeit staatlich bestimmt sind und damit immer etwas mit den staatlichen Zwecksetzungen zu tun haben, die sich auf die Durchsetzung von Wachstum als dem A und O eines kapitalistischen Produktionsverhältnisses beziehen“ (Dahme/Wohlfahrt S. 8). Aus dieser Erkenntnis heraus ist es notwendig und an der Zeit, die Folgen der Politik des aktivierenden Staates bzw. der Europäischen Union genauer zu benennen und analytisch zu fassen, um daraus Schlussfolgerungen für die Soziale Arbeit zu ziehen.

Damit ist die Grundhypothese formuliert und das Themenfeld des Sammelbandes abgesteckt. Die Herausgeber haben acht Autoren und eine Autorin gewinnen können, die aus dieser kritischen Perspektive heraus einen Überblick über die Situation der Sozialen Arbeit in einigen Ländern der EU und der Schweiz geben.

In den Länderberichten werden erstens die jeweilige Systematik der Sozialen Arbeit und aktuelle Probleme bzw. Folgen der Politik des aktivierenden Staates für die Soziale Arbeit in den beteiligten Ländern vorgestellt. Diese Texte erfüllen mehrere Funktionen. Sie stehen erstens für sich in ihrem länderspezifischen Informationsgehalt und sind für die deutsche Leserschaft ein wichtiger Wissensfundus über die Soziale Arbeit in dem entsprechenden Land. Zweitens geben die ausführlichen Länderberichte Hinweise für die Weiterentwicklung der europäischen und ländervergleichenden Forschung und Systematik in der Wissenschaft der Sozialen Arbeit (Friesenhahn/Kniephoff-Knebel 2011). Die Analysen über Soziale Arbeit in anderen Ländern ermöglichen drittens immer auch eine veränderte Perspektive auf die Soziale Arbeit in der Bundesrepublik und sind schließlich viertens – aus der Perspektive der Herausgeber – ein wichtiger Beleg für die Hypothese von der Dequalifizierung Sozialer Arbeit in Folge aktivierender Politik in Europa und führen zur Notwendigkeit einer stärkeren Rückkehr bzw. Neuorientierung an sozialpolitischen und politisch-ökonomischen Wissensbeständen und Positionen.

Herausgeber

  • Heinz -Jürgen Dahme ist Professor für Verwaltungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Forschungsschwerpunkte: Kommunale Sozialverwaltung und soziale Dienste.
  • Norbert Wohlfahrt ist Professor für Sozialmanagement an der Ev. Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Forschungsschwerpunkt: Entwicklung Sozialer Dienste, Wohlfahrtsverbände, Sozialpolitik und Sozialstaat

Die beiden Herausgeber arbeiten seit vielen Jahren in unterschiedlichen Publikationsprojekten zusammen. Sie beschäftigten sich mit den Folgen des aktivierenden Staates für Träger, Beschäftigte und AdressatInnen und vertreten in den Bereichen Sozialmanagement und Sozialwirtschaft eine kritische Lesart der sozialpolitischen Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte. Der aktuelle – hier zu rezensierende – europäische Sammelband vervollständigt u.a. ihre früheren gemeinsamen Publikationen als Autoren und Herausgeber zur Rolle des Lokalen in der sozialpolitischen Aktivierungsstrategie (Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.)(2010)) und zur Theoriediskussion um Gerechtigkeit (Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt (2012): Ungleich gerecht? Kritik moderner Gerechtigkeitsdiskurse und ihrer theoretischen Grundlagen.

Der hier zu rezensierende Sammelband, der den deutschen Diskurs europäisch erweitert, besteht aus zehn abgeschlossenen Beiträgen, in denen die Produktionsbedingungen der Sozialen Arbeit in acht Ländern einschließlich der Bundesrepublik Deutschland aufgearbeitet werden.

Aufbau

Die Publikation beginnt mit einem inhaltlich einführenden Beitrag von Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt über die Relevanz der Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit für die Professionsdiskussion und -praxis in nationaler und internationaler Perspektive (7-32).

Es folgen sechs detaillierte Länderstudien.

  1. Roger Smith (Professor in Social Work, Durham University) schreibt über Soziale Arbeit in Großbritannien mit dem Titel: „Der einzige Weg zum Ziel? Sozialarbeit, der Markt und die ‚Gesellschaft‘. Trends in der Sozialarbeit Großbritanniens (33-50).
  2. Der niederländische Beitrag von Daniel Wienke (Projektleiter des nationalen Jugendinstituts) und Jan Hesselink (Dozent an unterschiedlichen holländischen und deutschen Hochschulen) ist überschrieben mit: „Die ‚neue‘ Soziale Arbeit in den Niederlanden“ (51-62).
  3. Juha Hämäläinen, (Professor für Soziale Arbeit in Eastern Finland) beschäftigt sich mit der Sozialen Arbeit in Finnland (63 – 78).
  4. Marc Diebäcker (Professor an der FH in Wien) analysiert die Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Österreich (79-96) und
  5. Peter Herrmann (Dozent an der Uni Cork) schreibt über die Situation in Irland (97-114).
  6. Wilfried Nodes (Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit – DBSH) und Norbert Wohlfahrt untersuchen die „aktuellen Entwicklungen der Produktion Sozialer Arbeit in Deutschland“ (113-132) und
  7. Heike Güdel (Dipl. Sozialarbeiterin der Stadt Bern) analysiert die Soziale Arbeit in der Schweiz am Beispiel der Stadt Bern (133-150).

Es folgt ein vergleichender Beitrag, in dem die Konzepte des Case bzw. Care Managements in Großbritannien, Schweden und Deutschland miteinander in Beziehung gesetzt werden (Eckhard Hansen, Professor in Kassel, 151-174), bevor sich abschließend die Herausgeber kurz mit der Frage nach der Entwicklung eines europäischen Dienstleistungsregimes auseinandersetzen. Der englische Beitrag wurde übersetzt, die anderen Texte sind von den Autoren und der Autorin in deutscher Sprache abgefasst worden.

Inhalt

In dem zentralen Einleitungsbeitrag der Herausgeber werden die wichtigsten „Determinanten der Produktion Sozialer Arbeit“ aufgeführt und für die Bundesrepublik erläutert. Sie formulieren ihre Erkenntnisse in einem Analysemodell, das als Hintergrundfolie für die gesamte Diskussion und die publizierten Länderbeiträge gelten kann. Ausgangspunkt für die Beschreibung der Sozialen Arbeit eines Landes sind auf der ersten Ebene die sozialstaatlichen Rahmenbedingungen, deren Komplexität nur im Rückgriff auf Wirtschaft, Politik und politische Kultur erfasst werden kann. Der Sozialstaat schafft einerseits „mittels seiner Gesetzgebung die Grundlagen der Finanzierung Sozialer Arbeit “ (S. 9) und ist andererseits abhängig von der Wirtschaftspolitik. Auf der zweiten Ebene geht es um die Trägerstrukturen in der Sozialen Arbeit, mit denen die Leistungserbringung erfolgt und auf der dritten Ebene um das Personal, das die Leistungen im Spagat zwischen Fachlichkeit und Ökonomisierung zu erbringen hat (Professionalisierung). In der vierten Analyseebene stehen die AdressatInnen, Hilfsbedürftigen, Teilnehmenden oder Nutzer sozialer Dienste im Blickpunkt.

Für Dahme/Wohlfahrt ist die Soziale Arbeit in der Bundesrepublik und Europa von der „Produktion sozialer Arbeit unter den Bedingungen von Wettbewerb und managerieller Steuerung“ geprägt. Diesem Phänomen gehen sie auf den vier Ebenen des Modells nach. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich in den letzten Jahren die „Governance des Wohlfahrtsstaates“ verändert hat und der Wettbewerb des Marktes für die Erstellung öffentlicher Dienstleistungen nutzbar gemacht wurde (S. 13), was zu problematischen Folgen für die Soziale Arbeit als Profession in Richtung einer De-Professionalisierung geführt hat. Dabei gehen sie im Anschluss an die deutsche Situation von einer hohen Professionalität in der Vergangenheit aus, die allerdings nicht in allen europäischen Ländern gegeben ist. Soziale Arbeit hat – so die Autoren – in der Realität immer nur eine ganz bestimmte Sozialpolitik zu vollziehen, kompensiert diese Ohnmacht aber mit Leugnung der politischen Dimension und einem idealistischen, unpolitischen Methodendiskurs, der die Illusion eigener Fachlichkeit nährt. In Erweiterung auf die europäische Perspektive wird das europäische Sozialmodell „als ein Modell zur Förderung der individuellen und nationalen Wettbewerbsfähigkeit“ dargestellt (S. 17) und auch die Aufweichung des Begriffs „Dienstleistungen nichtwirtschaftlichen Charakters“ (S. 21) durch das europäische Wettbewerbsrecht kritisiert. Anzumerken ist, dass dies auch die Angewandte Forschung der Hochschulen betrifft, deren Forschungsaktivitäten für und mit der Praxis nunmehr als Dienstleistungen mit wirtschaftlichem Charakter angesehen werden können und damit z.B. Aktions- und Praxisforschung nicht mehr als freie unabhängige Forschung, sondern als Auftragsforschung interpretiert werden kann, ein Umstand, der bisher unzureichend in der Disziplin skandalisiert wurde.

Ein grundsätzliches Fazit der Autoren lautet: „Die Unterfinanzierung sozialer Dienste und Kostenkonkurrenz sind konstitutive Merkmale des neuen wettbewerblichen Ordnungsrahmens. Die oben angesprochene Verwandlung des sozialen Dienstleistungssektors zu einem Niedriglohnsektor mit den damit verbundenen Prekarisierungstendenzen in der sozialen Arbeit sind Folge einer politisch gewollten und forciert durchgesetzten Kostendämpfungsstrategie, die mit den Zielen der EU übereinstimmt.“ (S. 23f).

In den sehr kenntnisreichen Länderberichten, in denen wichtige grundlegende Informationen über die Soziale Arbeit in den besprochenen Ländern aufgearbeitet werden, beschreiben die Autoren die jeweiligen Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Großbritannien, den Niederlanden, Finnland, Österreich, Irland und der Bundesrepublik. Sie tun dies mit dem Anspruch einer Gesamtanalyse über die Soziale Arbeit in den genannten Ländern. Die Autoren bestätigen die von den Herausgebern auf den Begriff gebrachte Grundrichtung der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit in ihren Ländern. Sie weisen aber auch detailliert auf die spezifischen Facetten dieser Prozesse in ihren Ländern hin, die aus Sicht der jeweiligen nationalen Sozialen Arbeit und unterschiedlicher Ausgangssituationen nicht immer nur negativ zu beurteilen sind, sondern wie z.B. in Irland in einigen Bereichen auch zu einem Professionalisierungsschub geführt haben. Im Folgenden kann nicht auf alle Beiträge eingegangen werden.

Die Verankerung der Sozialen Arbeit im finnischen Wohlfahrtssystem - so Juha Hämälainen – ist Ausgangspunkt der Privatisierung sozialer Dienstleistungen, die sich in einzelnen Bereichen unterschiedlich ausgewirkt hat, so dass ein abschließendes Urteil über die Entwicklung schwer möglich ist. Aus deutscher Perspektive ist der enge Zusammenhang zwischen Jugendhilfesystem und Schulsystem in Finnland bemerkenswert („Integration durch soziale Sicherheit und Bildung“). Dieses Konzept wird allmählich auch in der deutschen Diskussion um die Weiterentwicklung des Bildungssystems zwar programmatisch geschätzt, aber immer noch unzureichend umgesetzt.

Im Beitrag über die Niederlande kommen die Autoren zu folgender Schlussfolgerung: “Die Träger werden durch die neue Sozialpolitik immer mehr verleitet, die fachliche Arbeit als ein möglichst kostengünstiges Angebot zu organisieren und die Zielgruppen ihrer Arbeit wie die Anzahl der Klienten möglichst gering zu halten. Positiv zu bewerten ist dagegen das methodische Erproben effektiver Interventionsformen und deren Übernahme in das Methodenarsenal der Einrichtungen“ (Weinke/Hesselink, S. 61).

Für die Schweiz, bzw. den Kanton Basel, bearbeitet Heike Güdel den Konflikt zwischen demokratischen Errungenschaften – im Sinne der direkten Demokratie auf lokaler und regionaler Ebene – und „der ökonomischen Forderung nach Effizienz“. Ihr Urteil lautet: „Die methodischen Möglichkeiten der Sozialen Arbeit werden in der Perspektive des Aktivierungsparadigmas schlicht missachtet, nicht wahrgenommen oder einseitig ausgelegt.“ (S. 147) Mit dieser Entwicklung wird die Tradition und Praxis der direkten Demokratie ausgehöhlt.

Abschließend ist auf die komparative Arbeit von Eckhard Hansen hinzuweisen, der mit der Anlage seines Beitrags einen Schritt über die Länderberichte hinausgeht. Er vergleicht – in der Beschränkung auf diesen spezifischen Ausschnitt der Sozialen Arbeit – die Einführung und Implementierung des Case/Care Managements in Großbritannien, Schweden und Deutschland. An diesem Text zeigt sich, wie voraussetzungsvoll eine national-vergleichende Analyse ist. Er konstatiert die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit in allen drei beteiligten Ländern und erläutert deren spezifische nationale Ausprägungen, die sehr unterschiedlich sind. Er warnt – ganz im Sinne der Herausgeber – vor einer Aushöhlung der Fachlichkeit und Professionalität durch „managerialistische Prinzipien“, die in der Konsequenz eine wissenschaftliche Hochschulbildung überflüssig machen, denn „methodische und berufsethische Grundlagen stören allenfalls das verfahrenstechnisch geprägte Handeln.“ (S.166).

Diskussion

Der Sammelband „Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Europa“ ist unter mindestens zwei Gesichtspunkten zu analysieren und zu bewerten.

Erstens in seiner Funktion als fachlicher Beitrag in der Diskussion über Soziale Arbeit in Europa. Die einzelnen Länderberichte geben alle ein detailliertes und aktuelles Wissen über die Soziale Arbeit in den einzelnen europäischen Ländern wieder und sind deshalb – auch angesichts der spärlichen deutschsprachigen Literaturlage – alle lesens- und empfehlenswert, da sie wichtige Informationen über die Soziale Arbeit in den beteiligten Ländern vorhalten. Allerdings gelingt es nicht allen Autoren, die komplexe Thematik für die bundesdeutsche Leserschaft optimal aufzubereiten und voraussetzungslos verstehbar zu machen. Es entstehen Missverständnisse, wenn z.B. Begriffe unpräzise benutzt werden und unklar bleibt was z.B. mit Kinder- und Jugendhilfe, Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialer Arbeit im jeweiligen Land gemeint ist. So wird der deutsche Begriff ‚Jugendarbeit‘ in einem Text falsch als das Gesamt der Jugendhilfemaßnahmen bezeichnet, ohne dass deutlich gemacht wird, dass im deutschen Fachdiskurs Jugendarbeit definiert ist als (sozial- und jugend)pädagogische Arbeit mit und von Jugendlichen nach § 11 (und § 12) SGB VIII als Freizeit, Gesellung und Bildung, die sich konzeptionell an alle Jugendliche eines Gemeinwesens wendet. Dieser Übersetzungsfehler geschieht z.B. auch an anderer Stelle in europäischen Dokumenten und führt dazu, dass die Unterschiede zwischen Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung und arbeitspolitischen Maßnahmen für Jugendliche verschwimmen und nonformale Bildungsarbeit mit Jugendlichen in der deutschsprachigen Jugendarbeits-Tradition ‚unbemerkt‘ für die europäische Employability-Strategie instrumentalisiert werden kann. Ein anderes Beispiel ist der Begriff der ‚Erwachsenenarbeit‘, der in der Übersetzung des englischen Beitrags benützt wird, obwohl er im deutschen Fachdiskurs der Sozialen Arbeit nicht verwandt wird. Mit dieser Kritik an der nicht immer präzisen Verwendung der jeweiligen Fachtermini in einigen Beiträgen soll auch auf ein grundlegendes Anliegen der europäischen und international vergleichenden Sozialen Arbeit aufmerksam gemacht werden. Texte über Soziale Arbeit in anderen Ländern sind sehr voraussetzungsvoll und die soziale Arbeit steht erst am Anfang einer systematischen Beschäftigung mit der europäischen und vergleichenden Dimension Sozialer Arbeit. Der Sammelband von Dahme/Wohlfahrt leistet einen wichtigen Beitrag zur Schließung dieser Lücke. Wünschenswert wäre nun ein weiterer Sammelband mit Beiträgen aus süd- und osteuropäischen Ländern.

Zweitens geht es um die Hypothese des Zusammenhangs von Ökonomisierung und Entprofessionalisierung der Sozialen Arbeit in den Ländern der Europäischen Union. Hier kommen die AutorInnen bei aller länderspezifischen Differenzierung zu dem Ergebnis, dass sich die Verbetriebswirtschaftlichung in vielen Bereichen auf die Soziale Arbeit und ihre AdressatInnen negativ ausgewirkt hat bzw. weiter auswirkt und somit zurecht von einem allgemeinen Trend in Europa zu sprechen ist. Diese sozialpolitische Positionierung, die in den einzelnen Länderberichten nachgezeichnet wird, ist für den Leser und die Leserin gut nachvollziehbar und wird aktuell und differenziert dargestellt. Zum besseren Verständnis des jeweiligen länderspezifischen Fachdiskurses wäre es aber hilfreich gewesen, wenn auch die Argumente der Befürworter der Aktivierungspolitik in den einzelnen Ländern kurz benannt worden wären. Abschließend ist zu kritisieren, dass die Frage nach dem Einfluss der europäischen Sozial- Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik zu kurz abgehandelt wird. Hier hätte ein ausführlicherer Beitrag zum europäischen Dienstleistungsregime den Band noch besser abgerundet.

Fazit

Der vonHeinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrtherausgegebene Sammelband „Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Europa“ liefert eine bedeutsame Analysefolie über die Soziale Arbeit in Europa und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des fachlichen Diskurses. Die Kritik an den Folgen des aktivierenden Staates und der Rolle der EU bei der Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen und deren Folgen für die Profession Sozialer Arbeit sind nach der Lektüre evident. Der Band sollte als Standardlektüre in der Hochschulbildung sowohl unter den Aspekten der Ökonomisierung Sozialer Arbeit als auch der europäischen Dimension Sozialer Arbeit eingesetzt werden. Für die VertreterInnen der politischen Administration und für die PraktikerInnen im Rahmen des europäischen Peer-Learning Prozesses in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie ist er ein „Muss“.

Die Erkenntnisse des Buches sind eine klare Absage an die naive, aber oft politisch lancierte Vorstellung, über „best practice“ Ansätze in anderen europäischen Ländern vermeintlich Innovatives für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe bzw. der Sozialen Arbeit in der Bundesrepublik lernen zu können. Der Band macht stattdessen deutlich, dass eine genaue Analyse des sozialpolitischen Kontextes und der unterschiedlichen Verfasstheit der Sozialen Arbeit in den anderen europäischen Ländern für die Weiterentwicklung der bundesdeutschen Sozialen Arbeit – auch im Fachkräfteaustausch und in multinationalen Praxisprojekten – eine unbedingte Voraussetzung ist.

Literatur:

  • Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt 2010). (Hrsg.): Regiert das Lokale das Soziale? Die Kommunalisierung und Dezentralisierung sozialer Dienste als sozialpolitische Reformstrategie. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010.
  • Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt: Ungleich gerecht? Kritik moderner Gerechtigkeitsdiskurse und ihrer theoretischen Grundlagen. VSA Verlag (Hamburg) 2012.
  • Günter J. Friesenhahn, Anette Kniephoff-Knebel: Europäische Dimensionen Sozialer Arbeit. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2011.

Rezensent
Prof. Dr. Andreas Thimmel
TH Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Leiter des Forschungsschwerpunkts Nonformale Bildung
Homepage www.th-koeln.de/angewandte-sozialwissenschaften/for ...
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Zitiervorschlag
Andreas Thimmel. Rezension vom 09.09.2013 zu: Heinz-Jürgen Dahme, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Produktionsbedingungen Sozialer Arbeit in Europa. Analysen und Länderberichte. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-1103-9. Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14307.php, Datum des Zugriffs 21.05.2019.


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