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Andrea Newerla: Verwirrte pflegen, verwirrte Pflege?

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 07.10.2013

Cover Andrea Newerla: Verwirrte pflegen, verwirrte Pflege? ISBN 978-3-643-11757-1

Andrea Newerla: Verwirrte pflegen, verwirrte Pflege? Handlungsprobleme und Handlungsstrategien in der stationären Pflege von Menschen mit Demenz ; eine ethnographische Studie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2012. 292 Seiten. ISBN 978-3-643-11757-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 47,90 sFr.
Reihe: Demenz - Band 3
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Thema

Demenz ist gegenwärtig in vielen Bereichen der Wissenschaften ein interessantes Thema geworden. Beschäftigten sich früher überwiegend Mediziner mit dieser Erkrankung, so sind in den letzten Jahrzehnten Pflegende, Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und auch Hauswirtschaftsmitarbeiter hinzugekommen, denn diese Berufsgruppen sind aufgrund ihrer Tätigkeit in den Pflegeheimen mit der Pflege, Betreuung und Versorgung Demenzkranker beschäftigt. In den letzten Jahren hingegen ist vermehrt zu beobachten, dass sich nun auch Personengruppe, die keinen unmittelbaren beruflichen Bezug zur Demenz besitzen wie Philosophen, Linguisten, Theologen und Soziologen, auch dieser Thematik teils in Gestalt von Projekten und Qualifikationsarbeiten nähern.

Autorin

Dr. Andrea Newerla ist Soziologin (M.A.) und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Die vorliegende Arbeit besteht aus der gekürzten Fassung ihrer Dissertation. Ihr Promotionsvorhaben wurde durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Graduiertenkollegs „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ der Universitäten Marburg und Bielefeld von 2007 bis 2010 gefördert.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in sieben Kapiteln untergliedert.

In Kapitel 1 (Einleitung, Seite 9 – 13) wird ein einführender Überblick über die Demenzkranken im Pflegeheim mit den damit verbundenen Aspekten der demenzspezifischen Verhaltensweisen und ihre Auswirkungen auf die Pflege und Betreuung gegeben. Des Weiteren werden die Veränderungen im Heim durch die Einführung der Pflegeversicherung beschrieben, die als zunehmende Ökonomisierung der Pflege charakterisiert wird. Eine Folge dieses sozialpolitischen Strukturwandels besteht aus einer deutlichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Pflegesektor.

Kapitel 2 (Das theoretische Instrumentarium, Seite 27 – 82) enthält zu Beginn die Explikation des theoretischen Bezugsrahmens der Studie. Vorrangig wird hierbei auf die Ausführungen des Philosophen Michel Foucault mit seinen historischen und gesellschaftspolitischen Einschätzungen zurückgegriffen („Bio-Macht“, „Bio-Politik“ und „Gouvernementalität“). Es folgen Ausführungen über die Ökonomisierung der Pflege im Kontext des Neoliberalismus anhand der Effizienzstrategien, der Auslagerung und Privatisierung staatlicher Leistungen. Die Autorin sieht hier die Entwicklung von „Pflegesektor“ hin zu einem „Pflegemarkt“. Folgen hiervon sind u. a. die Normierung und Standardisierung aller Leistungen (u. a. „Qualitätsstandards“), die als „Quasi-Taylorisierung“ bezeichnet wird.

In Kapitel 3 (Zum methodischen Vorgehen, Seite 83 – 99) werden die einzelnen Arbeitsschritte der Untersuchung dargestellt. Andrea Newerla bezeichnet ihr Vorgehen als so genannte „soziologisch-ethnographische Feldforschung“, die aus einer teilnehmenden Beobachtung von vier Monaten in einem Altenpflegeheim und zwei Monaten in einer so genannten „Demenz-Wohngemeinschaft“ besteht. Vor dem so genannten „Feldeinsatz“ fand eine Dokumentenanalyse im Archiv der Beschwerdestelle der „Vereinigung Integrations-Förderung e. V.“ statt. Zusätzlich wurden 12 qualitative Leitfadeninterviews mit so genannten „Feldakteur_innen“ geführt. Das Datenmaterial (40 Feldprotokolle, 12 Interviews und „etliche Memos“) wurde nach den Regeln der „Grounded Theory“ nach Strauss und Corbin ausgewertet.

Kapitel 4 (Demenz: medizinische oder soziale Kategorie?, Seite 101 – 118) enthält Ausführungen über den gegenwärtig kontrovers geführten Diskurs über die Einordnung der Demenz. Dabei werden von der Autorin die „Pathologisierung der Demenz“ und das „kognitive Paradigma“ u. a. als Ursachen gesehen, warum die Pflegenden die Demenzkranken als krank und hilfebedürftig wahrnehmen.

In Kapitel 5 (Menschen mit Demenz im Spannungsfeld von Markt und Fürsorge, Seite 119 – 176) werden verschiedene Beobachtungsinhalte dargestellt und teils kritisch hinterfragt wie die nächtlichen Runden zwecks Überprüfung der Inkontinenzeinlagen und die umfangreichen Dokumentationsarbeiten. Bemühungen der Pflegenden, die Demenzkranken zum Trinken anzuregen, werden als „gouvernementale Praktiken der Bio-Macht“ und somit als „Disziplinierung“ eingeschätzt.

In Kapitel 6 (Lösungsstrategien in der Pflege von Menschen mit Demenz, Seite 177 – 257) wird die kritische Analyse des Pflegealltags fortgesetzt, wenn u. a. von „repressiven Pflegestrategien und Zwangsverhältnissen“ berichtet wird. Hierbei wird u. a. der Einsatz von Psychopharmaka (Haldol) als Bedarfsmedikation kritisiert. Ablenkungs- und Beruhigungsstrategien werden als „Lügen“ und damit als „Praktiken der Gefühlsbeeinflussung“ („gouvernementale Pflegestrategien“) bezeichnet.

In Kapitel 7 (Schluss, Seite 259 – 272) werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und im Rahmen der bestehenden sozialen Strukturen, die durch die Pflegeversicherung und die Gegebenheiten im stationären Bereich der Altenhilfe vorgegeben sind, kritisch betrachtet.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit besteht aus dem Ansinnen, durch eine teilnehmende Beobachtung in einem Altenpflegeheim und einer „Demenz-Wohngemeinschaft“ den Rahmen der Handlungsmöglichkeiten Pflegender im Umgang mit Demenzkranken unter den erschwerten Bedingungen der Ökonomisierung des Pflegesektors zu ermitteln. Dass dieses Vorhaben nicht gelingen konnte, lässt sich u. a. mit folgenden Mängeln begründen:

  • Der Autorin lässt nicht das nötige fachliche Wissen über Demenz zur Beurteilung des Verhaltens der Demenzkranken und auch der Pflegenden erkennen. Ihr diesbezügliches Hintergrundwissen beschränkt sich auf Demenzpflegekonzepte ohne Wirksamkeitsnachweise, die sich bewusst einer neuropathologischen Fundierung entsagen. Auf dieser Grundlage unterstellt sie den Pflegenden unangemessene „Deutungsmuster“ im Umgang mit den Demenzkranken. Zugleich weist sie den Demenzkranken Kompetenzen zu, die im mittleren Stadium der Erkrankung aufgrund des hirnpathologischen Abbauprozesses nicht mehr gegeben sind (u. a. „Eigenständigkeit“).
  • Es fehlt ein adäquater Bezugsrahmen zur Beurteilung und Einordnung der eigenen Resultate, der in der Regel durch den aktuellen Erkenntnistand im jeweiligen Fachgebiet entfaltet wird. Der bloße Rückgriff auf die abstrakt sozialphilosophischen Ausführungen von Foucault als Interpretationsrahmen der Untersuchungsergebnisse ohne Aufarbeitung der einschlägigen Fachliteratur wird dem komplexen Themenkomplex Demenzpflege nicht gerecht. Diese Vorgehensweise erscheint willkürlich und lässt sich nicht aus der Fragestellung ableiten.
  • Dem Modell einer privat organisierten „Demenz-Wohngemeinschaft“, die außerhalb des Heimrechts quasi fachlich unkontrolliert fungieren kann, auf der Grundlage einer nur zweimonatigen Anwesenheit den Vorzug gegenüber einem Heimaufenthalt zu geben, mag als persönliche Einschätzung durchgehen, fachlich fundiert ist diese Aussage jedoch nicht. Wenn die Autorin diesbezüglich auch noch „Risikobereitschaft“ einfordert, wird es aus der Sicht des Rezensenten für die Betroffenen geradezu gefährlich.

Fazit

Wenn ein Gegenstandsbereich aufgrund unzureichenden Wissens nicht angemessen erfasst und bewertet werden kann, dann dürfen auch keine neuen Erkenntnisse für die Forschung und ebenso für die Praxis der Demenzpflege erwartet werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 07.10.2013 zu: Andrea Newerla: Verwirrte pflegen, verwirrte Pflege? Handlungsprobleme und Handlungsstrategien in der stationären Pflege von Menschen mit Demenz ; eine ethnographische Studie. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2012. ISBN 978-3-643-11757-1. Reihe: Demenz - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14315.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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