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Johann Behrens, Andreas Weber u.a. (Hrsg.): Von der fürsorglichen Bevormundung zur [...] Teilhabe

Cover Johann Behrens, Andreas Weber, Michael Schubert (Hrsg.): Von der fürsorglichen Bevormundung über die organisierte Unverantwortlichkeit zur professionsgestützten selbstbestimmten Teilhabe? Beiträge zur Transformation des Gesundheits- und Sozialsystems nach 1989. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 371 Seiten. ISBN 978-3-86649-499-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Worum geht es in diesen Beiträgen zur Umgestaltung des Gesundheits- und Sozialsystems nach der Wende? An ausgewählten und empirisch untersuchten Themen, die vor allem aus den Bereichen der Rehabilitation und der Pflege stammen, soll der Weg von der fürsorglichen Bevormundung des in weiten Teilen um den Betrieb gruppierten Gesundheits- und Sozialsystems der DDR über die sich in der Umbruchs- und Folgezeit auf hochorganisierten und hochdifferenzierten Niveau manifestierende organisierte Unverantwortlichkeit im vereinten Gesundheits- und Sozialsystem der neuen Bundesrepublik bis hin zu dem gegenwärtig propagierten Zielen beschrieben werden, die Gesundheits- und Sozialpolitik auf Selbstbestimmung und Teilhabe am Leben der Gesellschaft neu auszurichten. Diese zurzeit favorisierte Politik soll vor allem aufgrund verstärkter Orientierung der Professionen an dem individuellen Bedürfnis des Patienten bzw. Hilfebedürftigen erreicht werden und aufgrund der Strategie der Evidence-Basierung, also der ausschließlichen Anwendung von Behandlungsarten, deren Wirksamkeit empirisch nachgewiesen ist. Ob diese und andere Strategien erfolgreich umgesetzt werden können und Autonomie und Partizipation sich zu neuen Merkmalen des Gesundheits- und Sozialsystems herausbilden, steht in diesem Buch zur Diskussion.

Entstehungshintergrund

Die in diesem Band vorgestellten Aufsätze beruhen alle auf den Ergebnissen des Projektbereiches C 5 des Sonderforschungsbereiches (SFB) 580 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der sich insgesamt mit den gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem Systemumbruch beschäftigte (2004-2012). „Rehabilitation zwischen Transformation und Weiterentwicklung – Individualisierung und Differenzierung von Rehabilitation im Falle gesundheitsbedingter Exklusionsrisiken in Ost-und Westdeutschland, Schweden, Schweiz, Italien und Tschechien“, so lautet genau der etwas sperrige Titel dieses Projektbereiches. Da alle Autoren im Projekt C 5 gearbeitet haben, können sie an dieser Stelle schon genannt werden: Christiane Becker, Johann Behrens, Almuth Berg, Stefffen Fleischer, Anke Höhne, Gero Langer, Silke Lorenz, Katrin Parthier, Michael Schubert, Yvonne Selinger, Andreas Weber, Markus Zimmermann. Anja Bathe, Susanne Saal und Susanne Weidemann lieferten von den Autoren benutzte Expertisen.

Aufbau und Inhalt

Versuchen wir die im lesenswerten Vorwort und im Einleitungs- und Überblickskapitel (Teil 1, erster Aufsatz) dargestellte grundlegende Fragestellung zusammenzufassen: Der kommunistische Grundsatz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ gilt nach dem Systemumbruch dem Anspruch nach ausschließlich für das System der Krankenversorgung; dabei wird durch Kontrollmechanismen sehr wohl darauf geachtet, dass das leistungsunabhängige Bedürfnisprinzip nur im Krankheitsfalle in Anspruch genommen werden kann. Natürlich ist die Tendenz gewaltig, in dieses Teilsystem zu kommen, um dem Bedürfnis nach behandelt zu werden: Medikalisierung oder Therapie statt Strafe sind dazugehörige Stichworte. Doch ist auch klar, dass das System der Krankenversorgung ebenso auf die von anderen Verteilungsprinzipien (z. B. Kaufkraft) beherrschten gesellschaftlichen Bereiche ausgreifen muss, um die Gesundheitsziele letztendlich zu erreichen, wie am Beispiel der Rehabilitation und Pflege in besonderer Weise gezeigt werden kann. Man braucht nur an die entsprechend notwendige Ausrichtung der Arbeitsbedingungen, des Wohn- und Lebensumfeldes und der kommunalen Infrastruktur zu denken. Um den individualisierenden Verteilungsprinzipien nach Fähigkeiten und nach Bedürfnissen, den gesetzlichen Normen des Systems der Krankenversorgung also, Geltung zu verschaffen, werden – unter den Bedingungen der Knappheit der Mittel und fehlender paradiesischer Zustände wegen - Rationalisierungs-, Evidencebasierungs-, Inklusions- und Integrationsstrategien eingesetzt.

Unter den angewandten Strategien gilt die Evidence-Basierung als das Mittel der Wahl, Fehl- und Überversorgung am Individuum und in der Gesellschaft zu vermeiden. Aber – und das ist ein eminent wichtiges Ergebnis der hier vorgestellten Forschungsergebnisse – organmedizinische Diagnose und alle Therapieerfahrungen der Welt (externe Evidence) sind allein und ausschließlich nicht in der Lage, den individuellen Bedarf festzulegen. Hierzu bedarf es der „Begegnung mit den je einzigartigen Patienten und Pflegebedürftigen“ (interne Evidence).

Alle Strategien werden in den einzelnen Beiträgen danach befragt, wie erfolgreich sie sind – gemessen an den für das System der Krankenversorgung und der pflegerisch unterstützten Gesundheitsförderung geltenden Normen der Individualität und Bedarfsgerechtigkeit sowie im Hinblick auf die angestrebten Normen der Autonomie und Partizipation. Es wird besonders am Beispiel des Schlaganfalles empirisch nachgewiesen, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit, Norm und Realität auseinanderklaffen und wie viel Optimierungsarbeit noch zu leisten ist.

Der erste Teil der Veröffentlichung thematisiert die Transformation von der fürsorglichen Bevormundung zur organisierten Unverantwortlichkeit… und zählt 5 Beiträge:

  • „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“- Rehabilitation und Pflege nach dem Systemumbruch
  • Betriebszentrierte Gesundheits- und Sozialpolitik in der DDR: Rehabilitation und Reintegrationsmechanismen vor der Transformation
  • Rehabilitative Inklusion versus Exklusion durch organisierte Unverantwortlichkeit am Beispiel der Rehabilitation nach Schlaganfall
  • Bedarfsgerechte Steuerung und Qualitätsentwicklung der stationären Langzeitpflege- Eine rationalisierungstheoretische Untersuchung am Beispiel des Resident Assessment Instrument (RAI)
  • Erwerbsbezogene Inklusion und gesundheitsbedingte Exklusionsrisiken am Beispiel institutioneller Strukturen und Prozesse der Arbeitsverwaltung

Der zweite Teil thematisiert die professionsgestützte selbstbestimmte Teilhabe und zählt 7 Beiträge:

  • Blieb nach 1989 nur die Diätetik als Lehre richtigen Lebens übrig? Das Funktionssystem der Krankenversorgung, das Funktionssystem pflegerischer gesundheitsförderlicher Unterstützung und die Nebenwirkungen von Gesundheitsaposteln auf soziale Ungleichheit
  • Die „Gesellschaft der Individuen“ geht „in Rehabilitation“: Medizinische Rehabilitation in Zeiten der Individualisierung
  • Internationale vergleichende Analyse der Leitlinien zur Rehabilitation nach Schlaganfall- als Strategie der Unterfütterung alltäglicher, professionell an je einzigartigen Patienten orientierter Pflege mit externer Evidence
  • Pflege im Kontext von Differenzierungsprozessen im System der Krankenbehandlung
  • Inkludierende individuelle Indikation und die handlungswissenschaftliche Rationalisierungsstrategie der Evidence-Basierung: Jedem nach seinen Bedürfnissen
  • Soziologie der Pflege und Soziologie des Professions-Systems „pflegerische Unterstützung“
  • Auf dem Weg zur selbstbestimmten Teilhabe trotz Pflegebedürftigkeit in europäischen Ländern

Es folgen ein 45seitiges Literaturverzeichnis und eine 14 Seiten umfassende Auflistung der Publikationen des Teilprojektes C 5 des SFB 580 von 2004 bis 2011 sowie ein Abbildungsverzeichnis. Mit einer Liste aller beteiligten Autoren schließt der Band ab.

Diskussion

Man kann kritisieren, dass die fürsorgliche Bevormundung der DDR in der Darstellung zu kurz kommt, nur in einem einzigen Aufsatz behandelt und auch nicht auf der Grundlage einer Auswertung empirischer Materialien beschrieben wird. Sicherlich sind einige der erforschten Mängel in der Versorgung des Schlaganfalles nicht erst seit diesen Projektstudien bekannt wie die fehlende Abstimmung der beteiligten Institutionen und Professionen und die Vernachlässigung der Arbeit mit Angehörigen sowie die mangelnde Beachtung der Nachsorge und des Lebensalltages der Betroffenen. Auch stört ein wenig der Gebrauch einer an Niklas Luhmann orientierten Terminologie und Sichtweise, deren Darstellung stellenweise einem soziologischen Grundkurs gleichkommt. Es bleiben jedoch für den Leser eine Fülle von Einsichten in das Rehabilitationsgeschehen und in die Theorie und Praxis der Pflege und ein vergleichender Blick auf die Situation in ausgewählten europäischen Ländern.

Fazit

Keinen Zweifel gibt es daran, dass die Lektüre für alle an Rehabilitation und Pflege beteiligten Professionen und für alle anderen Interessierten gewinnbringend ist, weil sie den gegenwärtigen Stand der Versorgungsforschung repräsentiert und zudem Perspektiven der Optimierung des Status quo aufzeigt. Es wäre wünschenswert, wenn es für solche Sonderforschungsbereiche zur Regel würde, die interessierte Öffentlichkeit auf eine so überzeugende Weise von ihren Ergebnissen zu unterrichten, wie es diese Publikation tut.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 19.08.2013 zu: Johann Behrens, Andreas Weber, Michael Schubert (Hrsg.): Von der fürsorglichen Bevormundung über die organisierte Unverantwortlichkeit zur professionsgestützten selbstbestimmten Teilhabe? Beiträge zur Transformation des Gesundheits- und Sozialsystems nach 1989. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-499-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14316.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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