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Franziska Schmahl: Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen

Cover Franziska Schmahl: Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen. Bedingungen und Folgen partnerschaftlicher Bedürfniserfüllung. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2012. 319 Seiten. ISBN 978-3-89574-797-7. 27,80 EUR.

Wissenschaftliche Schriftenreihe Psychologie - Band 22.
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Thema und Entstehungshintergrund

Mit der Publikation „Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen. Bedingungen und Folgen partnerschaftlicher Bedürfniserfüllung“ legt Franziska Schmahl das Ergebnis ihrer Dissertation vor. Als Psychologin wertet sie Daten einer großen deutschen Paar- und Familienstudie aus, die als Längsschnitt angelegt ist. Es handelt sich bei diesem Datensatz um pairfam, „Panel Analysis of Intimate Relationships and Family Dynamics“, dessen großer Vorteil es ist, dass mehrere Personen im Haushalt und diese jährlich immer wieder befragt werden.

Schmahl untersucht im Rahmen ihrer Dissertation neben dem Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen der Partner auch den Einfluss des jeweiligen Lebens- und Partnerschaftskontextes und den des Interaktionsverhaltens auf die Erfüllung der basalen Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel werden die theoretischen Konzepte dargelegt, an denen sich die Sekundäranalyse orientiert. Hierzu gehören Konzepte, die sich mit Autonomie und Verbundenheit und deren Bedeutung für die Gestaltung von Paarbeziehungen befassen. Zusätzlich werden allgemeine Partnerschaftsmodelle vorgestellt, die einerseits die Bedeutung individueller Merkmale, des Partnerschaftskontextes und des partnerschaftlichen Interaktionsverhaltens für die Partnerschaftsqualität betonen. Schließlich wird hier das methodische Vorgehen erläutert.

In den folgenden Kapiteln werden die Ergebnisse vorgestellt.

Im Kapitel 2 zeigt Schmahl, dass es vier verschiedene Typen der Bedürfniserfüllung in Paarbeziehungen gibt. Sie identifiziert bei 13% der Paare eine defizitäre Bedürfniserfüllung in beiden Bedürfnisdimensionen, also sowohl bezogen auf Autonomie als auch bezogen auf Verbundenheit. Bei 27% der Paare identifiziert sie eine verbundenheitsreduzierte Bedürfniserfüllung. 60% waren durch eine abgestimmte Balance von Autonomie und Verbundenheit oder durch eine autonomiereduzierte hohe partnerschaftliche Verbundenheit geprägt. Für Männer schien es offensichtlich schwieriger als für Frauen sich in einer Partnerschaft selbstbestimmt und autonom zu fühlen. Mit der Dauer der Beziehung wächst der Anteil der als defizitär erlebten Muster der Bedürfniserfüllung. Bei Paaren, die Eltern geworden waren, nahmen das Zusammengehörigkeitsgefühl und beziehungsfokussierte Aktivitäten stärker ab als bei Paaren ohne Kinder. Personen mit geringerer Bildung gaben häufiger eine geringere partnerschaftliche Bedürfniserfüllung an.

Die Balance von partnerschaftlicher Verbundenheit und von Autonomie hat einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden von Frauen. Dieser Effekt ließ sich bei Männern nicht nachweisen. Für das Wohlbefinden von Männern scheint es ausreichend zu sein, wenn mindestens eines der Bedürfnisse, das nach Verbundenheit oder das nach Autonomie, erfüllt wird. Eine geringe Bedürfniserfüllung auf beiden Bedürfnisdimensionen beeinträchtigt nicht nur das individuelle Wohlbefinden der Partner, sondern auch die wahrgenommene Partnerschaftsqualität. Eine defizitäre Bedürfniserfüllung führt bei Frauen zu einem deutlich stärkeren Anstieg der wahrgenommenen Instabilität der Partnerschaft als bei Männern. Schmahl kann auch zeigen, dass Paare mit einer geringen Bedürfniserfüllung im Vergleich zu Paaren mit einer hohen, weniger zu einer Zukunftsorientierung und Verfestigung ihrer Paarbeziehung neigen. Zusammenziehen, Eheschließung und die Geburt eines Kindes treten also bei Paaren, die zu einem früheren Zeitpunkt eine geringe Bedürfniserfüllung berichtet haben, seltener auf. Insbesondere die Erfüllung des Verbundenheitsbedürfnisses ist für das Voranschreiten der Institutionalisierung der Partnerschaft relevant. Schmahl konzediert das die gefundenen Effekte nicht allzu stark sind und führt dies darauf zurück, dass die Partnerschaftsentwicklung bei einem Teil der Paare stärker von äußeren Ereignissen oder familialen Normen als von der Beziehungsqualität bestimmt sein könnten.

Im Kapitel 3 geht Schmahl der Bedeutung individueller Merkmale und der von Merkmalen des Interaktionsverhaltens für die Erfüllung der Bedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen nach.

Im Kapitel 4 wird schließlich die vergleichsweise geringe Bedeutung des sozialen Kontextes von Partnerschaften für deren partnerschaftliche Verbundenheit und Autonomie aufgezeigt. So haben der sozioökonomische Status des Paares, der Übergang zur Elternschaft, sowie gesundheitliche Belastungen der Partner kaum Einfluss auf die partnerschaftliche Bedürfniserfüllung. Nur hat die seit mehr als einem Jahr bestehende Elternschaft einen negativen Effekt auf die partnerschaftliche Bedürfniserfüllung. Ausschließlich bei Frauen führt eine gesundheitliche Beeinträchtigung zu einer leichten Reduktion der Verbundenheit mit dem Partner. Von erheblich größerer Bedeutung für die Erfüllung partnerschaftlicher Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit ist der paarinterne Stress, der zumindest teilweise durch das Interaktionsverhalten der Partner entsteht. In diesem Zusammenhang spielt ein hohes wahrgenommenes Konfliktniveau in der Partnerschaft eine Rolle. Paarexterner und paarinterner Stress können sich teilweise gegenseitig verstärken.

Im abschließenden Kapitel 5 bietet Schmahl einen Überblick über ihre Befunde und integriert sie noch einmal in den aktuellen Forschungsstand.

Fazit

Insgesamt liefert Schmahl sehr differenzierte Befunde zu den Bedingungen und Folgen partnerschaftlicher Bedürfniserfüllung. Bei der Interpretation ihrer Ergebnisse erweist sie sich als außerordentlich vorsichtig und liefert dennoch immer wieder weiterführende Ideen. Bei der Diskussion ihrer Ergebnisse erweist sie sich als offen für unterschiedliche mögliche Erklärungen, die, wie sie selbst betont, in künftigen Analysen weiter geprüft werden müssten. Gleichzeitig bindet sie, wo immer möglich, Ergebnisse aus anderen Untersuchungen in die Diskussion ihrer Befunde ein. Mit dieser Arbeit hat Schmahl die Paarforschung in Deutschland um einen wichtigen Baustein bereichert. Die Arbeit verweist auch auf Ansatzpunkte zur praktischen Förderung partnerschaftlicher Bedürfniserfüllung.


Rezensentin
Dr. habil. Waltraud Cornelißen
Homepage w-cornelissen.de
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Zitiervorschlag
Waltraud Cornelißen. Rezension vom 20.09.2013 zu: Franziska Schmahl: Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen. Bedingungen und Folgen partnerschaftlicher Bedürfniserfüllung. Verlag Dr. Köster (Berlin) 2012. ISBN 978-3-89574-797-7. Wissenschaftliche Schriftenreihe Psychologie - Band 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14320.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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