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Silvia Müller: Mea Culpa? [...] Tatverarbeitung bei [...] Gewalt- und Sexualstraftätern

Cover Silvia Müller: Mea Culpa? Zur Tatverarbeitung in Therapie und Prognose bei (traumatisierten) Gewalt- und Sexualstraftätern. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2012. 566 Seiten. ISBN 978-3-86676-260-2. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR.

Schriftenreihe forensische Sozialwissenschaften - Band 4 Weiterer Untertitel: Eine empirische Annäherung an das Konstrukt Tatverarbeitung im Kontext von Kriminaltherapie und Legalprognose unter besonderer Berücksichtigung Persönlichkeitsakzentuierungen, Belastungssymptomen und Tathergangsparametern.
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Thema

Die Behandlung von Gewalt- und Sexualstraftätern sieht als zentrales Element die Beeinflussung kriminogener Einstellungen und Verhaltensbereitschaften vor, um eine Minderung des Rückfallrisikos zu ermöglichen. Kriminaltherapeutische Methoden unterstützen entsprechend die Tatverarbeitung, also die Fähigkeit des Täters sein Deliktverhalten zu verstehen, typische Muster zu erkennen und in Bezug zu Risikokonstellationen zu setzen. Die vorliegende Studie erfasst solche Tatverarbeitungsprozesse im Kontext von Kriminaltherapie und Legalprognose unter besonderer Berücksichtigung von Persönlichkeitsakzentuierungen, Belastungssymptomen und Tathergangsparametern.

Autorin

Silvia Müller, Dipl. Psychologin und Dipl. Pädagogin arbeitet als Abteilungsleiterin im Jugendstrafvollzug (Sozialtherapeutische Abteilung mit den Schwerpunkten Gewalt- und Sexualstraftätertherapie, Personalverantwortung) und war als Lehrbeauftragte am Psychologischen Institut der Universität Kiel tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie wurde von der Christian-Albrechts-Universität – Kiel als Dissertation angenommen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung die in grundlegende Überlegungen zur Thematik einführt, folgen sechs Kapitel, in denen die theoretischen Grundlagen der Studie, die Ableitung der Fragestellung, das methodische Vorgehen, die Darstellung und Diskussion der Forschungsergebnisse dargestellt werden.

In Kapitel zwei werden theoretische und empirische Hintergründe des Konstrukts Tatverarbeitung aus theoretisch-wissenschaftlicher und methodisch-praktischer Perspektive erfasst. Die Autorin arbeitet grundlegende Erkenntnisse über Komponenten der Auseinandersetzung mit dem Tatgeschehen heraus und setzt diese in Bezug zu theoretischen und empirisch belegten Befunden des Tatbedingungsgefüges (Persönlichkeitsmerkmale, Tatkonstellation). Müller referiert dazu eine Vielzahl relevanter kriminologischer, rechtspsychologischer und forensisch-psychiatrischer Studien und Methodenansätze, welche die Bedingungsfaktoren für eine Auseinandersetzung mit Deliktverhalten i. S. einer Tatverarbeitung umreisen, z. B. Aspekte der Verantwortungsübernahme, kognitive Verzerrungen, Empathiefähigkeit und Persönlichkeitsmerkmale .

Der Bezug zu konkreten Verhaltensweisen des Täters und spezifischen Charakteristika des Tathergangs (bspw. Ausmaß der Gewaltanwendung, Planungsverhalten) werden in Kapitel drei thematisiert. Silvia Müller beschreibt hier den Ansatz und die Vorgehensweise der Tathergangsanalyse und diskutiert diese in Hinblick auf therapeutische sowie legalprognostische Implikationen. Dazu werden Aspekte der Täter-Opfer-Beziehung, sowie die Deliktrekonstruktion und die Analyse des Deliktszenario in ihren einzelnen Abschnitten, z. B. Tatvorlaufphase, -planung, -durchführung und Nachtatverhalten, als wesentlich für die Auswahl angemessener Therapieoptionen herausgearbeitet. So können auf Grundlage der genauen Kenntnis der Tatumstände z. B. vorhandene Externalisierungs- und Bagatellisierungstendenzen der Täter identifiziert und bearbeitet werden.

Die Ebene biografisch relevanter, prädeliktischer Erfahrungen, vor allem frühkindlicher Belastungen, werden im Kontext der Diskussion eines „Cycle of Violence“, also im Bedingungsgefüge delinquenter Entwicklungsverläufe erörtert (Kapitel vier). Silvia Müller referiert hier die gängigen empirischen Forschungsergebnisse internationaler Studien zum Täter-Opfer-Statuswechsel und erarbeitet hierzu vor allem tatverarbeitungsrelevante Veränderungen in den Bereichen Wahrnehmung und Affektregulation. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf deliktspezifische Merkmale wie z. B. die Kontrollierbarkeit der Tatsituation gerichtet.

Kapitel fünf erläutert den Zusammenhang von Kriminalprognose und Tatverarbeitung und fragt danach, welchen Stellenwert dieser Aspekt in legalprognostischen Beurteilungen einnehmen kann. Schwerpunkt dieser Überlegungen ist die Frage, ob die Auseinandersetzung mit dem Delikt, also Unrechtseinsicht, Hinterfragen eigener dysfunktionaler Denk- und Verhaltensmuster und daraus folgend Verantwortungsübernahme, rückfallhemmende Merkmale darstellen. Diese Überlegungen werden im Kontext prognostischer Anlässe (Behandlungs-, Lockerungs- und Entlassprognosen) und gängiger Prognosemethoden und -herangehensweisen diskutiert.

Vor dem Hintergrund der in den vorangegangenen Kapiteln erarbeiteten theoretischen Grundlagen erfolgt im sechsten Kapitel die Ableitung der Fragestellungen der vorliegenden empirischen Studie. Schwerpunkte sind hier die

  • Konstruktion eines Fragebogens zur Erfassung der Tatverarbeitung (in Therapieprozessen),
  • Auswirkungen der Tatverarbeitung auf die Legalprognose,
  • Überprüfung möglicher Zusammenhänge zwischen Bereitschaft der Verantwortungsübernahme (für das Delikt) und Merkmalen des Tathergangs und
  • Relevanz postdeliktischer Belastungsmerkmale und deren Auswirkung auf die Tatverarbeitung.

Kapitel sieben beschreibt das Untersuchungsdesign, vor allem die Operationalisierung des Merkmals Tatverarbeitung (Fragebogen zur Erfassung von Tatverarbeitung – TAF-R und Checkliste zur Aktenanalyse), sowie die Studiendurchführung. Müller bezieht sich in ihrer Fragebogenkonstruktion auf 12 anerkannte Testverfahren (u. a. „How I Think Questionnaire“, Multiphasic Sex Inventory“, „Fragebogen zur Prisonisierung“ und „Fragebogen zur Tatverarbeitung und Wiedergutmachung“) aus dem ein Pool von 75 Items, welche die Tatverarbeitung potentiell erfassen können generiert wurde. Aus diesen Items werden vier Subskalen (Tatverantwortung, generelle Verantwortungsübernahme, Empathiefähigkeit und Opferempathie) generiert und daraus schließlich ein Fragebogen zur Erfassung von Tatverarbeitung (TAF) und schließlich nach Durchführung einer Pilotstudie dessen Weiterentwicklung – TAF-R extrahiert.

Die Darstellung der Ergebnisse in Kapitel acht beinhaltet die Beschreibung der Stichprobe in ihren soziodemografischen, psychopathologischen und deliktbezogenen Merkmalen, die Darstellung der statistischen Werte zur Erfassung der täterbezogenen Aspekte (Persönlichkeitsakzentuierungen, Belastungssymptome, „Psychopathy“) sowie die Beantwortung der hypothesenbezogenen Fragestellungen. Aus der Fülle der präsentierten Daten ergeben sich Hinweise, dass der von der Autorin konstruierte Fragebogen eine ausreichende Ausführungs- und Auswertungsobjektivität aufweist, die Subskalen des TAF-R deskriptive Analysen ermöglichen, welche eine Einschätzung der Tatverarbeitung erlauben, jedoch indivualdiagnostische Beurteilungen bei noch ausstehender Normierung des Fragebogens derzeit noch nicht möglich sind. Weiter konnten Hinweise erarbeitet werden, die einen Zusammenhang zwischen Parametern des Tathergangs sowie dem Vorliegen von Vorstrafenbelastung und der tatbezogenen Verantwortungsübernahme belegen. Bspw. konnte so die Hypothese, dass Vorbestrafte mit geringerer Gewaltvorbelastung ein stärkeres Ausmaß an tatbezogener Verantwortungsübernahme zeigen als Täter, deren Delinquenzanamnese eine entsprechende Belastung aufweist, bestätigt werden. Bemerkenswert sind die Ergebnisse zum Zusammenhang postdeliktischer Belastungssymptome und Ausmaß an tatbezogener Verantwortungsübernahme. Die Analyse des Datenmaterials belegt, dass Täter, die typischen Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen (Intrusionen, Vermeidung und Hyperarousal), ein höheres Ausmaß an tatbezogener Verantwortungsübernahme berichten, als nicht belastete Täter. Hinsichtlich der prädeliktischen Belastungsmerkmale berichten Sexualstraftäter eine statistisch signifikant höhere Belastung als Gewaltstraftäter. Deutlich fallen auch die empirischen Belege für eine Beziehung zwischen Tatverarbeitung und Kriminalprognose auf. Hier zeigt sich, dass ein als gering eingeschätztes Risiko künftiger Straffälligkeit mit hohen Werten für die tatverarbeitungsrelevanten Subkonstrukte (Opferempathie, Verantwortungsübernahme etc.) korrespondiert.

Überzeugend ausführlich und kritisch erfolgt im abschließenden Kapitel neun die Diskussion der Untersuchungsergebnisse. Silvia Müller gibt hier einen exakten Einblick in Probleme der Stichprobengenerierung und -zusammensetzung, deren Repräsentativität, der Untersuchungsinstrumente (z. B. Selbstbeurteilungsverfahren, Aktenanalyse). Die erbrachten empirischen Befunde zum Zusammenhang zwischen Tatverarbeitung im Rahmen kriminaltherapeutischer Arbeit und Verbesserung der Kriminalprognose werden kritisch hinterfragt, z. B. als rein rethorische Leistung der Probanden (345) , die evtl. nur gelernt haben passende sprachliche Leistungen zu entwickeln, ohne dass diese mit inneren Veränderungsprozessen verbunden wären. Ähnlich gründlich setzt sich die Autorin mit dem erhobenen Zusammenhang zwischen Tatverarbeitungsparametern und Kriminalprognose auseinander. Einschränkend, mit Hinweis auf den Entwicklungscharakter des selbst entwickelten und in der vorliegenden Studie erprobten TAF-R belegt Silvia Müller, dass mit diesem Fragebogen zur Erfassung von Tatverarbeitung ein reliables und ausreichend valides Instrument entwickelt wurde.

Zielgruppe

Die vorliegende Studie richtet sich an erfahrene PraktikerInnen die im Bereich der Kriminaltherapie tätig und an einer objektiven, auf wissenschaftlichen Grundlagen begründeten Messung von Therapieeffekten interessiert sind. Daneben ist der Band beispielhaft für junge Wissenschaftler, die im Bereich der Kriminaltherapie forschen wollen. Sie erhalten wertvolle Hinweise für den Aufbau wissenschaftlicher Studiendesigns, die Auswahl von Messinstrumenten und einen kritisch-verantwortlichen Umgang mit dem erhobenen Datenmaterial.

Diskussion

Die Arbeit von Silvia Müller bietet dreierlei:

  1. Einen hervorragenden Überblick zur Thematik Tathergangsanalyse, Verarbeitungsmechanismen und Persönlichkeitseigenschaften von Gewaltstraftätern in Kriminaltherapien, gut zusammen gefasst und von daher ein Gewinn für alle die einen Überblick suchen.
  2. Eine sehr saubere und transparente Darstellung der methodischen Herangehensweise und des Studiendesigns. Die Autorin präsentiert einen beispielhaften Studienbericht, der für die Planung eigener empirischer Untersuchungen wertvolle Hinweise geben kann.
  3. Ein wichtiges Instrument (als weit entwickelter Entwurf) eines Fragebogens, der Tatverarbeitungsprozesse in Tätertherapien erfasst und Rückschlüsse auf kriminalprognostische Aussagen empirisch begründbar macht.

Dadurch wird ein wichtiger Diskussionsbeitrag zur Messung von Therapieeffekten und ihrer kriminalprognostischen Relevanz geleistet. Durch die Fokussierung auf Deliktverarbeitungsaspekte wird ein in den bislang vorliegenden Instrumenten (z. B. Urbaniok 2004) wenig berücksichtigter Therapie- und Prognosebereich ergänzt. Damit werden dann auch Forderungen nach einer wissenschaftlich exakten und begründbaren Einschätzung von Therapieeffekten und deren tatsächliche Bedeutung für die Legalprognose erfüllt. Die vorliegende Studie kann trotz ihres sehr guten Aufbaus, ihres enormen Umfangs und die kluge Auswertung des Datenmaterials lediglich erste Hinweise für eine Messung von Tatverarbeitungsmerkmalen geben. Die Autorin weist auf die Vorläufigkeit ihrer Befunde selbst hin (380). Allerdings wird mit der von Müller entwickelten und in der Anwendung überprüften Version eines Fragebogens zur Erfassung von Tatverarbeitung (TAF-R) ein beachtlicher Schritt getan, der zu weiteren Forschungsaktivitäten animiert. Die anstehenden Fragen und Untersuchungsgegenstände werden in der sehr überzeugenden Studie, auch als Aufforderung für weitere Forschungstätigkeit, formuliert. Oder wie die Autorin schreibt: „Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tatverarbeitung ist … wie diese Variable selbst … als fortlaufender Prozess zu verstehen“ (382).

Fazit

Ein wichtiger Beitrag zur Messung von Effekten in Tätertherapien. Mit dem hier vorgestellten Fragebogen zur Tatverarbeitung wird ein seriöses Instrument eingeführt, das in einer späteren Weiterentwicklung als Standardinstrument zur Messung von Therapieeffekten und deren kriminalprognostischen Relevanz Anwendung finden wird.

Diese Forschungsarbeit ermöglicht einen ersten empirischen Zugang zur diagnostischen Einschätzung der Beurteilungskriterien von Tatverarbeitungsparametern. Die konstituierenden Komponenten des TAF-R (tatbezogene und generelle Verantwortungsübernahme, Opferempathie, Empathiefähigkeit) geben wichtige Hinweise auf die Gestaltung kriminaltherapeutischer Behandlungsstrategien. Durch die empirische Erfassung biografischer Aspekte und die Benennung prä-, peri- und postdeliktischer Belastungssymptome bei Straftätern wird zudem die seit Jahren geforderte Berücksichtigung von Tatfolgen (auf Täterebene) und Täterbedürfnissen (eigene Belastungserfahrungen) in Tätertherapien umgesetzt. Die herkömmlichen Ansatzpunkte kriminaltherapeutischer Arbeit wie Deliktrekonstruktion und Rückfallvermeidungsstrategien erfahren so eine zusätzliche, wichtige Dimension.

Literatur

  • Urbaniok, F. (2004). FOTRES: Forensisches operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System. Oberhofen: Zytglogge

Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 27.02.2013 zu: Silvia Müller: Mea Culpa? Zur Tatverarbeitung in Therapie und Prognose bei (traumatisierten) Gewalt- und Sexualstraftätern. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2012. ISBN 978-3-86676-260-2. Schriftenreihe forensische Sozialwissenschaften - Band 4 Weiterer Untertitel: Eine empirische Annäherung an das Konstrukt Tatverarbeitung im Kontext von Kriminaltherapie und Legalprognose unter besonderer Berücksichtigung Persönlichkeitsakzentuierungen, Belastungssymptomen und Tathergangsparametern. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14327.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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