socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder? [...]

Cover Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder - dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Gedanken zur Kinderbetreuung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 39 Seiten. ISBN 978-3-407-85970-9. D: 4,95 EUR, A: 5,10 EUR, CH: 7,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das kleine, nur 32 inhaltliche Seiten umfassende Buch möchte eine „Streitschrift“ sein, welche zur „Selbstbestimmung von Eltern“ aufruft und sich für eine „dramatische Verbesserung der Qualität unserer Kinderkrippen und Kindergärten“ stark macht. (Klappentext).

Autor

Jesper Juul aus Dänemark ist Lehrer, Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor.

Aufbau und Inhalt

Jesper Juul lässt von Beginn an keinen Zweifel an seiner Position: Das politische Ziel der EU, so viele Kinder wie möglich im Alter von 0 bis 6 Jahren in Tageseinrichtungen unterzubringen, kommt für ihn eher einer „Zwangsmaßnahme“ gleich und hat „mit demokratischen Gepflogenheiten nichts zu tun“ (S. 6). Was danach kommt, ist – metaphorisch gesprochen – mit dicken Pinseln aus einem schwarzen und einem weißen Farbeimer gemalt und zeigt ein vortreffliches Schwarz-Weiß-Bild. Was in diesem Bild fehlt, sind die vielen Farben, die zum Leben dazugehören. Die daraus resultierende Eindimensionalität zieht sich wie ein roter Faden durch die „Streitschrift“. So sieht er – vereinfachend ausgedrückt, wie er selbst anführt (S. 7) – bei den Eltern „zwei unterschiedliche und im Gegensatz zueinander stehende Lebenseinstellung vorherrschend. Da sind die einen, die sich darauf konzentrieren, dass es ihren Kindern einfach gut geht (.), während die anderen von der Möglichkeit schwärmen, sich ihre Kinder (.) entwerfen zu können.“ (S. 7). Was danach folgt, ist zum einen durchaus nachvollziehbar, zum Teil sicherlich auch richtig, aber letztlich sehr unbestimmt. Es ist eben nicht einfach, sehr komplexe und auch sicherlich widersprüchliche Prozesse auf wenigen Seiten stimmig und nachvollziehbar abzuhandeln.

Juul versucht aus dieser Klemme zu entkommen, indem er verschiedene Strategien einsetzt. Zum einen wählt er immer wieder eine „sowohl-als-auch-Position“. Obwohl Kinderkrippen nach seiner Aussage nicht eingerichtet wurden, um die Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, kann er anerkennen, dass es in vielen Ländern gelungen ist, die Qualität der Institutionen so weiterzuentwickeln, dass sie den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder Rechnung tragen (S. 5). Er sieht auch etwa 10 Prozent Kinder aus „dysfunktionalen Familien“, die vielleicht eine bessere Kindheit erleben, weil sie in Kinderkrippe und Kindergarten gehen dürfen (S. 6).

Es ist Juul uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er ausführt, dass nicht allgemein beantwortet werden kann, was für Kinder „das Beste“ ist. Eltern sind gut beraten, darüber nachzudenken und möglichst danach zu handeln, was für ihr Kind das Beste sein könnte. Wenn Juul dann die politische Dimension streift, wird er kunstvoll vage. Die Politik versagt und die Eltern bleiben (als Wähler) passiv (S. 12). Hätte Juul sich doch aufraffen können, hier etwas von seinen Erkenntnissen weiterzugeben, wer weiß, ob das Eltern nicht hätte zum Nachdenken anregen können. Wirklich daneben liegt Jesper Juul, wenn er anführt, dass es zur Frage „Ist eine Tageseinrichtung oder die Betreuung in der Familie besser für das Kind“ keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt (S. 14). Richtig ist hier wohl, dass er keine kennt. Hätte er beispielsweise die über dreißigjährige Langzeitstudie des National Institute for Child Health Care (NICHC) angeführt, wären viele seiner Aussagen nachvollziehbarer geworden. Es kommt nämlich im Einzelfall darauf an, was bessere Resultate zeigt. Grundsätzlich gilt, dass die Qualität der Betreuungsrelation und die fachliche Qualität der Professionellen darüber entscheidet, wie förderlich das Angebot einer Tageseinrichtung sein kann. Dabei ist Juul zuzustimmen, dass es ein Skandal ist, dass nicht die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt werden. Es ist aber schlicht zu billig, nur auf zu wenig qualifizierte Erzieherinnen und deren veraltete Ausbildung abzuheben (S. 15).

Juul schwingt dann über zu pädagogischen und Haltungsfragen. Ausgehend von seinen Erfahrungen in Dänemark vor ca. 40 bzw. 30 Jahren bezieht er sich auf eine aktuelle dänische Zufriedenheitsstudie von 2012, wonach 20 Prozent der befragten Jungen zwischen 3 und 6 Jahren sich in der Einrichtung nicht wohl fühlen. Für ihn ist dieses Ergebnis alarmierend, weil gleichzeitig die weiblichen Fachkräfte ebenfalls 20 Prozent der Jungen als „problematisch“ einschätzen. Und das nur, „weil sich die Jungen wie Jungen benehmen in Einrichtungen, die von Frauen geführt werden, die sich am Umgang mit netten Mädchen orientieren“ (S. 18). Das dies auch völlig anders sein könnte, erfordere nur, ein „paar Routinen zu ändern, und die Fähigkeit, die eigene Begrenztheit zu erkennen (S. 19). Er führt dann das Beispiel des dreijährigen Martins an. Ein wunderschönes Beispiel, welches nur eine zentrale Problematik aufweist: Wo bekommen bitte die Erzieherinnen unter den real gegebenen Bedingungen in Deutschland das notwendige Maß an Zeit her, um so arbeiten zu können? Es bleibt unklar, was Juul zur Vorstellung einer starken Konkurrenz zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften führt (S. 24). Was er auf den folgenden Seiten seiner „Streitschrift“ ausführt, kann aus erziehungswissenschaftlicher Sicht weitgehend akzeptiert werden – alleine: die (gesellschaftlichen) Verhältnisse, sie sind nicht so! Einmal angefangen verfällt Juul in einen deutlich missionarischen und teilweise auch belehrenden Ton. Möglicherweise meldet sich hier der alte Lehreranteil in ihm mächtig zu Wort. Dazu passt dann – wie beim bekannten Wort zum Sonntag – der wohl aufrüttelnd gemeinte Appell an die Eltern, sich selbst zu bemühen. Da er hier so wunderbar allgemein bleibt, können sich Eltern wie aus einer Wundertüte einen Appell herausziehen, der ihnen zusagt.

Diskussion

Von der Anlage des Buches her könnte man meinen, dass hier ein kleiner Erziehungsratgeber in Form einer „Streitschrift“ vorliegt, der heutige Eltern ermutigen will, sich dem verbreiteten Druck zu entziehen, indem andere Erziehungsprämissen gewählt werden.

Problematisch an dieser „Streitschrift“ zeigt sich die Tendenz des Autors, mit mehr oder weniger holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Argumentationen zu operieren. Die angerissene Gesellschaftsbeschreibung und -analyse ist eine seltsame Mischung aus Halbwahrheiten, populistischen Stammtischparolen und pädagogisch erhobenem Zeigefinger. Mehr Fakten, mehr schlüssige Argumente und mehr persönliche Positionsbestimmung wären hier dem hohen Anspruch einer Streitschrift angemessen gewesen.

Zielgruppen

Von der Anlage des Buches ist ersichtlich, dass es sich an Eltern richtet. Da eine solide wissenschaftliche Fundierung fehlt, eignet es sich für die Bereiche von Ausbildung und Studium nicht.

Fazit

Es könnte sich die sicherlich provokante Frage stellen, ob hier mit einem sehr preiswerten Büchlein neue, nach Orientierung suchende Eltern an die umfangreichen Publikationen von Jesper Juul herangeführt werden sollten. Möglicherweise könnte das Resultat dann ambivalent ausfallen. Die in dem Buch ausgeführte wertschätzende Haltung zu Entwicklungsbedürfnissen von Kindern kann Eltern im besten Fall unterstützen, mehr Sicherheit im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln. Denkbar wäre aber auch, dass Eltern und auch Fachkräfte sich nicht verstanden fühlen, weil zu oft der erhobene Zeigefinder des Lehrers im Spiel ist. Zu vermuten ist, dass Jesper Juul selten in eine deutsche Kinderkrippe oder Kindertageseinrichtung kommt. Er hätte sonst mehr Wertschätzung für all die vielen engagierten Erzieherinnen und Erzieher zeigen können, die trotz aller strukturellen Mängel im System ihr Bestes geben, um mit einer liebevollen und unterstützenden Begleitung dazu beizutragen, dass sich die ihnen anvertrauten Kinder so gut wie möglich entwickeln können. Mehr belegte Argumente anstelle von Polemik hätte geholfen, den Nutzen des Buches – von den Verkaufszahlen einmal abgesehen – zu vergrößern.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
E-Mail Mailformular


Alle 84 Rezensionen von Peter Bünder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 25.01.2013 zu: Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder - dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Gedanken zur Kinderbetreuung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-407-85970-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14335.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung