socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jürgen Bittner: Von der Aggression zur Selbstbehauptung

Cover Jürgen Bittner: Von der Aggression zur Selbstbehauptung. Ein pädagogisches Konzept zur Gewaltprävention. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-942976-07-7. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR, CH: 30,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der Autor beschäftigt sich mit dem Thema Gewaltprävention. Dabei berichtet er über ein eigenes, dialogisch und gestalttherapeutisch geprägtes Konzept, das jugendliche Gewalttäter unterstützt, einen Ausweg aus der Aggression zu einer Haltung zu finden, die er „Selbstbehauptung“ nennt. Diese Haltung ermöglich es dem Jugendlichen sich zu verändern.

Autor

Der Autor ist Gestalttherapeut und Supervisor. Er arbeitet in eigener psychotherapeutischen Praxis und als Präventionsfachkraft in einer Jugendberatungsstelle. Seit 2004 beschäftigt er sich intensiv mit innerpsychischen und intersubjektiven Dynamiken von Gewaltphänomenen.

Entstehungshintergrund

Das Training basiert auf dem Menschenbild nach Martin Buber und den Entdeckungen nach Fritz Perls.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil beschreibt der Autor die theoretischen Grundlagen seiner Methode, aber auch die Mechanismen, die Gewalt entstehen lässt und die Wahlmöglichkeiten, die Menschen in einer Konfrontationssituation haben. Schließlich erläutert er, wie er zu seinen Teilnehmern kommt und welche Klärungsprozesse diese durchlaufen, um zu der Gruppe zugelassen zu werden.
  2. Im zweiten Teil zeigt er an einem fiktiven Ablauf einer Gruppe, wie die Arbeit in einer Gruppe abläuft, welche Punkte bearbeitet werden und wie die Teilnehmer durch die Höhen und Tiefen des Trainings mit ihrer eigenen Selbstentwicklung gehen.

Inhalt

Einleitung. Der Autor für in das Thema ein. Im Mittelpunkt steht ein Menschenbild der Wertschätzung für die Andersartigkeit des Anderen, die Achtsamkeit für ihn als Person, die Bereitschaft und der Wille an seinem persönlichen Erleben teilzuhaben und die Offenheit, sich von dem anderen berühren zu lassen, was vom Anderen gesehen und gespürt wird. Das geht ein her mit dem Erkennengeben der eigenen Werte und Sichtweisen, ohne diese aufzudrängen, und den Anschluss an diese einzufordern. In dieser Atmosphäre der Wahlmöglichkeiten wird der Andere zur Auseinandersetzung damit herausgefordert, und dabei vom Erzieher bei dieser Auseinandersetzung unterstützen, sodass er sich an den Werten und Sichtweisen des Erziehers reiben kann bis er sie entweder aufgrund eigener Entscheidung zum Teil seines eigenen Bestandes macht oder sich klar dagegen abgrenzen und vielleicht eine neue, dritte Lösung finden kann.

Vorbemerkung zur Lebenssituation. Der Autor berichtet von dem Sichtweise Martin Buber, der formuliert hat: „Alles Leben ist Beziehung“. „Krankheiten der Seele sind Krankheiten der Beziehungen“. Der Autor berichtet über seine Teilnehmer, die meist Missachtung, Erniedrigung, Verurteilung, Vernachlässigung, Ausgrenzung etc. erlitten, die sie geprägt habe in Bezug auf die Konzepte, die sie einzusetzen vermögen. Viele leben inzwischen in erstarrten Rollen unangreifbarer Helden, die ihre Stärke herausstellen und ihre Ehre verteidigen, ohne Rücksicht auf Verluste, weder auf sich selber noch auf andere. Dabei richtet diese Verhaltensweise immer mehr Schaden an der eigenen Seele an.

Das Training (AGT). Die Teilnehmer sind verurteilte jugendliche gewalttätige Straftäter, die bereits einschlägige Vorstrafenregister haben und für die eine Freiheitsentziehung durch Jugendarrest oder -strafe ansteht. Das Training ist ein Angebot. Es hat die Entscheidungsphase und die Trainingsphase.

Prozedere in der Entscheidungsphase. Der Autor führ ein Vorgespräch. Die Auswahl-Entscheidung triff er. Wichtig ist die Freiwilligkeit des Kandidaten, sich dem Training zu unterziehen. In dem Vorgespräch werden die Inhalte berichtet. Zugelassen wird nur der von ihm, der eine eigene Motivation zur Veränderung seines Verhaltens mitbringt, dies kann ein Interesse sein, oder Bereitschaft, seine eigenen Gefühle anzusehen, oder die Einsicht, etwas zu ändern (also ein Lernbedürfnis).

Der Kurs – Die drei Arbeitsebenen. Der Autor arbeitet mit der Theoretischen Ebene, in der er die bekannte Sicht auf Provokation, Aggression und Gewaltverhalten gibt. Damit erfahren die Teilnehmer, welche Schritte Konfliktparteien tun müssen, um bei Gewalthandlungen anzugelangen (Eskalationsschritte). Um Eskalationshandlungen die Grundlage zu entziehen, werden im selben Zuge Handlungsmöglichkeiten für einen gewaltfreien und würdevollem Umgang mit Provokationen entwickelt (wie kann einem provokanten Verhalten eines Aggressors der Wind aus den Segeln genommen werden) und worauf es letzten Endes ankommt die Eskalation zu vermeiden. Der Autor verbindet dies mit der Erlebnisebene, in der alles was an Ideen von Teilnehmer und vom Trainer vorgebracht wird, in Übungen und Rollenspielen praktisch geübt wird. Bei der Beziehungsebene werden bei Teilnehmern Verhaltensweisen aktiv angesprochen, wenn ein Teilnehmer sich geringschätzig, arrogant, ignorant, abwertend oder destruktiv verhält. Es wird als Störung angesprochen, und zwar in der Form, das er darauf hingewiesen wird, und ihm aufgezeigt wird, welche zerstörerische Wirkung dies hat.

  1. Kurseinheit Darstellung der Dynamik einer Gewalteskalation. Der Kurs beginnt mit Beleuchtung des Prinzips der Rechtfertigung durch den Satz der andere hat angefangen.
  2. Kurseinheit Aggression – Depression – Selbstbehauptung. Dann folgt das Erkennen der Handlungsmöglichkeiten Austeilen, Einstecken und neue Selbstbehauptung. Wer selbstbehauptend ist, tritt mit den Elementen in Erscheinung: Ich bin eine Person, die deutlich werden lässt, was mir wichtig ist, was er möchte und was er nicht möchte, und vielleicht auch was er fühlt. Er tut all das in einer wertschätzenden Art und Weise, ohne den Anderen dabei zu verletzen. Soweit es ihm möglich ist, macht er sich unabhängig davon, was dann, wenn er sich so äußert, der Andere über ihn denkt.
  3. Kurseinheit Auseinandersetzung mit der Täterschaft. Der Autor beschäftigt sich hier mit den 4 Phasen der Eskalation: „Wie ich ihn geschlagen habe“. Dabei merken die Teilnehmer den Schrecken über die Wucht, mit der sie ihn geschlagen haben, und damit zusammenhängende Gefühle wie Scham und Schuld.
  4. Kurseinheit Erste Erfahrungen zum Thema Aggression und Depression, Selbstbehauptung. Hier werden die theoretischen Erfahrungen aus 1 bis 3 an einem Phasenspiel durchgegangen und in Rollenspiel durchgespielt. Ziel der ersten Übungen ist die Klärung von der Frage, was mir wichtig war im Konflikt.
  5. Kurseinheit Gewalt als Zeichen der persönlichen Unreife. Hier wird auf die Altersphasen des Kindes eingegangen und dass Gewalt als Lösungsphase des Kleinkindalters eines Zweijährigen beobachtet wird.
  6. Kurseinheit Probleme des Angreifers. Die Gruppe übt Motivationen kennen zu lernen, die Angreifer haben könnten, und üben Selbstreflexion von eigenen Situationen im Rollenspiel.
  7. Kurseinheit Angstreduktion. Die Gruppe erfährt über Sachinformation und Rollenspiel Erfahrungen über natürliche Bedrohungsreaktionen und die Möglichkeit von Menschen anders zu reagieren. Durch die Reifesteigerung, Vergegenwärtigung der subjektiven Realität des jeweiligen Gegenübers, der Weiterentwicklung des Wertesystems, was auch Interesse an dem Wohlergehen des anderen hat, beginnt eine Veränderung. Dies setzt sich fort mit dem Lernen konkreter Handlungsalternativen zu spontaner Flucht oder spontanem Kampf, durch die Haltung der Selbstbehauptung und den dadurch erwachsenden Vorteilen.

    Im Einzelnen wird im Rollenspiel „das Rausschmeißen des anderen aus seiner Ausstrahlungszone“, „Klein werden“, und „aus der heißen Zone heraustreten“ geübt.

  8. Kurseinheit gekonnter Umgang mit Gruppendruck. Vier Gruppendruckstrategien („Verführen, Überreden, Überzeugen“, „Zum Begründen nötigen“, „Abwerten“ und „Ausschluss Drohung“) und die vier konkreten Gegenstrategien werden dargestellt.
  9. Kurseinheit Zivilcourage. Eintreten für andere aber richtig! Was funktioniert nicht? Was funktioniert dabei?
  10. Kurseinheit Drei Gruppen von Menschen. „gewaltfrei, gewaltbereit, gewaltsuchend“ und die dahinterliegenden Bewertungen werden untersucht.
  11. Kurseinheit Laufsteg – Übung zu den drei Haltungen
  12. Kurseinheit Begegnung zwischen Gewaltbereitem und Gewaltfreien. Wie in einer Aufstellungssituation findet die Begegnung mit dem „gewaltbereiten Ich“ und dem „gewaltfreien Ich“ statt. Die Teilnehmer stellen sich jeweils an eine Stelle im Raum und spüren, wie es dem Ich geht, und wechseln immer wieder die Position. Überraschende Erfahrung ist für die Teilnehmer, dass beide Teile auch in der Vergangenheit da waren. Sie werden zur Versöhnung und zum gemeinsamen Handeln ermutigt.
  13. Kurseinheit Selbsterfahrung zur Selbstbehauptung
  14. Kurseinheit Übung zum bewussten Wahrnehmen und Erleben von Aggression und Selbstbehauptung vertiefen die Lernerfahrung der Teilnehmer.

Einige Fallbeispiele. Der Autor stellt einige konkrete Fallbeispiele dar.

Rückmeldungen zum Training. Hier zeigen sich die erstaunlichen Wirkungen, die die Teilnehmer selber überraschen, insbesondere die Fernwirkung und ihre erstaunlichen Entwicklungen im sozialen und persönlichem Erfolg.

Diskussion

Wer die Bücher von Marshall Rosenberg zur gewaltfreien Kommunikation gelesen hat, ist begeistert davon, wie der Autor – auch ohne direkt die Methodik anzuwenden – mit seiner Arbeitsweise und seiner Haltung seine Teilnehmer unterstützt, Erfahrungen über seine Bedürfnisse zu machen und damit Veränderung zu erleben. Durch das praktischen Üben können diese Bedürfnisse auch leben, insbesondere solche nach Frieden und Kooperation aber auch nach Selbstbewusstsein und Selbstwert. Man fiebert förmlich mit und freut sich schon auf die nächste Kurseinheit, weil man wissen will, wie es mit den Kurs weiter geht. Gruppenzwang und Abwehrstrategien fand ich weiter hilfreich und sollten Basisausbildung in jeder Schule sein.

Besonders beeindruckend fand ich die Übung, wo das „gewaltbereite Ich“ und das „gewaltlose Ich“ der Teilnehmer sich im selben Raum begegnen, und beobachten, wie für jeden die Situation im Konflikt an seiner Stelle ist. Dann passierte der Moment, wo Mitgefühl entstand. Die Verbindung, für einander da zu sein, verändert die Welt. Dann kann der Teilnehmer sich Situationen ansehen und seine Bedürfnisse durch die Position im Raum tatsächlich spüren, und feststellen, wie sich eine, für ihn gute Lösung, anfühlt, die durch Selbstbehauptung zu einer guten Lösung für beide Seiten führt. Damit ist der Weg neue Strategien der Selbstbehauptung endgültig anzubahnen. Ein Buch das für jeden lesenswert ist, den das Thema interessiert.

Fazit

Das Buch ist spannend von der ersten Seite bis zum letzen Buchstaben. Es ließt sich wie ein Krimi und hat trotzdem ein romantisches positives Ende. Ein Buch, das mein Wissen trotz meiner eigenen Ausbildung in Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg erweitert hat.


Rezensent
RA Claus-Rudolf Löffler
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Familien-, Steuer- und Erbrecht, Mediator, Leiter einer Übungsgruppe in Hannover
Homepage www.scheidung-direkt.de
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Claus-Rudolf Löffler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Claus-Rudolf Löffler. Rezension vom 11.02.2014 zu: Jürgen Bittner: Von der Aggression zur Selbstbehauptung. Ein pädagogisches Konzept zur Gewaltprävention. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2013. ISBN 978-3-942976-07-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14339.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung