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Christoph Türcke: Erregte Gesellschaft

Cover Christoph Türcke: Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 2., durchges. Auflage. 328 Seiten. ISBN 978-3-406-49521-2. 29,90 EUR.
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Thema

Das Ziel der Wissenschaft ist es, eine komplexe Vielfalt von Phänomenen auf einen Grundbegriff, eine Grundformel o.ä. zurückzuführen. Dadurch werden auch neue Phänomene erklärbar und prognostizierbar. Situation ist der Grundbegriff, den Christoph Türke als Zentralbegriff postuliert, um ein immens breites Spektrum von gegenwärtigen und historischen gesellschaftlichen Erscheinungen von einem einheitlichen Fokus her verstehbar zu machen. Dieser Anspruch wird besonderes deutlich in der sich auf dem Cover befindlichen Ankündigung, dass die Philosophie der Sensation einen zentralen Beitrag zur Gesellschaftstheorie der Gegenwart bildet.

Sensation oszilliert dabei zwischen den Polen einer gewöhnlichen Wahrnehmung und dem Aufsehenerregenden. Durch die Rekonstruktion des Begriffs der Situation in prähistorischen, historischen und gegenwärtigen Zusammenhängen wird deutlich, welche unterschiedlichen Ausprägungen in verschiedenen Epochen dominieren. Dabei ist Situation gerade heute in eminentem Sinne das Aufsehenerregende. Es gilt das Motto des Buches „Quod non est in mediis, non est in mundo“, was sinngemäß bedeutet, dass nur das in der Welt ist, was vorab Erregung bzw. hohe Aufmerksamkeit hervorgerufen hat.

Diese Feststellung wäre wenig erregend, da sie ein Grundmuster gegenwärtiger Kultur- und Gesellschaftsdiagnose bildet, würde Türcke diesen Sachverhalt nicht sozusagen in die Tiefe erden. Wie kam es eigentlich zum gegenwärtigen Verständnis von Situation? Welches ging ihm voraus? Und war dieses Vorausliegende das Ursprüngliche? Ist es nicht erforderlich weiter in den „Grund“ zurückzugehen? Vielleicht bis in die die Frühgeschichte der Menschheit? In jene Situationen in denen der Frühmensch dem absolut Erregenden und Erschreckenden gegenüberstand?

Es zeigt sich, dass die Geschichte der Sensation zugleich die Geschichte unseres fundamentalen Umgangs mit der Welt ist. Das Erschreckende, das absolut Andere gewöhnlich machen und das Gewöhnliche wieder zum Aufsehenerregenden zu verflüssigen, scheint eine anthropologische Konstante zu sein, die den Menschen ausmacht.

Diesem Pendelschlag im Sensationsbegriff geht Türcke mit äußerster Akribie nach. Dabei erweist sich Sensation als historisch inhaltlich variabler, jedoch formal konstanter Grundmodus die Welt zu interpretieren.

Autor

Christoph Türcke, Jg. 1948, ist Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Von ihm ist u.a. auch der Titel „Philosophie des Traumes“ erschienen.

Aufbau

  1. Kapitel 1 widmet sich gegenwärtigen Trends zunehmender Erregung in unserer Gesellschaft. Nur was sensationell ist, kann noch Aufmerksamkeit erlangen.
  2. Kapitel 2 rekonstruiert die Transformation des Begriffs der Sensation seit der Renaissancezeit. Es zeigt sich, dass die erregte Gesellschaft eine Entstehungsgeschichte hat, die sich anhand von Veränderungen der Semantik ablesen lässt. Grosso modo geht es um eine Verlagerung des Verständnisses von Situation als gewöhnliche Wahrnehmung hin zum Erregenden und Außergewöhnlichen.
  3. Kapitel 3 geht sozusagen in den Grund zurück. In der Frühgeschichte der Menschheit stand der Mensch dem absolut Aufsehenerregenden, dem par excellence Schreckenden gegenüber. Hier galt es Stabilität angesichts eines Ungeheuren zu finden. Das menschliche Sensorium hat sich in seiner mit Konstanz und Routine verbundenen Spezifik erst im Kontext dieses Bewältigungsgeschehens gebildet. Türcke formuliert diese These auch neurophysiologisch aus.
  4. Kapitel 4 springt aus der Frühgeschichte der Menschheit in die Zeit der Erfindung der Fotografie. Durch die Fotografie wird das Erschreckende gebannt, zugleich aber auch im Verhältnis zur gewöhnlichen Wahrnehmung ins Aufsehenerregende verschoben. Die Fotografie ist somit angesiedelt zwischen den beiden Polen der Sensation, dem Gewöhnlichen und dem, was den Menschen maßlos überfällt und überfordert (das Extraordinäre, Außergewöhnliche, Schreckliche, der bodenlose Horror). Im Zusammenhang mit der Fotografie behandelt Türcke die Ware, den Tausch, das Geld sowie den Wiederholungszwang. Ähnlich wie die Fotografie können sie etwas beherrschbar, kontrollierbar machen, z.B. durch die immer wieder stattfindende Erinnerung, die nach einem Trauma stattfindet.
  5. Kapitel 5 handelt von Schocks, die wir uns gegenwärtig in Form von Sensationen (im Sinne des Außergewöhnlichen) und Dauererregungen zuführen. Die Parallelen zur Sucht sind deutlich. Wir sind erregungssüchtig. Diese negative und erschreckende Diagnose hat ihr Positivum, in der darin dokumentierten Sehnsucht nach einem Anderen, einem Mehr, das den Rahmen der gegenwärtigen Gesellschaft sprengt.

Inhalt

Die gegenwärtige Gesellschaft ist wie das erste Kapitel zeigt, Sensationsgesellschaft. Berkelys „esse est percipi“ (Sein ist wahrgenommen werden) ist Wirklichkeit geworden. Existenz ist an Senden gebunden. Wer nichts Spektakuläres sendet, existiert nicht. Dieser Sachverhalt hat seine spezifische Dynamik. Wer z.B. in der Sendung „Supertalent“ etwas Einzigartiges zeigt, z.B. außergewöhnliche Verbiegungskünste des Körpers, wird erst von Dieter Bohlen mit großem Lob honoriert. Schon einige Wochen später können vergleichbare Meisterleistungen möglicherweise nur ein müdes Lächeln hervorbringen. Wenn du nicht mehr steigerungsfähig bist, nicht noch mehr Spektakuläres präsentieren kannst, dann reicht das nicht. Solche sich schnell positiv rückkoppelnden Steigerungsdynamiken kann man an vielen Beispielen in unserer Gesellschaft finden. Noch mehr Piercing, noch mehr Tattoos, noch härtere Pornografie, noch mehr Perfektion, noch bessere Handys, noch effizientere Arbeitsleitungen, usw. Es ist klar, angesichts der Endlichkeit des Menschen wird es irgendwann zum Riss, zum Kollaps, zum Burn-Out usw. kommen.

Dieses Szenario, das unsere Gesellschaft zutiefst beherrscht, ist nicht ab ovo über uns gekommen. Von daher ist die Frage nach seiner Genese hoch plausibel. Im zweiten Kapitel zeigt Türcke wie es z.B. über die Wunderkammern, die Französische Revolution und die britische Philosophie des 17 Jh. zum modernen Verständnis der Sensation kam. Während vorher – so Türcke – Sensation einfach Wahrnehmung meint, setzt sich nun sukzessive ein neues Verständnis durch, eben jenes, deren extreme Auswüchse wir heute erleben können.

Sensation als Wahrnehmung des Gewöhnlichen stellt eine Dynamik still, fixiert etwas, macht die Dinge beherrschbar. Wir wissen, was etwas ist, sind nicht überrascht und können gut alles, was da kommt, kontrollieren. Wir sind die Herren einer stabilen in sich gefügten Welt. In der Moderne bricht dieses Gefüge einer festen Ordnung zusammen. Sensation findet seinen Fokus im Neunen. Es entsteht eine permanente Sucht nach Neuem. Nichts ist uninteressanter wie die Zeitung von gestern! Ist die gefügte Welt der anthropologische Ausgangszustand und die moderne Dynamik der Verfall? Türcke zeigt hier (mit vielen Bezügen zu Freud, Marx und Adorno) das die fixe Welt vor der Moderne bereits eine Errungenschaft ist, die auf Ursprüngen basiert, die genau in die Richtung zeigen, die unsere heutige Gesellschaft dominieren. Das Erregende, das Schreckliche, der Einbruch des Ungeheuren sind Sensationen mit denen der Urmensch es zu tun hat. Sie überfordern sein Sensorium, brechen gnadenlos in ihn ein und führen zu Zerstörung – analog den Zerstörungen, die wir z.B. erleben können, wenn jemand in einen Suchtkreislauf gerät, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Wie kann der Frühmensch diesem Einbruch in sein Soma widerstehen? Als zentral sieht Türcke hier den Wiederholungszwang an. Das Schreckliche wird unzählige Male wiedererinnert, ähnlich einem Flash-Back nach einem Trauma. So können wir dem Ungeheuerlichen Herr werden, es habhaft machen, uns an es gewöhnen. In diesem Prozess der Habituation baut sich unser Wahrnehmungssystem allererst auf. Dies gilt im Sinne eines somatischen, neurophysiologischen Prozesses. Der Wiederholungszwang ist also Kulturstifter! Das Opfer, das Totem, das Heilige, liegen auf einer ähnlichen Linie. Indem man dem Schrecklichen etwas abgibt, also z.B. den Zehnten zahlt, kann man es besänftigen und damit auch ein Stück weit kontrollieren. Durch Verehrung transformiert man das Schreckliche in das Heilige. Dadurch wird es des Schreckens ein Stück weit enthoben, es erhält Züge des Freundlichen, das den Menschen nicht nur zerstören, sondern ihm auch Gutes tun will. Immer geht es hier auch um einen Tausch. Ich gebe dir etwas, damit du…Ich erweise dir Ehre, erhöhe dich, damit du mich verschonst und mir ein gedeihliches Wachsen ermöglichst.

Der Sprung zum vierten Kapitel ist fulminant. Hier setzt Türcke nach einem frühgeschichtlichen Zwischenspiel im 19 Jh. wieder ein. Die Fotografie forciert die Dynamik eines Verständnisses der Sensation als Außergewöhnliches. Gleichzeitig wird das Außergewöhnliche zum Gewöhnlichen, denn jeder kann fotografieren. Die Fotografie hält das Geschehen fest, mach es beherrschbar, ist aber gleichzeitig ein Anstachler in der Dynamik der Eskalation der Erregung. Die Fotografie ist somit ambivalent. Ähnlich wie die Fotografie ist der Tausch eine Grundoperation der Stabilisierung und Beherrschung. Gleichzeitig löst er Dynamiken der Erregung aus. Der Tausch ist keine neue Erfindung. Er wurzelt in frühgeschichtlichen Operationen wie der Opfergabe als Ausgleich dafür, dass das schreckliche Göttliche uns verschont. Der Tausch ist ein Kontrollmittel par excellence und ermöglicht ein Leben unter stabilen Bedingungen.

Der Mensch zwischen den Polen des Ruhigen, Gewöhnlichen, der Kontrolle und der Erregung, der Unruhe, der Sucht nach Neuem, dies ist das Spannungsfeld, in dem der Anthropos sich bewegt. Sucht ist der Ausbruch aus dem Pol des Gewöhnlichen, des zu Gleichförmigen, des Erstarrten. Sucht ist Sprung in eine totale Erregung, die um ihre Wirkung zu erhalten einer permanenten Steigerung bedarf. Die gegenwärtige Gesellschaft ist von dieser Erregungssucht zutiefst geprägt. Von daher ist die Erregung und die Sucht nach Sensationen im Sinne des Aufsehenerregenden ein Grundmerkmal der gegenwärtigen Gesellschaft. Der sich gegen die Sucht richtende Fundamentalismus ist selbst Teil dieses Komplexes, da er durch die Behauptung, von Gott inspiriert zu sein, selbst Erregung in extremer Form ist. Die Erregung transzendiert den Rahmen des Gegenwärtigen. Die Welt ist mehr als sie ist. Als Menschen sind wir immer über das Gegebene hinaus. Gerade in dem tiefen Wunsch nach Erregung und aufpeitschender Sensation bringt sich unser utopisches Denken zum Ausdruck. Die Utopie inhäriert somit nicht nur den vom Alltag abgeschotteten Bereichen, sondern sie ist dort, wo wir sie prima facie am wenigsten vermuten – bei den Erregungsspektakeln der gegenwärtigen Welt.

Diskussion

Es ist keine leichte Kost, die Türcke dem Leser zumutet. Die Einleitung sagt wenig über die Zielsetzung der Arbeit. Lediglich einige kryptische Bemerkungen finden sich auf S.10. Das erste Kapitel ist sehr eingängig und leicht verständlich. Den dortigen Analysen kann man ohne Voraussetzungen zustimmen. Auch die Überlegungen des zweiten Kapitels zur Französischen Revolution und zu den Wunderkammern haben hohe Plausibilität. Der Sprung in die Frühzeit der Menschheit erscheint schwer nachvollziehbar. Auch bleibt offen, was das Schreckliche nun war, dem die Menschen hier gegenüberstanden. Nach Türcke spielt dies auch keine Rolle, weil einem erlebten Schrecken kein tatsächlicher Schrecken entsprechen muss. Das heißt aber, dass die Kulturentwicklung möglicherweise durch einen imaginierten Horror ausgelöst wurde, dem gar nichts Reales zugrunde lag.

Dass gerade die Fotografie den Schrecken bannen soll, ist ein nicht leicht nachvollziehbarer Gedanke. Die Analogie von Fotografie, Tausch, Geld usw. setzen eine Kategorienbildung mit sehr allgemeinen Merkmalen voraus. Trotz einer extremen Ausreizung der Analogiebildung, kann Türcke zugutegehalten werden, dass er Zusammenhänge zwischen scheinbar fernliegenden Bereichen aufzeigt.

Das letzte Kapitel gibt auch praktische Anhaltspunkte, indem es zeigt, dass sich Erregungsphänomene auch positiv interpretieren lassen – im Sinne einer Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben. Hier sind Ansatzpunkte für Jugendarbeit, Psychotherapie und Soziale Arbeit. Leider zeigt Türcke derartige Implikationen nicht auf.

Dem Buch fehlt insbesondere methodisches Bewusstsein. Letztendlich expliziert der Autor seine komplexen Denkschritte viel zu wenig und macht so die Lektüre für den Leser zu einer sehr anstrengenden Reise durch hochgradig differente Themenbereiche, deren Zusammenhang erst einmal nicht ganz einleuchtet.

Fazit

Eine interessante, viele überraschende Sichtweisen enthaltende Darstellung zum Begriff der Sensation. Dabei ist Sensation das Gewöhnliche der alltäglichen Wahrnehmung, aber auch das Außergewöhnliche, Erregende. Gegenwärtig droht unsere Gesellschaft in der Dauererregung zu erhitzen und einer Explosion zuzusteuern. Türcke analysiert die tieferen Gründe dieser Entwicklung und erfasst in der umfassenden Bedrohung auch Momente, die über die Gefahr hinausweisen.


Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 17.12.2012 zu: Christoph Türcke: Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 2., durchges. Auflage. ISBN 978-3-406-49521-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14340.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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