socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten

Cover Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 2., überarbeitete Auflage. 133 Seiten. ISBN 978-3-497-02375-2. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Anders als es ein noch immer weit verbreiteter naiver Hilfebegriff erwarten lässt, gerät – wenn auch mit erheblichen Arbeitsbereich spezifischen Unterschieden – die Mehrheit der Klienten der Sozialen Arbeit zunächst unfreiwillig in Kontakt mit dem Hilfesystem. Sei es auf Druck von Familienangehörigen, der eigenen Arbeitsstelle oder von Institutionen wie Schule oder Kindergarten, die allesamt meinen bei dem davon Betroffenen Beratungs- und /oder Hilfebedarfe erkannt zu haben. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche, die in (teil-)stationäre Hilfen „landen“, ohne recht zu durchschauen, wer bzw. welche mitlaufenden Prozesse (z.B. Konflikte zwischen Eltern und Lehren oder einer Familienhelferin) dafür verantwortlich sind. Beim Vorliegen bestimmter Problemkonstellationen sind es aber auch gesetzliche Vorgaben, die z.B. das Jugendamt oder den Sozialpsychiatrischen Dienst oder die Bewährungshilfe dazu verpflichten auf Klienten zuzugehen und diese – auch gegen ihren Willen – auf regelmäßige Treffen zu verpflichten. Pointiert formuliert: Zwangskontexte und unklare Motivlagen für Hilfen stellen eher die Regel als die Ausnahme in der Sozialen Arbeit dar. Deswegen gehört es zu den zentralen Kompetenzen von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern mit „Zwangskontexten“ fachlich angemessen umzugehen. Zweifellos sind die Voraussetzungen für einen Hilfeprozess im Zwangskontext zunächst nicht besonders günstig, da ein Auftrag von Seiten der Klienten fehlt und es für diese häufig wenig Sinn macht, Hilfe anzunehmen. Dennoch ist es möglich, diesen schwierigen Anfang so zu gestalten, dass Klienten ihre anfängliche Gegenwehr oder ihre Scheinkooperation beenden, das Hilfeangebot ernsthaft annehmen und vom Hilfeprozess profitieren. Was dabei alles zu beachten und wie das gehen kann, wird von den beiden Autoren auf fachlich hohem Niveau und in einer jederzeit gut verständlichen Sprache dargestellt.

Autoren

Harro Dietrich Kähler war viele Jahre Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Düsseldorf. Sein Buch „Erstgespräche in der Sozialen Arbeit“ ist inzwischen in der 5. Auflage erschienen (vgl. die Rezension). Er hat die Internet-Plattform socialnet Rezensionen aufgebaut, die die Fachwelt seit Jahren mit kostenlosen, gut recherchierten Buchkritiken versorgt, und leitet denselben. Patrick Zobrist ist Sozialarbeiter, Projektleiter und Dozent am Institut Sozialarbeit und Recht der Hochschule Luzern. Er hat u.a. den Band „Soziale Arbeit mit Pflichtklientschaft“ herausgegeben (2012) und Tagungen zu dem Thema des Buches durchgeführt.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in erster Auflage bereits 2005 erschienen (vgl. die Rezension). In diesem Buch wurde erstmalige die Literatur zum Thema systematisch dargestellt und in Zusammenhang mit positiv-(an)ziehenden Motiven (= Pull-) und auf Grund von „Androhungen“ antreibenden Motiven (= Push- Faktoren) gestellt. Beide Motiv-Gruppen werden als unerlässlich angesehen, damit sich Klienten auf Zwangskontexte einlassen und Hilfe gelingen kann. Diese Form der Darstellung mit diesen Begriffen stellte vor 8 Jahren eine Premiere im deutschen Sprachraum dar und wurde breit und aufmerksam rezipiert.

Die zweite Auflage hat zwar nur ebenso viele Seiten wie die erste, enthält aber auf Grund einer kleineren Schrifttype deutlich mehr Text. Eine Überarbeitung erschien den Autoren unumgänglich, da es seit Erscheinen der ersten Auflage hinsichtlich der Arbeit in Zwangskontexten zu zahlreichen neuen Veröffentlichungen gekommen ist, die in der zweiten Auflage Berücksichtigung gefunden haben. Dennoch haben die grundlegenden Einsichten der „Klassiker“ nach wie vor ihre Gültigkeit behalten haben (Rooney 1992, Conen 1999, Gumpinger 2001). Leider fehlt in diesem Zusammenhang der Hinweis auf Imsoo Kim Berg als der Erfinderin der genialen Frage des Sozialarbeiters „Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder los zu werden?“, die später durch M. L. Conen ( 2008) popularisiert wurde (Berg&Miller 1992, Berg 1993, de Jong&Berg 1998). Vor allem das Kapitel 3 über „Motivation“ ist neu gefasst und bildet nun einen erweiterten Rahmen für die Frage nach den Push- und Pullfaktoren, die dabei helfen können, sich auf Zwangskontexte einzulassen.

Aufbau

Das Buch ist sehr übersichtlich gegliedert.

Die ersten beiden Kapitel beschäftigen sich mit Formen der mehr oder weniger freiwilligen bzw. erzwungenen Kontaktaufnahme zwischen Klienten und den Vertretern der Sozialen Arbeit (2 und 3) inklusive richterlich angeordneter Hilfen.

Neu gefasst ist das nächste Kapitel Motivation zu Veränderung auch und insbesondere in Zwangskontexten.

Darauf folgt jeweils ein Kapitel zum „Verhalten von Klienten“ (5) und eines zum „Verhalten von Fachkräften“ in Zwangskontexten (6). Deutlich wird so, dass es auf sowohl auf die aufmerksame Wahrnehmung und Reflexion des Verhaltens der Klienten aber auch des eigenen Verhaltens als Helfer ankommt. Diese beiden Perspektiven münden in das zentrale Kapitel „Umgang mit Klienten in Zwangskontexten“ (7).

Angesichts der vielen Arbeitsbereich-spezifischen Handlungsformen im Umgang mit Zwang leistet das letzte Kapitel (8) einen Überblick über die wichtigsten praktischen Strategien im Umgang mit dem Thema sowie bedeutsame Variationen für einzelne Arbeitsgebiete.

Inhalte

Für mich waren etliche der im Buch dargestellten Konzepte in der hier gebotenen Klarheit neue und verblüffend. Der Platz reicht leider nur für Hinweise auf ein paar von ihnen hin:

Beginnen wir mit der Unterscheidung von Kontakt- und Veränderungsmotivation (S. 38). Für eine tatsächliche Veränderung brauchen wir oft Beides. Gut motivierte Klienten, die schon begonnen haben sich zu verändern und dafür keine regelmäßigen Gespräche brauchen, können aber an der weiteren Veränderung gehindert werden, wenn man sie zu oft und zu eng begleiten will. Sehr viel häufiger ist allerdings das Gegenteil der Fall: die Klienten kommen ganz gerne zum Reden, aber sie wollen nicht wirklich etwas verändern. Wie man diese Motivlagen herausfindet und angemessen darauf reagiert, schildert das Buch in anschaulicher Weise.

Besonders spannend fand ich den Kasten auf S. 39, in dem sechs Stufen der Veränderung dargestellt werden, die von „keine Problemwahrnehmung und folglich auch keine Veränderungsabsicht“ bis hin zu „Stabilsierung/Beendigung“ gehen. Hier wird jeder Profi seine Klienten wie auf einer Stufenleiter einordnen können und dadurch zugleich auch wissen, welcher nächste Schritt ansteht, damit es weiter gehen kann.

Ab Seite 41 erläutern die Autoren das Konzept der „Push- und Pullfaktoren“ (s.o.) und zwar sowohl aus der Sicht der Fachkräfte wie auch der Klienten. Hier gibt es Unterschiede und Überschneidungen, die man kennen sollte. Und immer kommt es auf die richtig oder zumindest günstige situative und individuelle Mischung an: Nicht jedes Gemisch aus diesen beiden Faktorengruppen begünstigt Veränderungen. Manchmal muss auf der Seite der Push-, manchmal auf der Seite der Pull-Faktoren nachgebessert werden, damit Veränderungen in Gang kommen. Ich finde dieses Konzept zutiefst menschenfreundlich, da es klar macht, dass es beinahe nie nur Zwang und Angst vor Konsequenzen sein können, die Klienten zu Veränderungen bewegen, sondern dass es immer auch um realistische Erwartungen eines besseren Lebens, um Gratifikationen und Kontrollgewinne gehen muss, damit sie sich auf den Weg machen.

Weiterführend vor allem in diagnostischer Hinsicht ist der Hinweis auf die Begrenztheit des dichotomen Begriffspaares „freiwillig – unfreiwillig“ (S. 47). Dazwischen gibt es jede Menge Zwischenstufen, die in jedem Fall genau analysiert werden sollten, um eine Einschätzung zu bekommen, wen man da vor sich hat und wie zugänglich oder unzugänglich diese Person oder dieses System zunächst darstellt. Dann kann man darauf abgestimmte Interventionen planen, die eher bei schon vorhandenen Veränderungswünschen ansetzen oder eher bei der Frage wie man hilfreichen Druck aufbauen kann und von wem bzw. welcher Koalition von Institutionen und Personen der ausgehen sollte.

Eines der wichtigsten Beiträger des Buches ist für mich der Hinweis auf „schlecht“ getimtes Handeln auf Seiten der Professionellen. Wir sind – da beziehe ich mich sofort mit ein – häufig zu schnell: erwarten z.B. nur weil die Klienten da sind, halbwegs gut mitmachen und wir schon zwei, drei freundliche Kontakte mit ihnen hatten, dass die Arbeit an ihren Problemen beginnen kann. Das geht oft schief: auf einmal werden die Klienten bockig, verweigern sich, hauen ab oder reagieren aggressiv. Sie sind zwar bereit zu kommen oder da zu bleiben, aber das heißt noch lange nicht, dass sie bereit sind mit uns an ihren Problemen zu arbeiten. Gute Gründe für ihr abwehrendes Verhalten haben die Klienten viele: entweder finden sie, dass ihr Da-sein angesichts ihrer massiven inneren Unlust schon Überwindung genug darstellt oder sie hoffen, dass wir erkennen, dass andere daran schuld sind, dass sie sich verhalten wie sie sich verhalten oder sie befürchten durch Verhaltensveränderungen mehr zu verlieren als zu gewinnen oder…oder… Alles dies ist bisher weder erkundet, noch gebührend gewürdigt worden. Weswegen wir die „Widerstände“, über die wir uns bei Kollegen oder in der Supervision beschweren, ganz oft selbst mit hervor gebracht haben. Deswegen ist der Hinweis „Vermeide es, die Klienten so zu behandeln als seien sie bereits in der Handlungsphase“ (S.79) so wichtig. Dies ist einer der zentralen Leitsätze zur „stufengerechten“, d.h. auf die innere Motivlage des Klienten abgestimmten Interventionen. Dazu ist es unabdinglich vom normativen Standpunkt „ist doch klar, was der/die ändern muss“ abzurücken, weil genau das erst erarbeitet werden muss. Wenn man weiter kommen will, muss man einerseits offen erkundend vorgehen: was hat der Klient für Vor- und Nachteile von seinen Symptomen und was denkt er von den Vor- und Nachteilen möglicher Veränderungen. Nur wenn er Unterstützung dabei bekommt, sich alle vier Seiten genau und offen anzuschauen, versetzen wir ihn in die Lage, die Verhaltensweisen zu verändern, die auch uns stören oder verletzt haben. Gleichzeitig muss man aber auch klar machen, welche Konsequenzen mit der Fortsetzung des unerwünschten Verhaltens verbunden sein werden. Welche wie z.B. Trennung der Partnerin, wenn er noch einmal schlägt oder Inhaftierung oder und von wem diese ausgehen (selbst wenn Ihre Partnerin das gar nicht will, wird das ein Gericht verfolgen). Keine Frage: wenn wir so vorgehen, stoßen wir eben auch darauf, dass dem Klienten relativ „zahnlose Tiger“ gegenüber stehen, vor denen er keine Angst zu haben braucht. Aber keine Bange: alleine die Erfahrung nicht in Ruhe gelassen zu werden, die Helfer als nervige Belästiger permanent auf den Fersen spüren zu müssen kann völlig ausreichen, um eine Veränderungsmotivation hervorzubringen. „Ist das richtig, dass Sie selbst im Moment keine Probleme sehen!“ „Ja!“ „Und ist es richtig, dass Sie sich deshalb ungerecht verfolgt fühlen, von der Behörde, die ich vertrete?“ „Ja“ „Das muss sehr unangenehm sein für Sie sein, sich dermaßen belästigt zu fühlen!“ „Ja!“ „Würde es Sie interessieren, wie Sie es schaffen können mich wieder loszuwerden?“ „Ja!“. Dieser kleine fiktive Dialog zeigt auf, wie man auch „widerständige“ Klienten dazu bringt „Ja“ zu sagen und sich verstanden zu fühlen und wie man an ihre Eigenmotivation anknüpfen kann, um Veränderungen zu erzielen, die ihnen und der Gesellschaft gut tun. Man muss nur beherzt genug daran festhalten, dass dafür Einsicht nicht nötig ist, sondern es ausreicht im Denk- und Glaubenssystem des Klienten zu bleiben: es geht diesem Klienten nur darum, mich los zu werden, und wenn das zu den gewünschten Veränderungen führt, ist das ist o.k.! Ein solcher fremdbestimmter Prozess, beinahe ohne intrinsische Motivation geht oft in eine nachhaltige Veränderung über, weil die Klienten aus ihrem Muster aussteigen und sehr rasch so viele positive Rückmeldungen über ihr verändertes Verhalten bekommen, dass sie viele Probleme los werden, die vorher dafür gesorgt haben, dass sie sich so verhalten haben. Dieses Kapitel wird von einem hilfreichen Schaukasten abgeschlossen (S. 77), der das hier grob Skizzierte in einen systematischen Zusammenhang stellt.

Leider fehlt in der Neuausgabe ein Kasten (S. 104 erste Auflage) mit klugen Variationen der Frage „Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder los zu werden?“.

Das Literaturverzeichnis ist nicht nur sorgfältig angelegt; er enthält eine hervorragende Sammlung vieler anderer Bücher und Aufsätze zu dem Thema, die äußerst lesenswert sind.

Diskussion

Das Buch stellt für mich in mehrerer Hinsicht eine Ausnahmeleistung dar: es ist knapp formuliert, enthält aber alles Wesentliche zum Thema. Es behandelt ein Querschnittsthema der Sozialen Arbeit, zeigt aber hinreichend deutlich die Relevanz für einzelne Arbeitsbereiche auf. Es enthält komprimierte theoretische und methodische Hinweise, und dennoch genügend Beispiele, so dass auch Veranschaulichungen nicht zu kurz kommen. Es ist für Professionelle, die schon lange in diesem Feld arbeiten genau so gewinnbringend zu lesen wie für Studierende. Das können nur wenige Fachbücher für sich reklamieren. Das Buch ist auch deswegen so hilfreich, weil es sich überwiegend pragmatisch positioniert und die Ebene von polarisierenden Grundsatzdiskussionen vermeidet: Zwang ist etwas, das empirisch nachweisbar vorkommt und auch nicht vermieden werden kann. Ob es uns passt oder nicht: wir müssen professionell gut damit umgehen. Was Werte-geleitetes und selbst-reflexives und selbst-kritisches Handeln ausdrücklich erforderlich macht. Dieses Niveau scheint mir auch für andere Bereiche, in denen Zwang angewandt wird (FM/GU, Zwangsmedikation etc.) empfehlenswert.

Meine dezidiert positive Einschätzung bleibt für mich bestehen, auch wenn ich nicht in allen Punkten mit den Autoren übereinstimme. Kritisch sehe ich vor allem zwei Punkte:

  1. Mir persönlich behagt die breite Definition von „Zwangskontext“ nicht. Ich finde, dass zu viele unterschiedliche Formen von Druck und Zwang in diesen Begriff hineingepresst werden. Ich würde den Begriff „Zwangskontext“ lieber für rechtlich bindende institutionelle Kontexte reserviert sehen: also für Hilfen, die ein Richter angeordnet hat oder die von öffentlichen Stellen (wie z.B. Jugend-Ämtern) etabliert und von Klienten (vorläufig und zähneknirschend) akzeptiert werden, um eine richterliche Anordnung oder Sanktion zu verhindern. Dass Hilfe stattfinden muss, ist klar; aber innerhalb der Gestaltung der Hilfe sind Klienten und Professionelle relativ frei: so kann z.B. ein richterlich angeordneter Trainingskurs für soziale Kompetenzen eher in einem lockeren Rahmen von Wochenendausflügen stattfinden oder in einem sehr verbindlich gestalteten AGT-Training etc. Daneben würde ich zwei andere Begriffe stellen: „Hilfe mit Zwangselementen“, bei denen Druck eine mehr oder weniger starke, nicht aber die entscheidende Rolle spielt, der äußere Rahmen relativ offen und/oder die Hilfe sogar erwünscht sein kann, es aber dennoch verpflichtende Aktivitäten oder unerwünschten Kontrollen seitens der Professionellen gibt, die die Klienten immer wieder „ärgern“ und zu widerständigem Verhalten einladen (z.B. junge Menschen im Heim, die sich gegen die Erledigung von Ämtern oder die Durchsetzung von Ausgangsregeln wehren). Merkmal der Hilfe ist, dass Regeln und Grenzen – auch gegen den Willen der jungen Menschen (wohl aber mit Einverständnis der Eltern)- durchgesetzt werden sollen, ohne dass ein Richter darüber wacht. Wieder etwas anderes sind für mich „Pädagogische Prozesse im Rahmen von Freiheitsentzug“ wie z.B. in Jugendstrafanstalten oder auch den „Freiheitsentziehenden Maßnahmen“ in einer geschlossenen Unterbringung. Hier gibt es wieder einen richterlichen Beschluss, aber hier steht zunächst der Freiheitsentzug im Vordergrund des Settings und auch des Erlebens; Hilfe und sozialpädagogische Angebote werden im Rahmen des Freiheitsentzuges angeboten und angenommen, was ihren Transfer in weniger kontrollierte Umwelten bzw. in die Freiheit besonders prekär macht. Diese drei doch in vieler Hinsicht unterschiedlichen Situationen alle „Hilfen im Zwangskontext“ zu nennen, scheint mir mit Hinblick auf die damit gebotenen Unterschiede in der praktischen Umsetzung zu „grobschlächtig“. Aber vielleicht kann man von einem thematisch derart breit angelegten Buch solche Differenzierungen für einzelne Bereiche auch gar nicht erwarten.

  2. Einen zweiten Kritikpunkt sehe ich in der fehlenden Herleitung des Phänomens „Zwang“ im Rahmen des Buches. Er scheint dort wie vom Himmel gefallen und immer schon in institutionellen Formen vorhanden zu sein. Eine solche Darstellung ist für den Rahmen des Buches auch ausreichend. Denn dort geht es überwiegend um Zwangsverhältnisse, die sprachlich und reflexiv an Klienten vermittelt werden sollen. Das steht im Rahmen der Sozialen Arbeit, die es in erster Linie mit mündigen Bürgern zu tun hat, im Fokus. Im Rahmen von Pädagogik (und damit auch von Elementar- und Sozialpädagogik) stellt sich aber häufig noch ein anderes Problem: Kinder und Jugendliche und auch viele „früh gestörte“ Erwachsene besitzen oft nicht die Verbalisierungsfähigkeiten, die dafür notwendig sind oder sind in ihren Mentalisierungsstufen auf Niveaus (stehen geblieben), auf denen sprachliche Botschaften weder verstanden, noch weiter verarbeitet werden können. Sie überhören Ankündigungen und übersehen Hinweise auf Zwang so lange bis er physisch eintritt. Zwang begegnet ihnen im direkten Handeln von Polizisten, Psychiatriepflegern, aber eben auch von Kindergärtnern, Sozialpädagogen oder Sonderpädagogen etc. Zwang wird hier als physisch spürbarer Eingriff und Übergriff im konkreten Handeln angewandt und erfahren. Und muss von beiden Seiten, der des gezwungenen Kindes und des zwingenden Erwachsenen verarbeitet werden, ohne immer auf Einsicht und Kognition zurückgreifen zu können. Er ist auf vorreflexiven Bereichen angesiedelt und muss sich dennoch auch hier als „gerecht“, „fair“ und „professionell“ bewähren. Hier wird noch mal ein anderer Blick auf Zwang erforderlich, nämlich als ein offensichtlich immer wieder notwendiger und zugleich abgründiger und gefährlicher Lösungsversuch für intergenerationale Konflikte, der sich seit vielen hundert Jahren entwickelt hat und an ganz unterschiedlichen Schauplätzen eine Rolle spielt: Systematisch hat das Siegfried Bernfeld schon in den Dreißiger Jahre untersucht; in dem heute noch bahnbrechenden Aufsatz „Formen der Disziplin in den Erziehungsanstalten“ unterscheidet drei Formen von Zwang/Disziplin, die er die „familielle“, die „militärische“ und die „demokratische“ nennt. Ganz klar ist dabei, dass Gesellschaft ohne Zwang nicht auskommt, freilich muss es eine kontrollierte demokratische sein. Überlegungen, die das „Gewaltmonopol“ des Staates auf praktische und zugleich kritisierbare Grundlagen stellen.

Für den pädagogischen Bereich habe ich dazu einige Überlegungen unterbreitet, in denen ich gezeigt habe, wie Zwang und Überwältigungshandeln ursprünglich in jeder Familie vorkommt und dort in die Versorgung und frühe Erziehung von Kleinkindern eingebettet ist (Schwabe 2008, Schwabe 2012). Zwang ist für die Regulierung früher Entwicklungsprozesse neben einer ausreichend guten physischen und emotionalen Versorgung unumgänglich. Und dass dieses frühe Schicksal darüber entscheidet, ob man sich als Kind in Regelsystemen wie dem Kindergarten oder in Zwangskontexten wie der Schule fügen und bewegen kann oder nicht. Früh daran gescheiterte Kinder rufen später alle möglichen Zwangsveranstaltungen auf den Plan. Weil sie mit Hilfe ihrer Eltern bestimmte fundamentale Reifungsprozesse nicht durchgemacht haben, fordern sie später gesellschaftliche Institutionen heraus, ihnen mit Druck und Zwang zu begegnen. Weil sie Druck und Zwang schon kennen, aber nicht akzeptieren können, geraten sie auch mit diesen gesellschaftlichen Mächten in Konflikte, die für eine günstige Lösung hohe Anforderungen an die Professionalität aller darin Beteiligten stellen: Polizei, Gericht, Soziale Arbeit, Schule etc.

Eine solche Herleitung von Zwang aus entwicklungspsychologischen und soziologischen (S. Bernfeld) Theoriebezügen, erscheint mir zum pädagogischen Umgang mit Zwangssituationen unumgänglich. Aber auch hier gilt, das Werk von Kähler/Zobrist möchte in den Themenkomplex einführen und ihn nicht abschließend bearbeiten.

Fazit

Das Ziel der Autoren „die verstreut vorliegenden Erkenntnisse aus der Fachliteratur übersichtlich und systematisch zu präsentieren und in besonders wichtigen Bereichen empirisch zu fundieren bzw. zu illustrieren, um eine Einführung in die professionelle Arbeit in Zwangskontexten zu ermöglichen“ wird voll und ganz erfüllt (ebd. 11). Das Buch stellt einen unverzichtbaren Ratgeber für alle Professionellen dar, die in diesem Feld arbeiten oder arbeiten wollen.

Literatur

  • Berg, I. K. (1992) Familienzusammenhalt(en), Dortmund
  • Berg, I.K. /Miller, S.D. (1993) Kurzzeittherapie bei Alkoholproblemen, Heidelberg.
  • Bernfeld, S. (1969) (urspr. 1927) Die Formen der Disziplin in den Erziehungsanstalten, in: Werder, L. von/Wolff, R. (1969) Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse, S. 223 – 246.
  • Conen, M.L./Cechin, G. ( 2008) Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung in Zwangskontexten. Heidelberg.
  • de Jong P. / Berg, I.K. (1998) Lösungen (er)finden. Dortmund.
  • Kähler, H. (2009) Erstgespräche in der sozialen Einzelfallhilfe, Freiburg i. Br., 5. Auflage.
  • Schwabe, M. (2008) Zwang im Heim – Chancen und Risiken, München (vgl. die Rezension).
  • Schwabe, M. (2012) Die Bedeutung frühkindlicher Zwangserfahrungen für die Klient/Innen und Akteuer/Innen der Sozialen Arbeit. In: Huxoll, M. /Kotthaus, J. (Hg): Macht und Zwang in der Kinder- und Jugendhilfe, S. 96 – 111, Weinheim und Basel (vgl. die Rezension).
  • Zobrist, P. (2012) (HG) Soziale Arbeit mit Pflichtklientschaft, Luzern.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
Diplompädoge, Professor für Methoden an der Evangelischen Hochschule Berlin, Systemischer Berater (IGST und SIT), Supervisor, Denkzeittrainer.
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.17615


Alle 9 Rezensionen von Mathias Schwabe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 13.05.2013 zu: Harro Dietrich Kähler, Patrick Zobrist: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-02375-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14341.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht